INHALTSVERZEICHNIS
1 Zur Themenstellung 1
2 Zur Notwendigkeit in den Spiegel der Gesellschaft zu blicken 4
2.1 Kierkegaards Existenz-Theorie - Der blinde Spiegel 4
2.2 Gott ist tot 6
2.3 Die ganze Welt ist Bühne - Einladung zum Maskenball 9
3 Meads Entwurf eines Spiegels der Gesellschaft 12
3.1 Meads Existenz-Theorie 12
3.2 Das „I“ im „me“ - Meads schwacher Externalismus 16
4 Kierkegaard in Meads Spiegel der Gesellschaft 16
4.1 Verhalten ist nicht gleich Verhalten 17
4.2 Ein fragwürdiger ethischer Imperativ 18
4.3 Die Rache Gottes 19
5 Schluss - „Nur im Tun, kann man das Leben gewinnen“ 20
Literaturverzeichnis
Kierkegaard im Spiegel der Gesellschaft
1 Themenstellung
„Ich werde sehr schnell wütend.“ „Ich kann mich nicht an meinen ersten Kuss erinnern.“ „Ich bin Vegetarier.“ „Ich war schon immer ein notorischer Lügner.“ „Ich habe mich seit einer Woche nicht mehr im Spiegel betrachtet.“ Worauf, lässt sich fragen, bezieht sich jenes in all diesen Sätzen auftauchende “Ich“, auf das die jeweiligen Angaben zutreffen sollen? Was ist dieses Etwas, dass wir lieben können und auch hassen? Ist es überhaupt ein “Etwas“?
Wäre eine Person nur eine Auflistung von Merkmalen, Kennzeichen und Beschreibungen, also dass, was man gemeinhin unter dem Begriff “Identität“ subsumiert und sich normalerweise auf dem Personalausweis einer jeden Person unterbringen lässt, wäre sie ohne all diese Beschreibungen nichts.
Was ist aber mit Menschen, die auf der Flucht sind und dabei verschiedene Namen annehmen, ihr Aussehen, ihre Staatsbürgerschaft, ihre Sprache und sogar ihre Denkweise ändern? Was macht das Subjekt aus, seine Existenz, sein Selbst? 1 Auf was hebt die Aufforderung ab, fordert man es dazu auf sich selbst zu erkennen? Weiß man, wenn man sein Leben lang seine Identität verleugnet, am Ende selbst nicht mehr wer man ist? Rein intuitiv drängt sich natürlich der Gedanke auf, dass es nicht sein könne, dass die Identität das innere Selbst determiniere. Denn ich habe zu jeder Zeit eine konsistente Vorstellung davon, wer ich selbst bin. Andererseits scheint die Selbstdefinition, als Vorstellung davon wer man ist, auch von äußeren Faktoren abzuhängen. Ein Subjekt hat eine Rolle in der Gesellschaft, sei es weil es eine Arbeit ausübt, weil es jemanden ein Lebenspartner ist oder weil es jemand anderen ausraubt.
Ich möchte verstehen, wie dieser Eindruck der Konsistenz des Selbst, den nicht nur wir, sondern auch Andere von uns haben, mit dem unbestreitbaren Einfluss, den andere Subjekte auf unsere Selbstdefinition ausüben, zu vereinbaren ist. In der vorliegenden Abhand-
1 DieBegriffe Selbst, Identität, Subjekt, Existenz, Person und Ich werden zunächst synonym verwendet, bis weitere Differenzierungen eingeführt werden.
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Kierkegaard im Spiegel der Gesellschaft
lung sollen zu diesem Zweck unsere Handlungen, 2 die wir in der menschlichen Gemeinschaft ausführen, untersucht werden. Dabei lasse ich mich von zwei Hypothesen leiten: Handlungen dienen, so die erste Hypothese, als Indikatoren der Persönlichkeit, für sich und andere Subjekte. Ein Blick in den Alltag genügt, um diese These zu stützen: Wenn Fritzchen sich dadurch auszeichnet, schon immer eine extrovertierte Persönlichkeit gewesen zu sein, die wann immer möglich älteren Damen in der Freizeit über die Strasse hilft und überzeugter Vegetarier ist, werden seine Freunde und Bekannten nur schwerlich akzeptieren können, dass sich die Neuigkeit auf Fritzchen beziehen solle, er sei gestern Abend nach Nepal ausgewandert, habe einen Amoklauf begangen oder genüsslich ein halbes Schwein verspeist. „So etwas macht Fritzchen nicht“, ist dann die bestimmte Antwort von denen, die Fritzchen zu kennen glauben. Eine selbstbestimmte Existenz fußt demzufolge auf einem Mindestgrad an Beständigkeit des Handelns, was natürlich Abweichungen von der Regel einschließt.
