Inhalt
1. Einleitung 1
2. Fortschreitende Säkularisierung sowie globale Rückkehr der Religion 2
3. Globalisierung als neue Herausforderung für die Religionen 3
4. Religion als historischer und politischer Faktor 6
5. Das Gewalt- und Friedenspotential von Religionen 8
6. Weltreligionen in Weltpolitik und Konflikten 12
6.1 Primordialismus 13
6.2 Instrumentalismus 14
6.3 Konstruktivismus 14
7. Christlicher und islamischer Fundamentalismus 16
8. Die Erklärung zum Weltethos und das Parlament der Weltreligionen 18
9. Hans Küngs Projekt Weltethos und die Stiftung Weltethos 21
10. Menschenrechte und Menschenpflichten 23
11. Zweifel, Kritik und Zuspruch am Weltethos 23
Literatur S 28
1. Einleitung
„Kein Überleben ohne Weltethos. Kein Weltfriede ohne Religionsfriede. Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog.“ 1
Mit diesen Worten beginnt Hans Küngs vielbeachtetes Werk aus dem Jahr 2000. Das Projekt Weltethos scheint, gerade angesichts der aktuellen weltweiten politischen Situation, nichts an Aktualität oder Brisanz verloren zu haben. Eher im Gegenteil: Weist es doch einen möglichen Weg zu mehr Verständnis und Toleranz innerhalb der Menschheit auf.
Hans Küng hat das Projekt Weltethos bewusst als ein „Projekt“ bezeichnet, um dies als einen vorläufigen Versuch zu versinnbildlichen.
Der Weg dorthin könne, so Küng, nur über einen Dialog der Weltreligionen führen. Innerhalb dieses Dialogs müssen die Gemeinsamkeiten der Weltreligionen herausgearbeitet werden, bieten sie doch - wie später noch präzisiert wird - die Basis für einen Minimalkonsens an humanen und ethischen Grundforderungen: Ein Kanon an Forderungen, der von den Menschen aller Religionen mitgetragen werden kann und somit die Basis für eine gemeinsame ethische Norm bietet. Doch kann das Projekt Weltethos überhaupt nur ansatzweise das leisten, was es zu leisten proklamiert?
Kann ein gemeinsames Weltethos sowohl Menschen als einzelne Individuen als auch Völkergemeinschaften zum Zweck des Friedens dienen? Spielt in der heutigen politischen und sozialen Weltordnung, in der immer weitere Bereiche von der Globalisierung erfasst werden, die Religion überhaupt noch eine prägende, gar tragende Rolle? Eine Rolle, der sie nach Küng zuvorderst gerecht werden muss, um den Religionsfrieden - und dem darin übergeordneten Weltfrieden - überhaupt erst zu ermöglichen?
Oder ist die Religion, gerade in den westlichen laizistischen Staatssystemen lediglich zu einer rein persönlichen, individuellen Angelegenheit verkümmert, ohne als Ganzes noch prägenden Einfluss auf Politik und Gesellschaft auszuüben? Konträr dazu steht der von den liberalen Medien hochstilisierte, Rückfall der Entwicklungs- und Schwellenländer in religiösen Traditionalismus und Fundamentalismus.
1 Küng, Projekt Weltethos, S. 13.
1
2. Fortschreitende Säkularisierung sowie globale Rückkehr der Religion
Spätestens seit den New Yorker Terroranschlägen vom 11. September 2011 durch das Terrornetzwerk Al-Qaida kehrte der religiöse Fanatismus wieder in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück. Zuvor wurde dem Faktor „Religion“, gerade in der Weltpolitik, kaum mehr Bedeutung zugemessen.
Der Großteil der Welt war über fünf Jahrzehnte hinweg in West und Ost, in zwei Blocksysteme und zwei Bündnissysteme geteilt. Die Konfliktlinien liefen entlang dieser ideologischen Systeme.
