Inhaltsverzeichnis
Einleitung 03
1.) Grundüberlegungen: Begriffserklärung, Ansätze und Formen von Armut 04
1.1) Zum Begriff der Armut 04
1.2) Einkommensarmut: absolute vs. relative Armut 05
1.3) Armutsdimensionen 07
1.4) Armut als Mangel an Verwirklichungschancen (Sen) 08
1.5) Armutskategorien 09
2.) Die Armutssituation der Bundesrepublik Deutschland 10
2.1) Aktuelle Armutsquoten der Bundesrepublik 10
2.2) Die Armutssituation gemäß den Armutsberichten der Bundesregierung 12
2.3) Die Armutsverteilung der BR:D Der Armutsatlas des Paritätischen
Gesamtverbandes 13
3.) Ursachen der Armut in Deutschland 14
3.1) Die Armutsentwicklung seit Ende der 90er-Jahre 14
3.2) Ursachen der individuellen Armut und der Erhöhung der Armutsquote 15
3.3) Die Armutsbilanz der Bundesrepublik 16
4.) Armut in Deutschland im internationalen Vergleich 17
4.1) Armut in Deutschland im EU-Vergleich 17
4.2) Der Human Development Index und der Human Poverty Index 18
Abschlie ßende Betrachtung 19
Literatur - und Quellenverzeichnis 21
2
Einleitung
Nur wenige Themenkomplexe sind in der Vergangenheit aber auch in der aktuellen Wahrnehmung in den Sozialwissenschaften so kontrovers diskutiert worden, wie das soziale Phänomen der Armut, was sicherlich in der Mehrdimensionalität des Themas an sich aber auch an der Mannigfaltigkeit der Theorien und Paradigmen begründet liegt, die versucht sind, Armutsforschung zu betreiben, um die Problematik und ihre Ursachen einigermaßen zu erfassen und ggf. Konzepte zur Armutsbekämpfung zu entwickeln. Dabei kann global ein Anstieg der Armutsquote beobachtet werden: Aktuellen Berichten zufolge verfügt ein Sechstel der Weltbevölkerung (also mehr als eine Milliarde Menschen) nicht einmal über Zugang zu sauberem Trinkwasser. 1 Gerade in den Entwicklungsländern ist der Anteil derer an der Gesamtbevölkerung, die ihr tägliches Überleben kaum bis gar nicht gewährleisten können, beträchtlich, wobei die genaue Zahl der tatsächlich in Armut Lebenden stark von der angewandten Armutsdefinition abhängt. Gerade in Bezug auf die Einkommensarmut müssen zur Messung und Auswertung der Daten Vereinfachungen vorgenommen und bestimmte Vorüberlegungen manifestiert werden, die zwangsläufig verzerrende Auswirkungen haben.
Aber nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch den westlichen Industriestaaten (der so genannten 1. Welt) ist Armut als soziales Phänomen zu finden, wenngleich freilich in anderer Qualität. Auch die Bundesrepublik Deutschland als eine der führenden Industrienationen und „Exportweltmeister“ ist hiervon in zunehmendem Ausmaß betroffen. Wurde das Problem noch vor wenigen Jahren ignoriert, indem z.B. unter der Regierung Kohl lapidar behauptet wurde, dass es so etwas wie Armut in Deutschland aufgrund der Institution der Sozialversicherung überhaupt nicht gäbe und auch gar nicht geben könne 2 , wird sich mittlerweile vor allem auch staatlicherseits des Problems wesentlich differenzierter und auch sensibler angenommen. Vor allem seit der Reformierung der Sozialsysteme und der Einführung von „Hartz-4“ unter Kanzler Schröder ist das Thema „Armut“ in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt.
Im Folgenden wird nun eine Bestandsaufnahme zur Armutssituation in Deutschland ausgearbeitet, wofür zunächst einige Grundüberlegungen angestellt werden, um danach die Armutsquote und die Gründe der spezifischen Armut Deutschlands zu erörtern. Schließlich wird die Armut in Deutschland im internationalen Kontext untersucht.
1 Vgl. z.B. http://www.wasser-info.ch/wasser-zukunft-menschheit.
2 Die ehemalige Regierung Kohl hat sich bis 1998 strikt geweigert, Armut als gesellschaftliche Realität in
Deutschland überhaupt anzuerkennen: Vgl. z.B.:
http://www.wdr.de/themen/politik/deutschland02/armut/interview_080519.jhtml.
Zitat Helmut Kohl (1986): „Die neue Armut ist eine Erfindung des sozialistischen Jet-sets“, vgl. STERN vom 24.
Juli 1986.
