Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
A Zur Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache beim Menschen 4
1 Sozial-anthropologische Überlegungen. Beruhen Gefühle auf einem Gemeinsinn? 4
2 Neurobiologische Überlegungen. Ist der Gemeinschaftssinn ein Nervenimpuls? 8
3 Psycholinguistische Überlegungen. Setzt eine Sprache der Gefühle Bewusstsein voraus? 12
4 Entwicklungspsychologische Überlegungen. Spricht das Gehirn zu sich selbst? 16
B Zur Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache beim Tier 21
1 Ethologische Überlegungen: Verfügen Tiere über eine Sprache der Gefühle? 22
2 Evolutionsbiologische Überlegungen: Haben Tiere wie Menschen einen Gemeinsinn? 24
Schluss. 26
Literaturverzeichnis
Über die Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache
Einleitung
Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit problematisiert etwas auf den ersten Blick ganz selbstverständliches: Sind Gefühle sinnvoll durch Sprache beschreibbar? Das in den letzten Jahren zunehmende Interesse und die großen Debatten um Themen wie Gefühle und Emotionen zeigen jedoch, dass eine intuitiv bejahende Einschätzung des Themas zu verkürzt wäre. 1 Es geht mir speziell darum, solche Fragen zu untersuchen wie: Was versuchen wir Menschen durch Wörter wie “Liebe“, “Wut“ oder “Freude“ zu beschreiben? Geisteszustände? Neuronenfeuer? Soziale Signale? Auch die Frage danach, ob Tiere eine für uns verständliche Sprache der Emotionen haben, wird uns beschäftigen. Wieso glauben wir zu wissen, was ein anderer Mensch meint, wenn er uns von seinem empfundenen Schmerz oder seiner Zuneigung erzählt? Das diese Fragen, so gestellt, die Menschen im Grunde schon immer beschäftigten, ist beinahe gewiss. Eines der Leiden des jungen Werther spricht es vielleicht am deutlichsten aus:
[Ich müsste Wort für Wort wiederholen], um dir die reine Neigung, die Liebe und Treue dieses Menschen anschaulich zu machen. Ja, ich müsste, um die Gabe des größten Dichters besitzen, um dir zugleich den Ausdruck seiner Gebärden, die Harmonie seiner Stimme, das heimliche Feuer seiner Blicke lebendig darstellen zu können. Nein, es sprechen keine Worte die Zartheit aus, die in seinem ganzen Wesen und Ausdruck war; es ist alles plump, was ich wieder vorbringen könnte (Goethe (2007): 19f)
Der hier zum Ausdruck kommende Unmut über die Unfähigkeit der Sprache zur korrekten Abbildung unserer Gefühlswelt berührt den Kern des Problems, um das es mir hier im Weiteren gehen soll. Dichter, Philosophen und Psychologen beschreiben das Phänomen des “Gefühls“ mit allen Mitteln der Sprache, schon solange es Sprache gibt. Dabei driften sie jedoch beim Versuch der ästhetischen Konservierung mentaler Prozesse wie dem Fühlen zwangsweise in das Reich der Metaphern ab (Slaby (2008), hier: 312f, Baumann (1994): 127). Dies ist ein Phänomen, dessen bedeutsame Rolle des Öfteren in philosophischen Debatten aufgegriffen wurde. Für Nietzsche waren beispielsweise unsere sprachlichen Ausdrücke, nur Metaphern von Vorstellungsbildern, die wiederum nur Metaphern der Wahrnehmung und damit hochgradig abgefälscht von den tatsächlichen „Dingen an sich“ seien (Nietzsche (1980): 879). Die sprachlichen Abstraktionen unserer Bewusstseinszustände 2 werden nach
1 Siehe dazu Sommers Untersuchung des Vokabulars für die Gefühlszuschreibungen bei Tieren in National Geographic Artikeln, welche sich im letzten Jahrhundert quasi vollständig gewandelt hat (Sommer (2000)).
2 Mentale Prozesse wie Gedanken und Gefühle werde ich zur Vereinfachung mit dem allgemeinen Begriff “Bewusstsein“ beschreiben.
