Inhalt
1. Einleitung. 3
2. Erinnern und Vergessen: Zum Unterschied von Gedächtnis und Geschichte 4
2.1. Vergangenheit als soziales Konstrukt 4
2.2. Kollektives Gedächtnis nach Aleida Assmann. 5
2.3. Gedächtnis und Geschichte 6
3. Japan: Geschichte und Patriotismus 9
3.1. Das japanische Geschichtsbild 9
3.1.1. Kollektive Identität als Antwort auf gesellschaftliche Unsicherheit 9
3.1.2. Debatte um Patriotismus und Geschichtsrevision 11
3.1.3. Japan im Krieg: Betonung der Opferrolle 13
3.1.4. Versuch einer Revision des japanische Geschichtsbilds. 14
3.2. Okinawa 15
3.2.1. Annexion und Assimilierung: Ryûkyû shobun 16
3.2.2. Okinawa im Zweiten Weltkrieg. 18
4. Bewahrung der Erinnerung an den Taifun aus Stahl 21
4.1. Organisation von Geschichte und Reproduktion von Erinnerung in Okinawa. 21
4.2. Darstellung von Geschichte: Der Schulbuchstreit im Fall Okinawa 23
4.3. Okinawas kollektives Gedächtnis und Japans nationales Gedächtnis im Widerspruch
26
5. Ausblick 27
Literatur 28
Verwendete Abkürzungen
JT /JJMM/TT The Japan Times Online Articles. Datumsangabe im Format
Jahr /Monat/Tag
1. Einleitung
Erinnern ist ein Prozess der Selektion. Im Vergleich zum Vergessen stellt er eher die Ausnahme als die Regel dar. Daraus kann man die grundsätzliche Frage ableiten, unter welchen Bedingungen erinnert wird oder anders gesagt: Weshalb bestimmte Ereignisse im Gedächtnis bleiben und andere nicht. Von Interesse ist dabei auch die weiterführende Problemstellung, wie sich Vergangenheit, die sich zunächst in Form von Gedächtnis, d.h. als von subjektiven Erinnerungen geprägtes Gebilde darstellt, zu einer allgemein akzeptierten Historiographie entwickelt.
Zunächst wird die Arbeit in das Konzept von Gedächtnis als Produkt von Erinnern und Vergessen einführen, um anschließend genauer auf den Unterschied zwischen Gedächtnis und Geschichte einzugehen. Hauptsächlich gestützt ist dieser erste Teil auf die Arbeit von Aleida Assmann (2007), in der ältere Ansätze der Gedächtnisforschung aufgegriffen, verarbeitet und zusammen gefasst sind und in der die verschiedenen Ebenen deutlich werden, auf denen Gedächtnis ausgebildet wird.
Anschließend wird dieser theoretische Rahmen auf die Konstruktion von Geschichte in Japan angewendet. In der seit Jahrzehnten hitzig geführten Debatte um das japanische Geschichtsbild lassen sich exemplarisch die Spannungen zwischen Geschichte als objektivierter Historiographie und Geschichte im Sinne eines identitätsstiftenden Gedächtnisses beobachten. Die sog. Patriotismus-Debatte stellt sich als ein Versuch der Konservativen dar, die japanische Vergangenheit für die Durchsetzung von politischen Zielen zu instrumentalisieren, indem Geschichte durch Gedächtnis ersetzt werden soll. Eine aktuelle Ausprägung dieser Debatte ist im jüngsten Wiederaufflammen des Streites um Schulbücher zu erkennen. Spätestens seit den 1980er Jahren ist dieser Streit ein Feld der Auseinandersetzung zwischen der geschichtsrevisionistischen Rechten und Vertretern einer an objektivierten Fakten ausgerichteten Geschichtswissenschaft. Diese Arbeit wird sich auf einen Teilaspekt dieses Streites beziehen, namentlich auf die Ereignisse während der Schlacht um Okinawa. Konkret ist damit das Verhalten der kaiserlichen japanischen Armee angesprochen, die in einer Vielzahl von Fällen von der Zivilbevölkerung Okinawas verlangte, bei Eintreffen der feindlichen amerikanischen Truppen Selbstmord zu begehen. Das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung Okinawas enthält seine entscheidende Prägung aber nicht nur durch die einschneidenden traumatischen Erlebnisse am Ende des Zweiten Weltkriegs und das daraus resultierende Bewusstsein, durch die oder in der Schlacht um Okinawa zum Opfer des japanischen Militarismus geworden zu sein. Elementarer Bestandteil ist ferner die dem Krieg vorausgehende, als „Beseitigung der Ryûkyûs “ (Ryûkyû shobun) bezeichnete Annexion des ehemals eigenständigen Königreichs zur japanischen Provinz im Jahre 1879. Okinawas kollektives Gedächtnis gründet sich daneben auf weitere historische Ereignisse, bei denen Okinawas Bewohner unter der von der japanischen Zentralregierung verfolgten Politik zu leiden hatten.
