Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Vorgeschichte
1.1.Situation in Deutschland im 19. Jahrhundert
1.2.Argumente für die Kolonien
1.3.Bismarck
2. Die deutschen Kolonien
2.1. Deutsch-Südwestafrika
a. Erwerb
b. Besonderheiten
b.1. Der Herero-Nama-Aufstand 1904/07
b.2. Die Siedlungskolonie
2.2. Deutsch-Ostafrika
a. Erwerb
b. Besonderheiten
b.1. Der Maji-Maji-Aufstand 1905/08
b.1.1. Die Ursachen
b.1.1.1. Die Situation der Einheimischen
b.1.1.2. Der Maji-Maji-Kult
b.1.2. Der Aufstand
b.1.3. Die Folgen
b.2. Ruanda und Urundi
2.3. Togo
a. Erwerb
b. Besonderheiten
2.4. Kamerun
a. Erwerb
b. Besonderheiten
2.5. Die pazifischen Kolonien
a. Erwerb
b. Besonderheiten
2.6. Kiautschou
a. Erwerb
b. Besonderheiten: Der Boxeraufstand und „das Schaufenster in
Ostasien “
3. Das Ende des deutschen Kolonialreichs
3.1. Die Abtretung
3.2. Kolonialrevisionismus
III. Schluss
IV. Literatur- und Quellenverzeichnis
2
I. Einleitung
12 Millionen Menschen - 3 Millionen km² - 30 Jahre 1 -
das war das deutsche Kolonialreich, der deutsche „Platz an der Sonne“ 2 . Das Deutsche Reich besaß hinter England, Russland und Frankreich den viertgrößten Anteil an der Weltlandfläche 3 . Doch wie kam es dazu?
Welche Gründe gab es für die Kolonialagitation und warum entschloss Bismarck sich schließlich doch Kolonien zu erwerben, obwohl er bis dahin keine Gelegenheit versäumt hatte, seine ablehnende Haltung gegenüber einem Kolonialerwerb klar zu machen? Und wie fand der Erwerb selbst statt? Außer auf diesen Punkten liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit noch auf dem Herero-Nama-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika und dem Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika, da gerade die Herero auch heute noch ein Thema in der deutschen Politik sind.
1 Horst Gründer, Geschichte der deutschen Kolonien, 5. Auflage, 1985 Paderborn, S. 9 + 238
2 Gisela Graichen/ Horst Gründer, Deutsche Kolonien - Traum und Trauma, 3. Auflage, 2005 Berlin, S.10
3 Graichen/ Gründer, S.101
3
II. Hauptteil
1. Vorgeschichte
1.1. Situation in Deutschland im 19. Jahrhundert
Die Versuche, in der „ Neuen Welt“ im 16. und 17. Jahrhundert deutsche Kolonialgebiete zu gründen, schlugen trotz der vielen deutschen Entdecker, Wissenschaftler, Forscher, Missionare, Händler und Handelshäuser fehl. Kleine Territorien, die sich kurzzeitig in deutschen Besitz befanden, wurden schnell wieder verloren. 1
Erst in den 1840ern begann die „nationale“ Agitation. Vor allem liberale Bürgerliche und Radikale plädierten für den deutschen Anspruch auf Kolonien und die Notwendigkeit einer deutschen Flotte. Es begann ein Zeitalter von planmäßigen Kolonialversuchen, von denen aber nur wenige in Texas, der Pazifikinsel Warekauri und Süd- und Zentralamerika kurz erfolgreich waren. 2 Die nationale Aufbruchsstimmung spiegelt sich in einem Zitat von Richard Wagner vom 15. Juni 1848, der bald darauf dafür steckbrieflich gesucht wurde:
„ Nun wollen wir in Schiffen über das Meer fahren, da und dort ein junges Deutschland gründen, es mit den Ergebnissen unseres Ringens und Strebens befruchten, die edelsten, gottähnlichen Kinder zeugen und erziehen: wir wollen es besser machen als die Spanier, denen die neue Welt ein pfäffisches Schlächterhaus, anders als die Engländer, denen sie ein Krämerkasten wurde. Wir wollen es deutsch und herrlich machen: vom Aufgang bis zum Niedergang soll die Sonne ein schönes, freies Deutschland sehen und an den Grenzen der Tochterlande soll, wie an denen des Mutterlandes, kein zertretenes, unfreies Volk wohnen, die Strahlen deutscher Freiheit und deutscher Milde sollen den Kosaken und Franzosen, den Buschmann und Chinesen erwärmen und verklären.“ 3