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Über die Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache
ihm mit jeder Übersetzung von einer „Sphäre“ in die andere abgenutzter und verfälschter, je weiter sie sich von ihrem Ursprung entfernen. Unsere Wörter können also die Dinge in der Welt nicht beschreiben, wie sie wirklich sind. Eine Idee, die bis auf Platon zurückreicht, in dessen Ideenlehre (speziell im Höhlen-Gleichnis) es im Kern darum geht, dass selbst Menschen, denen durch Erkenntnis die Ideen (Wahrheiten) zuteil werden würden, sie nie unverfälscht wiedergeben könnten (Platon (1958): 224ff). Mich wird im Folgenden genau jenes grundsätzliche Übersetzungsproblem zwischen der mentalen Ebene sprachlicher Zeichen und der objektiv wahrnehmbaren Ebene der Laute interessieren (kurz: “wording-Problem“). 3 Dieses Problem wurzelt in einem der größten Rätsel der Philosophie des Geistes: dem Leib-Seele-Problem. Im Kanon der neuzeitlichen Philosophie erlangte diese Trennung von Körper und Geist als zweier unvereinbarer Substanzen, die auf mysteriöse Weise in Verbindung stünden, durch Descartes Überlegungen in den Meditationen Aufwind. Hier kann dieses Problem jedoch nur indirekt angerissen werden. Vielmehr möchte ich im Weiteren die Zusammenhänge zwischen Gehirnvorgängen und mentalen Phänomenen am Beispiel der Gefühlsempfindungen phänomenologisch 4 untersuchen. Phänomenologisch deshalb, weil ich mich hier von monistischen (Idealismus, neuroreduktionistischer Naturalismus) und diversen dualistischen Anschauungen (Substanzdualismus), distanzieren und stattdessen eine gleichgestellte Wechselbeziehung beider Sphären als Ausgangshypothese annehmen möchte (Roth (1995): 22). Dabei wird von einer unmittelbaren Zugänglichkeit der Wahrnehmung ausgegangen (Zaboura (2009): 39), weshalb unterbewusst ablaufende Prozesse im Gehirn noch an Wichtigkeit gewinnen werden.
Mit dieser Herangehensweise versteht sich die Arbeit in der phänomenologischen Tradition Edmund Husserls und Maurice Merleau-Pontys, die in ihren “Phänomenologien“ Positionen verfolgen, die, besonders bei Merleau-Ponty, das menschliche Weltverständnis vom wahrnehmenden Leib 5 aus konstruieren (Merleau-Ponty (1966): 277). Des Weiteren ist es für die begriffliche Schärfe nötig, zunächst einige grundlegende terminologische Festlegungen zu treffen. Emotionsforscher wie Paul Ekman unterscheiden heute in der Regel zwischen den Begriffen “Emotion“ und “Gefühl“ (Darwin (2000): 162ff). Für
3 Verkürzend werde ich, einen Vorschlag Sommers aufgreifend, für diese Problematik den Begriff “wording“ verwenden: „Wording [...] refers to the numerous possible ways of transferring a certain sense impression, or of putting a certain meaning, into words“ (Sommer (2002): 125).
4 Wie die Etymologie vermuten lässt, handelt es sich hierbei um die Disziplin welche die Erforschung der Gegebenheiten in der 1. Person-Perspektive und Weltverständnis im subjektiven Erleben verortet. Lat: phaineisthai = „erscheinen“, griech: phainomenon = „unmittelbar Gegebenes“ oder „dem Erscheinenden“.
5 Im Begriff des “Leibes“, der mehr mit einschließt, als der des “Körpers“, steckt immer schon die Doppeldeutigkeit unserer lebensweltlichen Erfahrung, weder nur Materie, noch nur Geist zu sein; weshalb schon durch die Verwendung dieser Terminologie kein Platz für einen Substanzdualismus bleibt (Kunzmann (2005): 197).
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Über die Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache
viele Neurowissenschaftler von William James bis Antonio Damasio sind Emotionen vorrationale körperliche Signale, die teilweise äußerlich sichtbar sind und von äußeren Reizen ausgelöst werden. Gefühle hingegen werden in der Regel als nach innen gerichtete, mentale Erfahrungen der Emotionen beschrieben, die zudem meist länger andauern und bei denen der Verstand völlig privat analysiert, was sich im Körper verändert hat (Damasio (2006): 193, Grolle (2003), hier: 201).