Die negative Besetzung der kaiserlichen japanischen Armee und damit in Teilen auch der Regierung in Tôkyô rührt aus diesem Opfer-Bewusstsein her, ist damit also letztlich durch das kollektive Gedächtnis verursacht. Gleichzeitig läuft es der derzeit sichtbaren Tendenz in der Patriotismus-Debatte entgegen, das geschichtliche Bild Japans inklusive dem der Armee in positivem Licht erscheinen zu lassen. Im Spannungsfeld zwischen Geschichte und Gedächtnis wird in dieser Arbeit mithin auch die Frage angesprochen, ob sich ein nationales Gedächtnis herausbilden kann, wenn das kollektive Gedächtnis eines Teils der Bevölkerung demjenigen widerspricht, das ein anderer Teil der Gesellschaft als allgemein gültig postuliert und mit Hilfe der Regierung als nationales Gedächtnis von oben zu oktroyieren versucht.
2. Erinnern und Vergessen: Zum Unterschied von Gedächtnis und Geschichte
2.1. Vergangenheit als soziales Konstrukt
Nach der vom „Patron der Gedächtnisforschung“ (A. Assmann: 25) Maurice Halbwachs schon in den 1920er Jahren entwickelten Theorie von der „sozialen Konstruktion der Vergangenheit “ (J. Assmann: 34) wächst das individuelle Gedächtnis dem Menschen erst im Verlauf seiner Sozialisation zu. Es wird durch seinen sozialen Bezugsrahmen konstituiert und erhalten: Erinnerungen entstehen durch Kommunikation mit anderen, d.h. durch Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen. Halbwachs bezeichnet diese sozial geprägte Strukturierung und Organisation von Erinnerung als „sozialen Rahmen “ (zit. n. J. Assmann: 35). Kollektive bestimmen also in ihrem jeweiligen sozialen Bezugsrahmen das Gedächtnis ihrer Glieder. Die Individualität des persönlichen Gedächtnisses ergibt sich dabei aus der Eingebundenheit in verschiedene soziale Gruppen und der damit verbundenen Teilhabe an deren jeweiligem kommunikativen Prozess (J. Assmann: 36f).
Bevor etwas ins Gedächtnis eingeht, bedarf es der Verknüpfung von konkreten Ereignissen, Personen oder Orten mit einem abstrakten Sinn. Erst aus dieser Kombination von „Begriffen und Erfahrungen“ (J. Assmann: 38) entstehen Erinnerungsfiguren, die stets konkret auf eine kollektiv erlebte Zeit und einen belebten Raum bezogen sind. Orte sind als Schauplätze von Interaktion gleichzeitig Symbol für die Identität einer Gruppe und damit Anhaltspunkt für ihren Erinnerungsrahmen, so dass Erinnerungsfiguren immer auch auf ein Kollektiv bezogen sind (J. Assmann: 38f).
Von der Vergangenheit bleibt aber nur, „was die Gesellschaft in jeder Epoche mit ihrem jeweiligen Bezugsrahmen rekonstruieren kann“ (Halbwachs, zit. n. J. Assmann: 40). Wenn sich also der Bezugsrahmen verändert oder verschwindet, wird das Gewesene „reorganisiert“, indem die Vergangenheit anderer als der bisher bestimmenden Gruppe
maßgeblich wird (J. Assmann: 42). Ins Vergessen gerät dagegen, was nicht mehr kommuniziert wird oder nicht mehr kommunizierbar ist. Das bedeutet auch, dass es keine reinen Fakten der Erinnerung geben kann, sondern im Gedächtnis nur subjektiv geprägte Ereignisse bleiben, die durch den Selektionsprozess von Erinnern und Vergessen als erinnerungswürdig eingestuft wurden (J. Assmann: 36f).
2.2. Kollektives Gedächtnis nach Aleida Assmann
Eine Ausdifferenzierung und Fortentwicklung dieses Ansatzes findet sich in den vier Gedächtnisformationen von Aleida Assmann. „Individuelles Gedächtnis “ ist demnach „das dynamische Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung “, das sie im Rückgriff auf Halbwachs wegen seiner sozialen Bedingtheit auch als kommunikatives Gedächtnis bezeichnet. Die zeitliche Dauer des individuellen Gedächtnisses ist begrenzt durch den Wechsel der Generationen. Es existiert, solange ein persönlicher Austausch stattfinden kann. Nach drei bis fünf Generationen wird es je durch ein neues „Drei-Generationen-Gedächtnis “ ersetzt (A. Assmann: 25).
