Zwei Leben für die Luftfahrt 5 Dank
Für wertvolle Hilfe bei der Entstehung dieses Buches danken die beiden Autoren
Dr. Erika Dittrich, Stadtarchiv Friedrichsdorf
Alexander Kauther, Autor, Berlin-Johannisthal
Dr. Brigitte Streich, Stadtarchiv Wiesbaden
August Will, Heimatforscher, Friedrichsdorf
Zwei Leben für die Luftfahrt 7
Inhalt
Dank / 5
Vorwort /Das abenteuerliche Leben der Werntgens
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Tony Werntgen und Bruno Werntgen
Zwei Leben für die Luftfahrt / 11
Personenregister / 169
Literatur / 173
Bildquellen / 175
Der Autor Paul Wirtz / 179
Der Autor Ernst Probst / 181
B ücher von Paul Wirtz / 183
B ücher von Ernst Probst / 189
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8 Tony und Bruno Werntgen
Bruno Werntgen und seine Mutter Tony
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Zwei Leben für die Luftfahrt 9
Vorwort
Das abenteuerliche Leben
der Werntgens
E ine Mutter und einer ihrer beiden Söhne stehen im Mittelpunkt des Buches „Tony und Bruno Werntgen. Zwei Leben für die Luftfahrt“. Antoinette (Tony) Werntgen gilt als die erste Frau in Deutschland, die Flugzeuge entwickelte, und hat sich um die Anfänge des Flugplatzes Bonn-Hangelar verdient gemacht. Ihr Sohn Bruno war einst mit 17 Jahren der jüngste Pilot der Welt und ein Flugzeugkonstrukteur. Das Glück dieser beiden Luftfahrtpioniere dauerte aber nicht lange. Bruno Werntgen starb im Alter von nur 19 Jahren beim Absturz mit einem selbst konstruierten Flugzeug. Seine Mutter Tony verlor nicht nur ihren Sohn, sondern kurz danach auch ihr mit viel geliehenem Geld aufgebautes Flugunternehmen in Hangelar. Verarmt erlebte sie den von ihr mit initiierten Siegeszug der Luftfahrt in Deutschland. Die Autoren Paul Wirtz aus Jülich und Ernst Probst aus Wiesbaden schildern das abenteuerliche Leben von Tony und Bruno Werntgen.
10 Tony und Bruno Werntgen
Bruno Werntgen vor seinem Flugzeug
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Tony und Bruno Werntgen
Zwei Leben für die Luftfahrt E in Ehrenplatz in der Geschichte der Luftfahrt gebührt Antoinette (Tony) Werntgen (1875-1954) und deren Sohn Bruno Werntgen (1893-1913). Tony Werntgen hat als erste Frau in Deutschland verschiedene Flugapparate entwickelt, galt als berühmte Fliegermutter und nahm zusammen mit ihrem Sohn Bruno an Flugveranstaltungen und Schauflügen als Passagierin teil, um den Flugzeugbau zu fördern. Bruno Werntgen war einst der jüngste Pilot (Aviatiker) der Welt, ein erfolgreicher Flieger mit vielen Auszeichnungen und eine Berühmtheit im Rheinland und in Westfalen sowie ein tüchtiger Flugzeugkonstrukteur. Er verlor bereits in jungen Jahren bei einem Absturz sein Leben. Katharina Antoinette (Tony) Werntgen kam am 25. April 1875 in Ruhrort (Duisburg-Ruhrort) zur Welt. In der Wiesbadener Einwohnermeldekartei, in der Heirats-urkunde zu ihrer zweiten Ehe von 1916 und im Sterbeeintrag von 1954 wird jeweils Ruhrort als Geburtsort erwähnt. Die „Nassauische Biografie: Kurzbiografien aus 13 Jahrhunderten“ (1992) von Otto Renkhoff gibt Frankfurt am Main als Geburtsort an. Jörg M. Hormann
12 Tony und Bruno Werntgen
Bruno Werntgen um 1909
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und Evelyn Zegenhagen nennen in ihrem Buch „Deutsche Luftfahrtpioniere 1900-1950“ (2008) Wiesbaden als Wohnort.
Der Vater von Katharina Antoinette Werntgen hieß Hermann Heinrich Werntgen. Die Mutter trug den Namen Katharina Werntgen, geborene Meisner. Der Rufname von Katharina Antoinette war Tony (auch Toni). Über die Kindheit und Jugend von Tony ist nichts bekannt.
