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DIE SCHWARZE MINDERHEIT IN DEN USA
Unter der zentralen Fragestellung „Wie entstanden die Ghettos der schwarzen Bevölkerung in USamerikanischen Großstädten und aus welchen Gründen sind diese segregierten Minderheitenviertel bis heute persistent?“ beschäftigt sich diese Hausarbeit mit den Ursachen und der Entwicklung der Wohnsituation schwarzer Bevölkerungsgruppen in den Vereinigten Staaten.
Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Der erste Teil, bestehend aus Kapitel 1 und 2, schafft den theoretischen Hintergrund zum allgemeinen Verständnis von residentieller Segregation und den daraus resultierenden städtischen Strukturen. Kapitel 1 dient der Definition von residentieller Segregation. Da es vielfältige Gründe für die Ausbildung von homogenen Wohnvierteln innerhalb einer Stadt gibt, sollen diese hier zunächst vorgestellt und erklärt werden. Kapitel 2 beschäftigt sich im Anschluss mit den wichtigsten Modellen zur residentiellen Segregation. Modelle haben die Aufgabe „[...] komplexe Zusammenhänge darzustellen, deren Entwicklung und Prozessabläufe zu erkennen sowie Aussagen über Regeln und Gesetze in der Funktionsweise des abgebildeten Systems zu machen.“ (LESER 13 2005: 568). Sie vereinfachen also die komplizierte Wirklichkeit. Die Stadt ist als sozialer Raum das Resultat komplexer Zusammenhänge, die teils von außen bestimmt werden, teils historisch bedingt sind und teils ihre Ursache im individuellen Handeln der Bewohner haben (SIEBEL et al 2004: 139). In dieser Arbeit werden gleich mehrere Modelle zur residentiellen Segregation vorgestellt, da diese jeweils von differierenden Grundannahmen zur Erklärung städtischer Strukturen ausgehen. Kapitel 2 fungiert als Bindeglied zwischen Kapitel 1 und 3. Zum Einen geben die Modelle eine Visualisierung der Ursachen von residentieller Segregation, zum Anderen bieten vor allem die verhaltenstheoretischen Ansätze eine Erklärung für das individuelle Verhalten von Menschen bei der Wohnstandortwahl. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse lassen sich entsprechend auf die Ursachen der Lokalisierung der afro-amerikanischen Wohnviertel - der Ghettos 1 - in der US-Stadt übertragen, die das Thema des zweiten Teils der Arbeit darstellen. Die Ghettos der schwarzen US-Bevölkerung stellen eine besonders persistente Form residentieller Segregation dar, deren Ursachen hauptsächlich in der Geschichte und der Politik des Landes liegen. Allerdings sind diese Viertel nicht immer das Resultat der Vergangenheit. Gemäß dem in Kapitel 2.3 vorgestellten Ähnlichkeitsmaximierungsansatz bilden sich segregierte, homogene Stadtteile auch auf natürliche Weise. Eine Erklärung für die Entstehung von Ghettos und verschiedener Formen residentieller Segregation sollte deshalb nicht allein auf den rationalen Wissenschaftstheorien basieren, sondern auch individuelle Handlungs-und Entscheidungsmechanismen der Menschen berücksichtigen.
1 Die Bezeichnung „Ghetto“ galt ursprünglich für jüdische Wohnviertel in der Neuzeit. Heute beschreibt der Begriff ganz allgemein Wohnviertel ethnischer oder sozioökonomischer Minderheiten, die freiwillig oder gezwungen segregiert sind und deren Bewohner häufig vom Rest der Bevölkerung diskriminiert werden (LESER 13 2005: 297).
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teilung von Gruppen, die aus ethnisch-religiösen Gründen, d.h. aufgrund der Nationalität, der Religion, der Hautfarbe oder der Sprache, segregiert werden, ist eine mehrkernige Struktur. Alter, Haushaltsgröße, Kinderzahl oder Familienstand stehen bei der Segregation nach dem familiären Status im Vordergrund. Die Familien siedeln sich entsprechend ihrer finanziellen Möglichkeiten in konzentrischen Kreisen um das Stadtzentrum an (SIEBEL et al 2004: 151). Eine Erklärung für die charakteristischen Verteilungsmuster bieten die in Kapitel 2 vorgestellten Ansätze zur residentiellen Segregation.
Ebenso vielfältig wie die Arten sozialer Segregation, sind auch deren Gründe. Armut und relative bzw. multiple Deprivation stellen allerdings weiterhin die bedeutendsten Abgrenzungskriterien dar (KELLER 1999: 90). Segregation kann anhand verschiedenster Indikatoren, wie z.B. Einkommen, Religion, Nationalität, Alter oder Armut erfasst und in einem Segregationsindex ausgedrückt werden. Der Index gibt die Abweichung von der Gleichverteilung von Gruppen im Raum an. Je höher die Abweichung, desto segregierter ist die betroffene Bevölkerungsgruppe (SIEBEL et al: 140). Der Vergleich zwischen den Indexen verschiedener Städte gestaltet sich schwierig, da die Abgrenzung der Gebiete, für die Daten bereit stehen bzw. erhoben werden, nicht einheitlich sind. Es gilt: Je kleiner die der Analyse zugrunde liegende Gebietseinheit, desto stärker ist die Segregation (HÄUßERMANN 2008: 336).