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1.) Grundüberlegungen: Begriffserklärung, Ansätze und Formen von Armut
Da Armut nicht allgemeingültig definiert ist, sondern vielmehr zahlreiche Definitionen vorherrschen, muss zunächst einmal untersucht werden, was unter Armut explizit zu verstehen ist.
Des Weiteren müssen Grundauffassungen der eindimensionalen Einkommensarmut, der mehrdimensionalen Armut und des Capability Approach, der Armut als einen Mangel an Verwirklichungschancen interpretiert, dargelegt und die zahlreichen Armutsformen erläutert werden, um Armut in Deutschland sinnvoll darstellen zu können.
1.1) Zum Begriff der Armut
Der Begriff der Armut lässt sich nicht allgemein gültig definieren, da jede diesbezügliche Definition auf politisch-normativen Grundüberlegungen basiert und Auswirkungen auf den Grad der hiermit ermittelten Armut hat. Deswegen kann mithilfe der mannigfaltigen Definitionsansätze lediglich ein Überblick verschafft werden. Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht wird Armut hauptsächlich nach eindimensionalen Merkmalen charakterisiert, wobei monetäre Gesichtspunkte wie die relative und die absolute Armut im Mittelpunkt stehen: 3
„Erscheint eine Notlage nicht mehr zeitlich begrenzt, sondern für die Lebenslage insgesamt bestimmend, wird die Lebenssituation als Armut bezeichnet, wobei herkömmlicherweise zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden wird.“ Während soziologische Autoren 4 Armut als einen „Zustand gravierender sozialer Benachteiligung“ bezeichnen, der neben der Bezeichnung von materieller Benachteiligung auch „gelegentlich für Benachteiligungen in unterschiedlichen Lebensbereichen herangezogen wird“, definiert das Lexikon der Politikwissenschaft 5 Armut kurz und knapp als „gravierende[n] Mangel in Bezug auf die Chance, ein Leben zu führen, das gewissen Minimalstandards entspricht.“
Unter Armut kann also ganz allgemein ein Mangel bzw. eine Benachteiligung an existenziellen Dingen verstanden werden.
3 „Armut“ zitiert nach Gabler-Verlag (Hg.): Gabler Wirtschaftslexikon, 8. Bände, Wiesbaden 2004 16 , Band 1, S.
200f.
4 Reinhold, Gerd (Hg.) unter Mitarb. von Lamnek, Siegfried und Recker, Helga: Soziologie-Lexikon, München
2000 4 , S, 32-36.
5 Nohlen, Dieter/ Schultze, Rainer-Olaf (Hgg.): Lexikon der Politikwissenschaft, Theorien, Methoden, Begriffe,
München 2005 3 , Band 1, S. 37ff.
4
1.2) Einkommensarmut: absolute vs. relative Armut
Einkommensarmut muss als eindimensionale Erklärungsdimension des Phänomens der Armut bezeichnet werden, da ausschließlich ökonomische Faktoren fokussiert, nicht aber andere Lebensbereiche berücksichtigt werden. Sie gilt als die bisher am häufigsten angewandte Charakterisierungsform, da mit ihr verhältnismäßig einfach der Anteil der innerhalb einer Gesellschaft in Armut lebenden Menschen dargestellt werden kann. Allerdings sind Armutsgrenzen in der Einkommensarmut nicht ohne normative Vorgaben zu bestimmen, da zur spezifischen Armutsmessung gewisse Grundüberlegungen (z.B. Mindesteinkommen) festgesetzt werden müssen, die nicht zwingend in jedem Fall repräsentativ sind, weswegen sie nur schwerlich das Gesamtausmaß der Armut darstellen können.
In Bezug auf Einkommensarmut muss zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden werden. Während erstere als heftigste Armutsvariante vor allem in den Entwicklungsländern und in den Staaten anzutreffen ist, in denen bisher keine oder nur unzureichende Systeme sozialer Sicherung implementiert wurden, kann relative Armut in allen Gesellschaften beobachtet werden. 6
Von absoluter Armut wird dann gesprochen, wenn das zur Verfügung stehende Einkommen unter einer festgelegten Einkommens- oder Armutsschwelle liegt, unter der die Sicherung der menschlichen Grundbedürfnisse nicht mehr gewährleistet werden kann. 7 Gemäß Weltbank liegt die Armutsschwelle bei 1,25 US-Dollar pro Tag 8 , womit als absolut arm gilt, wer weniger als diesen Betrag zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse zur Verfügung hat. Momentan handelt es sich hierbei um 1,2 Milliarden Menschen. 9 Auch mit einem Tageseinkommen von mehr als 1,25 US-Dollar ist ein menschenwürdiges Leben ohne Mangel freilich nur schwer vorstellbar, weswegen die Armutsschwelle als Indikator zur Armutsmessung nicht zwingend repräsentativ ist. Andererseits ist Armutsmessung ohne festgelegte Indikatoren methodologisch schwierig durchführbar. Allgemein kann absolute Armut als „Mangelsituation“ definiert werden, „in der die physische Existenz von Menschen unmittelbar oder mittelbar bedroht ist.“ 10
6 Wenngleich der absoluten Armut in Deutschland und in anderen Industrienationen im Gegensatz zu den
Entwicklungsländern ein weit untergeordneter Stellenwert eingeräumt werden kann, können auch hierzulande
Formen extremer Armut benannt und quantifiziert werden. Vgl. diesbezüglich Schönig, Werner: Gibt es in
Deutschland absolute Armut? in: Neumann, Lothar F./ Romahn, Hajo (Hgg.): Wirtschaftspolitik in offenen
Demokratien. Festschrift für Walter Jens, Marburg 2005.
