Im der vorliegenden Arbeit soll der Begriff der sympathetischen oder auch subjektivierten Natur
heraus gearbeitet und dargelegt werden. Arbeitsgrundlage sind die Canzoniere des Francesco
Petrarca.
Petrarca, der mit seiner sinnenhaften Landschaftsrezeption den Übergang zu einer neuzeitliche
Epoche der ästhetischen Erfahrung von Natur markiert, verwendet Natur und Naturdarstellungen
in seinem Werk auf eine bis dahin unbekannte Art und Weise und schafft so eine bedeutsame
Neuerung für die gesamte italienische Lyrik.
Die epochal neue ästhetische Erfahrung von Landschaft, die Petrarca bei der Besteigung des
Berges Mont Ventoux begreift, die Funktion von Landschaft in den Canzoniere und der Begriff
der sympathetischen Natur stehen, wie gezeigt werden soll, in einem engen Zusammenhang.
Zunächst soll die Rezeption der “Mont Ventoux Besteigung” und Petrarcas Niederschrift dieser
Erfahrung beschrieben werden. Später wird sich der vorliegende Text der lyrischen Funktion von
Natur und Landschaften in den Laura-Gedichten widmen, um dann schließlich dazu überzugehen,
den Begriff der sympathetischen Natur, mittels beispielhafter Gedichte, so weit als möglich, zu
beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Besteigung des Mont Ventoux – Zeugnis einer Epochenschwelle
3. Zur Funktion von Landschaft in den Canzoniere
4. Subjektivierte Natur
5. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der sympathetischen beziehungsweise subjektivierten Natur im Werk Francesco Petrarcas, insbesondere innerhalb der Canzoniere, um den Übergang zu einer neuzeitlichen ästhetischen Wahrnehmung von Natur zu beleuchten.
- Die ästhetische Landschaftsrezeption und deren Bedeutung bei der Besteigung des Mont Ventoux.
- Die lyrische Doppelfunktion von Landschaft als ästhetischer Selbstwert und zeichenhafter Verweis.
- Die Rolle der Reflexion und das "Pensare" als Bindeglied zwischen Subjekt und Außenwelt.
- Die Transformation der Naturdarstellung als Spiegelung des seelischen Zustands des lyrischen Ichs.
- Der Konflikt zwischen christlich-mittelalterlicher Weltverneinung und einer neuen ästhetischen Weltbejahung.
Auszug aus dem Buch
Subjektivierte Natur
Die Landschaftsdarstellung in den Canzoniere erhält ihre Besonderheit durch die lyrische Doppelfunktion. Landschaft steht zum einen als in seiner Gegenständlichkeit ästhetischer Selbstwert und zum anderen als zeichenhafter Verweiß für die geliebte Laura. “Stets aber erscheint sie in zweifacher Perspektive: als sinnliche Gegenwart und Intensität einer Anschauung ( oder als deren Vergegenwärtigung) und als über sich selbst hinaus weisendes Zeichen(…)”
Die Landschaft wird so zum Reflexionsraum des lyrische Ichs und wird vom Subjekt durchdrungen oder subjektiviert. Sie erscheint dabei als angeschaute, als imaginierte, als erinnerte Landschaft und als subjektive Projektion des Seelenzustands des lyrischen Ichs oder als dessen Gegenbild. Dabei ist sie jedoch nie deskriptiv oder realistisch.
Petrarcas subjektivierte Landschaften entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von Subjekt, Reflexion und gegenständlicher Landschaft. Eine Schlüsselrolle spielt in diesem Zusammenhang das Wort “Pensare”. Pensare bezeichnet, nach Stierle, “ die noch vordiskursive innere, subjektive Bewegung der Reflexion, die genährt ist von Erinnerung und Anschauung und die alle Lebensmomente in ihrer Bewegung vereinigt, durchdringt und wechselseitig ineinander spiegelt.”
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die Zielsetzung definiert, das Konzept der sympathetischen Natur in den Canzoniere zu untersuchen und in den Kontext von Petrarcas neuartiger Landschaftsästhetik zu stellen.
Die Besteigung des Mont Ventoux – Zeugnis einer Epochenschwelle: Das Kapitel analysiert die Besteigung als historisches Dokument der ästhetischen Grenzüberschreitung und beleuchtet den Konflikt zwischen Naturerfahrung und augustinischer Weltabkehr.
Zur Funktion von Landschaft in den Canzoniere: Hier wird dargelegt, wie Petrarca Naturräume lyrisch nutzt, um innere Seelenzustände zu spiegeln und die Außenwelt als Zeichen für die abwesende Geliebte Laura zu interpretieren.
Subjektivierte Natur: Dieser Teil vertieft das Verständnis der Landschaft als Reflexionsraum, in dem das lyrische Ich durch das "Pensare" die Umwelt transformiert und subjektiv auflädt.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Petrarca mit der Verknüpfung von ästhetischer Landschaftswahrnehmung und individueller Reflexion einen maßgeblichen Beitrag zur neuzeitlichen Naturerfahrung geleistet hat.
Schlüsselwörter
Francesco Petrarca, Canzoniere, subjektivierte Natur, Landschaftsästhetik, Mont Ventoux, Laura, lyrisches Ich, Reflexion, Pensare, Literaturwissenschaft, Renaissance, Epochenschwelle, Seelenlandschaft, Mittelalter, Naturdarstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Francesco Petrarca Natur und Landschaft in seinen Canzoniere nicht mehr nur symbolisch, sondern als ästhetische und subjektiv geprägte Räume darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung einer neuen ästhetischen Naturwahrnehmung, der Funktion der Landschaft für das lyrische Ich und der Spannung zwischen spiritueller Reflexion und Sinnenwelt.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Begriff der "sympathetischen" oder "subjektivierten" Natur herauszuarbeiten und zu zeigen, wie Petrarca den Übergang zu einer neuzeitlichen Sichtweise markiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die zentrale Texte Petrarcas interpretiert und dabei auf theoretische Konzepte renommierter Forscher wie Karlheinz Stierle zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Mont Ventoux als Wendepunkt, die Analyse der Landschaftsfunktion in der Lyrik und die explizite Definition des subjektivierten Naturraums durch das "Pensare".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Petrarcas Canzoniere, die Subjektivierung der Natur, die ästhetische Landschaftserfahrung und die Rolle der Erinnerung und Reflexion.
Welche Bedeutung hat das Wort "Pensare" in diesem Kontext?
"Pensare" beschreibt eine vordiskursive, innere Bewegung der Reflexion, die es dem lyrischen Ich ermöglicht, die gegenwärtige Landschaft mit Erinnerungen an die Geliebte Laura zu verschmelzen.
Wie verändert sich die Wahrnehmung der Landschaft für das lyrische Ich in den Gedichten?
Die Landschaft wird vom bloßen Schauplatz zu einem aktiven Reflexionsraum, der durch das Subjekt durchdrungen wird, sodass Bäume, Felsen oder Quellen zu Spiegelbildern des eigenen Leidens oder der Liebe werden.
- Arbeit zitieren
- Christian Meister (Autor:in), 2003, Zur subjektivierten Natur im Canzoniere Francesco Petrarcas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17442