Diese begriffliche Unterscheidung mag nur eine von vielen möglichen sein, ist aber als Ausgangspunkt für die weitere Argumentation wesentlich. Bliebe eine solche Differenzierung nämlich aus und verwendete man den Emotionsbegriff synonym mit dem des Gefühls und so können daraus Unverständlichkeiten entstehen, wie eine „[b]esondere Form der Widerspiegelung der objektiven Realität im Bewußtsein der Menschen“ denn vonstatten gehen könne (Kosing (1985)). “Affekt“ bezeichnet dagegen oft einen Überbegriff, der sowohl Emotionen und Gefühle, als auch sonstige Stimmungen umfasst. Diese Definitionen sollen für den Anfang genügen. In den entsprechenden Abschnitten werden weitere begriffliche Bestimmungen gegeben, sollten diese nötig werden.
Die Arbeit möchte als Aufzeigen der Möglichkeit verstanden werden, dass das wording- Problemein Scheinproblem darstellen könnte. In diesem Sinne möchte ich im A-Teil dieser Schrift mit einer Untersuchung von Immanuel Kants Gedanken zu einem möglichen Gemeinsinn, der das Empfinden von uns Menschen auf eine gemeinsame Basis stellen könnte, beginnen und danach einige neuere neurobiologische Forschungsergebnisse daraufhin befragen, ob sie diese Auslegung der kantschen Theorie unterfüttern könnten. Im dritten Punkt wird dann die Notwendigkeit von Bewusstsein für eine Sprache der Emotionen in der frühkindlichen Entwicklungsphase beim Menschen im Mittelpunkt stehen, woraufhin der vierte Punkt darauf aufbauend Überlegungen zur bereits angedeuteten phänomenalen Leibwahrnehmung beinhaltet. Diese Gedanken werden dann im B-Teil der Arbeit anhand der Suche nach einem evolutionsbiologischen Ursprung des Gemeinsinns, der auch nichtmenschlichen Tieren eine Sprache der Emotionen zuschreiben würde, auf ihre praktische Anfechtbarkeit hin thematisiert werden.
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Über die Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache
A ZUR MITTEILBARKEIT DER GEFÜHLE IN SPRACHE BEIM MENSCHEN
„[...] sowohl das Nachahmen selbst ist den Menschen angeboren - [...] der Mensch unterscheidet sich dadurch von den übrigen Lebewesen, daß er im besonderen Maße zur Nachahmung befähigt ist und seine ersten Kenntnisse durch Nachahmung erwirbt - als auch die Freude, die jedermann an Nachahmungen hat.“ Aristoteles
Hier spricht Aristoteles zu Beginn seiner Poetik gleich mehrere Aspekte an, die uns in diesem und den nächsten Punkten beschäftigen werden: Zum einen die Spezifizierung des Menschen als ein mimetisches 6 Tier und zum anderen die Entwicklung dieses Vermögens im Kindesalter, sowie die Gültigkeit dieser Annahme für alle Menschen. Gerade diese in allen Menschen vorhandene Anlage für mimetisches Verhalten scheint mir eine Quelle des Grundes zu sein, dass wir Menschen uns trotz aller sprachlichen Ungenauigkeiten sinnvoll über Gefühle verständigen können. Inwiefern ein solcher, erstmals von Aristoteles in De anima problematisierter (Aristole (1986)), “allen Menschen gemeiner“ Sinn als ein einheitlicher Sinnesraum, die Basis für das Verständnis oder sogar die Lösung des wording-Problems sein kann, soll nun beleuchtet werden.
1 Sozial-anthropologische Überlegungen. Beruhen Gefühle auf einem Gemeinsinn?
Um sich dieser Frage anzunähern, müssen wir uns zuerst darüber klar werden, was ein “Gemeinsinn“ (sensus communis) überhaupt sein könnte. Was wäre außerdem mit seinem Auffinden erklärbar? In der Umgangssprache und für einige philosophische Strömungen hat der Begriff “Gemeinsinn“ die Bedeutung des “gesunden Menschenverstandes“ (common sense), der als Sinn für gemeinschaftliche Überzeugungen herhält (Kirchner (1907)). Sich davon abgrenzend, versteht Immanuel Kant den sensus communis dagegen, wie wir noch sehen werden, als eine Art inneren Sinn, zu dem alle Menschen fähig seien, der zudem interesselos, vorbegrifflich (a priori) und dabei gleichzeitig subjektiv und allgemeingültig sei (Kant (1974): B 65, B 156f, B 161). Sollte ein solcher Gemeinsinn uns Menschen zu Eigen sein, würfe das für unsere Untersuchung die Möglichkeit auf, dass von uns im Alltag verwendete Gefühlsvokabular so zu verstehen, dass es auf einer vorbegrifflichen, allen Menschen gemeinsamen Grundlage beruhen könnte, wobei noch zu klären wäre, woher dieser spezielle “Sinn“ stammte.
