Einleitung: „Sorben, wo liegt das denn?“ 2
1. Einleitung: „Sorben, wo liegt das denn?“1
„Sorben, wo liegt das denn?“ - Diese und andere Reaktionen erhielt die Zeitung „Die Welt“ bei ihrer Umfrage zum Thema Sorben im Juni 2008. So waren einige Befragte der Meinung, bei „Sorben“ handele es sich um ein Land in der Nähe von Polen, andere wiederum konnten sich zumindest an sorbische Traditionen wie das Hahnrupfen, Fastnacht und das Osterreiten erinnern. Auch eine Feldstudie aus dem Jahre 2008 zur Wahrnehmung der Sorben/Wenden in der Niederlausitz“ 2 , durchgeführt in Cottbus, dem sorbischen/wendischen Zentrum Brandenburgs, bestätigt den Eindruck einer mangelnden Wahrnehmung der Sorben/Wenden in der Öffentlichkeit: so gab beispielweise die Hälfte aller Befragten an, im vorangegangenen Jahr die Sorben/Wenden nicht in der öffentlichen Diskussion wahrgenommen zu haben 3 , bzw. nur 3 der 16 Befragten unter 20 Jahren ordneten sie als Minderheit ein 4 .
Selbstverständlich sind die Sorben oder auch Wenden genannt - wobei der Begriff „sorbisch“ wissenschaftlich exakter, die Bezeichnung „wendisch“ volkstümlicher ist 5 kein Land, sondern ein westslawisches Volk ohne eigenen Staat, dessen Vorfahren im 6.Jahrhundert zur Zeit der Völkerwanderung in dem Gebiet östlich von Elbe und Saale siedelten. Unter den rund 20 sorbischen Stämmen befanden sich die Lusici 6 , welche um Cottbus und im Spreewald in der Niederlausitz im heutigen Brandenburg sesshaft wurden, und die Milzener, die sich am Schnittpunkt von Spree und der Handelsstraße von Köln nach Kiew, im heutigen Sachsen niederließen. Sie gaben ihrem Siedlungsgebiet den Namen „Lausitz“, welcher slawischen Ursprungs ist, so viel wie „Wasserloch“ bedeutet und auf eine wasserreiche Gegend verweist 7 . Nur die Lusici und die Milzener waren in der Lage der Kolonisation von fränkischen, flämischen, thüringischen und sächsischen Bauern im 12. und 13. Jahrhundert standzuhalten und sich ihre nationale Identität weitgehend zu bewahren. Dieses gefestigte ethnische Bewusstsein half ihnen, den Assimilierungsbestrebungen der Herrschenden und antisorbischen Tendenzen entgegenzuwirken. Diese traten in verstärktem Maße im 17.Jahrhundert zur Zeit des Deutschen Reiches auf, als Minderheiten als Gefahr für den ethnisch homogenen Nationalstaat angesehen wurden und in den Jahren 1920 bis 1945 als im Zuge der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik sorbische Aktivitäten und der Gebrauch der sorbischen Sprache verboten und sorbische Führungskräfte inhaftiert worden waren 8 . Auch in der Zeit nach 1871 kann keinesfalls von einer liberalen Minderheitenpolitik die Rede sein. Zwar wurde „den fremdsprachigen Volksteilen des Reiches“ in Artikel 113 der Weimarer Verfassung das Recht „auf freie, volkstümliche Entwicklung“ gewährt, was
1 Welt Online: Bitte, was sind eigentlich die Sorben? unter
http://www.welt.de/lifestyle/article2069031/Bitte_was_sind_eigentlich_die_Sorben.html (12.02.2011).
2 Kisser,C./Hoy,T.: Cottbus und seine Bürger. Ein Stimmungsbild zur Wahrnehmung der Sorben/Wenden in der Niederlausitz. In: Norberg,M./Kosta,P: (Hrsg.): Potsdamer Beiträge zur Sorabistik Nr.9. Domownja/Heimat. Sorbische/wendische Perspektiven auf die Lausitz. Universitätsverlag Leipzig 2008. S.131-145.
