__________________________________________________________________________________________ 2 Christine Vosseler Meier: Der Umgang mit Fremden - Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879 - 1935
Der Umgang mit Fremden
Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879 - 1935
1. Einleitung 4
2. Völkerschauen 4
2.1. Beschreibung der Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 4
2.2. Zurschaustellung von Fremden im Verlauf der Geschichte 6
3. Zeitgeist: Kultur- und Rassentheorien 6
4. Schlussfolgerungen 8
5. berufspraktische Relevanz 9
Literaturangaben 11
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Christine Vosseler Meier: Der Umgang mit Fremden - Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879 - 1935
Der Umgang mit Fremden - Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879 - 1935
1. Einleitung
Die Art und Weise wie wir mit Fremdem umgehen und wie wir uns gegenüber Menschen aus anderen Kulturen und Ethnien verhalten, ist geprägt von unserem Menschenbild, von unseren Werten und Normvorstellungen. Diese wiederum verändern sich im Laufe der Zeit und spiegeln den herrschenden Zeitgeist, die kulturellen Bedingungen. Kultur beschreibt die kohärenten, individuellen und gesellschaftlichen Handlungs- und Deutungsmuster und ist als Prozess zu verstehen, da sie sich laufend wandelt. Ethnos kommt aus dem Griechischen, bedeutet ursprünglich Volk und fasst die Mitglieder einer Ethnie zu einer kollektiven Identität zusammen (Duden 2007: 291).
In diesem Text gehe ich der Frage nach dem, den Völkerschauen zugrunde liegenden, Kulturverständnis und dem ihm innewohnenden Rassismus nach. Es wird sich zeigen, wie wichtig der historische Hintergrund für die Ausbildung der entsprechenden Theorien war. Nach einem Fazit werden die Schlussfolgerungen bezüglich der berufspraktischen Relevanz der Sozialen Arbeit gedeutet.
Völkerschauen sind die Zurschaustellungen von vorwiegend aussereuropäischen Menschen aus fernen, exotischen Ländern meist in Zoologischen Gärten. Diese Inszenierungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis vor den 2. Weltkrieg, mit einem Unterbruch während des 1. Weltkrieges, waren primär ökonomisch begründet. Im Schnitt wurden mit diesen Inszenierungen 20 - 25 % der Jahreseinnahmen des Zoologischen Gartens generiert (vgl. Staehelin 1993: 47). Seit Beginn erregten die Ausstellungen die grosse Aufmerksamkeit der Wissenschaftskreise (vgl. ebd.: 107). Wurden Völkerschauen von Wissenschaftlern damals als wissenschaftlich betrachtet, beurteilen wir sie heute als diskriminierend. Im Bewusstsein der Zeitgenossen scheint diese eher düstere Auseinandersetzung mit Menschen anderer Ethnizität nicht zu sein. Junge Menschen können sich diese Begebenheiten nicht vorstellen, die ältere Generation schweigt und verdrängt. In der wissenschaftlichen Literatur wird das Thema fast gar nicht aufgegriffen.
2. Völkerschauen
2.1. Beschreibung der Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel
Von 1879 bis 1935 wurden im Zoologischen Garten Basel einundzwanzig Völkerschauen gezeigt, diese dauerten zwischen 12 und 86 Tagen (vgl. Staehelin 1993: 11). Sie wurden mit „Rice-Hagenbecksche Nubier-Karavane“, „Austral-Neger Bonny“, „Negerdorf aus dem Senegal“, „Aussterbende Lippennegerinnen aus Zentralafrika“ oder „Hagenbeck’s anthropolo- __________________________________________________________________________________________ 4 Christine Vosseler Meier: Der Umgang mit Fremden - Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879 - 1935
gisch-zoologische Kalmücken-Ausstellung“ u.s.w. betitelt. An der Namengebung zeigt sich das ökonomische Interesse der Veranstalter. Die Schauen befriedigten das Bedürfnis der Besucher nach Exotik und auch nach Erotik, Frauen mussten sich oft mit entblösstem Oberkörper zeigen. Obwohl die Inszenierungen frei erfunden waren, vermittelten sie den Anschein die Lebenswelt anderer Kulturen darzustellen und suchten so den wissenschaftlichen Wert der Ausstellungen zu begründen. Oft bereisten die Truppen auch andere Schweizer Städte und tourten durch ganz Europa (vgl. ebd.: 156f). Verschiedene Impressarios übernahmen die Organisation, warben die Darstellenden an und setzten sie unter Vertrag. Über die Anwerbung und die Entlöhnung sind fast keine Quellen vorhanden. Es ist aber in den meisten Fällen davon auszugehen, dass die zur Schau gestellten Menschen nicht zwangsweise verschleppt wurden. Die ersten Darsteller, die an diesen Inszenierungen mitwirkten, waren Begleitpersonen bei Tiertransporten. Daraus entwickelten sich diese Völkerschauen mit und ohne Beteiligung von Tieren.