In den sowjetischen Staaten wurde das Ausüben der Religion sehr restriktiv gehandhabt, ja teilweise hatte man mit Repressalien zu rechnen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem damit verbundenen Wegfall der Blocksituation, stellten Globalisierung, Individualisierung und Pluralisierung die Kirchensysteme vor neue Probleme. Andere Religionssysteme der Welt waren nun nicht mehr lediglich in Büchern oder bei Auslandsreisen vorzufinden, sondern sind zum einen durch die veränderte Medienlandschaft stärker ins Bewusstsein unserer Gesellschaft gerückt, zum anderen wuchs die Zahl der Anhänger „neuer“ Religionen und religiöser Bewegungen stetig. Religiosität oder Glaube an sich ist heutzutage von vielen subjektiven Faktoren und auch von persönlichen Beziehungen abhängig. Die großen Kirchen haben demzufolge ihr Monopol auf Religion verloren. 2 Solange der Glaube an den Fortschritt, an technische und medizinische Errungenschaften sowie das Vertrauen in stabile Finanzsysteme existierten, befand sich die Religion auf dem Rückzug. 3 Im westlichen Modernismus verbreitete sich
unaufhaltsam der Glaube an die Fähigkeit zur Kontrolle der Natur, des menschlichen Körpers, der Kontrolle von Wissenschaft, Technik und Medizin. Die durchschnittliche Sterberate ist am Sinken, die durchschnittliche Lebenserwartung hingegen hat sich enorm erhöht. Immer mehr Krankheiten können früher, besser und nachhaltiger erkannt und behandelt werden. Auch ist es der Politik durch den Wohlfahrtsstaat gelungen, die Krisenanfälligkeit des Menschen zu reduzieren. Dennoch befinden sich die entwickelten Industrienationen keineswegs in einer krisenunabhängigen Welt, wie
2 Küng, Wozu Weltethos, S. 12f.
3 Riesebrodt, Rückkehr der Religionen, S. 48-50.
2
das aktuelle traurige Beispiel der Tsunami- und Reaktorkatastrophe von Fukushima zeigt.
Doch ist es wiederum beinahe schon Normalität, dass in westlichen Systemen die Religion Ignoranz erfährt und sich stattdessen die Konzentration auf das Materielle und Finanzielle behauptet.
Marion Gräfin Dönhoff kritisiert, dass in der modernen Gesellschaft jeder transzendentale und metaphysische Bezug ausgeblendet und dem
Fortschrittsglauben geopfert werde. Stattdessen dominiere das Interesse auf dem wirtschaftlichen Bereich: Produktion, Konsum und Kapital. Alles Geistige und Kulturelle werde verdrängt und gerate langsam in Vergessenheit. Aber dennoch stößt die Konsumgesellschaft nach einer gewissen Zeit offenbar an ihre Grenzen, die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich neu.
Dönhoff sieht eine zunehmende Verrohung und Brutalisierung der Gesellschaft und da ihrer Meinung nach keine Verordnungen oder Autoritäten (ob sie damit explizit staatliche, religiöse oder beide zusammen meint, bleibt unklar) helfen, plädiert sie ebenso für einen ethischen Minimalkonsens, um das Potential eines Gemeinschaftsgefühls überhaupt wieder aktivieren zu können. 4 Doch Religiosität an sich wird zwar nicht verachtet, sondern offen abgelehnt, gerade wenn sie in reaktionärer Form auftritt.
Ungeachtet des Monopolverlusts der Kirchen, der Konkurrenz des Christentums zu anderen Weltreligionen, des Rückgangs und der Nichtbeachtung von Religion oder gar der Ablehnung von Religiosität - Hans Küng sieht dennoch Chancen für die Religion in der heutigen Gesellschaft. 5
3. Globalisierung als neue Herausforderung für die Religionen
„Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Religion sein, oder es wird nicht sein“ 6 - so prophezeite es im 20. Jahrhundert der französische Autor und Politiker André Malraux. Sollte er damit Recht behalten?