Bedingen nun aber meine Entscheidungen, Handlungen und somit all das, was so verstanden meine Existenz ausmacht eine Form von Ethik? Im Umgang miteinander, haben die Menschen zumindest schon immer Regeln aufstellen müssen, um einen möglichst reibungslose Koexistenz zu sichern und die Überlebenschancen zu steigern. 3 Eine Ethik der Existenz, im hier vorgestellten, traditionellen Sinne 4 muss sich also zumindest die Frage stellen, welche Rolle die Handlungen des Einzelnen für das gute Leben in der Gesellschaft spielen. Die zweite Hypothese lautet demnach: Die Handlungen des Subjekts und damit auch seine Identität, sind nie unabhängig von der Gesellschaft in der sich das Subjekt befindet. Die vorliegende Abhandlung möchte diese Hypothesen untersuchend herausarbeiten, inwieweit es plausibel ist davon zu sprechen, dass die Gemeinschaft die Existenz des Einzelnen durch dessen wechselseitige Handlungen im moralischen Raum, den die Gemeinschaft darstellt, formt. Ausgangspunkt sei hierzu das Ethikkonzept Søren Aabye Kierkegaards, da es die Rolle der Handlungen für die Konstitution des Selbst hervorhebt. Die zweite Komponente, dass diese Handlungen in einem gemeinschaftlichen Raum stattfinden, wird dagegen vom tiefgläubigen Kierkegaard weitgehend ignoriert, der den ethischen Aspekt seiner Theorie nur als Zwischenstation zu der subjektiven Auseinandersetzung mit Gott ver-
2 Der Terminustechnicus „Handlung“, steht im Folgenden für „moralische Handlungen“.
3 Die These dieser anthropologischen Konstante zu begründen, steht nicht im Interesse dieser Arbeit und muss hier als apodiktisch vorausgesetzt werden.
4 In dieser Abhandlung soll es nur um eine Tugendethik gehen, in der eine für alle Mitglieder der Gemeinschaft gelingende Kooperation das höchste Gut darstellt und nicht um eine Pflichtethik, die abstrakte rein formale Normen ohne direkten Bezug Lebenspraxis aufstellt.
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Kierkegaard im Spiegel der Gesellschaft
steht. Seine Theorie geriet darum im Zuge der Säkularisierung in der modernen Welt größtenteils in Vergessenheit.
Deswegen wird zunächst versucht werden die erste Komponente bei Kierkegaard stark zu machen, während im zweiten Teil der Arbeit ein Kompromiss diskutiert wird, ob, bildlich gesprochen, an die Stelle Gottes nicht menschliche Gemeinschaftsstrukturen gesetzt werden könnten. 5 Diese werden am Beispiel der Theorie des Philosophen und Psychologen George Herbert Mead eingeführt werden, der die Sozialität des Menschen betont. Die Abhandlung wird sich darum an der Fragestellung orientieren müssen, ob Kierkegaards Theorie einer “Ethik der Existenz“ (vor Gott), modernisierbar ist, zu einer “Ethik der Gesellschaft“. Damit soll versucht werden ein Angebot für ein mögliches Verständnis der anfänglich skizzierten Verwunderung über die Natur des Selbst zu illustrieren, welches jedoch nicht den Anspruch erhebt selbiges Phänomen abschließend zu klären. Mit den beiden Termini “Ethik“ und “Existenz“ haben wir zwei in der menschlichen Lebenspraxis vielschichtig aufgeladene Begriffe an der Hand, die auch in der philosophischen Debatte kontrovers diskutiert wurden. Wenn wir die Frage nach einer Ethik der Existenz stellen, hat “Ethik“, zunächst einmal intuitiv etwas mit dem Bewerten von Handlungen und den Motivationen von Handlungen zu tun 6 (man denke nur an Fritzchens vegan lebende Mutter, die ihn entsetzt anschreit: „Fritzchen! Wie konntest du nur dieses halbe Schwein essen?“). Wer bewertet nun aber wen oder was? Es liegt nahe zu vermuten, dass es dabei um nichts anderes gehen kann, als um die ihre einzelnen Mitglieder bewertende Gesellschaft, die innerhalb der sozialen Praxis die Frage nach dem guten (Zusammen-) Leben stellt. Diese bis in die Antike zurückreichende Frage danach, welche Handlungen von der Gemeinschaft als gut oder schlecht bewertet werden, würde so zu einem bedeutenden Faktor der Selbstdefinition. Aussagen wie: „Ich bin ein Venustraphobiker“, „du bist ein Misanthrop“, „er ist ein Verbrecher“ oder „wir sind Anarcho-Couch-Potatos“, würden vor diesem sozialen Hin-tergrund überhaupt erst sinnvoll. Zwar könnte auch das einzelne Subjekt seine Handlungen bewerten, aber dies geschähe immer im Hinblick auf seine Stellung in der Gesellschaft und
5 Mit dieser Herangehensweise versteht sich die Arbeit in der Tradition der französischen Existenzialisten, die ebenfalls eine derartig solipsistische Theorie ablehnten.
