RWTH Aachen Germanistisches Institut Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte Hauptseminar: Christa Wolf: Die Arbeit am Mythos Sommersemester 1999
Meike Adam • •
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1 Einleitung 4
2 Die Erzählung Kassandra und ihre Voraussetzungen 6
2.1 Subjektive Authentizität. 7
2.2 Scheitern eines Konzepts? 8
3 Subjektwerdung und Sehertum 10
3.1 Spaltungen 10
3.2 Sehertum 12
3.3 Was bedeutet Autonomie? 15
3.4 Kassandras Tod: Kapitulation oder Autonomieakt? 16
4 Zeichen und Körper 18
4.1 Persönlich-sinnlicher Zugang 18
4.2 Die Palastwelt 21
4.3 Die Welt am Skamander: ein matriarchaler Gegenentwurf? 22
4.4 Gibt es ein weibliches Schreiben? 25
5 Mythos und Utopie 27
5.1 Spuren verlassen? 27
5.2 Gibt es eine utopische Perspektive? 29
6 Schlußbetrachtung 30
7 Anhang 33
7.1 Siglenverzeichnis 33
7.2 Literaturverzeichnis 33
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Christa Wolfs Erzählung Kassandra, die zusammen mit den Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra 1983 in der BRD erschienen ist, konnte zur Zeit ihrer Veröffentlichung große Aufmerksamkeit auf sich ziehen und avancierte zu einem 1 „Kultbuch der internationalen Friedens- und Frauenbewegung“ . Ein Großteil der
Faszination, die Kassandra zu einem Bestseller werden ließ, liegt sicherlich in der zeitgenössischen Brisanz begründet. Die Feminismusbewegung verschaffte sich zunehmend öffentliche Beachtung, und der kalte Krieg, mit der Angst vor atomarer Auslöschung einhergehend, war omnipräsent.
So wird denn auch Kassandra weithin als Schlüsselerzählung und als „Parabel mit 2 unmißverständlicher Warnfunktion“ rezipiert. Die zusätzliche Rückführung des
Schreibimpulses Christa Wolfs auf ihre persönliche Situation als Dichterin in der DDR tut ihr übriges, um den Eindruck zu erwecken, die Erzählung ließe sich auf ihre sozio-historische und biographische Dimension reduzieren. In der Tat zeigt sich, daß in der Sekundärliteratur kurz nach der Veröffentlichung eine intensive, teils auch recht kontroverse, Auseinandersetzung mit Kassandra einsetzt, die jedoch in den 90er Jahren deutlich abebbt und spätestens mit dem Bekanntwerden von Christa Wolfs Stasi-Tätigkeit einer polemisch-ideologisch durchzogenen Debatte über ihre Rolle als Schriftstellerin in der DDR weicht. Der Begriff der Staatsdichterin ist schnell geprägt. Offensichtlich liegt es nah, eine Au-torin, die bekennt, „daß ich schreibe, um mich besser kennenzulernen, und die Konflikte, und das, was mir auf den Leib gerückt war, auszudrücken“ 3 , die immer wieder gesellschaftliche Verantwortung eingefordert hat, mit ihrer Biographie für ihre Worte haftbar zu machen. Aber purer Biographismus reicht weder aus, ihre Werke zu verstehen, noch sie zu diskreditieren.
Warum also sollte man sich heute noch mit Kassandra auseinandersetzen, in Zeiten, die die Niederlage des real-existierenden Sozialismus gebracht haben und Emanzipation zu einem randständigen Thema haben werden lassen? Wo liegen
1 Didon 1992, 35
2 ebd., 32
3 Interview Radio Bremen (im Internet zugänglich), 3
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die Anknüpfungspunkte, die über die konkrete Situation hinausweisen und die Arbeit am Mythos rechtfertigen können?
Zunächst einmal ist zu fragen, in welchem Verhältnis die Erzählung Kassandra und die Voraussetzungen einer Erzählung zueinander stehen. Die Voraussetzungen, ein Vortrag Christa Wolfs im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen, in dem sie Bedingungen und Hintergründe für ihren Schreibimpuls nennt sowie Erläuterungen zur Erzählstruktur gibt, liefern den konzeptuellen Rahmen, an dem sich die Erzählung messen lassen muß.
Als zentrales Thema von Kassandra ist sicher die Subjektwerdung und Autonomiebestrebung der Protagonistin im Spannungsfeld von Matriarchat und Patriarchat anzusehen. Die häufig geäußerte Annahme, die Erzählung zeige in lehrstückhafter Manier Kassandras Entwicklung zum autonomen Subjekt, umgeht die Schwierigkeit, die zugrundeliegenden Auffassungen von Autonomie und Subjekt zu bestimmen. Zu diskutieren ist das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, jene Spaltung, deren Ursache Christa Wolf zu erforschen sucht. Stets bleibt die Ich-Suche Kassandras verbunden mit der Suche nach einem `Wir´. Zu fragen ist auch, welche Rolle das angestrebte Sehertum in diesem Zusammenhang spielt.