3 Ebd. S.135.
4 Ebd. S.133.
5 Adam,H.: Sorben oder Wenden? In: Die Sorben in der Niederlausitz. Serby w DolnejŁužycy. (Informationsbroschüre) S.4.
6 Zu Deutsch: Lusizer.
7 Kowar,M.: Witajće k nam do Lužicy! Herzlich willkommen in der Lausitz! In: Kleine Information zu den Sorben/Wenden in Deutschland. (Informationsbroschüre).
8 Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.208-209.
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besonders den Gebrauch ihrer eigenen Sprache garantieren sollte, jedoch blieb diese Regelung rein deklaratorisch, ohne das ausführende Gesetze gefolgt wären. Es kann also bestenfalls von einem „duldendem Nationalitätenrecht“ gesprochen werden 9 . Erst nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR wurde offiziell „eine Politik der Förderung der sorbischen/wendischen Sprache“ 10 betrieben.Die sorbische Sprache war in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, in Schulen, Medien, in der Kultur, in Kunst und Wissenschaft ebenso präsent, wie auf zweisprachigen Ortstafeln, Straßenschildern, in staatlichen Institutionen und Dokumenten 11 . Auch wenn einige Experten resümieren, dass die Stellung der Sorben in der DDR im Vergleich zu anderen sozialistischen Staaten vorbildhaft war 12 , so blieb ihnen ein politisches Mitwirkungsrecht weiterhin verwehrt und auch der sorbische Dachverband Domowina war nicht vielmehr als ein
„Transmissionsriemen“ 13 , welcher der Durchsetzung der ideologischen Ziele der SED zu dienen hatte.
Heute sind die Sorben - neben den Dänen in Schleswig-Holstein, den Friesen und den Sinti und Roma - als nationale Minderheit in der Bundesrepublik Deutschland anerkannt und werden gefördert. Da das von Deutschland 1995 unterzeichnete und 1997 ratifizierte Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten keine Definition des Begriffes „Minderheiten“ enthält, hat die Bundesrepublik folgende Kriterien für die Minderheiten in Deutschland aufgestellt:
- ihre Angehörigen sind deutsche Staatsangehörige,
- sie sind traditionell in Deutschland heimisch,
- sie leben hier in angestammten Siedlungsgebieten,
- sie unterscheiden sich vom Mehrheitsvolk durch eigene Sprache, Kultur und Geschichte, also eigene Identität, welche sie bewahren möchten 14 .
Besonders für die Sorben ist der Erhalt ihrer Sprache, ihrer Kultur und Geschichte eminent wichtig für die Bewahrung ihrer Identität, da sie kein eigenes Mutterland besitzen, das identitätsstiftend wirken könnte. Daher soll sich die nachfolgende Arbeit mit den Besonderheiten und der Entwicklung beider sorbischen Sprachen befassen, sowie mit Institutionen und Projekten, welche im besonderen Maße dem Erhalt und auch der Weiterentwicklung der selbigen dienen. Dabei soll auch begrenzt auf die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für den Schutz und die Förderung der sorbischen Minderheit eingegangen und ein Eindruck von der heutigen Situation der Sorben und ihrer Sprache in Deutschland vermittelt werden.
9 Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.208.
10 Neumann,M.: Minderheitenpolitik im „toleranten Brandenburg“ und das sorbische/wendische Siedlungsgebiet. In: Norberg,M./Kosta,P: (Hrsg.): Potsdamer Beiträge zur Sorabistik Nr.9. Domownja/Heimat. Sorbische/wendische Perspektiven auf die Lausitz. Universitätsverlag Leipzig 2008. S. 156
11 Longerich,M.: Sorben in Deutschland. Familie Handrick in Wendischbaselitz. In: Leiserowitz,R. (Hrsg.): Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa. Ch.Links Verlag Berlin 2008. S. 114.
12 Vgl. Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.209, sowie Longerich,M.: Sorben in Deutschland. Familie Handrick in Wendischbaselitz. In: Leiserowitz,R. (Hrsg.): Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa. Ch.Links Verlag Berlin 2008. S. 114.
13 Elle,L.: Unter staatlichem Schutz. Die Sorben und die deutsche Minderheitenpolitik. In: Osteuropa. Minderheiten in Osteuropa. Ansprüche, Rechte, Konflikte. Ed. 11/2007 S.208.