Ob diese Wunschvorstellungen der späteren Realität entsprachen wird sich noch zeigen. Mit dem Scheitern der Revolution gingen auch die Träume von einem starken Nationalstaat und einem Kolonialreich und eine weltweit operierenden Flotte zu dessen Schutz als notwendiges Zubehör unter. 4 Die Konservativen, die an der Macht blieben, hatten kein Interesse an überseeischer Politik. 5
In den 1880ern, nachdem der Nationalstaat gegründet worden war, befand sich die Gesellschaft, die durch die Industrielle Revolution mobilisiert worden war, in einem wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Umbruchsprozess, der sich in Abenteuerlust, Entdeckerdrang, Eroberungswillen und den Forderungen nach einem „Platz an der Sonne“ äußerte. 6
Öffentliche Diskussionen über die Notwendigkeit der Kolonien fanden statt, zahlreiche Schriften wurden veröffentlicht und viele Kolonialvereine gegründet wie z.B. der „Deutsche Kolonialverein“ der gehobenen Bildungs- und Besitzbürger und die „Gesellschaft für deutsche Kolonien“ der kleineren Bürger. 7
1 Gründer, S.15
2 Gründer, S.17 f
3 Graichen/ Gründer, S.33
4 Graichen/ Gründer, S.34
5 Gründer, S.21
6 Gründer, S.25
7 Gründer, S.34 ff
4
1.2. Argumente für die Kolonien
•
Durch die Industrialisierung hatte sich die Lebensqualität verbessert, die Bevölkerung wuchs und man suchte Möglichkeiten dieses „Kapital“ loszuwerden. Allerdings empfand man die vielen Auswanderungen, davon 95% in die USA, als Verlust von Energien und Geld, welche nicht anderen Ländern zu Gute kommen sollte. Die Ideallösung dafür sieen Siedlungskolonien. 1
•
Auch der „revolutionäre Zündstoff“ könnte in Siedlungs- oder sogar Verbrecherkolonien (nach dem Vorbild Englands) abgeschoben werden. Die Besitz- und Bildungsbürger und die Führungselite fürchteten nämlich die immer selbstbewusster werdenden Arbeiter. 2
•
Die Krisenerscheinungen in der Industrie und Landwirtschaft wurden falsch verstanden, nämlich als Überproduktions- und Absatzkrise. Neue Rohstoffquellen und Absatzmärkte in Handels- Plantagen- und Bergbaukolonien wurden als Lösung des Problems betrachtet. 3
•
Ein sehr wichtiges Argument war auch die Angst, im Verteilungskampf der europäischen Mächte zu kurz zu kommen und das Bedürfnis, sich zu beweisen. Dazu kamen sozialdarwinistische Motive vom Überleben des Stärkeren, an die wirklich alle glaubten. Allerdings wurden diese Gründe meist kulturmissionarisch verpackt wie z.B. „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ oder „dem deutschen Gedanken in der Welt soll mehr Geistigkeit und Tiefe anhaften“. 4
•
Jetzt, wo man einen Nationalstaat hatte, wollte man erfolgreich kolonisierenden Nationen nachahmen. Das große Vorbild waren die Engländer. Darauf deuten Wendungen wie „ein deutsches Indien“ in Afrika oder „ein deutsches Honkong“ in China hin. 5
1.3. Bismarck
Bis Anfang der 1880er stand Bismarck dem Gedanken, dass das Deutsche Reich Kolonien erwerben sollte, ablehnend gegenüber. Er schätzte die wirtschaftliche Bedeutung von Kolonien gering ein und wollte nicht durch Kolonialerwerb in Konflikte mit den anderen europäischen Großmächten kommen. Sein Entschluss, Kolonien zu erwerben, war die Wendung vom informellen, indirekten Freihandeslexpansionismus, den es seit den 1860ern gab, zum formellen, direkten Kolonialbesitz. 6
Aber was sind die Gründe seines plötzlichen Umdenkens und warum gerade 1884?