4 http://www.zeit.de/2008/10/Zivilisiert-den-Kapitalismus
5 Küng, Wozu Weltethos, S. 16.
6 http://www.suhrkamp.de/verlag_der_weltreligionen_25.html
3
Nach den ersten beiden Pluralisierungsschüben (im 16. Jahrhundert mit dem Aufbrechen der kirchlichen Einheit, sowie der Aufspaltung der Gesellschaft in einen christlich-kirchlich und säkular-humanistisch ausgerichteten Teil im 18. Jahrhundert), spricht Karl-Josef Kuschel nun von einem dritten Pluralisierungsschub, der sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts in Westeuropa abzeichne und durch die Vervielfältigung der Religionen neue Gegebenheiten schaffe. Dieser werde aber von vielen Menschen weniger als Bereicherung, sondern eher als Bedrohung wahrgenommen. 7
Im Zuge wachsender Globalisierung und Pluralisierung sind neue Formen religiöser Gemeinschaften entstanden. Neben den bekannten, wie Kirche, Moschee und Synagoge gibt es nun regionale, nationale oder transnationale Netzwerke, die eine eigene Sozialform von Religion darstellen. Ebenso ist das Praktizieren religiöser Handlungen, das zuvor in die bestehenden religiösen Formen (s.o.) eingebettet war, teilweise auf einer subjektiven Ebene angelangt. Das heißt, es ist nun jedermanns individuelle Angelegenheit, in einem (subjektiven) religiösen Sinne zu handeln. Die religiöse Gemeinschaft, in der sich die Menschen befinden, spricht diesen subjektiven Aktionen lediglich Bestätigung zu oder lehnt sie ab. Die neue Form von Religiosität hat sich zwar von den traditionellen religiösen Institutionen oder Modalitäten entfernt, benötigt aber ihre Legitimierung durch die religiöse Gemeinschaft und deren Autoritäten. Hans Kippenberg bezeichnet diese Situation als paradox, da dadurch die Macht religiöser Gemeinschaften, trotz religiöser Individualisierung, zunehme. 8
Schon früher wurde von Atheisten und Religionskritikern wie Nietzsche, Feuerbach oder Marx die Religion als Mittel zum Zweck dargestellt - sei es als „Opium für das Volk“ oder zur Aufwiegelung (in der Politikwissenschaft spricht man von Instrumentalisierung) der Massen.
Politisierung und Radikalisierung der Gläubigen ist oftmals eine Folge wirtschaftlicher und sozialer Verelendung und Diskriminierung. Je tiefer die Kluft zwischen Arm und Reich, je mehr Globalisierungsverlierer es gibt, desto größeren Zulauf erhalten religiöse Bewegungen aller Art. Die Renaissance der Religionen resultiert
7 Kuschel, Weltreligionen und Weltethos im Zeitalter der Globalisierung, in: Kuschel et al., Ein Ethos für eine
Welt, S. 118.
8 Kippenberg, Gewalt als Gottesdienst, S. 198f.
4
entscheidend aus der gegenwärtigen Entwicklungs- und Globalisierungskrise in weiten Teilen der Welt. 9
Wurde die Aufteilung der Gesellschaft in einen säkularen und einen kirchlichen Bereich friedlich hingenommen, so wird sie durch einen offensichtlich wiedererstarkten religiösen Faktor spannungsmäßig aufgeladen. Es entstehen nicht nur Ängste - sondern sowohl Christentum als auch Säkularisierung werden neu in Frage gestellt.
Durch die starke Präsenz religiöser Minderheiten (beispielsweise leben in Deutschland mittlerweile ca. 4 - 4,5 Millionen Menschen muslimischen Glaubens 10 wird dieser neue religiöse Pluralismus von vielen Menschen, wie bereits erwähnt, nicht nur als Bereicherung, sondern auch als Bedrohung wahrgenommen. Gerade bei Fragen, wie z.B. den Bau neuer Moscheen schlagen nicht nur in Deutschland die politischen Wogen hoch und paradoxerweise schlagen konservative christliche Fundamentalisten gemeinsam mit säkularen Religionsverächtern Alarm. 11 Mit einer ungewöhnlich hohen Wahlbeteiligung von 54 Prozent wurde in der Schweiz eine Volksabstimmung über ein Minarettverbot von der Mehrheit der Bevölkerung getragen. 12 Auch hier dominierte die Angst vor Überfremdung und kultureller Veränderung, doch es wurde versucht, diese unter dem Deckmantel der „Bauverordnungen“ zu verstecken.
