Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 3
1.) Die Lerntheorie des Konstruktivismus. 4
1.1) Der Konstruktivismus in Abgrenzung zu anderen Lerntheorien. 5
1.2) Konstruktivismus als Erkenntnistheorie. 6
1.3) Postulate einer konstruktivistischen Didaktik. 7
1.4) Lehren und Lernen aus konstruktivistischer Sicht. 8
2.) Politische Bildung in Deutschland. 10
2.1) Politische Bildung und der Gegenstandsbereich der Politik. 10
2.2) Hauptprinzipien der politischen Bildung. 11
2.3) Aufgaben der politischen Bildung. 13
2.4) Politikdidaktische Dimensionen. 14
3.) Die Anwendung des Konstruktivismus in der politischen Bildung. 15
Abschlie ßende Betrachtung. 17
Literaturverzeichnis. 18
2
Einleitung
„In der Didaktik der politischen Bildung besteht Einvernehmen darüber, daß die Anbahnung einer politischen Urteilsbildung bei den Schülerinnen und Schülern ein wesentliches Anliegen des Politikunterrichts ist, [da] Urteilsfähigkeit […] [als] Voraussetzung für die Teilnahme am politischen Geschehen“ zu gelten hat. 1 Mit dieser Formulierung stellte die Bundeszentrale für politische Bildung das wesentliche Kriterium dessen, was politische Bildung und Politikdidaktik zu leisten haben, dar.
Die politische Bildung in Deutschland muss also als Hauptinitiator der Erziehung der Bürger zu mündigen Staatsbürgern verstanden werden, dessen Verwirklichung sich vor allem (aber bei weitem nicht nur) im Politikunterricht und in der Erwachsenenbildung manifestiert. Wenn SCHIELE postuliert, dass „Politische Bildung […] kein Luxusgut [ist], auf das man in Sparzeiten verzichten kann, [da] ohne politische Bildung […] unserer Demokratie der Sauerstoff zum Atmen" fehlt, 2 dann eröffnet er damit die universelle Perspektive der politischen Bildung und tranzendiert notwendigerweise die durch den Namen „Bildung“ suggerierenden Umstände, da politische Bildung weit mehr als ein Bildungsinstrumentarium darstellt, sondern vielmehr als das Bindeglied zwischen politischen Überbau und Gesellschaftsstruktur aufgefasst werden muss, die politische Bildung sich also für das Gelingen der (demokratischen) Staatsordnung verantwortlich zeigt, da sie den Bürger in einen zoon politikon transformiert und für dessen (für den Bestand des Systems notwendige) Demokratisierung sorgt.
Wenn der politischen Bildung aber wirklich eine solch essentielle Bedeutung zukommt, scheint es unerlässlich, eine für ihr Vorhaben am besten geeignetste Methodik zu implementieren, weswegen vorliegende Hausarbeit die Lerntheorie des Konstruktivismus in selbigem Zusammenhang fokussiert. Diesbezüglich analysiert das erste Kapitel zunächst die wichtigsten Postulate der konstruktivistischen Didaktik und stellt deren Lehr- und Lernverständnis in Abgrenzung zu anderen Lerntheorien dar, während der zweite Abschnitt sich mit den Aufgaben, Dimensionen und Hauptprinzipien der politischen Bildung auseinandersetzt. Im abschließenden dritten Passus wird dann (normativ) festgehalten, inwiefern konstruktivistische Konzepte in der politischen Bildung verwandt werden können und werden.
1 Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Politische Urteilsbildung. Aufgaben und Wege für den Politikunterricht [Schriftenreihe Band 344], Bonn 1997, S. 7.
2 SCHIELE, Siegfried: Ein halbes Jahrhundert staatliche politische Bildung in Deutschland; in: Aus Politik und Zeitgeschichte 7-8/2004, S. 3.