14 Ebd. S.198.
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Am Ende der nachfolgenden Ausführungen wird ein kurzes Fazit stehen, in welchem auch einige Problembereiche, wie z.B. das Sorbische im Schulunterricht und in der Verwaltung, aber auch die mangelnde Sensibilisierung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber „sorbischen Themen“ , wie sie bereits zu Beginn dieser Einleitung deutlich geworden ist, kritisch betrachtet werden.
Magdeburg, den 22.05.2011
Die sorbische(n) Sprache(n) 5
2. Die sorbische(n) Sprache(n)
Die Diskussionen, ob es sich beim Ober- und Niedersorbischen um zwei selbstständige, wenn auch eng verwandte Sprachen handelt oder um Dialekte einer Sprache dauern noch immer an. Eine endgültige Klärung dieser Frage wird - wenn überhaupt - noch längere Zeit in Anspruch nehmen, soll aber nicht Gegenstand dieser Arbeit sein. Im Folgenden wird daher von zwei Standartsprachen die Rede sein, deren von unterschiedlichen Rahmenbedingungen beeinflusste Entwicklung, sprachliche Besonderheiten, sowie spezielle Aspekte der Sprachplanung und gegenwärtigen Sprechersituation nachfolgend dargestellt werden sollen.
Beide Sprachen sind indoeuropäischen Ursprungs und bilden eine eigene Untergruppe der westslawischen Sprachen 15 . Sie sind eng mit dem Tschechischen, dem Polnischen und dem Slowakischen verwandt 16 . Ober- und Niedersorbisch sind flektierende Sprachen, d.h. Deklination und Konjugation erfolgen mittels Endungen und kleinen Änderungen im Stamm, und weisen einen starken Einfluss des Deutschen auf 17 . Doch auch die deutsche Sprache zeigt Einflüsse des Sorbischen: so sind einige mutmaßlich deutsche Städtenamen im Osten Deutschlands sorbischen Ursprungs: der Name Leipzig leitet sichvom sorbischen Wort lipa, also Linde ab und Chemnitz vom sorbischen kamjeń, Stein 18 . Entstehung und Kodifikation der sorbischen Schriftsprachen hängen eng mit Luthers Reformation zusammen, da diese die Verbreitung des Christentums in der Muttersprache der Gläubigen förderte. Als erste handschriftliche Überlieferung gilt die Übersetzung des Neuen Testaments durch Mikławš Jakubica aus dem Jahr 1548, welche im Sorauer niedersorbischen Dialekt verfasst wurde 19 . Das erste gedruckte Buch in niedersorbischer Sprache entstand 1574 und trug den Titel „Spěwarske a mały katechizm Luthera“ (Gesangbuch und kleiner Katechismus Luthers) von Magister Albin Moller. 1597 wurde Luthers Katechismus erneut übersetzt, nun von Wjacław Warichius im Bautzner obersorbischen Dialekt 20 . Die Kodifizierung von Ober- und Niedersorbisch durch Grammatiken und Wörterbücher setzte im 19.Jahrhundert ein, wobei die der obersorbischen Sprache früher begann und stabiler verlief 21 . Da auf Grund des Fehlens eines sorbischen Staates nie die Notwendigkeit einer einheitlichen Verständigung der sorbischen Bevölkerung bestand, konnten beide Sprachen -Ober- und Niedersorbisch - bis heute erhalten bleiben.
15 Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 290.
16 Longerich,M.: Sorben in Deutschland. Familie Handrick in Wendischbaselitz. In: Leiserowitz,R. (Hrsg.): Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa. Ch.Links Verlag Berlin 2008. S.116
17 Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 290.
18 Sorbisches Institut. Serbski Institut: Die Sprache der Sorben. S.5 (Informationsbroschüre).
19 Měškank,W.: Einige Bemerkungen zum niedersorbischen Schriftum. In: Die Sorben in der Niederlausitz. Serby w DolnejŁužycy. (Informationsbroschüre) S. 14.
20 Ebd.
21 Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 290.