Die Begegnung mit der Gegenwelt zum patriarchalen Königshof, der Gesellschaft am Skamander, beschleunigt die Entwicklung Kassandras durch die sinnliche Erfahrung einer alternativen Lebensweise. Hier wird eine orale Subkultur im Schatten einer literalen Kultur gelebt. Der Unterschied tritt im Verhältnis von Zeichen und Körper zutage. Die orale Kultur bleibt an den Körper gebunden (auch zum Vollzug der Sprache), während die literale Körperlichkeit unterdrückt und Sprache als Manipulationsmittel einsetzt.
Aber inwiefern kann die Gesellschaft am Skamander als utopisches Modell dienen? Ist ihre Existenz nur im `Zeitenloch´ möglich? Handelt es sich bei Kassandra wirklich um ein Lehrstück weiblicher Autonomieentwicklung oder vielmehr um eine Parabel des Scheiterns? Wie ist der Rückgriff auf den Mythos zu bewerten, insbe- sondere in Hinsicht auf den möglichen utopischen Gehalt?
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Die Tatsache, daß Christa Wolf in den Voraussetzungen einer Erzählung. Kas-sandra dezidiert Auskunft erteilt über biographische, historische und poetologische Hintergründe ihrer Erzählung, stellt einen in dieser Form wohl einmaligen Blick in die Entstehungsgeschichte eines literarischen Werkes dar. Wolf zeichnet ihren Anverwandlungsprozeß auf der Grundlage persönlichen Erlebens, ihrer Griechenlandreise, und der geschichtlichen Situation, die Angst vor dem atomaren Krieg, nach.
Sie betont, keine Poetik entwickeln zu wollen, weil die zentrale Größe, subjektive Erfahrung, dadurch zwangsläufig erstickt wird: „Es gibt keine Poetik, und es kann keine geben, die verhindert, daß lebendige Erfahrung ungezählter Subjekte in Kunst-Objekten ertötet und begraben wird.“ (V, 10) Nichtsdestotrotz stellt sie jedoch ihr Konzept des weiblichen Schreibens vor, das der Reduktion auf einen Erzählstrang, jenem einen blutroten Faden, das Netzwerk entgegenstellt. Ihr Programm beruht auf der Annahme,
daß im Grund, vom Grunde her alles mit allem zusammenhängt; und daß das strikte einwegbesessene Vorgehn, das Herauspräparieren eines `Stranges´ zu Erzähl- und Untersuchungszwecken das ganze Gewebe und auch diesen `Strang´ beschädigt. Aber eben diesen Weg ist doch, vereinfacht gesagt, das abendländische Denken gegangen, den Weg der Sonderung, der Analyse, des Verzichts auf die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zugunsten des Dualismus, des Monismus, zugunsten der Geschlossenheit von Weltbildern und Systemen, des Verzichts auf Subjektivität zugunsten gesicherter `Objektivität´. (V, 161)
Linearer Erzählstrang und das Primat der Objektivität sind in ihren Augen eng mit-einander verknüpft. Die Auflösung des Gewebes in einzelne Ursache-Wirkung Beziehungen bestimmt das männlich geprägte westliche Denken, für das die lineare Erzählung sowohl ein Symptom als auch ein Wegbereiter ist. Es fällt jedoch auf, daß in den Voraussetzungen zwar der Versuch unternommen wird, ein Netzwerk der Schreibimpulse einzufangen, die Argumentationslinie aber, die zur Entwicklung des Konzepts weibliches Schreiben führt, durchaus in dem angegriffenen Denken verhaftet bleibt, auf der Grundlage von Ursache-Wirkung voranschreitet. Der Vorwurf der Inkonsequenz hinsichtlich der Umsetzung der in den Voraussetzungen entwickelten Forderungen in der Erzählung Kassandra ist häufig formuliert worden. Sowohl formal als auch inhaltlich ist bezweifelt worden, daß sich Christa Wolfs Gestaltung des mythologischen Stoffes derart radikal von den Vorlagen ab-
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setzt, wie sie es anstrebt. Fraglich ist also, in welchem Verhältnis Kassandra und ihre Voraussetzungen zueinander stehen. Handelt es sich wirklich um das Scheitern eines Konzeptes? Ist die Autorin in der Lage, den Prozeß der Objektivierung aufzuheben und die Subjektivität von Erfahrung zu retten?
2.1 Subjektive Authentizität
Dem Postulat der Objektivität setzt Christa Wolf die Forderung nach subjektiver Authentizität entgegen. Die Entstehungsgeschichte eines Werkes ist immer in der persönlichen Erfahrung begründet, „erzählen, das heißt: wahrheitsgetreu zu erfinden auf Grund eigener Erfahrung.“ (DdA Bd.2, 481) Der Autor/die Autorin bleibt persönlich von dem betroffen, was zu erzählen ist, so daß keine Objektivierung des Stoffes, keine Spaltung von Erzähltem und Erzähler eintritt. Erst dadurch entstehen die vier Dimensionen, die insbesondere moderne Prosa auszeichnen.
