Laut Tanja Busse liegt der Vorteil von Musikvideos darin, dass diese mithilfe der Bilder eine neue Dimension zum Text und den Noten schaffen und somit auch die Gesamtwirkung des Songs verändert wird. 1 Dadurch, dass der Zuschauer sowohl akustischen als auch optischen Reizen ausgesetzt wird, entsteht für ihn ein synästhetisches Erlebnis. 2 Man kann sie als „Illustration von populärer Musik“ 3 verstehen, die nicht nur eine ästhetische und künstlerische, sondern vor allem eine kommerzielle Funktion erfüllen. Mit einem Videoclip versucht ein Künstler Werbung für sich zu machen, er verkauft mit ihm eine ganz bestimmte Atmosphäre. 4 Aber wie sind Musikvideos eigentlich entstanden? Man kann sagen, dass Künstler schon immer gerne Musik sichtbar machen wollten, und es dauerte nicht lange, bis nach dem Tonfilm auch die ersten Tanzfilme produziert wurden. Obwohl außerdem auch noch Zeichentrickfilme, Werbefilme und zum Beispiel Light Shows einen großen Einfluss auf die Entstehung von Musikvideos hatten 5 , so kann Michael Leckebuschs „Beat Club“ aus den 60er Jahren als Vorläufer angesehen werden. 6 Aber auch die Videos von Rockmusikern, die von Plattenfirmen für Demonstrations- und Promotionszwecke genutzt wurden, können als Vorläufer der heutigen Videoclips betrachtet werden. 7 Allerdings wurden sie von den Kritikern erst voll anerkannt, als sich diese Funktion verselbstständigt hatte. 8 Anfang der 80er Jahre entdeckte die Popindustrie das Fernsehen als neuen Werbeträger, nachdem die Umsätze gesunken waren. 9 Mit diesem neuen Medium änderte sich auch das Verhalten der Musiker, die nun die Chance hatten, sich in einem breiteren Feld zu präsentieren, die sich nun aber auch ein Image schaffen mussten. 10 Auf der anderen Seite erfüllen die Zuschauer eine eher passive Rolle, bei ihnen wird das Musikfernsehen zu einem „Nebenbei-Medium“. 11 Ein Videoclip bietet dem Zuschauer eine ständige Reizüberflutung bei nicht nachlassender Reizstärke, und macht es ihm somit fast unmöglich, den Videoclip in allen Einzelheiten zu erfassen. Er kann sich nur von ihm „berauschen“ lassen. 12 Dadurch unterscheidet sich der Verlauf eines Videoclips auch von der klassischen Vorstellung einer Spannungskurve mit einem konkreten Anfang und einem konkreten Ende. 13 Somit wird ein Gefühl von Zeitlosigkeit
1 Vgl. Tanja Busse: Mythos in Musikvideos. Weltbilder und Inhalte von MTV und VIVA. Münster: LIT 1996, S. 1.
2 Vgl. Herbert Gehr: „The Gift of Sound & Vision.“ In: Herbert Gehr (Hg.): Sound & Vision .Musikvideo und Filmkunst. Frankfurt am Main: MME 1993, S. 13.
3 Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 4.
4 Vgl. Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 5.
5 Vgl. Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 6.
6 Vgl. Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 7.
7 Vgl. Gehr (1993): The Gift, S. 14.
8 Vgl. Gehr (1993): The Gift, S. 14.
9 Vgl. Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 8.
10 Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 8.
11 Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 10.
12 Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 11.
13 Vgl. Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 11.
2
geschaffen. Was aber sowohl beim Lied als auch beim Videoclip von großer Bedeutung ist, ist der Rhythmus, der die Abfolge und den Wechsel der einzelnen Bilder bestimmt. 14 Was die Funktion von Musikvideos angeht, so zielt ein großer Teil von ihnen auf Männerphantasien ab 15 , aber auch ansonsten sollen sie Assoziationen hervorrufen, wobei die Symbole und Zitate, die verwendet werden, wie Traumbilder erscheinen. 16 Bei der Gestaltung eines Videoclips geht es den Regisseuren meist nicht darum, einen Songtest interpretiert in Bilder umzusetzen, weder wörtlich noch thematisch. An erster Stelle steht für sie die Musik, gefolgt vom Titel, und erst dann widmen sie sich dem Text. 17 Daraus folgt, dass die einzelnen Bilder eines Musikclips meist nur der Ästhetik dienen bzw. den Zuschauer aufmerksam werden lassen und zustimmende Assoziationen bei ihm wecken sollen. Eine allgemeine Theorie der Clipästhetik ist schon in den Arbeiten Leckebuschs zu finden. Es geht ihm hierbei um das schnelle Hin- und Herschalten zwischen den Kameras, um den Wechsel zwischen verschiedenen Lichtsituationen, um Ornamente im Hintergrund, die das Gesamtbild ergänzen sollen, und um das Splitten und Auffächern einzelner Bilder, die dann das Gesamtbild ergeben. 18 Aber auch der Einfluss des Experimentalfilms wird in den Videoclips deutlich. Hier spielen die schnellen Schnitte, Überblendungen und die Symbolik ebenfalls eine große Rolle. Außerdem wurde auch schon im Experimentalfilm die Geschichte stark gekürzt wiedergegeben, es herrschte eine exakte Synchronität zwischen Schnitt und Takt der Musik, und es gab eine Mischung aus echten Schauspielern und Animationen sowie die Manipulation von farbigen Bildern und solchen in Schwarzweiß. 19
Wenn man den Inhalt der Musikvideos aus den 80er und frühen 90er Jahren analysiert, zeigt sich eine meist stereotype Darstellung von traditionellen Geschlechterrollen (Neumann-Braun/Barth/Schmidt 1997). 20 Frauen werden hier passiv und den Männern unterworfen dargestellt. Sie werden oft nur zur Dekoration benutzt (Bechdolch 1999a). 21 Andererseits hat Seidmann festgestellt, dass sie „in der Regel sexuell provozierend, gefühlsbetont, abhängig, mitleidvoll,