6 Moral oder Ethik ist allgemein ein „im Rahmen der Philosophie und Gesellschaftstheorie in einer deskriptiven und einer normativen Bedeutung gebrauchter Terminus. Im ersten Sinn wird das Wort [Moral], z.B. in soziologischen Beschreibungen, für Handlungsregeln und Ziele verwendet, die in einer Gruppe oder Gesellschaft faktisch handlungsleitend oder verbindlich sind. [Im zweiten Sinne versteht man es,] als Anleitung zu einem vernünftigen individuellen oder gemeinsamen Leben […].“ (Mittelstraß, 932f)
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Kierkegaard im Spiegel der Gesellschaft
erforderte somit eine “Ethik der Gesellschaft“, welche zur Selbstdefinition des Subjekts entscheidend beitrüge.
2 Zur Notwendigkeit in den Spiegel der Gesellschaft zu blicken
Dieser erste Abschnitt widmet sich Kierkegaards Theorie einer internalistischen Ethik der Existenz vor Gott und wagt eine Aussicht auf die vorgeschlagene Möglichkeit ihrer Modernisierung zu einer externalistischen Ethik der Existenz in der Gesellschaft. Die Unterscheidung zwischen Internalismus und Externalismus ist dabei besonders in sprachphilosophischen Debatten von Bedeutung. Für uns genügt die damit verbundene Unterscheidung, dass erstere Position eine Unabhängigkeit des Subjekts von äußeren Einflüssen (in unserem Fall betreffs der Selbstdefinition) annimmt, während letztere Position hier gerade eine Abhängigkeit postuliert.
2.1 Kierkegaards Existenz-Theorie - Der blinde Spiegel
Kierkegaard gilt gemeinhin als der erste Existenzphilosoph. Seine Philosophie gründet in der Zeitdiagnose, dass die meisten Menschen fälschlicherweise glauben würden christlich (hier: ethisch) zu leben, wobei sie in Wirklichkeit ästhetisch lebten. Dabei meint eine ästhetische Lebensweise bei Kierkegaard sich jedweder Verantwortung im Leben zu entziehen, sich niemals in moralisch bedeutsamen Situationen entscheiden oder festlegen zu wollen. Das widerspricht Kierkegaards streng-christlichen Lebensvorstellung Verantwortung für sein Tun zu übernehmen und sich selbst und dadurch später zu Gott zu finden. Darum sieht er seine missionarische oder gar pädagogische Aufgabe darin, die Menschen von ihrem Irrglauben zu befreien (vgl. Fujino, 2f).
In seinem Buch Entweder - Oder, das diese Aufgabe dezidiert praktiziert, wird Kierkegaard von dem Gedanken geleitet, dass dem Menschen nicht schon a priori ein ethisches Wesen zukommt, sondern seine Wesensbestimmung auf seine Handlungen zurückzuführen ist. Erst ist er und dann hat er die Freiheit zu entscheiden, was er werden will. Oder anders gesagt: Kierkegaard geht von einer tabula rasa des menschlichen Selbst aus, die es zu beschreiben gilt.
Vor dieser Folie betrachtet wird Kierkegaards Gesellschaftskritik noch drastischer, denn wenn sich niemand mehr entscheidet oder auf etwas festlegt und durch dieses Wählen oder Position beziehen er selbst wird, unterscheidet sich niemand mehr im tieferen Sinne
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Arbeit zitieren:
Marcel Nakoinz, 2010, Kierkegaard im Spiegel der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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