Solche Beispiele nähren natürlich die Befürchtung eines Scheiterns multikultureller Gesellschaften bereits auf nationaler Ebene. Auf der internationalen Ebene wird gar 13 prognostiziert. Huntingtons Ansatz, ein „Kampf der Kulturen“ (Samuel Huntington)
auf den ich später noch zu sprechen komme, stellt nach Martin Riesebrodt ebenso eine Panikreaktion auf den weltweiten Prozess des Wiedererstarkens der Religion dar. 14
Wo soll hier ein Weltethos ansetzen, wenn doch Religion in den Augen der Bevölkerung will sagen eine Gefahr- anstatt ein Potential für ein friedliches Zusammenleben darstellt?
9 Rittberger, Die Rolle der Religionen in zwischenstaatlichen Konflikten, in: Hempelmann und Kandel,
Religionen und Gewalt, S. 78.
10 Quelle: Studie des BMI (2009), zit. nach: http://www.remid.de/remid_info_zahlen.htm
11 Kuschel, Weltreligionen und Weltethos im Zeitalter der Globalisierung, in: Kuschel et al: Ein Ethos für eine
Welt, S. 119.
12 http://www.tagesschau.de/ausland/schweiz144.html
13 Vgl. Huntington, Samuel: Kampf der Kulturen. München, 1996.
14 Riesebrodt, Rückkehr der Religionen, S. 12.
5
Der zentrale Satz liegt meines Erachtens am Ende eines Tagesschau Dossiers: „Mit Ausnahme der SVP (Schweizerische Volkspartei) haben sich sämtliche etablierte Parteien der Schweiz gegen das Minarett-Verbot ausgesprochen. Auch die Kirchen lehnen die Initiative als diskriminierend ab.“ 15
Wenn sich also die Mehrheit der politischen Parteien als auch die (traditionellen) Kirchen gegen solch diskriminierende und nicht gerade integrationsfördernde Entscheide ausspricht, so muss auf der unterster Ebene mit Aufklärungsarbeit begonnen werden. Quasi auf minimaler ethischer Ebene, um maximal möglichen ethischen Erfolg zu erzielen.
Kann das Weltethos diese Aufgabe wesentlich übernehmen oder unterstützend fungieren?
4. Religion als historischer und politischer Faktor
Da wir alltäglich Begriffe wie Weltreligion, Ersatzreligion, Schriftreligion usw. verwenden, sollte zunächst einmal die Frage geklärt werden, was denn unter Religion zu verstehen ist?
Religionen waren über die gesamte Menschheitsgeschichte präsent, angefangen von den Urreligionen über Stammesreligionen, über Reichsreligionen bis hin zu den Weltreligionen und Neureligionen der Gegenwart. Das DTV Lexikon umschreibt Religion als eine Weise menschlichen Existierens aus der Relation zu einem letzten Sinn-Grund. Wobei der sinngewährende Grund in den einzelnen Religionen entweder überweltlich oder innerweltlich verstanden wird und die praktischen Handlungsweisen danach ausgerichtet werden.
Gerade in der westlichen Hemisphäre wird die Beziehung zwischen Mensch und Gott als ein Verhältnis zu einer transzendentalen Macht in der Person eines Gottes oder mehrerer Götter gesehen.
Stattdessen gibt es in der östlichen Hemisphäre außer theistischen auch atheistische Religionen, worunter z.B. der Buddhismus zu zählen ist. 16 Der Religionswissenschaftler von Glasenapp definiert Religion als „die im Erkennen, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln betätigte Überzeugung von der Wirksamkeit
15 s. http://www.tagesschau.de/ausland/schweiz144.html
16 Religion, in: DTV Lexikon, Band 18, S. 148f.
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Arbeit zitieren:
Martin Teichmann, 2011, Weltreligionen innerhalb politischer Konflikte: Hans Küngs „Projekt Weltethos“ , München, GRIN Verlag GmbH
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