6 Ein Wort zum Konzept “Mimesis“: Unter Mimesis [] versteht man ganz allgemein gerade nicht bloße Nachahmung - diese beherrschen offensichtlich auch Tiere - sondern das nur dem Menschen eigene Vermögen, sich in den Gegenüber empathisch hineinzuversetzen, “etwas noch einmal“ und dabei etwas Neues zu machen. Das Paradebeispiel dafür ist der Künstler, der sich der Natur aussetzt, sie quasi in sich aufnimmt und daraus schließlich etwas völlig Neues gestaltet; in Anlehnung an das in der Natur schon vorher Dagewesene.
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Über die Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache
Um aufzuzeigen, inwiefern Kants Gedanken für diese Arbeit fruchtbar sind, ist es sinnvoll, einige Worte zu seinem Gesamtwerk zu verlieren. Ohne jedoch in meiner Betrachtung auf die Entwicklung der “Gefühlstheorie“ des “vorkritischen“ Kant einzugehen, 7 werde ich mich lediglich auf die Paragraphen 39 und 40 seiner dritten Kritik, der Kritik der Urteilskraft, konzentrieren.
Nach seinen ersten beiden Kritiken betrachtet Kant die Notwendigkeit der Vervollständigung seiner Erörterung der Leistungen und Grenzen der menschlichen Vernunft durch die Kritik der letzten Vermögenskraft, die er noch nicht bearbeitet hat, die Urteilskraft (Recki (2008), hier: 459). Hier erst werden Ästhetik, Kultur und Gefühle, in Form der vermittelnden Instanz zwischen Natur (Gegenstand der theoretischen Vernunft in der ersten Kritik) und Freiheit (Gegenstand der praktischen Vernunft in der zweiten Kritik), thematisiert (Marquard (1981), hier: 245). 8
Die Urteilskraft gilt bei Kant als das menschliche Vermögen, das die besagte Vermittlung realisieren soll und die zu prüfen ist (Kant (1974): B LVIII). Anhand des Geschmacksurteils verhandelt er, wie es sein kann, dass etwas genuin subjektives wie ein Geschmacksurteil, das bei der Betrachtung ästhetischer Gegenstände entsteht, den Anspruch erheben kann, dennoch allgemein bindend zu sein:
Das Geschmacksurteil sinnet jedermann Beistimmung an; und, wer etwas für schön erklärt, will, daß jedermann dem vorliegenden Gegenstande Beifall geben und ihn gleichfalls für schön erklären solle (Ebd. B 63)
Kant legitimiert aus diesem Grund in seiner Untersuchung der Urteilskraft die subjektive Allgemeinheit des Geschmacksurteils durch das im Subjekt angelegte apriorische Gefühl der Lust und Unlust (Gadamer (1972): 38). 9 Es klingt zunächst paradox: Wie kann etwas subjektiv und zugleich allgemein bindend sein? Doch diese Setzung ist für Kant von äußerster Wichtigkeit (Kant (1974): B 22-32). Die Lösung erzeugt Kants Prämisse, dass jenes subjektive Geschmacksurteil auf dem sensus communis beruht, der allen Menschen gegeben ist (Ebd. §40).
Diese entscheidende Prämisse wird durch eine Überlegung gestützt, die auf Kants Differenzierung der Urteilskraft beruht. Wenn das Subjekt anhand eines Urteils auf die Welt Bezug
7 Für eine konzise Übersicht, vgl. (Recki (2008)).
8 Kant unternimmt dabei den Versuch, Gefühle nicht nur phänomenal zu bestimmen und zu beschreiben, sondern versucht sie in seine Gesamttheorie menschlicher Vernunftsvermögen zu integrieren. Was er hier vorhat, sagt zwar vielleicht weniger über Gegenstände aus, über welche es sich objektiv sprechen lässt, als über subjektive. Doch durch das argumentative Kunststück der subjektiven Allgemeinheit des ästhetischen Geschmacksurteils gelingt es Kant, der Urteilskraft das von ihm gewünschte apriorische Fundament zu zusprechen, auch wenn das Urteil als solches a posteriori vollzogen wird.