„Grösstenteils stammten die ausgestellten Menschen aus Afrika (16 Schauen), weniger häufig aus Russland (3 Schauen), Ceylon (2 Schauen) und Australien (1 Schau). Nicht alle gezeigten Menschen waren Bewohner europäischer Kolonien.“ (Staehelin 1993: 37f). Zu Beginn war die Grösse der Truppen noch relativ klein, zwischen sechs und zwanzig Personen, später wuchs sie bis zu sechzig bis siebzig Personen an (vgl. ebd.: 37). Da sie das „Familienleben“ darstellen sollten, wurde darauf geachtet, möglichst alle Altersgruppen und auch Angehörige beiderlei Geschlechts in der Truppe zu haben.
Die Bedingungen der Ausgestellten waren schrecklich. „Es kann nur darüber spekuliert werden, was die Ausgestellten empfunden haben mögen, halbnackt in einer im Zoo gelegenen Umzäunung aufzutreten, die von einer schaulustigen Menschenmenge umlagert wurde.“ (ebd.: 78). Auch wenn die zur Schau gestellten Menschen nicht in den zur Ausstellung gehörenden Hütten und Zelten übernachten mussten, waren die Unterbringungen schlecht und menschenunwürdig. Sie lebten zusammengepfercht in Holzhütten oder Ställen. 1891 wurde beispielsweise eine Gruppe von 30 Personen in einer Holzhütte, die 15m lang und 5m breit war, untergebracht (vgl. ebd.: 79). Diese miserablen Bedingungen trugen dazu bei, dass viele Mitglieder krank wurden und einige verstarben. Auch das Tragen landesüblicher Bekleidung, vor allem bei kalten Temperaturen und schlechter Witterung, war eine grosse Strapaze.
Die Völkerschauen sollten die Evolution mit allen Sinnen erfahrbar machen. Die Ausgestellten spielten ihr heimatliches Leben mit ihren Festen und Riten. Die Darbietungen bildeten aber nicht den reellen Alltag ab, sondern orientierten sich am Bild, das die europäischen Zuschauer von den Lebensumständen der zur Schau gestellten hatten (vgl. ebd.: 28f). Den Besuchern wurde so die „Überlegenheit“ der in Europa hervorgebrachten Zivilisation vermit-
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telt. Dieses eurozentristische und überhöhte Weltbild zeigt sich auch im Umgang der Wissenschaftler mit den ausgestellten Personen. Die wissenschaftlichen Untersuchungen waren äusserst intim und für die Untersuchten menschenverachtend und diskriminierend. Die Forscher ihrerseits waren von der Primitivität der Menschen überzeugt und registrierten die Schamgefühle der Untersuchten mit Erstaunen. Die Ausgestellten widersetzten sich teilweise den Vermessungen, was ihnen als mangelnde Intelligenz und als Ausdruck ihrer Primitivität zugeschrieben wurde (vgl. Staehelin 1993: 111f).
Das akademische Interesse an fremden Menschen nahmen professionelle Aussteller zum Anlass ihre anthropologischen Schauen zu organisieren. 1810 beispielsweise wurde in London die „Hottentot Venus“ zur Schau gestellt und von den Wissenschaftlern als missing link gefeiert (vgl. ebd.: 23). Missing link bezeichnet das fehlende Bindeglied zwischen Primaten und Wilden. „The most primitive savages became, in effect, the ,missing links' in human evolution, only one step higher than the ape-like Neanderthals. Evolutionism did not create this sense of a racial hierarchy, of course, but it provided a convienient justification for attitudes that already emerged as a consequence of white imperialism.” (Bowler 1989 in Gondermann, Thomas 2007: 264).