7 http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/geogr/500.
8 http://go.worldbank.org/K7LWQUT9L0.
Vgl. auch http://www.millenniumkampagne.de/index.php?id=13.
9 http://www.armut.de/definition-von-armut_absolute-armut.php?mysid=ppcblzsh.
10 Lexikon der Geographie, http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/geogr/59.
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Analog wurde absolute Armut vom ehemaligen US-Verteidigungsminister und Weltbank-Präsidenten Robert McNamara determiniert: 11
„Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt.“
Im Gegensatz dazu bezeichnet die relative Armut eine Unterversorgung im Vergleich zum Wohlstand der jeweiligen Gesellschaft. Als Grundannahme der relativen Armut kann also postuliert werden, dass die Grenzen zwischen Arm und Nicht-Arm sich nur in Relation zu einem gesellschaftlichen Standard angeben lassen. Im Gegensatz zur absoluten Armut, bei der international die gleichen „Grenzen“ zwischen den beiden Polen angewendet werden können, variiert diese bei der relativen Armut in den verschiedenen Gesellschaften erheblich, was eine Vergleichbarkeit mitunter erschwert. 12
Allgemein formuliert wird bei der relativen Armut der Lebensstandard von Einzelpersonen oder Haushalten mit dem durchschnittlichen Lebensstandard der Gesamtbevölkerung in Vergleich gesetzt, 13 wobei gemäß WHO als arm gilt, wer weniger als die Hälfte des „mittleren Einkommens“ seines Landes zur Verfügung hat.
Hierbei „wird die relative Armut gemessen am Durchschnitt oder Median 14 des (nach Haushaltsgrößen gewichteten) Nettoäquivalenzeinkommens [NÄE]“ bestimmt 15 , welches sich aus dem Gesamteinkommen eines Haushalts und der Anzahl und dem Alter der von diesem Einkommen lebenden Personen ergibt (gemäß OECD-Skala). Im Jahr 2001 legte der Rat der Europäischen Union („Ministerrat“) verbindlich fest, dass in der EU derjenige als armutsgefährdet gilt, der weniger als 60% des mittleren NÄE seines Heimatlandes verdient und als relativ arm, der weniger als 50% des NÄE zur Verfügung hat. 16
11 die tageszeitung, 11.6.2002, S.3.
12 Prof. Berger, Uni Rostock, online im Internet: http://www.uni-
rostock.de/fileadmin/Institute/ISD/Lehrstuhl_Makrosoziologie/Lehrmaterialien/Prof._Berger/Vorlesung_Sozialst
rukturanalyse/Einkommensungleichheiten_und_Armut/folie5.7_sozialstruk_vorl_Armutsbegriffe.pdf.
13 Hübinger, W: Prekärer Wohlstand - Neue Befunde zu Armut und sozialer Ungleichheit, Freiburg 1996, S. 57.
14 Wobei der Median zur Berechnung wesentlich besser geeignet ist, als das arithmetische Mittel (Durchschnitt),
da es unempfindlich auf Extremwerte reagiert. Beim arithmetischen Mittel würde sich die Anzahl der in Armut
lebenden theoretisch allein durch den Wegzug bzw. Zuzug von Reichen verkleinern bzw. vergrößern, weil dann
das durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkommen ansteigen würde. Vgl. hierzu Christian Wulf: „Würden die 17
reichsten Niedersachsen das Land verlassen, dann hätten wir 100.000 Arme weniger“.
15 Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: relative Armut, online im Internet:
http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/73974/relative-armut-v3.html.
16 vgl. den Vortrag von Prof. Dr. Richard Hauser, Universität Frankfurt am Main am 19.2.2002, online:
http://www.nationale-armutskonferenz.de/publications/Vortrag1-Prof%20Hauser1.pdf.
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Joachim Graf, 2009, Armut in Deutschland - eine Bestandsaufnahme, München, GRIN Verlag GmbH
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