Auch das „soziale Gedächtnis “ ist durch Generationenfolge bedingt. „Jeder Mensch ist in seiner Altersstufe von bestimmten historischen Schlüsselerfahrungen geprägt “ (A. Assmann: 26), und so unterscheidet sich mit der Jahrgangskohorte auch der Zugang zur Vergangenheit. Die im Abstand von ca. 30 Jahren statt findenden Generationswechsel setzen nach und nach eine neue, durch andere Erfahrungen geprägte Erinnerungskultur an die Stelle der vormaligen (A. Assmann: 26f).
Individuellem und sozialem Gedächtnis ist somit die zeitliche Begrenzung gemein. Beide lassen sich aufgrund der Bindung an Kommunikation und Interaktion nicht verlängern. Assmann spricht daher an dieser Stelle auch vom „ ‘ Kurzzeitgedächtnis’ der Gesellschaft “ (A. Assmann: 28).
Anders stellt sich das „kollektive Gedächtnis “ dar. In Abgrenzung zur Begrifflichkeit bei Maurice Halbwachs, dessen Konzept in die Begriffe des individuellen und sozialen Gedächtnis überführt ist, meint kollektives Gedächtnis bei Aleida Assmann das Bild, welches sich eine Gesellschaft von ihrer Vergangenheit macht (A. Assmann: 30f). Es beruht auf Symbolen und Bildern (auch Erzählungen, Orten, Denkmälern, Ritualen), die Denkweisen und Wertsysteme übermitteln und nachfolgende Generationen so auf eine gemeinsame Erinnerung festlegen. Dadurch stiftet das kollektive Gedächtnis Identität und bringt Loyalitäten hervor (A. Assmann: 35f).
Dass diese Bilder aus ihrem historischen Kontext gelöst sind und der von ihnen transportierte Bedeutungsgehalt konstruiert ist, macht sie nicht zwangsläufig zu Mitteln der Manipulation (A. Assmann: 30f). Vielmehr zeigt sich dadurch „[eine irreduzible] Angewiesenheit des Menschen auf Bilder und kollektive Symbole“ (A. Assmann: 30). Im kollektiven Gedächtnis werden historische Erfahrungen verarbeitet, gedeutet und angeeignet, gehen auf materielle
Träger über und werden als Kulturgüter am Leben gehalten oder in politischen Institutionen verankert (A. Assmann: 37f).
Für Nationen ist ein kollektives Gedächtnis konstituierend: Eine gemeinsam angeeignete Vergangenheit ist als Grundlage und Ausgangspunkt für die zukünftige Entwicklung ein „zentrales affektives Band“ für den nationalen Zusammenhalt (A. Assmann: 43). In diesem Sinne bezeichnet Assmann das kollektive Gedächtnis auch als „politisches “ und führt als Beispiel dafür das „nationale Gedächtnis “ an (Assmann 2007: 37). Hier steht „Geschichte im Dienst der Identitätsbildung“ (A. Assmann: 37), indem Ereignisse mythologisiert werden. „ Mythen “ vereinfachen historische Zusammenhänge zu „zeitenthobenen Geschichten“, die in einer Gesellschaft so lange präsent bleiben, bis sie Selbstverständnis und Ziele des Kollektivs nicht mehr in der gewünschten Weise abbilden und damit ihre Funktion verlieren (A. Assmann: 40). 1
Auch das ebenfalls kollektive „kulturelle Gedächtnis “ ist auf symbolische Speichermedien angewiesen und bildet so neben dem politischen Gedächtnis eine Art „soziales Langzeitgedächtniss “ (A. Assmann: 57). Seine „Bestände“ lagern im „Speicher- “ und im „ Funktionsgedächtnis “ einer Gesellschaft, in die sich das kulturelle Gedächtnis teilt. Ähnlich dem Unterschied zwischen dem Fundus eines Museums und dem, was ausgestellt wird, wird im Speichergedächtnis das bewahrt, was außerhalb des gegenwärtigen Bezugsrahmens liegt und so in keiner unmittelbaren Beziehung mehr zur eigenen Identität und Erfahrungswelt steht. Andererseits schärft das Speichergedächtnis so den Blick für historische Unterschiede. Das Funktionsgedächtnis, gewissermaßen als Auswahl aus dem Speichergedächtnis, erhebt dagegen den Anspruch, dass sein Bestand auch für die Gegenwart relevant sei (A. Assmann: 54-58). Im Gegensatz zum politischen Gedächtnis steht hier bei der Aneignung von Geschichte die persönliche Auseinandersetzung anstelle kollektiver Rituale und normativer Verbindlichkeit, denn für den Bestand des Funktionsgedächtnisses existiert grundsätzlich eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten. „Während das politische Gedächtnis zur Vereinheitlichung und Instrumentalisierung tendiert, widersetzt sich das kulturelle Gedächtnis aufgrund seiner medialen und materiellen Beschaffenheit solchen Engführungen. Seine Bestände lassen sich niemals rigoros vereinfachen.“ (A. Assmann: 58).
