Anja Meisner: Gottfried Benn „Morgue“
Inhaltsverzeichnis
1. Vorverständigung 3
2. Das Dionysische 5
3. „Morgue“ 7
3.1. „Kleine Aster“/ „Schöne Jugend“ 9
3.2. „Kreislauf“ 11
3.3. „Negerbraut“ 12
3.4. „Requiem“ 13
4. Schlußbemerkungen. 15
5. Literatur 17
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Anja Meisner: Gottfried Benn „Morgue“
1. Vorverständigung
Gottfried Benn schreibt über Nietzsche: „Eigentlich hat alles, was meine Generation diskutierte, innerlich sich auseinanderdachte, man kann sagen: erlitt, man kann auch sagen: breittrat - alles das hatte sich bereits bei Nietzsche ausgesprochen und erschöpft, definitive Formulierung gefunden, alles Weitere war Exegese.[.....] Er ist, wie sich immer deutlicher zeigt, der weitreichende Gigant der nachgoetheschen Epoche.[.....] Er als Mensch war arm, makellos, rein - ein großer Märtyrer und Mann. Ich könnte hinzufügen, für meine Generation war er das Erdbeben der Epoche und seit Luther das größte deutsche Sprachgenie.“ 1 Dieses Zitat verdeutlicht die Bewunderung Benns für Nietzsche, und deutet auf eine starke Identifikation mit seinen Gedanken hin, auch wenn sie als Identifikation „seiner“ Generation genannt ist. Dadurch erlangt das Zitat allerdings auch eine absolutere Bedeutung. Auf diese Aussage gestützt, die Benn nicht nur in dem Aufsatz „Nietzsche - nach 50 Jahren“ trifft, und die Benn-Rezipienten immer wieder bestätigten 2 , Aschheim schreibt sogar, daß Nietzsche für Benn „..seit jeher eine Berufungsinstanz...“ 3 war und Nietzsche ihn während seiner ganzen Entwicklung begleitete, möchte ich den Gedichtszyklus „Morgue“ unter dem Aspekt eines dionysischen Lebensgefühls betrachten. Ich möchte versuchen, einen Schritt weiter in eine Interpretationsweise der Gedichte zu gehen, die nur selten bei „Morgue“ vollzogen wurde, wie auch Sahlberg 4 beschreibt. In diesem Zyklus, der von der Kritik „...als Ausdruck des Ekels, des Hasses, des Zerstörungswillens...“ 5 verstanden wurde, findet sich „....eine Reihe von Bildern, die sich nicht unter diese Begriffe subsumieren lassen.“ 6 Auf diese Bilder, die man wertend positiv und schön nennen könnte, möchte ich eingehen und den Widerspruch untersuchen, den sie zu den Bildern darstellen, die man moralisch -oder überhaupt wertend - negativ oder häßlich benennen könnte. Dabei steht am Anfang erst einmal die Frage, ob diese beiden „Seiten“ oder die zwei Arten von Bildern überhaupt einen Widerspruch darstellen.
1 Zitiert aus: Benn (1986): 198/199.
2 Willems beschreibt Nietzsche als „....den großen Anreger der Generation Benns....“ und bezeichnet ihn als
denjenigen, der immer wieder der Schlüssel zu Benn war (Willems (1981): 6f.).
