Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Sozialkapital und Rechtsextremismus. 3
2.1. Was ist Sozialkapital? 3
2.2. Netzwerke. 6
2.3. Bonding und Bridging Sozialkapital. 8
2.4. Sozialkapital und Rechtsextremismus. 11
3. Überprüfung der Thesen. 13
3.1. Operationalisierung. 13
3.2. Analytischer Ländervergleich. 14
4. Zusammenfassung und Beantwortung der Forschungsfrage. 18
5. Abbildungsverzeichnis. 19
6. Literaturverzeichnis 20
1. Einleitung
Nach den sechsten Parlamentswahlen in Ungarn am 11. und 25. April 2010 1 erreichte die rechtsextreme Partei „Jobbik“ 2 12.2% der Sitze und zog somit als drittstärkste Fraktion in das ungarische Parlament ein. Das besondere an diesem Ereignis ist, dass die „Jobbik“ eine faschistisch-nationalsozialistische Ideologie vertritt und somit dem „harten“ Rechtsextremismus zuzuordnen ist. Im Gegensatz dazu steht die völkisch-nationalistische Ideologie „weicher“ Rechtsextremistischer Parteien, die bereits in vielen EU-Staaten erfolgreich sind (Jesse/Thieme 2010, 459).
Diese Konzentration von „harter“ rechtsextremer politischer Macht im Parlament eines der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ist einmalig. Besonders auffällig ist hierbei, dass Ungarn den Entwicklungen in westeuropäischen Staaten folgt, in denen schon länger „weiche“ rechtsextremistische Parteien in den Parlamenten vertreten 3 und auch teilweise an der nationalen Regierung beteiligt sind 4 . Angestoßen durch die Bedrohung, die diese Entwicklung für Freiheit, Demokratie und den Prozess der Europäischen Integration darstellt, wird in dieser Seminararbeit folgende Frage gestellt:
Ist die ungarische Bevölkerung empfänglicher für rechtsextremistische Parteien als die Bevölkerung anderer EU-Staaten?
Die Unterstützung rechtsextremistischer Parteien ist vielschichtig erklärbar und sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene lassen sich viele verschiedene Erklärungsansätze finden. Die Hauptansätze zur Erklärung von Rechtsextremismus lassen sich jedoch formal in drei Kategorien einteilen: psychologische, soziologische und politische Ansätze (Pfahl-Traughber 2006, 97).
Diese Seminararbeit konzentriert sich bei der Beantwortung der Fragestellung auf einen soziologischen Erklärungsansatz, der besagt, dass Art und Verteilung des sogenannten „Sozialkapitals“ in einer Gesellschaft erhebliche Auswirkungen auf diese hat (Putnam 1993, 163-185). Im vorliegenden Falle wird also der Versuch unternommen, Rechtsextremismus innerhalb einer Gesellschaft ausschließlich durch das Konzept des „Sozialkapitals“ zu
1 In 57 Wahlkreisen war ein zweiter Wahlgang notwendig.
2 Deutsch: Bewegung für ein besseres Ungarn.
3 Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien und Österreich (Jesse/Thieme 2010, 442).
4 Italien und Österreich (Jesse/Thieme 2010, 443).
1
erklären. Dabei wird folgendermaßen vorgegangen: Als erstes wird das Konzept „Sozialkapital“ und dessen Komponenten „Vertrauen“, „Netzwerke“ und „Normen“ erklärt. Hierbei wird sich zeigen, dass in jeder Gesellschaft „Netzwerke" vorhanden sind, die das sogenannte "Bonding" und „Bridging“ fördern. „Bonding“ ist ein Effekt, der innerhalb von bestimmten „Netzwerken“ entsteht und die Errichtung und Verteidigung sozialer „Grenzen“ fördert. „Bridging“ Effekte hingegen überbrücken soziale und gesellschaftliche Grenzen (Pollak 2004, 31).
Aus dieser Erklärung wird die These abgeleitet, dass je mehr „Bonding“ in einer Gesellschaft vorhanden ist und je weniger „Bridging“, desto größer ihre Empfänglichkeit für rechtsextremistische Parteien ist. Anschließend wird diese These in einem analytischen Ländervergleich überprüft, bei dem die Daten des „Eurobarometer 223 - social capital“ benutzt werden. Sollten wirklich die Verteilungen von „Bonding“ und „Bridging“ innerhalb einer Gesellschaft für eine höhere Unterstützung von rechtsextremistische Parteien (mit-)verantwortlich sein, so sollten Staaten in denen rechtsextremistische Parteien besonders erfolgreich sind auch besonders hohe Verteilungswerte des „Bonding“ aufweisen, beziehungsweise niedrigere beim „Bridging“. Um die Fragestellung also zu bejahen, müsste allen voran die ungarische Gesellschaft zu allen anderen Gesellschaften innerhalb der Europäischen Union erhebliche Unterschiede aufweisen.