Wie oben bereits erwähnt kann Segregation freiwillig (Sukzession) oder erzwungen (Invasion) sein. Dabei ist das soziale, materielle und kulturelle Kapital der Individuen von entscheidender Bedeutung. Je mehr Kapital einem Individuum zur Verfügung steht, desto freier ist es in der Wahl seines Wohnortes (HÄUßERMANN 2008: 336). Gleiches gilt umgekehrt. Diese Tatsache führt in der Konsequenz zu einer Sortierung der Bevölkerung. Der dazugehörige Forschungsansatz der freien Wohnstandortwahl folgt dem Mechanismus des Wohnungsmarktes. Dieser reguliert die Nachfrage nach Wohnraum unterschiedlicher Lage, Größe und Ausstattung über den Miet- oder Kaufpreis. Besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf die zum Teil diskriminierenden Vergabepraktiken von Vermietern und Maklern zu richten. Diese können den Bewerbern aufgrund ihrer Kinderzahl oder ethnischen Zugehörigkeit das Wohnrecht verweigern und fördern auf diese Weise eine Ausgrenzung (OTTE 2004: 259). Ausgrenzung beschreibt den Prozess „[...] in dem [sich] Individuen oder Haushalte von den durchschnittlichen gesellschaftlichen Standards der Lebensführung entfernen bzw. entfernt werden [...]“ (HÄUßERMANN 2008: 335). (1) Als ökonomisch ausgegrenzt wird ein Individuum dann bezeichnet, wenn es keinen Zutritt mehr zum Arbeitsmarkt findet, kein Gehalt mehr bezieht und so vom Konsum ausgeschlossen wird. Ohne Arbeit und Geld gerät es ins soziale Abseits (vorausgesetzt es verfügt nicht über eine anderweitig sozial anerkannte Rolle als Rentner, Hausfrau etc.). (2) Ein durch Stigmatisierung und Diskriminierung der persönlichen Situation ausgelöster Verlust des Selbstwertgefühles, sozialer
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Kontakte und Partizipationsmöglichkeiten, die Voraussetzungen für das integrierte Leben in einer Gesellschaft bilden, wird als kulturelle Ausgrenzung bezeichnet (CHASSÉ et al 2002: 282). Ausdruck findet das damit verbundene veränderte Bewusstsein in Apathie, Resignation, Rückzug und Abschottung aus dem gesellschaftlichen Leben. (3) Die daraus resultierende soziale Isolation und das damit verbundene Leben in einem geschlossenen Milieu nennt man soziale Ausgrenzung (HÄUßERMANN 2008: 336). (4) Auch Institutionen können ausgrenzend wirken. Sie bauen unüberwindliche Barrieren auf, die bestimmte Personen daran hindern am gesellschaftlichen Leben teil zu nehmen. So schließen z.B. Versicherungsgemeinschaften kostenträchtiger Risikogruppen von ihren Leistungen aus (institutionelle Ausgrenzung). (5) Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Asylbewerbern durch die Residenzpflicht ist Teil juristischer oder punitiver Ausgrenzung. Treffen alle vier Möglichkeiten von Ausgrenzung aufeinander ist der Höhepunkt des Ausgrenzungsprozesses erreicht und das betroffene Individuum am äußersten Rand der Gesellschaft angekommen (WEHRHEIM 2002: 32).
Im Bezug auf die Entwicklung städtischer Agglomerationsräume und Strukturen lassen sich zusätzlich drei Arten von residentieller Segregation unterscheiden: demographische Segregation bedeutet die Zunahme von Anteilen mittlerer Altersgruppen, Kindern, Jugendlichen und Mehrpersonenhaushalte im Umland, bei gleichzeitig ansteigender Konzentration von Einpersonenhaushalten und der „vier As“ (=Arme, Alte, Arbeitslose, Ausländer) in und um die Kernstadt. Sozioökonomische Segregation beschreibt das Wachstum der Mittel- und Oberschichtenhaushalte an der Peripherie und einkommensschwacher Haushalte in der Kernstadt: „Der soziale Status [...] findet seine Entsprechung in der Wohnsituation.“ (WEHRLI-SCHINDLER 1995: 28). Die Ballung von hoch- und höchstrangigen Dienstleistungen, Beratungs- und Vermittlungseinrichtungen in der Kernstadt und die Verlagerung von Industriestandorten ins Umland bezeichnet man als funktionale Segregation (HEINEBERG ²2001: 54). Insgesamt erscheint die Kernstadt in modernen Großstädten schizophren: Einerseits ist sie durch Verfall, Ghetto- und Slumbildung gekennzeichnet, andererseits stehen dieser Entwicklung Bauboom und Gentrification 2 gegenüber. Auch politische Regulationen wie z.B. die Lokalisierung von Sozialwohnungen mit Belegungsbindung tragen zur residentiellen Segregation bei (SIEBEL et al 2004: 155/OTTE 2004: 258). Auf die Ursachen dieser Entwicklung wird im folgenden Kapitel näher eingegangen.
2 Gentrification beschreibt den Prozess der Aufwertung innerstädtischer, zentrumsnaher Wohnviertel durch den Zuzug gehobenerer Schichten. Sie ist oftmals das Resultat von Stadtsanierungsmaßnahmen, da die einkommensschwache Bevölkerung durch die gestiegenen Miet- und Bodenpreise verdrängt wird (HEINEBERG ²2001: 54).
Arbeit zitieren:
Sandra Schindlauer, 2008, Persistenz residentieller Segregation , München, GRIN Verlag GmbH
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