3
1.) Die Lerntheorie des Konstruktivismus
Die metatheoretische Denkrichtung des Konstruktivismus, die grundsätzlich mit der Ansicht verknüpft ist, dass Wissen, Erkenntnisse, aber auch Prozesse zur Wissens- und Erkenntnisgenerierung sozial konstituiert, also von Akteuren konstruiert sind, hat sich in den letzten Jahrzehnten neben der Pädagogik vor allem in der politikwissenschaftlichen Teildisziplin der Internationalen Beziehungen durchgesetzt und in Form des Sozialkonstruktivismus die Soziologie geprägt. 3
Allgemein gehen konstruktivistische Ansätze davon aus, dass die Wirklichkeit sozial konstruiert ist, die aus den beiden Komponenten Selbstwissen und Weltwissen besteht 4 , wobei der Begriff des Konstruktivismus 1989 von Nicholas ONUF entwickelt wurde, sich aber erst in der 90er Jahren „zur Kennzeichnung derjenigen Ansätze durch[setzte], die die intersubjektive Qualität der sozialen Welt und die gegenseitige Konstituierung von Akteur und Struktur betonten und dabei die Rolle von Ideen, konstitutiven Regeln und Normen sowie die endogene Herausbildung von Interessen und Identitäten in den Vordergrund ihrer Analysen stellen.“ 5 In lernpsychologischer Hinsicht postuliert der Konstruktivismus dementsprechend die Unterwerfung menschlichen Lernens unter Konstruktionsprozesse, die durch kognitive, aber auch soziale Prozesse beeinflusst werden, weswegen Lernende in Verknüpfung mit vergangenen Lernerfahrungen Wissen selbst konstruieren müssen, um einen Lernerfolg erfahren zu können. Wie KÖSEL betont ergibt sich daraus für die Didaktik folgende Konsequenz: 6 „Es genügt nicht, daß wir eine Struktur des Unterrichts konstruieren, daß wir Ziele, Methoden und Verfahrensweisen identifizieren, ordnen und addieren.
Es kommt darauf an, welche Prozesse in welcher Situation gemeinsam und individuell ablaufen. Es kommt darauf an, welche Informationen vom einzelnen wahrgenommen, angenommen und abgestoßen werden.“
3 Für die Soziologie war vor allem das Standardwerk von BERGER und LUCKMANN bedeutsam, das Theorieansätze wie die Gender Studies erst ermöglichte.
Vgl. BERGER, Peter L./ LUCKMANN, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt am Main 1980.
4 RISSE, Thomas: Konstruktivismus, Rationalismus und Theorien Internationaler Beziehungen- warum empirisch nichts so heiß gegessen wird, wie es theoretisch gekocht wurde, in: HELLMANN, Gunther/ WOLF, Klaus Dieter/ ZÜRN, Michael(Hrsg.): Die neuen Internationalen Beziehungen. Forschungsstand und Perspektiven in Deutschland, Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Bd. 10, Baden-Baden 2003, S. 99-132, hier: S. 105-108.
5 Vgl. ULBERT, Cornelia: Sozialkonstruktivismus, in: SCHIEDER, Siegfried/ SPINDLER, Manuela (Hrsg.): Theorien der internationalen Beziehungen. Eine Einführung, Opladen 2003, S. 410f.
6 KÖSEL, Edmund: Die Modellierung von Lebenswelten. Ein Handbuch zur subjektiven Didaktik, Elztal-Dallau 2 1995, S. 2.
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1.1) Der Konstruktivismus in Abgrenzung zu anderen Lerntheorien
Grundlegend kann eine große Anzahl von Lerntheorien angenommen werden, wobei neben dem Konstruktivismus vor allem dem Kognitivismus und dem sich von diesen beiden inhaltlich völlig abgrenzenden Behaviorismus nachdrücklichen Einfluss auf didaktische Entwicklungen (vor allem auch in der Politischen Bildung) zugesprochen werden kann. Lerntheorien sind grundsätzlich vor allem durch Modelle und Hypothesen geprägt, mit Hilfe derer der an sich komplexe Lernvorgang mit möglichst einfachen Prinzipien und Regeln zu beschreiben versucht wird, wobei ein Lernprozess „als […] aktive, Anstrengungen erfordernde psychische bzw. psychomotorische Auseinandersetzung eines Menschen mit irgendwelchen Objekten der Erfahrung [definiert werden kann, der] relativ dauerhafte Veränderungen von Fertigkeiten und Fähigkeiten […] bewirkt.“ 7 Lerntheorien können also als Systematisierungsversuche des Phänomens Lernen verstanden werden, mit Hilfe derer ein „allgemeiner Rahmen für didaktische Überlegungen“ bestimmt wird. 8 Während vor allem konstruktivistische und kognitivistische Lernansätze auf das Vorwissen der Lernenden anknüpfen und postulieren, dass Lernprozesse aufgrund interner Prozesse erfolgen, die nicht von außen gesteuert werden können, „wird Lernen [im Behaviorismus] als beobachtbare Verhaltensänderung verstanden, die als Reaktion auf [externe] Umweltreize erfolgt“ 9 Bei der kognitivistischen Lerntheorie werden die Organisationsprozesse, die Informationsverarbeitung und die Entscheidungsvorgänge, bei denen durch aktive Beteiligung des Individuums kognitive Strukturen zu Begriffsbildung und Wissenserwerb gebildet werden, untersucht, beim Konstruktivismus hingegen Lernprozesse als selbstgesteuerte, aktive Vorgänge aufgefasst, wobei Wissen durch subjektive Interpretationen und Konstruktionen entsteht. Während der Behaviorismus das Gehirn als „passiven Behälter“ begreift, in dem sich Wissen, das als korrekte Input-Output-Ralation aufgefasst wird, ablagert, versteht der Kognitivismus das Hirn als ein „informationsverarbeitendes Gerät“, in dem Wissen verarbeitet wird. Der Konstruktivismus
7
SAGEDER, Josef.: Didaktische Aspekte des Einsatzes von Computern für Lehren und Lernen. in: SEIDEL, Christian (Hrsg.): Computer Based Training: Erfahrungen mit interaktivem Computerlernen, Stuttgart 1993, S. 59-86, hier: S. 61.