3 Zitiert aus: Aschheim (1996): 267.
4 Sahlberg (1977): 27.
5 Ebd.
6 Ebd.
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Anja Meisner: Gottfried Benn „Morgue“
Methode der Untersuchung wird weder eine (reine) psychoanalytische, noch eine hermeneutische sein. Die Fülle an Analysemethoden und die eigene Sicht auf die Welt machen es schwer, sich eine Methode auszuwählen, und diese konsequent durchzuführen. Dennoch möchte ich die Gedichte hauptsächlich semantisch (aber auch strukturell) untersuchen. In diesem Fall scheint mir diese Methode eher angebracht, da psychoanalytische Untersuchungen, wie sie Sahlberg vollzogen hat, mir nicht vollständig logisch erscheinen und einen Aspekt vernachlässigen, den ich für sehr wichtig halte: ein Autor wird zwar wie jeder Mensch von seiner Kindheit und seinem bisherigen Leben stark beeinflußt, aber der „philosophische Aspekt“ wird dabei vernachlässigt. Damit meine ich, daß ein Mensch, der sich mit Philosophie beschäftigt genauso darüber in Gedichten oder Texten reflektieren kann, zwar auch unter Beeinflussung seiner eigenen Entwicklung und Geschichte steht, aber nicht nur. Ich unterscheide zwischen Philosophie und Poesie in der Hinsicht, als das sie sich auf unterschiedliche Art und Weise mit der Welt auseinandersetzen, mit unterschiedlicher Intention und Intensität. Zumindest erscheint mir in Hinblick auf die anzuwendende Methode bei der Analyse der Morgue diese Differenzierung sehr wichtig, da es ja hier auch eher um eine philosophische Auseinandersetzung gehen soll, und mit der Psychoanalyse dieses nicht möglich wäre. Andererseits beanspruche ich auch nicht, die eine und einzige Wahrheit zu erschließen oder verlange keinem Text dieses ab, weshalb die hermeneutische Analyse auch unangebracht wäre. Zuletzt möchte ich die Gedichte auch nicht nur als ein Zeugnis der Zeit, in denen sie entstanden, verstehen, also auch keine produktionsästhetische Analyse vollziehen. So, wie ich die Gedichte gelesen habe bzw. was ich aus ihnen las, verstehe ich nicht als eine „zeitabhängige Aussage“. Das was, in ihnen besprochen und auseinander gedacht wird, ist eine allgemeine, immer bestehende Frage und Auseinandersetzung nach/mit dem Leben und den Menschen.
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Anja Meisner: Gottfried Benn „Morgue“
2. Das Dionysische
Die Frage nach dem Dionysischen in den Gedichten Gottfried Benns wird nicht nur wegen seiner Begeisterung für den Philosophen den Blick auf Nietzsche nach sich ziehen, sondern auch, weil wie Ruth Ewertowski schreibt, das „...Phänomen des Dionysischen mit Nietzsches Name enger verbunden ist als mit anderen...“ 7 . Das deutet daraufhin, daß schon vor ihm eine Auseinandersetzung mit diesem Thema stattfand. Nietzsche selber behauptete, daß er der erste war, der dieses Phänomen ernst nahm 8 . Um die Bedeutung dieses Prinzips für den Philosophen zu beschreiben, lassen sich am besten Ewertowskis Worte wiederholen, die das Dionysische als das beschrieb, worin alles Denken Nietzsches mündete 9 .
Ursprünglich stammt der Begriff Dionysos aus der griechischen Mythologie 10 , und bezeichnet Zeus’ Sohn mit Semele. Im Wahnsinn zieht er über das Land und verleitet die Menschen zu Exzessen und dazu, an seine Göttlichkeit zu glauben und ihm zu huldigen. Rhea, Erdgöttin und seine Großmutter, reinigt ihn von seinen Mordtaten, die er im Wahnsinn zahlreich beging und weiht ihn in ihre Mysterien ein. Ihm wurde die Entdeckung des Weins zugeschrieben, weshalb wahrscheinlich die neuen Riten, die die alten, unzivilisierteren, religiösen Riten ersetzten, ihm geweiht wurden. In unserem heutigen Verständnis waren die dionysischen Feste, deren Name auch für Ausschweifung steht, moralisch verwerflich, obwohl sie dies wohl weit weniger waren, als die Feste und Riten die vorher stattfanden und bei denen Knabenopfer gebracht worden sein sollen, die man nach ihrer Tötung roh verschlang.
Mit seinem Namen wird auch ein Vorfall verbunden, der sich ereignet haben soll, als auf Heras Befehl Dionysos von den Titanen zerrissen wurde: an der Stelle, wo sein Blut hingetropft war, wuchs der Sage nach ein Granatapfelbaum 11 . Neben diesem Symbol wäre die metaphorische Bedeutung des fünfgliedrigen Blattes von Wein (wieder ein Hinweis auf Dionysos) und Efeu zu nennen, die die schöpferische Hand
7 Zitiert aus: Ewertowski (1994): 193.
8 Ebd.
9 Ebd.: 17.
10 Bis auf weitere Angaben stammen folgende Aussagen aus: Ranke-Graves (1984).
11 Man vermutet heute, daß der Apfel, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte, ein Granatapfel war. Er dient
aber auch als Symbol für Weisheit, ewiges Leben und Ranke-Graves beschreibt: die „...reife Frucht springt wie
eine Wunde auf und zeigt im Innern rote Kerne.“(Ranke-Graves (1984): 97)
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Arbeit zitieren:
Anja Meisner, 1999, Gottfried Benn: Die Gedichte der "Morgue" und das dionysische Prinzip nach Friedrich Nietzsche, München, GRIN Verlag GmbH
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