Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Politikwissenschaft
Übung: Einführung in die Didaktik der Sozialkunde
SS 2002
Gieseckes Konfliktanalyse: Theorie und Praxis
Jan Trützschler
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung S.1
II. Theorie S.2
1. Hauptziel politischen Unterrichts S.2
2. Didaktische Begründung S.2
3. Teilziele politischen Unterrichts S.3
4. Konfliktanalyse S.5
III. Praxis S.8
1. Konfrontation S.8
2. Analyse S.9
3. Stellungnahme S.13
4. Kontrovers-Verfahren S.13
5. Generalisierung S.14
IV. Fazit S.14
V. Anhang: Literaturverzeichnis, Quellenverzeichnis, Materialien S.17
I. Einleitung
Wolfgang Giesecke entwickelte die Konfliktorientierung in starker Anlehnung an das Emanzipationspostulat der Kritischen Erziehungswissenschaft, welches Mollenhauer, seinerseits beeinflusst durch die Kritische Theorie der Frankfurter Schule, folgendermaßen definiert: „Für die Erziehungswissenschaft konstitutiv ist das Prinzip, das besagt, daß Erziehung und Bildung ihren Zweck in der Mündigkeit des Subjekts haben; dem korrespondiert, dass das erkenntnisleitende Interesse der Erziehungswissenschaft das Interesse an Emanzipation ist.“1
Ziel dieser Arbeit ist es nicht diesen Ansatz zu bewerten und Partei für oder gegen Prinzipien der Kritischen Erziehungswissenschaft zu ergreifen. Ziel ist es vielmehr Gieseckes Umsetzung dieser Prinzipien für den Sozialkundeunterricht zu betrachten. Zu diesem Zweck werden in einem ersten Schritt theoretische Grundlagen konfliktorientierten Unterrichts und dessen Methode der Konfliktanalyse erläutert. Anschließend wird die Anwendung eben dieser Methode an einem praktischen Beispiel demonstriert. Herangezogen wird hierfür der Konflikt um den Internationalen Strafgerichtshof. Ausgewählt wurde dieser Streitfall in dem Bewusstsein, dass obwohl kaum ein Schüler direkt vom Ausgang dieses Konflikts betroffen ist, doch relativ schnell eine hohe moralische Identifikation mit einer der verschiedenen Auffassungen zum Thema stattfinden kann, dass Interesse auf Schülerseite also recht hoch sein dürfte. Hinzukommt, dass sich an diesem Beispiel das Funktionieren Internationaler Beziehungen gut erschließen lässt und sich Einblicke in Organisation und Arbeitsweise der Vereinten Nationen bieten. Um die im Unterricht schon wegen des engen Zeitrahmens nötige Übersichtlichkeit zu gewährleisten, wird dieser Konflikt nur aus Sicht der beiden Hauptakteure USA und EU betrachtet.
II. Theorie
1. Hauptziel politischen Unterrichts
Nach Giesecke ist Mitbestimmung „[…] oberstes Lernziel und Gegenstand der politischen Bearbeitung, also auch Ziel und Gegenstand des Unterrichts selbst.“2 Grundlage dieser Auffassung ist eine „historisch-dynamische Interpretation“3 des Grundgesetzes, der zufolge selbiges eine Aufforderung zur fundamentalen Demokratisierung sämtlicher Bereiche „in denen Menschen – notwendigerweise oder freiwillig – miteinander kommunizieren.“4 beinhaltet. Ziel ist es demnach, Mitbestimmung bei jeder Entscheidung für jeden der von der Entscheidung betroffen ist zu ermöglichen. Wobei Mitbestimmung als „planmäßige Veränderung in Richtung auf zunehmende Demokratisierung der Gesellschaft.“5 definiert wird. Mitbestimmung ist also Mittel und Ziel des „historisch-dynamischen“ Ansatzes zugleich. Historisch ist er, da bestehende demokratische Strukturen genutzt und ausgebaut werden sollen anstatt sie neu zu erfinden, dynamisch ist er, da dieser Ausbau nicht im Zuge einer einzigen Handlung stattfinden soll, sondern vielmehr Produkt einer kontinuierlich um sich greifenden Entwicklung sein muss.6
Zusammengefasst lässt sich sagen, Giesecke fordert eine Gesellschaft, in der jeder Einzelne seine Interessen wirksam vertreten darf und zwar nicht nur auf staatlicher Ebene sondern auch „[…] in der Familie, im Betrieb, oder in Schule und Hochschule.“7 Gleichzeitig erkennt Giesecke aber auch, dass um dies zu realisieren jeder Einzelnen in die Lage sein muss seine Interessen zu erkennen, zu formulieren und zu vertreten und dies dann auch permanent tut. Aus dieser Einsicht heraus definiert er Befähigung und Anregung zur Mitbestimmung als primäres Ziel politischen Unterrichts. Um es zu erreichen entwickelt er das didaktische Prinzip der Konfliktorientierung. Durch sie rückt er den Konflikt in das Zentrum des Unterrichts.