9 Dabei ist Lust im Sinne aristotelischen Lust am Gelingen der Erkenntnis zu verstehen (Recki (2008), hier: 470).
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Über die Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache
nimmt, kann es dies auf zweierlei Arten tun. Ist eine allgemeine Regel durch den Verstand schon gegeben, so nennt er die Urteilskraft bestimmend. Hier werden Einzelurteile mechanisch unter bestehende Regeln, Gesetze oder Ähnliches subsumiert. Müssen solche Regeln erst noch gefunden werden, so nennt Kant die Urteilskraft reflektierend (Ebd. B XXVI). Dieses Vermögen, das Besondere unter das Allgemeine zu subsumieren, ist es nun, welches die subjektive Allgemeingültigkeit erst ermöglicht (Ebd. B XXV). Denn die vorbegriffliche Reflexion entsteht durch das freie 10 Zusammenspiel der Erkenntniskräfte “Verstand“ (Vermögen der Begriffe) und “Einbildungskraft“ (Vermögen der Anschauungen), die in jedem Menschen vorhanden seien (Ebd. B 155). Darauf allein beruht das Geschmacksurteil und darin ist sein besonderer Status begründet (Ebd. B 64f, Hogrebe (1974): 188). Anders gesagt: Das Geschmacksurteil ist Ausdruck der Reflexion (reflektierende Urteilskraft) über das eigene Gefühl der Lust und Unlust (Klemme (2006): XXXVII, LVI, Kant (1974): B 143). Somit hätten alle Menschen die Möglichkeit, zum gleichen Urteil zu gelangen. Die Bedingung der Möglichkeit einer Allgemeingültigkeit der eigenen Erfahrung wäre damit gegeben, denn alle Menschen sind zu dem Konsens der beiden kognitiven Vermögen fähig (Kant (1974): B 29, B 155, Hoegrebe (1974): 193).
Könnte in einer derartigen spezifischen Ausstattung des Menschen eine Lösung des Leib-Seele-Problems in der Form, in der es uns beschäftigt, bestehen? Zumindest wäre eine Konsequenz vielleicht, dass wir uns aus diesem Grund verstanden fühlen, wenn wir anderen über unser Gefühlsleben Auskunft geben. Aber was würde das konkret für unser wording-Problem bedeuten? Hier eine Arbeitshypothese:
Lassen Sie uns diesen Gedanken noch etwas weiter entwickeln, bevor wir uns der ersten, einer biologischen, Überprüfung dieser These (im Folgenden “Irrelevanzthese“ genannt) widmen. Davidson schreibt passend dazu:
Um die Äußerungen einer anderen Person zu verstehen, muß ich an die gleichen Dinge denken können wie sie; meine Welt muß dieselbe sein wie ihre. [...] Kommunikation beruht darauf, daß jeder am
10 Freiheit bedeutet hier, dass keine der beiden Erkenntniskräfte während der Reflektion die Oberhand erlangt. Das freie Spiel ist eine unablässige Reflexion auf die Umwelt. Erhält der Verstand die Oberhand, so entsteht ein Geschmacksurteil; erhält sie dagegen die Einbildungskraft, stellt sich umgehend eine Vorstellung ein. Gerade die Unbestimmtheit, das Spielerische im Umgang mit den Gegenständen ist es, was nach Kant das Lustgefühl im ästhetisch reflektierenden Subjekt auslöst (allgemeines Wohlgefallen) (Kant (1974): B 150). Die Freiheit des Spiels der Erkenntniskräfte ist gerade deshalb frei, weil sie uns vorbegrifflich (a priori) gegeben ist (Ebd. B 28).
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Arbeit zitieren:
Marcel Nakoinz, 2009, Überlegungen zur Mitteilbarkeit der Gefühle in Sprache, München, GRIN Verlag GmbH
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