Gliederung
1 Einleitung
2 Gewerkschaftliche Herausforderungen
2.1 Grundlegende Problemstellungen
2.2 Situation der deutschen Gewerkschaften
2.3 Situation der französischen Gewerkschaften
3 Gewerkschaftliche Strategien zur Krisenbewältigung
3.1 Allgemeine Befunde
3.2 Deutsche Gewerkschaften
3.3 Französische Gewerkschaften
4 Fazit und Ausblick
5 Literatur
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1 Einleitung
Die Gewerkschaft ist eine der bedeutendsten Formen der organisierten Interessenvertretung. Sie dient der Artikulation von Arbeitnehmerinteressen gegenüber der Arbeitgeberseite und der Regierung. Gewerkschaften können, wie alle Verbände, als eine für eine Demokratie konstituierende Institution gelten. Sie übernehmen eine wichtige Funktion in der Aggregation von Arbeitnehmerinteressen und haben erheblichen Einfluss auf politische Entscheidungen. Dennoch befinden sich die Gewerkschaften in fast allen Ländern Westeuropas nachweislich in einer Krise. Es sind vielfach deutlich sinkende Organisationsgrade der Gewerkschaften zu beobachten. Genauso vielfältig wie die Ursachen für die Krise und deren Auswirkungen, sind auch die Strategien der Gewerkschaften, mit denen sie ihren Problemen zu begegnen versuchen.
In dieser Hausarbeit werden nach dieser Einleitung im zweiten Kapitel zunächst die grundlegenden Problemstellungen der gewerkschaftlichen Interessensartikulation und die Ursachen und Folgen der Krise der Gewerkschaften in Westeuropa thematisiert. Die Strukturen gewerkschaftlicher Organisation sind, wie sich zeigen wird, unabhängig von spezifischen nationalen Gegebenheiten, durch inhärente Spannungen geprägt. In den darauf folgenden Abschnitten des zweiten Kapitels werden dann die gewerkschaftlichen Herausforderungen und die Ausprägungen der Krise in Deutschland und Frankreich beschrieben. In diesen beiden Ländern ist basierend auf sich unterscheidenden strukturellen Gegebenheiten das gleiche Phänomen, namentlich der drastisch sinkende Organisationsgrad der Gewerkschaften, zu beobachten. Dennoch differieren die Auswirkungen dieses Phänomens in den beiden Ländern in erheblichem Maße. Das dritte Kapitel stellt im ersten Abschnitt das Repertoire gewerkschaftlicher Strategien zur Krisenbewältigung vor. Die unterschiedlichen strategischen Reaktionen auf die Krise in beiden Ländern werden dann wiederum in den darauf folgenden zwei Abschnitten behandelt. Im vierten Kapitel wird basierend auf den Erkenntnissen aus allen vorangegangen Themenkomplexen ein Fazit gezogen und ein Ausblick vorgenommen, bevor im letzten Kapitel die für die Anfertigung dieser Arbeit verwendete Literatur genannt wird.
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2 Gewerkschaftliche Herausforderungen 2.1 Grundlegende Problemstellungen
Gewerkschaften stehen als Vertretung der Arbeitnehmerseite mit der Arbeitgeberseite und mit der Politik und deren Vertretern in einer „face-to-face-Beziehung“. Sie sind Ansprechpartner der Politik und an der politischen Ausgestaltung beteiligt, treten aber ebenso häufig als Gegengewicht zur Politik auf. Gewerkschaften nehmen durch bestimmte Forderungen und Entscheidungen Einfluss auf den politischen Prozess. Diese Interaktionen vollziehen sich stets in einem bestimmten strukturellen Rahmen. Es stehen sich hierbei vor allem das Konzept des (Neo-)Korporatismus und das Konzept des Pluralismus gegenüber (Reutter 2001, 10). Für die Wirkungsrichtung einer Gewerkschaft sind dabei zwei Logiken, die den genannten strukturellen Prinzipien zu Grunde liegen, der entscheidende Faktor. Im (Neo-) Korporatismus besitzt die Einflusslogik Vorrang vor der Mitgliedschaftslogik. Im Pluralismus hat hingegen die Mitgliedschaftslogik Priorität. In der Einflusslogik wird der Anspruch von Verbänden deutlich, als Druck ausübende Institution, als so genannte „pressure group“, aufzutreten. Die Bündelung der Kräfte und