14 Vgl. Busse (1996): Mythos in Musikvideos, S. 18.
15 Vgl. Gehr (1993): The Gift, S. 20.
16 Vgl. Gehr (1993): The Gift, S. 21.
17 Vgl. Gehr (1993): The Gift, S. 21.
18 Vgl. Herbert Gehr: „Willkommen im Beat Club.“ In: Herbert Gehr (Hg.): Sound & Vision. Musikvideo und Filmkunst. Frankfurt am Main: MME 1993, S. 128.
19 Vgl. William Moritz: „Visuelle Musik: Höhlenmalereien für MTV?.“ In: Herbert Gehr (Hg.): Sound & Vision. Musikvideo und Filmkunst. Frankfurt am Main: MME 1993, S. 135.
20 Vgl. Klaus Neumann-Braun und Lothar Mikos: Videoclips und Musikfernsehen. Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur. Berlin: VISTAS Verlag 2006, S. 38.
21 Vgl. Neumann-Braun (2006): Videoclips und Musikfernsehen, S. 38.
3
opferbereit“ (Seidmann 1992) 22 sind. Es werden also sowohl traditionelle als auch alternative bzw. oppositionelle Geschlechterstereotypen in den Videoclips dargestellt. 23 Wie die weibliche Körpersprache und Mimik im Videoclip repräsentiert wird, spielt eine große Rolle für den Zuschauer, denn es ist kulturell festgelegt, wie Männer sehen und wie Frauen gesehen werden. 24 Der Begriff des male gaze ist hier ausschlaggebend. Nach Blume gibt es drei verschiedene Arten, wie Frauen in Videoclips ihr Publikum adressieren (Blume 1993) 25 : Erstens die Imitation männlicher Geschlechtsidentität. Diese erfolgt meist, indem mit den Erwartungen gespielt wird, die typischerweise an eine Frau gestellt werden. Zweitens versucht sich die Frau durch weibliche Qualitäten zu behaupten, und drittens geschieht die Adressierung durch einen ironischkritischen Umgang mit weiblicher oder männlicher Geschlechtsidentität. Hierbei wird oft die Parodie - auch in Form von Travestie - benutzt, um die bestehenden Ansichten in Frage zu stellen. Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit sich die Botschaft des Liedes „Wuthering Heights“ aus Kate Bushs Album „The Kick Inside“ mit ihrer Darstellung in dem dazugehörigen Videoclip deckt. Wie auf ihrer Homepage gesagt wird, hat Kate Berühmtheit erworben „since her dramatic arrival at nineteen years of age in 1978 with the hauntingly beautiful and instantly classic 'Wuthering Heights', […] that remains unrivalled in terms of musical ambition, pioneering sonics, stirring emotional content and sheer originality”. 26 Entdeckt wurde die damals sechzehnjährige Kate von Pink Flyods David Gilmour, und EMI Records sorgte dafür, dass das junge Nachwuchstalent eine dreijährige künstlerische Ausbildung erhielt, bevor ihr erstes Album 1978 veröffentlicht wurde. 27
Literarische Vorlage für das Lied ist Emily Brontes gleichnamiger Roman Wuthering Heights, veröffentlicht im Jahr 1847. Dieser beschreibt die außergewöhnliche Liebesgeschichte zwischen der jungen, schönen und reichen Catherine, genannt Cathy, und ihrem gleichaltrigen „Stiefbruder“ Heathcliff. Ihre Liebe nimmt alles ein und verzehrt das Paar. Andererseits ist sie auch so stark, dass sie den Tod überwindet. Kate Bushs Lied setzt ein, als Brontes Heathcliff sich vor Sehnsucht nach seiner schon vor Jahren verstorbenen Cathy verzehrt und darauf wartet, dass ihr Geist ihn zu sich holt.
Das Lied „Wuthering Heights“ von Kate Bush besteht aus acht Strophen von unterschiedlicher Länge. Nach den ersten beiden folgt der Refrain bestehend aus zweimal zwei sich
22 Vgl. Neumann-Braun (2006): Videoclips und Musikfernsehen, S. 39.
23 Vgl. Neumann-Braun (2006): Videoclips und Musikfernsehen, S. 42.
24 Vgl. Neumann-Braun (2006): Videoclips und Musikfernsehen, S. 45.
25 Vgl. Neumann-Braun (2006): Videoclips und Musikfernsehen, S. 42-43.
26 „Kate Bush Biography.“ Auf: http://www.katebush.co.uk/katebush_html/biography.html, gesehen am 19. September 2007.
27 Kate Bush Biography.“ Auf: http://www.katebush.co.uk/katebush_html/biography.html, gesehen am 19. September 2007.
4
Arbeit zitieren:
Kathrin Ehlen, 2007, Die Umsetzung des Songs „Wuthering Heights“ von Kate Bush in einen Videoclip , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft: Die Umsetzung des Songs „Wuthering Heights“ von Kate Bush in einen Videoclip ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft: neuer Titel erschienen: Die Umsetzung des Songs „Wuthering Heights“ von Kate Bush in einen Videoclip
Kathrin Ehlen hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare