Inhalt
1 Einleitung 3
2 Begriffliche Abgrenzungen 3
3 Religiöser Pluralismus und Toleranz in Indonesien 3
3.1 Die Stellung der Religion in Indonesien 4
3.2 Bhinneka Tunggal Ika und die javanische Toleranz 5
3.3 Der javanische Synkretismus 6
4 Historische Hintergründe 8
4.1 Ausbreitung der Religionen 8
4.2 Sukarno und die Piagam Jakarta 9
4.3 Orde Baru 10
4.4 Versuche der Umgestaltung und Demokratisierung nach der Suharto-Ära 11
5 Der indonesische Islam 12
5.1 Abangan und Santri 13
5.2 Gründe für Frust der Muslime und Eifer islamistischer Bewegungen 14
5.3 Fortschreitende Islamisierung und beunruhigende Entwicklungen 15
6 Islamismus und islamistische Strömungen in Indonesien 17
6.1 Der Darul-Islam 17
6.2 Front Pembela Islam 17
6.3 Jemaah Islamiyah 18
6.4 Laskar Jihad 19
7 Die Debatte um die Einführung der Shari’ah 20
8 Das Anti-Pornographiegesetz 22
9 Fazit 23
Literaturverzeichnis 25
2
1 Einleitung
Indonesien, das größte muslimische Land der Welt, propagiert den religiösen Pluralismus. Seit der Sukarno-Ära ist der eigentlich aus einem altjavanischen Gedicht stammende Slogan Bhinneka tunggal ika („Einheit in Vielfalt“ 1 ) zum Staatsmotto geworden. Anhänger verschiedenster Religionen leben in Indonesien weitgehend friedlich nebeneinander. Feste aller anerkannten Religionen werden als nationale Feiertage begangen. Am Feiertag einer Religion gratuliert man den Anhängern dieser Religion auch, wenn man ihr selbst nicht angehört. Hillary Clinton zeigte bei ihrer Indonesien-Reise Anfang dieses Jahres große Begeisterung: "Hier können Islam, Demokratie und Moderne nicht nur koexistieren", so die neue US-Außenministerin, "sondern gemeinsam florieren." 2 Auf der anderen Seite stehen terroristische Attentate wie die Bali-Anschläge der Jahre 2002 und 2005 sowie das neue Pornographie-Gesetz, das weltweit für Aufsehen sorgte. In verschiedensten Gebieten kommt es immer wieder zu Konflikten und Gewalt zwischen Muslimen und Anhängern anderer Religionen.
Daher stellt sich die Frage: Wie dominant ist der indonesische Islam und wie weit reicht der religiöse Pluralismus Indonesiens wirklich?
2 Begriffliche Abgrenzungen
Zunächst möchte ich die Begriffe Pluralismus, Pluralität und Toleranz voneinander abgrenzen. Pluralität bezeichnet einen Gesellschaftszustand, nämlich das Bestehen einer Vielfalt. Pluralismus und Toleranz hingegen drücken individuelle oder kollektive konzeptionelle Positionen aus. Pluralismus ist weit mehr als Toleranz, denn er geht nicht nur vom sich gegenseitigen Tolerieren aus, sondern von einer Gleichberechtigung. Damit lässt er jedem Individuum Spielraum für eine alternative Identitätsfindung. 3 Bei Toleranz muss man zusätzlich zwischen einem positiven und einem negativen Toleranzbegriff unterscheiden: der negative Toleranzbegriff verlangt nur, dass andere in Ruhe gelassen oder nicht verfolgt werden. Der positive Toleranzbegriff hingegen erfordert zusätzlich noch gegenseitige Hilfe und Unterstützung. 4
3 Religiöser Pluralismus und Toleranz in Indonesien
„Nicht nur die Nation Indonesiens sollte einen Herrn anerkennen, sondern jeder Indonesier sollte an seinen eigenen Herrn glauben. Christen ehren den Herrn, gemäß der Lehre von Jesus Christus. Muslime glauben gemäß dem Propheten Muhammad s.a.w.; die Buddhisten gestalten ihren religiösen Dienst nach ihren eigenen Büchern. Aber lasst uns alle zusammen an einen Herrn glauben. Der Staat Indonesien soll ein Staat sein, in dem
1 oder auch: „obwohl unterschiedlich, trotzdem eins“
2 Mühlmann 30.03.2009
3 Schulze 2008, S. 65
4 Abdillah 1997, S. 121
3
jeder Mensch seinen Herrn in freier Manier verehren kann. Das ganze Volk sollte seinen Herrn verehren auf die eigene kulturelle Art und Weise, d.h. ohne religiösen Egoismus. Und Indonesien sollte ein Staat sein, der einen Herrn anerkennt!“ 5
Indonesien versteht sich als ein Nationalstaat, der allen Staatsbürgern die Freiheit der religiösen Überzeugung gewährt. Das bedeutet, dass es keine Sonderregelungen geben darf, die irgendwelche Gruppen aus ethnischen oder religiösen Gründen diskriminieren würden. Auch wenn Indonesien als das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung bekannt ist, ist es kein Islamstaat und die Mehrheit der Indonesier lehnt die Einführung der Shari’ah ab. 6
Politisch und ideologisch gründet sich Indonesien auf der Staatsphilosophie der Pancasila. 7 Lange Zeit galt es als Paradebeispiel für ein friedliches Zusammenleben einer muslimischen Mehrheit mit Minderheiten anderer Religionen. 8 Seit dem Ende des autoritären Regimes von Suharto im Mai 1998 befindet sich Indonesien in einem Demokratisierungsprozess. Auch wenn seitdem immer wieder mit Sorge beobachtet wird, wie gewaltbereite Gruppierungen wie Laskar Jihad, Front Hizbullah. Hizbut Tharir und die Front Pembela Islam in Erscheinung treten, sind diese Gruppen eine absolute Minderheit. Auch die Zahl derjeniger, die die Errichtung eines Islamstaats fordern, ist sehr gering. 9
Obwohl das politische System noch zahlreiche Einschränkungen und Defizite aufweist, ist in den letzten Jahren eine spürbare Veränderung zu sehen und nach allgemeiner Expertenmeinung wird Indonesien eher als demokratisch denn als autoritär eingestuft. Mittlerweile gilt es sogar als das demokratischste Land in Südostasien. 10
3.1 Die Stellung der Religion in Indonesien
In Indonesien ist der Islam (anders als beispielsweise in Malaysia) nicht Staatsreligion. Indonesien ist aber auch kein säkularer Staat, denn der Glaube an eine der Weltreligionen ist verpflichtend und wird unter anderem im Personalausweis vermerkt. 11 Nach dem Prinzip des Glaubens an den alleinigen Gott muss jeder Indonesier an einen Gott glauben und im Einklang mit seiner jeweiligen Religion seinen Gott verehren. Anerkannte Religionen sind Islam, Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus und mittlerweile auch der Konfuzianismus. Muslime machen circa 88 % der Bevölkerung aus. 12
5 Sukarno, Lahirnya Pancasila, zitiert bei Schindehütte 2006, S. 52
6 Evers, S. 251
7 Azra 2008, S. 116
8 Evers, S. 249
9 Ottendörfer, Ziegenhain 2008, S. 47
10 Ottendörfer, Ziegenhain 2008, S. 43-44
11 Ottendörfer, Ziegenhain 2008, S. 45
12 Auswärtiges Amt Juni 2009
4
Die in Religiosität und dem Glauben an einen Gott begründete Weltanschauung bildet eine gemeinsame Grundlage für die heterogene Gesellschaft Indonesiens. Für atheistische (anti-Tuhan) Gruppen ist in einer solchen religiösen Gemeinschaft kein Platz. Obwohl der Glaube an einen Gott vorgeschrieben ist, ist kein absoluter Monotheismus wie im Islam vorgeschrieben, sondern auch ein relativer Monotheismus möglich. Dabei wird die Gottesgestalt aufgespalten ohne ihren ganzheitlichen Charakter zu verlieren. Im Christentum spricht man von Vater, Sohn und Heiligem Geist, im Hinduismus von der Trimurti, den personifizierten göttlichen Prinzipien Brahma, Vishnu und Shiva. 13 Indonesische Angehörige verschiedener Religionen respektieren einander weitgehend und arbeiten gemeinsam daran, die Harmonie und das
Nebeneinanderexistieren der verschiedenen Religionen zu ermöglichen. Man entwickelte die Ansicht, Religion sei etwas Persönliches und man solle anderen seinen Glauben nicht aufzwingen. Jeder Mensch soll die Freiheit haben, seinen Gott im Einklang mit seiner Religion zu verehren und Gottesdienste abzuhalten. 14
3.2 Bhinneka Tunggal Ika und die javanische Toleranz
In der javanischen Gesellschaft werden Unterschiede nicht als etwas Negatives sondern als unvermeidbare Gegebenheiten angesehen, die akzeptiert und sich zu eigen gemacht werden müssen. 15 Die Javaner sind sehr stolz auf ihre Toleranz und Großzügigzeit. Aber dies bedeutet nicht, dass Javaner unendlich tolerant gegenüber anderen Religionen, Werten und Glaubensrichtungen sind. Alles, was in javanische Erklärungsmuster passt oder an den javanischen Lebensstil angepasst werden kann, wird akzeptiert; passt es nicht, wird es schwieriger. 16
Die Mehrheit der Indonesier sieht einen gemeinsamen Glauben nicht als zwingend notwendig an, um zusammen leben zu können. 17 Nach dem Grundsatz ‚lain ladang lain belalang‘ (anderes Feld, andere Heuschrecke) wird toleriert, dass jede Gemeinschaft ihre eigenen Gewohnheiten und Traditionen hat. Toleranz meint in diesem Fall, jeden nach seinen eigenen Vorstellungen leben zu lassen. Javaner können es meistens gut tolerieren, wenn Menschen, die nicht ihrer Gesellschaft angehören, sich anders verhalten als erwünscht. Verhält sich aber ein Javaner entgegen der javanischen Werte, wird das gar nicht gerne gesehen. Jeder muss nach seinen eigenen Gepflogenheiten und Traditionen leben, die für ihn in seiner Kultur ‚cocok‘ (passend, angebracht) sind. 18
13 Wandelt 1989, S. 165
14 Wandelt 1989, S. 161
15 Darmaputera 1982, S. 224
16 Darmaputera 1982, S. 239-241
17 Darmaputera 1982, S. 344
18 Darmaputera 1982, S. 241
5
Das Staatsprinzip Indonesiens Bhinneka Tunggal Ika („Einheit in Vielfalt“) ist nicht nur eine Bezeichnung für die Pluralität der indonesischen Gesellschaft, sondern begreift diese Pluralität sogar als eine ihrer wesentlichen Besonderheiten. 19
3.3 Der javanische Synkretismus
Inseln und Inselstaaten sind aufgrund ihrer exponierten Lage meist den verschiedensten Einflüssen ausgesetzt. So war es auch in Indonesien und daher ist es nicht verwunderlich, dass die 17.000 Inseln Indonesiens sehr unterschiedlich geprägt sind und mit verschiedenen Religionen in Kontakt kamen. 20 Viele der indonesischen Muslime praktizieren daher einen eher synkretistischen Glauben. Auf Java soll der Islam im 15. und 16. Jahrhundert von den Wali Songo, den 9 Heiligen, verbreitet worden sein. Sie gründeten Islamschulen (pesantren) und Moscheen. Besonders Sunan Kalijaga soll die Tradition des alten javanischen Schattenspiels (wayang) und andere Traditionen genutzt haben, um den Islam in Java zu verbreiten und populär zu machen. Er gilt als Modell für die synkretistische Vermischung von hindu-javanischer und islamischer Tradition.
In der javanischen Mystik des Volksislam findet man bis heute noch Spuren von früheren Stammesreligionen, altjavanischen Mythen und Animismus sowie Elemente aus Hinduismus und Buddhismus. Der javanische Islam wird daher von puristischen Muslimen oft kritisiert. 21
Große Bedeutung für das interreligiöse friedliche Zusammenleben hat der traditionelle Ritus des Slametan auf Java. Ein Slametan kann zu vielen Gelegenheiten gegeben werden, wenn jemand etwas feiern oder heiligen will oder auch in individuellen Problemsituationen. Anlässe sind zum Beispiel eine Geburt, Hochzeit, Tod, ein Umzug, Krankheit, Beschneidung uvm. Das Ziel dabei ist, das individuelle Wohlergehen und den Frieden in der Gemeinschaft zu sichern, wenn diese durch Krankheit, Streit und andere Ereignisse gefährdet erscheinen. Es gibt spezielles Essen, Räuchermittel, islamischen Gesang und der Gastgeber hält eine Rede. 22
Außerdem werden den Geistern der Ahnen Blumen oder Nahrung geopfert. Auch wenn puristische Kreise im Islam diesem Brauch kritisch gegenüberstehen, spielt der Ritus des Slametan auch heute noch eine wichtige Rolle, um über die Grenzen der Religionszugehörigkeit hinweg für Harmonie und Verständigung im Zusammenleben zu sorgen. 23 Im Slametan brauchen die Menschen keinen einheitlichen Glauben, sondern was jeder glaubt, ist ihm selbst überlassen. Solange er seinen Glauben für sich behält, wird die
19 Schulze 2008, S. 67
20 Schott 2005
21 Schott 2005
22 Geertz 1964, S. 11-12
23 Evers, S. 254
6
Gemeinschaft nicht gestört; im Gegenteil würde der Versuch, einen einheitlichen Glauben einzuführen, den Frieden und die Harmonie in der Gemeinschaft gefährden. 24 In letzter Zeit gab es in Indonesien immer wieder staatlich initiierte interreligiöse Dialogprogramme, die aber leider oft nur zögerlich angenommen wurden. An der Staatlichen Islamischen Universität in Yogyakarta gibt es seit 2004 ein interreligiöses Dialogzentrum, das unter anderem Begegnungen für Angehörige verschiedener Religionen (auch außerhalb der Studentenschaft) organisiert. Außerdem gibt es Bestrebungen, interreligiöse (Internats-)Schulen nach dem Muster der islamischen Pesantren aufzubauen. Im Jahr 2005 gab es auf Java ein Programm, bei dem über 100 Jungen und Mädchen für einige Tage in einer Familie einer anderen Religionsgemeinschaft lebten und auch an deren religiösen Ritualen teilnahmen. Hinterher wurden die Erfahrungen und konkrete Maßnahmen zur Verbesserung des interreligiösen Zusammenlebens besprochen. 25
3.4 Islam ja, Islamstaat nein
Die Mehrheit der indonesischen Muslime unterstützt generell islamische Regeln und die Shari’ah, lehnt aber deren Institutionalisierung und einen indonesischen Islamstaat ab. 26 In ihren Augen wurde Indonesien von seinen Gründungsvätern als moderner Staat der Gleichberechtigung aufgebaut. Die Rechte und Autorität des Staates waren begrenzt und konnten vom Volk zurückgerufen werden. Unterschiede hinsichtlich Abstammung, Religion, Rasse, sozialem oder und kulturellem Hintergrund spielten keine Rolle. Ein Islamstaat hingegen verträte die Interessen der muslimischen Mehrheit und wäre an diese gebunden. Für Indonesien würde dies bedeuten, dass die Vorstellung der Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz verworfen werden müsste. Auch wenn Nicht-Muslime immer noch als Bürger angesehen und beschützt würden, erhielten sie in der Gesellschaft die Stellung einer zweiten Klasse. 27
Seit der indonesischen Unabhängigkeit dominierten in der Politik immer die Akteure, die eine Islamisierung ablehnten. 28 Versuche, einem dogmatischen antipluralistischen Islam zum Sieg zu verhelfen, sind bisher letztendlich immer gescheitert. 29 Im Jahr 1970 sorgte Nurcholish Madjid für großen Aufruhr, als er die Trennung von Staat und Religion forderte. Mit der Parole „Islam ja, islamische Parteien nein“ sprach er sich gegen einen islamischen Staat und für eine Desakralisierung all dessen aus, was in seinen Augen nichts mit Religion im eigentlichen Sinne zu tun hatte. In seinen Argumentationen benutzte er unter anderem Begriffe wie Säkularisierung, Desakralisierung und Liberalismus, die in den Augen vieler Muslime für einen westlichen Irrweg standen und
24 Darmaputera 1982, S. 344
25 Evers, S. 254
26 Azra 2008, S. 193
27 Azra 2008, S. 19
28 Schuck 2008, S. 131
29 Schröter 2008, S. 1
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Katharina Werner, 2009, Die Rolle des Islam im religiösen Pluralismus Indonesiens, München, GRIN Verlag GmbH
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