2. Didaktische Begründung
Giesecke begründet diesen Schritt indem er den Konflikt als die eigentliche politische Handlungssituation definiert.8 Daraus folgt, dass jeder Entscheidung ein Konflikt vorausgeht, dessen Ausgang vom Handeln der Beteiligten abhängig ist. Da es, wie bereits erläutert, Ziel politischen Unterrichts sein muss Mitbestimmung zu fördern, also die Fähigkeit zu vermitteln Entscheidungen im Sinne eigener Interessen beeinflussen zu können, muss er dazu befähigen Konflikte erfolgreich auszutragen. Dazu bedarf es zunächst aus psychologischer Sicht dreier Voraussetzungen, die durch eben diese Orientierung des Unterrichts an Konflikten geschaffen werden. Walter Gagel hat das folgendermaßen formuliert.9
[....]
1 Mollenhauer, Klaus: Erziehung und Emanzipation: polemische Skizzen, München 1968, S.10
2 Giesecke, Hermann: Didaktik der politischen Bildung, München 1972, S.140
3 ebd., S. 158
4 ebd., S. 139
5 ebd., S. 139
6 Vgl. ebd., S.141
7 ebd., S.139
8 Vgl. ebd., S. 143
9 Vgl. Gagel, Walter: Drei didaktische Konzeptionen: Giesecke, Hilligen, Schmiederer, Schwalbach/Ts. 1994, S.11-13. (Alle folgenden Zitate in den Punkten 1. bis 3. stammen, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus diesem Textabschnitt.)
Quote paper:
Jan Trützschler, 2002, Gieseckes Konfliktorientierung: Theorie und Praxis, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Konfliktdidaktik von Hermann Giesecke
Politics - Didactics, Political Education
Termpaper, 19 Pages
Konfliktanalyse nach Giesecke - Theoretische Grundlagen und Beispiel
Politics - Didactics, Political Education
Termpaper, 33 Pages
Funktionen von Familie in einer sich wandelnden Gesellschaft
Pedagogy - Pedagogic Sociology
Presentation (Elaboration), 14 Pages
Entstehung und Entwicklung von Familiennamen in Deutschland
Mit einer empirischen Analyse ...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Wissensgesellschaft - ante portas?
Sociology - Knowledge and Information
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Bertolt Brecht im Grundkurs Deutsch der Kollegstufe 13 eines Gymnasium...
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht - Anwendung textprod...
German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Scholary Paper (Seminar), 29 Pages
Der Holocaust - Ein Thema für den Sachunterricht der Grundschule?
Termpaper, 18 Pages
Welchen Einfluss hat die Globalisierung auf den National- und Sozialst...
Politics - International Politics - Topic: Globalization, Political Economics
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
History Europe - Germany - National Socialism, World War II
Scholary Paper (Seminar), 25 Pages
Fachdidaktische Prinzipien im Politikunterricht – Problemorientierter ...
Termpaper, 13 Pages
Gleichheit als Bedingung für Gerechtigkeit? Alternativen
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 22 Pages
Sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden - Das narrative Interview n...
Sociology - Methodology and Methods
Scholary Paper (Seminar), 23 Pages
Die Rolle Hagens im Nibelungenlied
German Studies - Older German Literature, Mediaevistik
Termpaper, 22 Pages
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Termpaper, 19 Pages
Armutsbedingte Bildungsbenachteiligung
Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification
Scholary Paper (Seminar), 32 Pages
Jan Trützschler has published the text Gieseckes Konfliktorientierung: Theorie und Praxis
Jan Trützschler has uploaded a new text
Poetry, Theory, Praxis. the Social Life of Myth, Word and Image in Anc...
Eric Csapo, Margaret C. Miller
Das Experiment von Public Private Partnerships in China: Theorie - Pra...
Eine praxisbezogene Analyse un...
Yisuo Li
Marketing in der Weiterbildung: Ein Theorie-Praxis-Vergleich in Kooper...
Johannes Schreiber
0 comments