2.3. Gedächtnis und Geschichte
Von zentraler Bedeutung ist für das kollektive als auch das individuelle Gedächtnis neben dem Erinnern vor allem das Vergessen. Maurice Halbwachs beschrieb, wie der Teil der
1 Es wäre vereinfachend, in diesem Prozess der Mythenbildung schlicht eine Verfälschung historischer Fakten zu sehen, wenngleich dies häufig der Fall ist. Vielmehr bedeuten Mythen, dass die Mitglieder einer Gruppe sich die eigene Geschichte „affektiv aneignen“ und die Vergangenheit dadurch mit der Gegenwart verknüpft wird. Sie erhält dadurch eine über die historischen Tatsachen hinaus gehende Bedeutung und wirkt so als Orientierungspunkt für die Zukunft (A. Assmann: 40f).
Vergangenheit vergessen wird, der für die Gegenwart nicht mehr rekonstruierbar ist (s.o.). Gedächtnis als Produkt von Erinnern und Vergessen erfüllt damit die wichtige Funktion, durch Vergessen „das Relevante vom Irrelevanten, das Lebensdienliche vom Nichtlebensdienlichen “ (A. Assmann: 36) zu trennen. Es ist notwendigerweise selektiv und perspektivisch, damit nicht durch eine ungefilterte Fülle von gespeicherten Erfahrungen und Ereignissen die eigene Identität aufgeweicht oder gar nicht erst herausgebildet wird. Dies würde die Funktion von Gedächtnis beeinträchtigen, in der Gegenwart Orientierungshilfe zu leisten. (A. Assmann: 36f).
An dieser Stelle besteht ein grundlegender Unterschied zum Idealziel der „Objektivität “, wie es sich in der modernen Geschichtswissenschaft während des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Die Historiographie nimmt aus einer Meta-Perspektive heraus auch solche Ereignisse auf, die außerhalb kollektiver Identitäten stehen. Geschichtsschreibung wird so zum neutralen Verwalter eines universalen geschichtlichen Wissens (A. Assmann: 44f). Dieser Gedanke geht wiederum auf Halbwachs zurück, der Geschichte als einen „ ‘identitätsabstrakten’ Tableau“ beschrieb. Es steht in der zeitlichen Abfolge nach dem Gedächtnis, setzt also erst dann ein, wenn Vergangenheit nicht mehr vom kollektiven Gedächtnis einer Gruppe besetzt wird. Es objektiviert die verschiedenen kollektiven Gedächtnisse, indem es Fakten von Mythen abstrahiert und als chronologisches und örtliches Muster bewahrt. Im Gegensatz zum Gedächtnis und seiner identitätsstiftenden Betonung von Kontinuität bildet es damit vor allem Differenzen und Diskontinuität ab, wobei alle Ereignisse und Prozesse gleichermaßen wichtig sind (J. Assmann: 42f).
Für die in den schriftlichen Diskurs verlagerte Geschichtsschreibung mit ihrem Anspruch der Objektivität war die Verwendung von persönlicher Erinnerung als Quelle über lange Zeit ein Tabu:
„[Der Historiker] bemühte sich im Gegenteil, an den notorisch verfälschenden und stets parteiischen und partiellen subjektiven Erinnerungen vorbei ein objektives Bild der Vorgänge zu rekonstruieren. Erinnerung und Gedächtnis waren die Widersacher des wissenschaftlichen Historikers. “ (A. Assmann: 47)
Mit einer solchen Objektivität sollte dem Manko abgeholfen werden, dass Geschichte in der Vergangenheit stets Zwecken der Herrschaftslegitimation gedient hatte. Seit der Antike war Geschichtsschreibung vorrangig die Aufgabe zugefallen, ein kollektives Gedächtnis aufzubauen, welches „als ‘Dienerin der Autorität’ das Fundament eines politischen Gemeinwesens legte und die Machtinteressen der Herrschenden in der jeweiligen Gegenwart stützte“ (A. Assmann: 44).