2.2. Zurschaustellung von Fremden im Verlauf der Geschichte
Die Zurschaustellung von Fremden und Andersartigen hat Tradition. In den Gladiatorenkämpfen des römischen Reiches wurden Menschen aus eroberten und besetzten Gebieten vorgeführt und mussten in der Arena um ihr Leben kämpfen. Seit jeher hielt sich der Adel Menschen anderer ethnischer Herkunft als Bedienstete. Im Mittelalter und in der Renaissance wurden Menschen, die anders waren, auf Jahrmärkten und am Hof vorgeführt. Mit den Entdeckungen kamen zunehmend Menschen aus anderen Kontinenten nach Europa. Seefahrer brachten, neben Pflanzen und Tieren, auch immer wieder Urbewohner der besuchten Gebiete mit nach Europa. Doch die Präsentation aussereuropäischer Menschen fand ihren unrühmlichen Höhepunkt und ihre unübertroffene Popularität im späten 19. Jahrhundert (vgl. Staehelin 1993: 21f).
3. Zeitgeist: Kultur- und Rassentheorien
Die geistige Situation im Europa des 19. Jahrhunderts ist vom herrschenden Glauben an Fortschritt und (Natur-) Wissenschaften geprägt. Eine relativistische Denkweise, welche die Auffassung vertrat, dass lediglich die Erkenntnis der Beziehungen und Verhältnisse zwischen den Dingen beschreibbar ist und die Entdeckung einer objektiven, vom erkennbaren Subjekt unabhängigen Wahrheit über das (An-sich-)Sein nicht möglich ist. Dies führt zu einer Ablehnung allgemein gültiger, verbindlicher moralischer Normen und sittlicher Werte (vgl. __________________________________________________________________________________________ 6 Christine Vosseler Meier: Der Umgang mit Fremden - Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel 1879 - 1935
Hillmann 2007: 745). „Ein Relativismus, der allg. ethische Werte leugnet und das Erkennen abhängig macht vom Stand der Forschung oder der geschichtlichen Situation …, von der individuellen Verfassung, der Gesellschaft oder der Klassenzugehörigkeit. Wissenschaftl. Haltung (vorurteilsloses krit. Denken, method. Disziplin) gilt als Ideal des mündigen Menschen …“ (Kinder/Hilgemann 1976: 64).
Die Aufklärung mit ihrer auf naturwissenschaftlicher Logik begründeter Rationalität (vgl. Melber 2000: 134) bildete den weltanschaulichen Hintergrund für eine Neuordnung der Gesellschaft, die sich bis ins 19. Jahrhundert fortsetzte. Die Industrielle Revolution, einhergehend mit der, für die kapitalistische Warenproduktion förderliche Plünderung der aussereuropäischen Ressourcen, brachte ein aufstrebendes Bildungsbürgertum hervor, welches selbstbewusst seine Stellung ausbaute und behauptete. Die Industrialisierung und die damit verbundene kapitalistische Wirtschaftsweise setzten sich immer mehr durch. Es galt Märkte und Territorien zu erobern. Einerseits wurden durch die Konsolidierung bürgerlicher Territorialstaaten Nationalstaaten gebildet, was zu einer ideologisch kompensatorischen Identifikation und somit zu einer kollektiven Selbstüberhöhung des nationalstaatlichen Bewusstseins führte (vgl. Melber 2000: 139) und so die hegemoniale Stellung des europäischen Bürgertums begründete. Anderseits kämpften die Grossmächte um die wirtschaftliche und politische Aufteilung der Welt und führten so die Kolonialpolitik des 16. - 18. Jahrhunderts fort (vgl. Kinder/Hilgemann 1976: 99). Es war das Zeitalter des Imperialismus von 1880 bis vor den 1. Weltkrieg. Mit eurozentristischem Weltbild und dem daraus resultierenden überhöhten Selbstwertgefühl begegnete Europa den andern Kulturen. Die eigenen Werte und Normen wurden über diejenigen von andern erhoben und in herablassender Weise verglichen.