Interessen mit dem Ziel der Einflussnahme steht hier also vor der Vertretung von Einzelinteressen, die durch die Mitgliedschaftslogik zum Ausdruck kommt. Beide Logiken, und damit beide strukturelle Prinzipien, weisen jedoch inhärente Spannungsfelder auf: Weder ist jedes (Einzel-) Interesse organisationsfähig, noch ist es möglich, aus vielen verschiedenen Einzelinteressen in jedem Fall ein kollektives Interesse zu artikulieren, insbesondere ohne dabei in Verhandlungen stets nur den kleinsten gemeinsamen Nenner als Ergebnis zu erzielen. Die Einflusslogik und die Mitgliedschaftslogik der Gewerkschaften sind fundamental von der Bereitschaft der Arbeitnehmer sich zu organisieren und damit letztlich von der Mitgliederzahl abhängig. Der fortschreitende Rückgang der industriellen Arbeiterschaft entzieht dabei den Gewerkschaften die gewohnte Rekrutierungsbasis. Dies ist zweifelsohne ein Grund für den eingangs erwähnten Rückgang des Organisationsgrades von westeuropäischen Gewerkschaften. Als Organisationsgrad wird der Anteil der Mitglieder, gemessen an einem theoretisch erreichbaren Mitgliederpotenzial in Prozent, bezeichnet. (Jansen 2001, 126). Es sei jedoch angemerkt, dass alle Zahlen tatsächlich aktiver Mitglieder nach unten
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korrigiert werden müssen, da in den Statistiken beispielsweise auch Rentner geführt werden. Die wachsende Unzufriedenheit der Gewerkschaftsmitglieder über erfolglose Tarifverhandlungen äußert sich wohl zunehmend durch Austritte. Der sinkende Organisationsgrad und der damit einhergehende Verlust an Mitgliedsbeiträgen erhöhen auch die finanziellen Probleme der Gewerkschaften. Überdies erschweren es die Europäisierungs- und Globalisierungsprozesse vor allem den kleineren nationalen Gewerkschaften Dominanz auszuüben. Der Europäische
Gewerkschaftsbund EGB mit Sitz in Brüssel ist als europäischer Dachverband eine mit wachsender Dominanz versehene Institution. Die Gewerkschaften vieler Länder stehen aktuell zusätzlich vor der großen Herausforderung, auf Veränderungen am Arbeitsmarkt reagieren zu müssen. Die sozialversicherungspflichtige Normalarbeit weicht zunehmend den temporären Beschäftigungsverhältnissen. Diesen stehen die Gewerkschaften einerseits immer noch ablehnend gegenüber, andererseits sind sie zunehmend auf die Rekrutierung von Mitgliedern aus diesen
Beschäftigungsverhältnissen angewiesen. Gewerkschaften weisen grundsätzlich Bindungen in zwei Richtungen auf; zum einen die Bindungen zu den Betriebsräten, zum anderen zu einem politischen Lager oder einer Partei. Besonders die politischen Bindungen lockern sich jedoch zunehmend. Dies hat zum Teil weit reichende Folgen, wie die Darstellungen der gewerkschaftlichen Krise in Deutschland und Frankreich in den folgenden zwei Abschnitten zeigen werden.
2.2 Situation der deutschen Gewerkschaften
Gewerkschaftlich sind in Deutschland aktuell nur noch etwa zwanzig Prozent der abhängigen Arbeitnehmer organisiert (Holst, Aust, Pernicka 2008, 161). Als dominante Dachverbände der Gewerkschaften fungieren insbesondere der DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund), aber auch der DBB (Beamtenbund und Tarifunion) und der Christliche Gewerkschaftsbund. Die großen Gewerkschaften, die dem DGB angeschlossen sind, sind aber nur partiell von den Dienstleistungen dieses Dachverbandes abhängig. So betreibt die IG Metall beispielsweise eine eigene Rentenpolitik (Reutter 2001, 86). Deutsche Gewerkschaften agieren im strukturellen Rahmen eines sozialpartnerschaftlichen Neo-Korporatismus, der jedoch kein stringentes, unumstößliches Konzept darstellt. Man kann diesbezüglich von einem
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Arbeit zitieren:
Nils Schmidt, 2008, Gewerkschaften in Deutschland und Frankreich, München, GRIN Verlag GmbH
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