Aus dem Blick geriet bei der Setzung von Objektivität als Idealziel, dass dem Positivismus in der historischen Forschung Grenzen gesetzt sind. So ist mündliche Überlieferung oft die einzig vorhandene Quelle etwa für die Erforschung von indigenen Völkern, in deren Erinnerungskulturen Geschichte und Gedächtnis meist miteinander verknüpft sind. Dieser
Zwiespalt bewegt die geschichtswissenschaftliche scientific community seit den 1980er Jahren auch auf internationaler Ebene. Er drückt sich aus in Fragestellungen zu postmodernen Themenkomplexen wie der Vielzahl und Vielgestaltigkeit von historischen Quellen, Material und Akteuren, der Beziehung zwischen Geschichte und Erinnern sowie dem Verhältnis zwischen historischer Wahrheit einerseits, Darstellung als auch Erzählen von Geschichte andererseits (Richter: 16, 22). Entscheidenden Anstoß zur Debatte in Deutschland gab dabei der sog. Historikerstreit 2 , der gleichzeitig eine Wende in der Wahrnehmung der Aufgaben von Geschichtswissenschaft brachte (A. Assmann: 49).
Inzwischen gilt ein objektiver historischer Ablauf von Ereignissen nicht mehr als unvereinbar mit subjektiven Erfahrungen und Erinnerungen. Zeitzeugenberichte ergänzen die Geschichte um ihre individuellen Perspektiven und können damit sogar zum Auslöser von Geschichtsschreibung werden. Von historiographischer Bedeutung sind persönliche Erinnerungen als „Monumente für die Perspektive der Opfer selbst “ (A. Assmann: 49). Ferner weckt es auch das Interesse an der Vergangenheit, wenn „der Makrogeschichte Mikrogeschichten zur Seite gestellt werden“ (Richter: 18).
Neben die „kritisch aufklärende“ Funktion von Historiographie ist demnach die ethische getreten: In einer neuen Form der Geschichtsschreibung dient sie auch dazu, dass eine Gesellschaft sich über ihre eigene Vergangenheit Rechenschaft ablegt, indem diese sowohl objektiv-geschichtswissenschaftlich untersucht und als auch mit Elementen des Gedächtnisses ergänzt wird. Individuelles Erleben und die damit verbundene Emotionalität ergänzen objektives Wissen um Ereignisse. Dadurch wird Geschichte als Gedächtnis zur moralischen Orientierungshilfe (A. Assmann: 50). Damit verbunden ist die Anerkennung mündlicher Überlieferung als ernstzunehmende, seriöse Quelle, wodurch sich das Feld der geschichtswissenschaftlichen Forschung um Fragen der Gedächtnispolitik und offizieller Kommemoration erweitert (A. Assmann: 48).
Es bleibt festzuhalten, dass zwischen Gedächtnis und Geschichte zwar Überschneidungen bestehen, jedoch ein grundsätzlicher Unterschied besteht. Geschichte beinhaltet den Anspruch, objektiv und absolut gültig zu sein. Gleichzeitig erscheint sie aber als Konglomerat von verschiedenen kollektiven Gedächtnissen, wobei von weiter zurückliegender Vergangenheit vor allem das Gedächtnis derer geblieben ist, die den Zeitgeist beherrschten und so ihre Sicht der Ereignisse am wirksamsten festhalten konnten. Da sich das individuelle als auch das kollektive Gedächtnis im Zusammenspiel von Erinnern und Vergessen herausbilden, sind im Vergleich zur Gegenwart angesichts der „Vielfalt an Material, Quellen und Akteuren“ sowohl das Gedächtnis als auch die im Gedächtnis
2 Der Begriff „Historikerstreit“ bezeichnet eine kontroverse Debatte unter deutschen Historikern, Philosophen und Journalisten über eine angemessene geschichtliche Würdigung des Nationalsozialismus und insbesondere des Holocaust. Ausgelöst wurde sie 1986 durch Jürgen Habermas, der in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (11.7. 1986) einer Gruppe von Historikern, dabei besonders Ernst Nolte vorwarf, das nationalsozialistische Regime und seine Verbrechen zu relativieren. Die Diskussion betraf darüber hinaus auch weitergehende Themenbereiche: Bestimmung des zeitgenössischen Geschichtsbewusstseins und Aufgabe von Geschichtswissenschaft und Geschichtsschreibung.
Arbeit zitieren:
Thomas Güde, 2008, Erinnern an Okinawa, München, GRIN Verlag GmbH
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