Im 19. Jahrhundert drängten deutsche Forscher, Missionare und Händler verstärkt in fremde Kontinente vor. Nach ausgedehnten Reisen in ferne Länder veröffentlichte 1859 Charles Darwin sein Werk On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life (Die Entstehung der Arten). Darin wurde der Evolutionsprozess als natürliche Selektion beschrieben und legitimierte somit das Recht des Stärkeren (vgl. Hillmann 2007: 206). Die meisten Entwicklungsmodelle des 19. Jahrhunderts verbanden die kulturelle Entwicklung mit biologischen Faktoren (vgl. Staehelin 1993: 107). Dieser anfangs biologisch begründete Ansatz wurde auf gesellschaftliche Phänomene übertragen und fand ihren Niederschlag in den Theorien des Sozialdarwinismus (Taylor). Entwicklung wurde als „Zivilisationsprozess [verstanden,] als ‚Prozess der fortschrittsbezogenen Selbstbemächtigung des Menschen’ (Wulf 1985, zit. nach Melber 2000: 134), der diesen Menschen im Namen des Fortschritts diszipliniert und ihn der Nützlichkeit und der Ökonomie unterwirft“ (Melber 2000: 134). Menschen wurden somit als nützlich oder nutzlos klassifiziert.
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Die unterschiedlichen Kulturen wurden als verschiedene Stadien einer allgemeinen Evolution interpretiert (vgl. Staehelin 1993: 107). Es wurde angenommen, dass Gesellschaften zuerst auf einer tiefen „primitiven“ Stufe stehen; Rousseau spricht von „edlen Wilden“, die sich noch im Naturzustand befinden. In einem Evolutionsprozess entwickeln sich die „Unzivilisierten“ Stufe um Stufe weiter, um am Ende die höchste Stufe, die der des industrialisierten Europas oder Amerikas entspricht, zu erreichen (Spengler). Gesellschaften, denen Menschen anderer ethnischer Herkunft angehören, werden so zu Vorstufen der eigenen Entwicklung erklärt (vgl. Melber 2000: 137). Diese Menschen wurden „wissenschaftlich“ untersucht und Unterschiede zur eigenen europäischen Kultur herausgearbeitet (Differenzlinien definiert). Empirismus (Methoden der Beobachtung und des Experimentierens (vgl. Hillmann 2007: 181)) und Positivismus (Beschränkung auf das Tatsächliche, Wirkliche, Ablehnung jeglicher Metaphysik (vgl. Hillmann 2007: 692)) bildeten den methodisch-theoretischen Bezugsrahmen dieser rationalen, d. h. überprüfbaren wissenschaftlichen Methoden. Klassifizieren, Vermessen und Beschreiben waren die, als objektiv verstandenen, Tätigkeiten der verschiedenen Disziplinen, welche auf ethische und moralische Wertung verzichteten. Die Auswertung der Daten führte zu einer Klassifikation der Menschen in verschiedene Rassen. Ein ursprünglich aus der Biologie entlehnter Begriff, der auf soziologische Phänomene übertragen wurde. Das Konzept der Rasse begründete „wissenschaftlich“ die hegemoniale Stellung der europäischen Weissen gegenüber Angehöriger anderer ethnischer Herkunft. Damit wurde innerhalb der neuen Territorialstaaten ein Nationalbewusstsein gefördert und durch die Betonung der Unterschiede zwischen der eigenen Kultur (Zivilisation) und der Kultur der Angehörigen anderer Ethnien (die sich auf vermeintlich niederen Stufen befinden) die eigene hegemoniale Stellung begründet. Diese überhöhte koloniale Sichtweise und das relativ neue Nationalbewusstsein, welche das Gefühl einer eigenen, starken Nation voraussetzen, wurden durch die Abgrenzung gegenüber Anderen, Fremden aufgebaut. Später mündete diese Entwicklung in die Theorien der Eugenik, mit welcher im 3. Reich die Überlegenheit der arischen Rasse begründet wurde.
4. Schlussfolgerungen
Das Europa des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts befand sich in einem Wandel. Die Industrialisierung brachte ein Bürgertum hervor, das seine Stellung innerhalb der Gesellschaft festigen musste und nach Legitimierung suchte. Die Kolonialisierung der Welt durch die europäischen Nationalstaaten, die noch jung waren und erst ein Nationalbewusstsein generieren mussten, wie auch die, von (ökonomischen) Nutzen geprägte, eurozentristische Haltung, fanden in den sozialdarwinistischen Theorien hinreichend Gründe zur Rechtfertigung ihres, aus heutiger Sicht überhöhten Status.