2
2. Sozialkapital und Rechtsextremismus
Im folgenden Kapitel wird den Fragen nachgegangen, was genau Sozialkapital ist und wie es sich theoretisch zur Erklärung von Rechtsextremismus eignet. Ein besonderer Schwerpunkt wird hierbei auf einzelne Gruppierungen, den sogenannten Netzwerken gelegt. Die eventuelle Möglichkeit zur Erklärung von Rechtsextremismus durch eine Unterscheidung von verschiedenen Netzwerken und deren Effekten wird in folgendem Zitat hervorgehoben: "Ob zentrische Gruppierungen nicht zur Zivilgesellschaft gehören, möchte ich aus dem […] Grund der fließenden Übergänge zwischen den beiden Gruppentypen hier offen lassen. Wenn aber diese Unterscheidung aufgenommen wird, wäre dies eine Möglichkeit, festzuhalten, dass zur Zivilgesellschaft die Fähigkeit zu Selbstrelativierung, zur Toleranz, zur Anerkennung des anderen als gleichwertig und damit ein inklusives Demokratieverständnis gehört.“ (Pollak 2004, 31)
2.1. Was ist Sozialkapital?
1993 veröffentlichte der amerikanische Politikwissenschaftler Robert David Putnam eine Studie mit dem vielversprechenden Titel: „Making Democracy Work“ 5 . In dieser Studie hat er durch einen Vergleich verschiedener Regionen Italiens versucht, die unterschiedliche Effektivität 6 der Regionalregierungen zu erklären. Putnams Hauptargument war, dass die unterschiedliche Effektivität der Regionalregierungen auf unterschiedlich hohes Sozialkapital in den Regionen zurückzuführen sei (Halpern 2005, 7-8). Was aber genau ist Sozialkapital? Nach Putnam handelt es sich bei dem Begriff Sozialkapital um einen Wert den eine Gesellschaft aufweist. Dieser Wert wird von Individuen innerhalb von Netzwerken durch gegenseitiges Vertrauen und der Norm der Reziprozität 7 erzeugt. Der Gedankengang hierbei ist der, dass Menschen innerhalb von Netzwerken Vertrauen zueinander aufbauen. Ein Netzwerk ist eine interpersonelle Vereinigung. Es kann sich hierbei um ein formelles Netzwerk handeln, wie zum Beispiel einen Sportverein oder ein informelles Netzwerk, wie die Familie. Innerhalb dieser Netzwerke entsteht Vertrauen unter Individuen, was vor allem durch erfolgreiche Kooperation, aber auch durch die sogenannte „Vertrauens-Verleihung“
5 Vollständiger Titel: "Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy".
6 Effektivität: Schnelligkeit des Handelns, Effizienz der Arbeit und Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.
7 Reziprozität bedeutet in diesem Falle eine gegenseitige Unterstützung in Tauschbeziehungen (Zmerli 2008, 45).
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gefördert wird (Putnam|1993|163-185). Diese „Vertrauens-Verleihung“ funktioniert nach dem Prinzip:
„I trust you, because I trust her and she assures me that she trusts you.“ (Putnam 1993, 169)
Werte und Normen, vor allem die Norm der Reziprozität, tragen dazu bei, dass dieses Vertrauen gestärkt und Vertrauensmissbrauch sanktioniert werden kann (Putnam 1993, 171-177). Im Endeffekt entsteht ein Kreislauf in dem Kooperation durch Vertrauen entsteht und weiteres Vertrauen aus Kooperation resultiert. Laut Putnam lässt sich Sozialkapital also folgender maßen zusammenfassen:
"By "social capital," I mean features of social life - networks, norms, and trust - that enable participants to act together more effectively to pursue shared objectives." (Putnam 1996, 34)
Aus dieser Definition wird erstens deutlich, dass die Eigenschaft der Individuen (Mikroebene) zu Eigenschaften der Gesellschaft (Makroebene) führen (Göhler-Robus 2005, 28) und zweitens, dass Sozialkapital als Eigenschaft einer Gesellschaft hilft das Dilemma des kollektiven Handelns 8 kostengünstig zu überwinden (Schäfer 2006, 17). Das Dilemma des kollektiven Handelns besagt, dass Individuen sich bei der Herstellung von Kollektivgütern zurückhalten, sogar wenn sie hiervon einen Nutzen hätten (Putnam 1993, 163-176). Sozialkapital fördert also die Kooperation innerhalb einer Gesellschaft und führt somit zur Entstehung einer sogenannten Zivilgesellschaft, in der öffentliche Güter produziert werden können (Fukuyama 2000, 7). Eine Zivilgesellschaft 9 ist der öffentliche Raum innerhalb einer Gesellschaft, der zwischen der Privatsphäre von Individuen und dem Staat angesiedelt ist und sich aus selbst organisierten Vereinen, Netzwerken und Organisationen zusammensetzt (Geißel et al. 2004, 10-11). Als Ort des politischen Lernprozesses und Voraussetzung für die Demokratisierung der politischen Willensbildung (Klein 2000, 12) ist eine funktionierende Zivilgesellschaft eine der wichtigsten Gründe für eine hohe Sozialkapitalausstattung einer Gesellschaft. Putnams Zusammenfassung:
8 Vgl. "Logik des kollektiven Handelns" von Mancur Olson.
9 Auch „Bürgergesellschaft“, „Netzwerkgesellschaft“ und „Dritter Sektor“ genannt .
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Arbeit zitieren:
Adam Balogh, 2011, Sozialkapital und Rechtsextremismus, München, GRIN Verlag GmbH
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