8 KLIMSA, Paul: Neue Medien und Weiterbildung: Anwendung und Nutzung in Lernprozessen der Weiterbildung, Weinheim 1993, S. 242.
9 ARNOLD, Patricia: Einsatz digitaler Medien in der Hochschullehre aus lerntheoretischer Sicht, eteaching@university, 12.01.2005, S. 2,
URL: http://www.e-teaching.org/didaktik/theorie/lerntheorie/arnold.pdf (letzter Zugriff:20.01.2011). Vgl. auch MANZEL, Sabine: Kompetenzzuwachs im Politikunterricht. Ergebnisse einer Interventionsstudie zum Kernkonzept Europa [Politikdidaktische Forschung 1, hrsg. . von RICHTER, Dagmar/ WEIßENO, Georg], Münster 2007, S. 68-74.
5
hingegen erfasst das lernende Gehirn als informationell geschlossenes System, das Wissen intern konstruiert. 10
1.2) Konstruktivismus als Erkenntnistheorie
Grundsätzlich kann der Konstruktivismus vor allem in lernpsychologischer Sicht als Erkenntnistheorie bezeichnet werden, da er sich für die Erkenntnisgenerierung interessiert und eine Antwort auf die Frage zu geben versucht, wie ein aus einem Lernprozess resultierender Erkenntnisgewinn möglich ist, wobei er das traditionelle Dilemma von Epistemologien vermeidet, da er postuliert, dass dem Menschen die Erschaffung eines isomorphen Abbildes der sie umgebenden Welt unmöglich sein muss. 11
Die konstruktivistische Epistemologie wurde wesentlich von den neurobiologischen Erkenntnissen von MATURANA und VARELA, sowie den (daraus resultierenden) systemtheoretischen Postulaten Niklas LUHMANNS beeinflusst 12 , der den Autopoiese-Ansatz erstmalig auf die Sozialwissenschaften anwendete. Demnach kann Lernen als autopoietischer, strukturdeterminierter, konstruktiver, situierter, zustandsdeterminierter Prozess bezeichnet werden, der von außen angeregt, aber nicht reguliert werden kann. Da unter dem Begriff Autopoiese der Prozess der Selbsterhaltung bzw. Selbsthervorbringung eines Systems verstanden wird, bedeutet dies vereinfacht formuliert, dass auch Lernprozesse sich selbst hervorbringen, also aufgrund ihrer Interaktion mit der Lernumwelt (jedoch nur mit begrenztem Einfluss derselben) in Abhängigkeit von Motivation und Interesse (die auf Vorkenntnisse fußen) des Lernenden entstehen. Lernende können sich Lerninhalte also nur selbst (autopoietisch) mit Hilfe bereits erlernter Strukturen selbstreferentiell vermitteln, wobei der Lehrende nur begrenzten Einfluss zu haben scheint.
Da die beim Lernprozess von „außen“ stammenden Lerninhalte aufgrund der individuellen, aus vorhergegangenen Prozessen entstandene Struktur des Lernenden selektiv behandelt und verarbeitet, also pertubiert werden, ist der autopoietische Lernprozess zwingend strukturdeterminiert und damit auch konstruktiv, da durch die beschriebene Vorgehensweise eben nicht die Realität abgebildet werden kann, sondern beim Lernen vielmehr Konstrukte erschlossen
10 Vgl. BAUMGARTNER, Peter/ PAYR, Sabine: Lernen mit Software. Reihe Digitales Lernen, Innsbruck 1994, S. 110, 174.
Für eine ausführliche Betrachtung, vgl. MIETZEL, Gerd: Pädagogische Psychologie des Lernens und Lehrens, Göttingen u.a. 7 2003.
11 Vgl. grundlegend z.B. BAUMANN, Peter: Erkenntnistheorie, Stuttgart 2006.
12 Vgl. MATURANA, Humberto/ VARELA, Francisco: Der Baum der Erkenntnis, München 1984 und LUHMANN, Niklas: Erkenntnis als Konstruktion, Bern 1988.
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Joachim Graf, 2011, Die Lerntheorie des Konstruktivismus in der Politischen Bildung, München, GRIN Verlag GmbH
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