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Ethnizität als Phänomen symbolischer, struktureller Unterscheidung setzt Vergleich voraus. Eine ethnische Gruppe kann nur im Verhältnis zu einer andern verstanden werden (vgl. Feischmidt 2007: 51f). Diese Grenzziehung‚ ’wir und die Andern’, birgt die Gefahr, den Fokus zu stark auf Differenzen zu legen und vergisst, dass Menschen über kulturelle, ethnische Unterschiede hinaus, in vielen Bereichen ähnlich strukturiert sind und ihr Verhalten individuell geprägt ist. Die dem Rassismus zugrundeliegende Betrachtungsweise von Fremden als Kollektiv und die damit verbundene Verallgemeinerung von Zuschreibungen ist keine Aus-einandersetzung von Individuum zu Individuum und führt meist zu Stigmatisierung. Diese Zuschreibungen werden aufgrund der aktuellen Normen und Werte getätigt, sind somit kulturabhängig und unterliegen dem Zeitgeist.
Wie hartnäckig sich die Vorstellung europäischer Überlegenheit halten und in Rassismus mündet zeigt das folgende Zitat aus dem Jahr 1985. Der Redner war der damalige Präsident des deutschen Bundesverfassungsgerichts:
„Der durchschnittliche afrikanische Massenmensch, der
unerzogen im Busch lebt, hat noch nicht die Entwicklungsstufe der Abstraktionsfähigkeit erreicht. Und wir wollen ihnen unser in 2000 Jahren geformtes Modell der Staatskunst aufzwingen ohne Rücksicht auf die Aufnahmefähigkeit! Das wäre ja so, als ob man einen Säugling, der drei Tage alt ist, mit Rumpsteak und pommes frites füttert!“ (Ress 1986 in Melber 2000: 132)
5. Berufspraktische Relevanz
Der Umgang mit Menschen anderer ethnischer Herkunft ist anspruchsvoll und benötigt ständige (Selbst-)Reflexion. Dass wir KlientInnen aus andern Kulturkreisen anders begegnen, mag uns einsichtig erscheinen, doch dadurch, dass wir Menschen z. B. mit Migrationshin-tergrund speziell behandeln, schliessen wir sie aus. Ein solches Verhalten ist an sich, auch wenn es gut gemeint ist, diskriminierend.
Um adäquat Menschen anderer ethnischer Herkunft beziehungsweise mit andern kulturellen Hintergründen zu begegnen, sollten Sozialarbeitende interkulturelle Kompetenzen entwickeln. Nach Fischer (vgl. Fischer et al. 2006) umfassen diese vier Ebenen: 1. Eine globale Ebene, welche unterschiedliche ethnische und kulturelle Faktoren (weltweit) beleuchtet. 2. Eine gesellschaftliche Ebene. 3. Eine institutionelle Ebene, in welcher der Kontakt, beziehungsweise das Hilfe- und Unterstützungsangebot, stattfindet. 4. Die Ebene der Sachaufgabe, die wiederum in eine Wir, beratende Person und KlientIn, und Ich, Sozialarbeitende, unterschieden werden kann. Auf jeder Ebene können kulturelle Unterschiede ausgemacht werden. Nach Hofestede (1991) sind dies: 1. Machtgefälle, 2. Individualität versus Kollektivität, 3. Männlich versus weiblich, 4. Unsicherheitsvermeidung, 5. Langfristige versus kurzfristige Orientierung.
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(Selbst-)Reflexion anhand dieser Kriterien hilft Sozialarbeitenden Menschen aus andern Kulturen unvoreingenommen und professionell zu begegnen. Weiter dienen als Richtlinien die Menschenrechte der Uno: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Geschwisterlichkeit begegnen.“ (Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. UNO-Resolution 217 A (III) vom 10. Dezember 1948: Art 1).