„der erzählerische Raum [hat] vier Dimensionen [...]; die drei fiktiven Koordinaten der erfundenen Figuren und die vierte, `wirkliche´ des Erzählers. Das ist die Koordinate der Tiefe, der Zeitgenossenschaft, des unvermeidlichen Engagements, die nicht nur die Wahl des Stoffes, sondern auch seine Färbung bestimmt.“ (DdA Bd.2, 487)
Die vierte Dimension also ist es, die den Mehrwert von Literatur bestimmt, die ver-antwortlich ist für den Gestaltungswillen des Autors/der Autorin. Diese Bestimmung durch Engagement und Zeitgenossenschaft führt zu dem, was Christa Wolf `phantastische Genauigkeit´ 4 (vgl. DdA Bd.2, 488) nennt. Es geht also keines-
wegs darum, die Phantastik zugunsten von teleologisch-politischem Erzählen einzuschränken, aber diese Phantastik wird nur dann sinnhaft, wenn eben jenes Moment der subjektiven Einbezogenheit dem Werk Tiefe verleiht. Eben jenen Prozeß der Anverwandlung eines gegebenen Stoffes durch Erleben schildert Christa Wolf in den Voraussetzungen. In dieses persönliche Erleben ist ausdrücklich die Lektüreerfahrung des antiken Textes einbezogen. 5 Die Erlebnisse der Griechenlandreise und die `Begegnung´ mit der literarischen Figur Kas-sandra bleiben aufeinander bezogen. Sinnlich/körperliche Erfahrungen werden nicht verabsolutiert, stattdessen soll in einem ständigen Abgleich mit theoretischen Überlegungen und literarischen Vorlagen eben jene phantastische Genauigkeit erlangt werden, deren es für die Gestaltung der Erzählung bedarf.
4 Christa Wolf entlehnt diesen Begriff Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften.
5 Christa Wolf hat schon in ihrem berühmten Essay Lesen und Schreiben (DdA Bd. 2, 463-503) Lesen als persönliches Erleben `realen´ Erfahrungen gleichgestellt.
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Die Erzählung Kassandra stellt eine Verdoppelung dieser Perspektive subjektiver Authentizität dar, indem einerseits Christa Wolfs Zugang zum Stoff personal erfolgt und andererseits die Rekapitulation der inneren und äußeren Ereignisse in Troia in einem hoch subjektiven inneren Monolog geschieht. Die Wahl der Darstellungsweise folgt also konsequent aus der Involviertheit der Autorin. Fraglich bleibt jedoch, inwieweit der Anspruch, die Figuren nicht zu Objekten zu degradieren, eingelöst wird und werden kann. Häufig entsteht gerade in den Voraussetzungen der Eindruck, daß die mythologische Kassandra-Figur als Projektionsfläche für gesellschaftspolitische Zusammenhänge gebraucht wird. In der Literatur, die notwendigerweise, wenn sie zeitlich überdauern soll, beispielhaft arbeitet, bemißt sich der Wert einzelner Figuren eben nach ihrem Beispielcharakter. So kann nur schwerlich eine Subjektivität, die über einen Modellcharakter hinausgeht, erhalten bleiben.
Dies bedeutet aber keinesfalls, daß die literarische Figur nicht im Aneignungsprozeß des Lesens als Subjekt erfahren werden kann. Das notwendige Einschrumpfen personalen Erlebens aufs Exempel kann im Vorgang der Rezeption aufgehoben werden, und damit entsteht für den Leser/die Leserin wieder eine subjektive Erfahrung. Trotzdem sollte sich die Autorin dieses Extraktionsprozesses bewußt sein. Mit ihrer Forderung, Kassandra nicht als Objekt, sondern als Subjekt zu be-handeln, schafft Christa Wolf Erwartungen, die nicht zu erfüllen sind.
2.2 Scheitern eines Konzepts?
Das Mißlingen der Umsetzung der in den Voraussetzungen formulierten `poetologischen´ Überlegungen in der Erzählung Kassandra ist Christa Wolf sowohl auf formaler, als auch auf inhaltlicher Ebene vorgeworfen worden. Ihr übergeordnetes Ziel, Erklärungen für die Entfremdung des modernen Menschen, seine Spaltungen, in der phylogenetischen Entwicklung von der (nicht letztlich bewiesenen) matriarchalen Vorzeit hin zum Patriarchat zu finden, führt bisweilen zu einer Stringenz in der Erzählung, die sie in ihrem Programm zu überwinden sucht.
In Kassandra hat Christa Wolf eine Figur gefunden, in der sie `ihr Geschlecht zum Glauben an sich selber kommen´ läßt. Bei diesem Entwurf bzw. unter diesem Glauben ist allerdings die Suche nach einer anderen Art zu erzählen, nach einer nicht-heroischen Literatur, auf der Strecke geblieben. 6 Auf der Ebene der Erzählstruktur läßt sich beobachten, daß das anfängliche Be-
6 Weigel 1989, 171
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Meike Adam, 2001, Wer wird, und wann, die Sprache wiedererfinden - Spaltungen, Zeichen und Körper in Christa Wolfs Kassandra, München, GRIN Verlag GmbH
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