Francis Bacon wurde am 28.10.1909 als Sohn englischer Eltern in Dublin geboren. Er litt von Jugend an unter schweren Asthmaanfällen. Sein Vater „Eddy“ Bacon war zunächst im militärischen Dienst, später beschäftigte er sich in Irland mit der Zucht und dem Training von Rennpferden. Er galt als sehr autoritäres, strenges und auch gewalttätiges Familienoberhaupt - von Francis selbst oft als „Haustyrann“ beschrieben. Diese dominante Vaterfigur hatte entscheidenden Einfluss auf sein Lebensbild und sein künstlerisches Schaffen. Die Mutter, Winnifred Firth, hingegen war zwar eine sehr egozentrische, aber aufgeschlossene und gesellige Frau. Sein älterer Bruder starb bereits in jungen Jahren. Die Zeit des Ersten Weltkrieges verbrachte die Familie Bacon größtenteils in London, immer wieder unterbrochen durch Aufenthalte in Irland, wo sie auch während des Osteraufstandes der Sinn Feín 1916 lebte. Besonders seine Jugend in Irland hat Francis Bacon stark geprägt. Denn die Bacon-Familie repräsentierte in Irland den „Feind“, und musste aufgrund dessen in ständiger Angst vor der IRA leben. 1 Hier war er von klein auf mit verschiedenen Arten von Gewalt konfrontiert. Dies bedeutete auf der einen Seite die ständige Furcht vor Heckenschützen und versteckten Bomben, auf der anderen Seite aggressives Verhalten gegenüber den irischen Katholiken. In dieser unsicheren, gewalttätigen Umgebung erzog Eddy Bacon seinen Sohn Francis dazu, Fremde kategorisch zu meiden und noch nicht einmal mit ihnen zu sprechen. Im Alter von 16 Jahren wurde sich der junge Francis seiner Homosexualität bewusst, einer Veranlagung, die mit den Prinzipien seines Vaters nicht vereinbar war. Daher wurde er, als der Vater ihn beim Anprobieren der Dessous seiner Mutter überraschte, des Hauses verwiesen. Die folgenden zwei Jahre, in denen Francis Bacons erste künstlerische Arbeiten entstanden, verbrachte er sowohl in London und Berlin als auch in Paris. 2 Er beschäftigte sich in dieser Zeit mit Aquarellen und Zeichnungen. 3 In der Pariser Galerie Paul Rosenberg hatte er seine erste ernsthafte Begegnung mit Gemälden, und insbesondere die dort ausgestellten Werke Picassos weckten in dem jungen Mann den Wunsch, selbst Maler zu werden. 4 “[...] organic form that relates to the human image but is a complete distortion of it” 5 war der Aspekt, der ihn am stärksten faszinierte. Als er 1927 zurück nach London zog, begann er seine Karriere allerdings zuerst mit dem Entwerfen von modernen Möbeln aus Glas und Stahl, sowie von Teppichen. Nebenher wurde er von dem australischen Künstler Roy de Maistre im Umgang mit Ölfarbe unterrichtet und begann nun auch eigene Bilder in
1 Michael Peppiatt: Francis Bacon. Anatomie eines Rätsels. Köln: Dumont 2000, S. 23.
2 Kai Schumacher: „Francis Bacon - die Gewalt des Faktischen.“ http://www.quadriennale-duesseldorf.de/index.php?f_categoryId=18&id_1=0&id_2=1&p=1&art=143&s=A, gesehen am 10. April 2007.
3 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 58-59.
4 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 65.
5 Lawrence Gowing: Francis Bacon. Washington: Thames and Hudson 1989, S. 13.
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dieser Technik zu malen. Roy de Maistre sollte aber der einzige „Lehrer“ Bacons bleiben, der ein stark ausgeprägter Autodidakt war. 6
Erst 1933 nahm er mit seinem ersten Ölgemälde Kreuzigung an einer Gruppenausstellung der Mayor Gallery in London teil. 7 Dieses Bild war ein Erfolg, aber die weiteren Werke fanden keinen großen Anklang. In den Jahren 1933 bis 1941 polarisierte Bacons Kunst die Kritiker, deren Reaktion zwischen höchster Anerkennung und absoluter Ablehnung schwankte. Dies veranlasste Bacon dazu sich mehr seiner Spiel- und Reiseleidenschaft zu widmen. 1941 gab er die Malerei zunächst auf und zerstörte einen großen Teil der bis dahin entstandenen Bilder. 8 Erst 1944 begann er wieder zu malen. Der Erfolg seines Triptychon Drei Studien zu Figuren am Fuße einer Kreuzigung, das als das erste wirklich überlegene Werk Bacons bezeichnet werden kann 9 , ermunterte ihn zu weiteren Arbeiten. Trotzdem gab er seinen unsteten Lebenswandel und seine Spielleidenschaft nie auf. Erst 1950 zog er dauerhaft nach London, wo er am Royal College of Art eine Lehrtätigkeit übernahm, um seinen aufwändigen Lebensstil finanzieren zu können, zu dem unter anderem ausgedehnte Reisen nach Monte Carlo, Ägypten und Tanger gehörten. 10 Durch mehrere nationale und vor allem auch internationale Ausstellungen wurde Bacons Kunst bekannt und berühmt. 11 Seine Homosexualität, die auch sadomasochistische Züge trug, brachte ihn mit wechselnden Partnern zusammen. Besonders zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang George Dyer, den er 1964 kennen lernte und dessen Selbstmord 1971 Bacon zu der Serie der „schwarzen Tryptichen“ (1972-1974) anregte. 12 Am 28. April 1992 verstarb Francis Bacon in Madrid an Herzversagen, herbeigeführt durch einen Schlaganfall und durch sein chronisches Asthma. Es ist problematisch, Bacons Leben und Werk aus seinen Erfahrungen heraus verstehen zu wollen, da er immer versuchte, alle biografischen Fakten geheim zu halten, entsprechend seinem Wunsch, dass seine Arbeit für sich selbst stehen müsse, ohne Bezug zu seinem Leben. 13 Von Anfang an nahm er Einfluss darauf, welche Informationen über sein Leben - wenn überhaupt - veröffentlicht wurden, und gestaltete sie entsprechend seinem Streben nach großer Dramatik. Zieht man auch noch Bacons Sucht nach extremen Erfahrungen in Betracht, wird deutlich, dass seine scheinbar außergewöhnliche und ausgesprochen harte Kindheit nicht unbedingt für bare Münze genommen werden darf, denn alles, was tatsächlich bekannt wurde, wurde von ihm selbst berichtet oder in seine Bilder hineininterpretiert. Aber auf jeden Fall hatte er aufgrund seines distanzierten und