Die sorbische(n) Sprache(n) 6
2.1. Obersorbisch
Im Zuge der Reformation entstanden zwei unterschiedliche Varianten der obersorbischen Sprache: die obersorbisch katholische und die obersorbisch evangelische, welche sich im 19.Jahrhundert zur einheitlichen obersorbischen Standardsprache vereinigten 22 . Überhaupt spielte die Religion für den Erhalt der Sprache und der sorbischen Identität eine wichtige Rolle. So heirateten beispielsweise die katholischen Sorben bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges ausschließlich untereinander 23 und auch heute noch ist das sorbische Kerngebiet nahezu identisch mit der katholischen sorbischen Lausitz zwischen Bautzen, Hoyerswerda und Kamenz 24 . Ebenfalls im 19. Jahrhundert setzte eine intensive Sprachkultivierung ein, die sich in vielen Aspekten am tschechischen Sprachraum orientierte. Zu nennen ist hier der Übergang von der aus dem Deutschen inspirierten Frakturschrift zur „analogen Rechtschreibung“ mit Antiqua und diakritischen Zeichen nach v.a. tschechischem Vorbild 25 . Auch in der Verwendung einzelner Wörter zeigen sich die nahe Sprachverwandtschaft und die engen, besonders durch die 1847 gegründete obersorbische wissenschaftliche Gesellschaft Maćica Serbska geförderten, Kontakte zwischen obersorbischer und tschechischer Sprache 26 : zum Beispiel heißt das Wort Berg im Obersorbischen und im Tschechischen hora. Dies gilt ebenso für das enge Verhältnis zwischen niedersorbischer und polnischer Sprache: Berg bedeutet hier gora/góra 27 . Die Sprachkultivierung zeigte sich vor allem in der Förderung der Sprachverwendung in der Literatur, aber auch in der Alltagssprache 28 und im sprachlichen Ausbau 29 . Besondere Unterstützung erfuhren die Bestrebungen zum Erhalt und Kultivierung des Sorbischen nach 1945, als die DDR-Regierung sorbische bzw. sorabistische Kultur-, Bildungs-, und
Forschungseinrichtungen (z.B. Theater und Nationalensemble Bautzen, Domovina- Verlag,das Institut für Sorabistik der Universität Leipzig) ins Leben rief, begann sorbische Schulen zu fördern und ein einheitliches Schulsystem zu schaffen 30 . Maßnahmen zur Sprachplanung im Sinne der Korpusplanung sind besonders gut für die Zeit nach 1989 dokumentiert: die veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse fanden ihren Ausdruck im Aus- und Umbau der Lexik, wobei vor allem in den
22 Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 290.
23 Longerich,M.: Sorben in Deutschland. Familie Handrick in Wendischbaselitz. In: Leiserowitz,R. (Hrsg.): Die unbekannten Nachbarn. Minderheiten in Osteuropa. Ch.Links Verlag Berlin 2008.S.110.
24 Wornar,G.: Leben und Glauben bei den katholischen Sorben. In: Kleine Information zu den Sorben/Wenden in Deutschland. (Informationsbroschüre).
25 Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 291.
26 Ebd.
27 Meschkank,W.: Die Sorben/Wenden in der Niederlausitz. In: Kleine Information zu den Sorben/Wenden in Deutschland. (Informationsbroschüre).
28 Dazu vor allem der Sammelband Serbšćina. In: Spieß,G.: Gegenwärtiger Stand und Zukunftsperspektiven des Sorbischen. In: Panzer,B.(Hrsg.): Die sprachliche Situation der Slavia 10 Jahre nach der Wende: Beiträge zum Internationalen Symposium des Slavischen Instituts der Universität Heidelberg vom 29.09, bis 02.10.1999. Frankfurt/Main et.al.2000. S.203.
29 Dazu: Janich,N./Greule,A.: Sprachkulturen in Europa. Ein internationales Handbuch. Tübingen 2002. S. 291.
30 Sorbisches Institut. Serbski Institut: Die Sprache der Sorben. S.7 (Informationsbroschüre).
Arbeit zitieren:
Anja Szibalski, 2011, Die sorbische Minderheit und ihre Sprachen, München, GRIN Verlag GmbH
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