Bismarck hatte oft öffentlich seine Ablehnung kundgetan. So z.B. als in den 1870ern Cochinchina als Kriegsziel geplant wurde:
1 Gründer, S.26 f
2 Gründer, S.29 f
3 Gründer, S.27 f
4 Gründer, S.32 f
5 Gründer, S.30
6 Graichen/ Gründer, S.89 f
5
„ Ich will auch gar keine Kolonien. Die sind bloß zu Versorgungszwecken gut ... diese Kolonialgeschichte wäre für uns genauso wie de seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben.“ 7
Als Frankreich dem Deutschen Reich Cochinchina wirklich anbot um Elsaß - Lothingen zu retten meinte Bismarck:
„ O! O! Cochinchina! Das ist aber ein sehr fetter Brocken für uns; wir sind aber noch nicht reich genug, um uns den Luxus von Kolonien leisten zu können.“
Ein weiteres Zitat aus dem Jahre 1881 zeigt eindeutig seine bisherige Stellung:
„ Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann ... und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht.“
1883 fragte der Reichskanzler dem Chef der Admiralität: „ Ich höre, sie sind gegen Kolonien?“ Und als dieser bejahte meinte Bismarck: „Ich auch.“ 1
Die Gründe für seinen Entschluss lagen im Wahlkampf. Er wollte die „regierungsfreundlichen“ Parteien gegenüber der bürgerlich Linken und den Sozialdemokraten, die Kolonialgegner waren, unterstützen. Dabei kam ihm die außenpolitisch günstige Konstellation entgegen: England stritt sich offen mit Frankreich um Ägypten, die englisch-russischen Rivalitäten in Afghanistan spitzten sich gefährlich zu und in der europäischen Politik war es relativ ruhig. Die Kolonien konnten also ohne größere Rückwirkungen auf die deutschen außenpolitischen Beziehungen in Besitz genommen werden. 2 Außerdem versuchte Bismarck den Kolonialerwerb als außenpolitisches Instrument einzusetzen: alle Gebiete, auf die Deutschland Anspruch erhob, lagen in der Interessenssphäre Englands. 3 So wollte er sich Frankreich annähern um mit ihm einen „Block“ gegen die Flügelmächte England und Russland zu bilden oder es zumindest an einem Bündnis mit England zu hindern. 4 Seine ausgleichende Politik und sein Grundprinzip, ein Gleichgewicht zwischen den Mächten herzustellen, lies er nie aus den Augen. Bismarck versprach sich vom Kolonialerwerb also außen- und innenpolitische Vorteile. Im September 1884 gab Bismarck den „Kolonialschwindel“ sogar offen zu:
„Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel, aber wir brauchen sie für die Wahlen.“ 5
Allerdings brachten die Wahlen nicht den erhofften Erfolg und nach 1885 wollte Bismarck nichts mehr mit den Kolonien zu tun haben, er lehnte alle Forderungen auf eine Erweiterung des Kolonialbesitzes rigoros ab und erfand das Wort „Schutzgebiete“, um das Wort „Kolonien“ nicht verwenden zu müssen. Doch nicht nur Bismarck war kein Fan der Schutzgebiete. Es herrschte „Kolonialverdrossenheit“ und „Kolonialmüdigkeit“ und man bemühte sich nur um die Kolonien, um im Verteilungskampf der Nationen nicht zu kurz zu kommen. 6
Als ihn der Afrikaforscher Eugen Wolf während einer Schlittenfahrt 1888 zu überreden versuchte, einen in Afrika verschollenen Deutschen zu retten, meint er:
„Schicke ich einen preußischen Leutnant da hinein, so muss ich u.U. ihm noch mehrere nachschicken, um ihn herauszuholen. Das führt uns zu weit. Die englische
7 Gründer, S.22
1 alle drei Zitate aus: Graichen/Gründer, S.90
2 Graichen/Gründer, S.90 f
3 Lothar Gall, Bismarck, Der weiße Revolutionär, Frankfurt/Main 1981, 5. Auflage, S.621 ff
4 Gründer, S.56
5 Graichen/Gründer, S.91 f
6 Graichen/Gründer, S.60+92
6
Interessensphäre geht bis zu den Quellen des Nils, und das Risiko ist mir zu groß. Ihre Karte von Afrika ist ja sehr schön, aber meine Karte von Afrika liegt hier in Europa. Hier liegt Rußland, und hier liegt Frankreich, du wir sind in der Mitte: das ist meine Karte von Afrika.“ 7
Auch 1889 zeigt Bismarck, was er von den Schutzgebieten hält:
„Es ist mein Gewerbe ... Europa den Frieden zu erhalten; wenn ich das tue, bin ich bezahlt. Mit anderen Kleinigkeiten kann ich mich nicht mehr abgeben ... kurz, das Auswärtige Amt wird die Kolonialsachen los oder es wird mich los.“ 1
Bismarck hatte vor, die Kolonien weitgehend der Verantwortung und Verwaltung der Handelshäuser und Unternehmen zu überlassen, was aber nicht funktionierte (das so genannte „Schutzbriefsystem“). Die Folgen seines kurzen kolonialpolitischen Engagements konnte er aus Prestigegründen, und da eine Schubkraft in den Kolonien eingesetzt hatte, nicht mehr rückgängig machen. 2
1 Graichen/Gründer, S.92
2 Graichen/Gründer, S.92 f
7
Arbeit zitieren:
Kathrin Reinhardt, 2006, Deutsche Kolonien, München, GRIN Verlag GmbH
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