6 Schumacher: „Die Gewalt des Faktischen“.
7 Schumacher: „Die Gewalt des Faktischen“.
8 Schumacher: „Die Gewalt des Faktischen“.
9 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 92.
10 Schumacher: „Die Gewalt des Faktischen“.
11 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 159.
12 Schumacher: „Die Gewalt des Faktischen“.
13 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 341.
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brutalen Vaters, seiner kalten und ichbezogenen Mutter, seines chronischen Asthmas und des frühen Todes seines älteren Bruders kein einfaches Leben. 14
Seine Erfahrungen bestärkten Bacon in seiner Ansicht, dass das gesamte Leben einer immerwährenden Jagd zwischen Jäger (Aggressor) und Beute (Opfer) gleicht. Die Bedrohung, die hiervon ausgeht, findet sich in seiner wiederholten Darstellung von beobachtenden Figuren und dem Beobachteten. 15 Wenn der Künstler nach gewalttätigen Aspekten in seinen Werken befragt wurde, führte er meist diese unbeständige und unsichere Zeit seiner Jugend an. 16 Ein weiterer entscheidender Punkt in Bacons Lebensphilosophie ist auf sein chronisches Asthma zurückzuführen. Die Tatsache, dass er die heftigen Anfälle trotz einer mangelhaften medizinischen Versorgung immer überlebte, brachten ihn zu der Ansicht, dass er ein „optimistisches Nervensystem“ besäße. Dieser „körperliche“ Optimismus und Stoizismus stehen in extremem Gegensatz zu seiner generell pessimistischen Lebenseinstellung. 17 Er vertrat die Vorstellung, dass das komplette menschliche Leben von Instinkt und Zufall geprägt sei. Darauf gründete er seine Überzeugung, dass der Mensch sich einfach nur der Natur überlassen und sich treiben lassen müsse 18 . Er lehnte alle optimistischen Illusionen ab und machte die Eitelkeit des menschlichen Seins und den griechischen Begriff der Nemesis zu Leitmotiven in seinem Schaffen. 19 Bacon benutzte unterschiedliche Quellen, um seine künstlerische Phantasie anzuregen. Hierbei handelt es sich um Sergej Eisensteins Film Panzerkreuzer Potemkin 20 , verschiedene medizinische Fotografien, insbesondere von schreienden Mündern und kranken Mundhöhlen, Röntgenbilder, sowie die Fotografien von Eadweard Muybridge, der sowohl Bewegungen von Menschen als auch von Tieren festhielt. Eine weitere wichtige Quelle war das Buch Art von Amédée Ozenfant. Aufgrund seiner visuellen Intelligenz war Bacon in der Lage, diese unterschiedlichsten Phänomene in sich aufzunehmen, um sie dann scheinbar willkürlich und widersinnig zu vermischen und zu verzerren. 21 Zu diesem Thema äußerte sich Bacon:
„Ich habe bewusst eine gewaltsame Verzerrung angestrebt, aber ich bin nicht weit genug gegangen. Meine Gemälde sind, wenn man so will, eine Chronik dieses Verzerrungsprozesses. Die Fotografie hat der Malerei viel Terrain abgenommen. Jedes betrachtenswerte Gemälde muss heute mit Verzerrungen arbeiten, wenn es noch unter die Haut, an die Nerven gehen will. Darin liegt heute die besondere Schwierigkeit der figurativen Malerei. [...] Daneben reizt es mich auch stets, das Spiel ein wenig komplizierter zu machen - der Tradition einen neuen Dreh abzugewinnen [...] Abstrakte
14 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 25.
15 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 24.
16 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 23.
17 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 26.
18 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 33.
19 Gowing (1989): Francis Bacon, S. 32, 33.
20 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 39.
21 Peppiatt (2000): Anatomie eines Rätsels, S. 78.
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Arbeit zitieren:
Kathrin Ehlen, 2007, Francis Bacon - Faszination des Entsetzens, München, GRIN Verlag GmbH
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