In der heutigen Demokratie leben viele Bürger mit einer unpolitischen Einstellung und ohne Motivation, ihr Wahlrecht zu nutzen. Dabei ist das Recht zu wählen für einen großen Teil der Bevölkerung in Deutschland noch nicht alt. Das weibliche Geschlecht durfte bis 1918 in Deutschland nicht wählen, geschweige denn gewählt werden. Als ein gleichberechtigtes Wahlrecht eingeführt wurde, wurde es zwar von großen Teilen der Frauen aber bei Weitem nicht von allen gefordert. Die Frage ist, warum sich die Frauen nicht stärker für ein Wahlrecht eingesetzt haben, obwohl ihnen dieses große Vorteile beim Vertreten ihrer Meinung bietet.
Eine Erklärung dafür könnte sein, dass es ihnen logisch vorkam, dass sie nicht wählen durften, schließlich hatten sie auch auf vielen anderen Gebieten nicht die gleichen Möglichkeiten, wie die männliche Bevölkerung. Seit Jahrtausenden bevormundet musste sich erst ein neues Selbstbild der Frau durchsetzen, das eine Gleichberechtigung als selbstverständlich verstand. Dieses Umdenken setzte erst im 19. Jahrhundert in weiten Teilen der weiblichen Bevölkerung ein.
„Die Frau des 19. Jahrhunderts erkannte, dass sie in einer Männerwelt lebte; sie sah, dass die Familie, der Beruf, die Bildungsmöglichkeiten, die Stadt, der Staat, die innere und die äußere Politik, ja auch die Kirche von Männern nach Männerbedürfnissen undwünschen ausgerichtet waren; und sie sah weiter, dass alle diese Bildungen mit schweren Männern behaftet waren.“ 1
In vier Bereichen kämpften die Frauen um ihre Emanzipation: Gleichheit auf dem Gebiet der Bildung, des Erwerbslebens, der Ehe und Familie und des öffentlichen Lebens in Gemeinde und Staat. 2 Das Frauenwahlrecht wurde von der, in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland entstehenden Frauenbewegung als die „Grundbedingung allen Frauenfortschritts“ 3 angesehen. Doch die Meinungen gingen auseinander, als es darum ging, wie man an das Frauenwahlrecht gelangen kann und wie schnell das passieren sollte. Viele Frauen des 19. Jahrhunderts hatten das Bedürfnis ihre Lebensumstände zu ändern. Dazu gehörte für
1 Nave-Herz R.: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Weener/Ems 1982. p.12.
2 Heinz, M.: Politisches Bewusstsein der Frauen, Empirische Sekundäranalyse empirischer Materialien,
München 1971. p.15.
3 Zahn-Harnack, A.: Die Frauenbewegung, Geschichte, Probleme, Ziele, Berlin 1928, p.272.
2
sie zwar auch, jedoch nicht in erster Linie, die Forderung nach einem gleichen Wahlrecht für Männer und Frauen.
Doch warum forderten sie dieses Wahlrecht nicht resoluter sondern blieben so lange in ihrer angeblich natürlichen Rolle des schwächeren Geschlechts? Ein Grund war sicherlich, dass Frauen es nicht leicht hatten, sich als selbstdenkende Wesen zu beweisen, denn sie genossen fast keine Schulbildung, da dies als unnötig eingestuft wurde. Deshalb forderte die noch junge Frauenbewegung zuerst ihr Recht auf Bildung als Qualifikation um ins Berufsleben einzutreten. Es erscheint heute klar, dass sie nicht für ein Wahlrecht kämpfen konnten, wenn sie zu Recht als ungebildet galten. Das bestätigt ein Zitat von Oskar Poensgen der 1909 schrieb: „Richtig ist aber, daß in den größeren Kulturnationen heute die Frauen durchschnittlich wohl zur Ausübung politischer Rechte nicht so wie der Mann befähigt sind. Zunächst hat bei uns in allen Ständen die Frau geringere Kenntnisse in Bezug auf politische und staatliche Angelegenheiten als die Männer derselben Stände. Bei den sogenannten gebildeten Klassen ist die Schulbildung der Frauen eine ganz andere, mehr auf die ästhetische Seite gerichtet, und auch in den arbeitenden Ständen pflegt sich die Frau meist nicht oder doch weniger als der Mann mit staatlichen und politischen Dingen zu beschäftigen.“ 4
Der Mangel an Bildung führte weiterhin dazu, dass die Frauen im Berufsleben keine große Rolle spielten. Für die Männerwelt, die die Verantwortung für den Fortschritt der Gesellschaft an sich gerissen hatte, wirkten ihre Frauen also als nicht wichtig genug, um politische Entscheidungen zu treffen. Der Anteil an arbeitenden Frauen war zu dieser Zeit zwar schon sehr groß, da durch die Industrialisierung so viele Arbeitsplätze entstanden, dass auch Frauen in den Betrieben arbeiten konnten und mussten. Doch die bürgerlichen Frauen wollten mehr Auswahl als nur den Beruf der Lehrerin, der ihnen damals zustand. Sie wollten die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen und nicht von einer Heirat abhängig zu sein. Aus diesem Zusammenhang wurde 1865 der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ gegründet. Mit diesem Ereignis beginnt die organisierte Frauenbewegung in Deutschland. 5