Sozialarbeitende sollten sich ihres eigenen Menschen- und Weltbildes bewusst und sich gewahr sein, dass eine objektive Beurteilung und Beschreibung eines Sachverhaltes nicht möglich ist, da sie auf einem Werte- und Normensystem aufbaut, das sich laufend weiterentwickelt und vom aktuellen Zeitgeist und der Kultur abhängig ist. Daher ist ein achtsamer Umgang mit Beschreibungen und Reflexionen über Menschen mit andern kulturellen Hintergründen und anderer ethnischer Herkunft (und nicht nur bei diesen Menschen, sondern generell) wichtig. Hinzu kommt, wie aus der Vergangenheit zu ersehen ist, dass Wissenschaftlichkeit nicht zwangsläufig ethisch vertretbar ist.
Zuletzt noch ein Zitat von Wallerstein, das m. E. deutlich aufzeigt, dass das Besserwissen von Angehörigen der westlichen Welt nur eine andere Form des Rassismus ist:
„Daneben gibt es jedoch eine anspruchsvolle Spielart
des Rassismus, die nicht mehr auf Hass, sondern auf Verachtung baut, die nicht auf Emotionen, sondern an den Intellekt appelliert. So etwa die Vorstellung der Intellektuellen in den Zentren des Weltsystems, ihre Ideen und Thesen besässen universelle Geltung, würden Zeit und Raum transzendieren und seien ebenso unparteiisch wie überzeitlich. So sehr die Entwicklung vom göttlichen Gesetz zum Naturrecht als Emanzipation und Liberalisierung zu begrüssen gewesen sein mag, schuf sie jedoch die logische Grundlage für einen Kulturimperialismus, der sich in das Gewand strikter Wissenschaftlichkeit kategorischer Imperative hüllte.“ (Wallerstein 1986 in Melber 2000: 155)
Dass auch Professionelle der Sozialen Arbeit in ihrem Bemühen Benachteiligten zu helfen und diese zu unterstützen, von ihren Konzepten und Hilfeangeboten solchermassen überzeugt sein können und in bestgemeinter Absicht jenen von Wallerstein genannten Kulturimperialismus praktizieren, ist nicht auszuschliessen und sollte uns gemahnen unsere Haltung laufend zu reflektieren.
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Literaturangaben
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: beschlossen und verkündet von der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948.
Bowler, Peter J. (1989) in Gondermann, Thomas (2007). Evolution und Rasse: theoretischer und institutioneller Wandel in der viktorianischen Anthropologie / Thomas Gondermann. Bielefeld: Transcript.
Duden. Das Fremdwörterbuch. Bd. 5, 9. aktual. Ausgabe (2007). Mannheim: Dudenverlag.
Feischmidt, Margrit (2007). Ethnizität - Perspektiven und Konzepte der ethnologischen Forschung. In Schmidt-Lauber, Brigitta (Hrsg.) (2007)Ethnizität und Migration: Einführung in Wissenschaft und Arbeitsfelder. Berlin: Dietrich Reimer.
Fischer, Veronika/Springer, Monika/Zacharaki (Hrsg.) (2006). Interkulturelle Kompetenzen zu: Fortbildung - Transfer - Organisationsentwicklung. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag.
Hillmann, Karl-Heinz (2007). Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Kröner.
Kinder, Hermann/Hilgemann, Werner (1976). dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Bd. II. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG.
Melber, Henning (2000). Rassismus und europäisches Zivilisationsmodell: Zur Entwicklungsgeschichte des kolonialen Blicks. In Räthzel, Nora (Hrsg.). Theorien über Rassismus. Hamburg: Argument Verlag.
Ress (1986) in Melber, Henning (2000). Rassismus und europäisches Zivilisationsmodell: Zur Entwicklungsgeschichte des kolonialen Blicks. In Räthzel, Nora (Hrsg.). Theorien über Rassismus. Hamburg: Argument Verlag.
Staehelin, Balthasar (1993). Völkerschauen im Zoologischen Garten Basel: 1879-1935. Basel: Basler Afrika Bibliographien.
Wallerstein, Immanuel (1986). In Melber, Henning (2000). Rassismus und europäisches Zivilisationsmodell: Zur Entwicklungsgeschichte des kolonialen Blicks. In Räthzel, Nora (Hrsg.). Theorien über Rassismus. Hamburg: Argument Verlag..
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