4 Poensgen, O: Das Wahlrecht, Leipzig 1909. p. 29-31.
5 Nave-Herz R.: Geschichte der Frauenbewegung. p.15.
3
Dass die Frauenbewegung sich nicht stärker für ein eigenes Wahlrecht einsetzte hat auch mit dem großen Widerstand zu tun, dem sie dabei begegneten. Von Anfang an hatte sie mit Gegnern zu kämpfen, die meist männlich waren. Diese versuchten mit pseudo-wissenschaftlichen und religiösen Argumenten, den Frauenvereinen ihr Existenzrecht abzusprechen. Dazu ein Zitat von H. Jakobs: „ Im Übrigen aber ist die durch Natur und Evangelium gebotene Arbeitsteilung die, dass der Mann für Kampf und Arbeit bestimmt ist, die Frau aber in der Pflege reiner, warmer und inniger Gefühle, in der Bewahrung der Güter, die der Mann erworben, in der Ordnung, Leitung und dem Schmuck des Hauses, die von Gott ihnen anvertraute Arbeit suchen.“ 6 Wenn den Frauen in der damaligen Gesellschaft also nicht einmal die Fähigkeit zugesprochen wurde, einem Beruf nachzugehen, wie sollten sie dann die von Männern dominierte Welt davon überzeugen, dass sie genauso gut dazu fähig sind, politische Entscheidungen zu fällen, ihnen also ein Wahlrecht zustehen sollte? Es gab auch Frauenstimmrechtsvereine, nach deren Meinung man nur durch die schnelle Einführung des Frauenstimmrechts die Voraussetzung für eine Gleichberechtigung der Frauen im gesellschaftlichen Leben erreichen konnte. Sie waren jedoch in der Minderheit. Im Allgemeinen Deutschen Frauenverein und im Bund deutscher Frauenvereine verfolgte man eine andere Taktik. Die Frauen sollten über soziale Tätigkeiten in Verbänden und Vereinen sowie über das Gemeindewahlrecht sich „erst tüchtig machen (…) zur Leistung im Staat“ 7 Der Allgemeine Deutsche Frauenverein war der größte Zusammenschluss der damaligen Frauenbewegung. Hier trafen also viele verschiedene Meinungen aufeinander, was den Kampf um das Wahlrecht betraf. So war es am leichtesten, den bequemeren Weg zu gehen und durch die Vereinsarbeit wieder einmal die sowieso schon anerkannten sozialen Fähigkeiten der Frau in den Vordergrund zu stellen. Wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass die männliche Gesellschaft dadurch ein Frauenwahlrecht einführen würde, wurde verdrängt.
6 Zitiert bei Nave-Herz R., Geschichte der Frauenbewegung. p. 16.
7 Zahn-Harnack, A.: Die Frauenbewegung. p.273.
4
Arbeit zitieren:
Antonia Wilmes, 2011, Warum setzte sich die Frauenbewegung in Deutschland nicht stärker für ihr Wahlrecht ein?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik: Warum setzte sich die Frauenbewegung in Deutschland nicht stärker für ihr Wahlrecht ein? ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik: neuer Titel erschienen: Warum setzte sich die Frauenbewegung in Deutschland nicht stärker für ihr Wahlrecht ein?
Antonia Wilmes hat einen neuen Text hochgeladen
Die Antike im 19. Jahrhundert in Italien und Deutschland /L'Antichita ...
Karl Christ, Arnaldo Momigliano
Ungleiche Partner? Österreich und Deutschland in ihrer gegenseitigen W...
Historische Analysen und Vergl...
Michael Gehler, Harm-Hinrich Brandt, Rolf Steininger, R. F. Schmidt
Preußen - Deutschland und Rußland vom 18. bis zum 20. Jahrhundert
Winfried Baumgart, Uwe Liszkowski, Werner Markert
0 Kommentare