Tony Werntgen war mit dem Kaufmann Mathias Buschmann verheiratet. Aus dieser Ehe gingen die Söhne Bruno und Erik hervor. Bruno, der später in die Annalen der Luftfahrt einging, kam am 17. März 1893 in Beeck zur Welt. Seine Mutter war zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt, feierte aber rund einen Monat später ihren 18. Geburtstag. Erik wurde am 17. Januar 1897 in Moers (Rheinland) geboren. Um die Jahrhundertwende betrieb Tony Werntgen am Salzhaus in Frankfurt am Main ein Immobiliengeschäft. Sie verdiente als Immobilienmaklerin ihren Lebensunterhalt. 1909 wohnte die Familie in Frankfurt am Main unter der Adresse Am Salzhaus Nr. 6. Nach der Scheidung von Mathias Buschmann zu einem unbekannten Zeitpunkt blieben die Söhne Bruno und Erik bei ihrer Mutter und nahmen deren Namen an. Ab Ostern 1909 besuchte der damals 16-jährige Bruno Buschmann das Technikum in Mittweida (Sachsen) und begann dort ein Ingenieurstudium. Seine Mutter fragte
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Bild auf Seite 15:
Aus der Geburtsurkunde Nr. 194 geht hervor, dass der evangelische Kaufmann Mathias Buschmann am 23. März 1893 vor dem Standesbeamten in Beeck angezeigt hat, seine evangelische Ehefrau Toni Buschmann, geborene Werntgen, habe am 17. März 1893, nachmittags um fünf Uhr, in seiner Wohnung am Markt in Beeck ein männliches Kind geboren, welches die Vornamen Willi Bruno erhalten habe. Am 6. Juni 1910 ergänzte der Standesbeamte in Beeck die Geburtsurkunde durch den Eintrag, der Königliche Regierungs-Präsident in Wiesbaden habe am 14. Mai 1910 Willi Bruno Buschmann gestattet, anstelle des bisherigen Namens Buschmann fortan den Familiennamen Werntgen zu führen.
16 Tony und Bruno Werntgen
Direktor Edmund Bernhard Philipps
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am 30. Juni 1909 per Brief nach den Fortschritten ihres Sohnes beim Studium. Dieser Brief ist in dem Buch „Mittweidas Ingenieure“ abgebildet. In jenem Jahr schenkte Tony Werntgen dem 16-jährigen Bruno eine Dauerkarte für die „Internationale Luftfahrtausstellung“ in Frankfurt am Main, die vom 10. Juli bis zum 17. Oktober 1909 stattfand. Dabei machte Bruno erste Erfahrungen mit Flugzeugen. Nach dem Besuch dieser Ausstellung beschloss Bruno, das Ingenieurstudium in Mittweida abzubrechen und Flugzeuge zu konstruieren. Seine Mutter tat alles, um diesen Wunschtraum zu verwirklichen. Ende 1909 gründete Tony Werntgen zusammen mit „einigen Herren“ auf der rechten Erlenbachseite, gegenüber der Teichmühle in Köppern im Taunus, das „Deutsche Flugtechnische Institut“. Köppern ist heute ein Ortsteil von Friedrichsdorf im Taunus (Hessen). Das Institut umfasste drei Abteilungen: Lehranstalt, Versuchsstation und Fabrikation von Flugzeugen. Ein 1.500 Meter langer und 1.000 Meter breiter Platz war für Flugkurse bestimmt. Direktor des Instituts war Edmund Bernhard Philipps.
Die Zeitung „Taunusbote“ berichtete am 22. März 1910 über die Flugschule in Köppern: „Eine Flugschule soll gutem Benehmen nach in Köppern auf dem Terrain der Teichmühle von einer Frankfurter Gesellschaft errichtet werden. Eine große Halle ist bereits aufgebaut und unter der Leitung eines Oberingenieurs nehmen
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die weiteren Bauten und Einrichtungen ihren Fortgang“. Der „Taunusbote“ berichtete in der Folgezeit immer wieder über die Entwicklung des Instituts in Köppern. Als erste Frau in Deutschland entwickelte Tony Werntgen ab 1. April 1910 funktionstüchtige Flugapparate. In ihrem Institut entwickelte sie einen Eindecker und einen Doppeldecker. Sie ging als erste deutsche Flugzeugfabrikantin in die Geschichte der Luftfahrt ein. In den USA montierte Bessica Medlar Raiche (1875-1932) zusammen mit ihrem Ehemann François („Frank“) Raiche einige Flugzeuge in „Heimarbeit“ zusammen. In England war Hilda Hewlett (1864-1943) sogar die erste Chefin einer großen Flugzeugfabrik.
Die lokale Zeitung „Taunusbote“ berichtete am 7. April 1910, an den Flugkursen in Köppern dürften auch Damen teilnehmen. Das galt zu jener Zeit noch keineswegs als Selbstverständlichkeit. Bruno Werntgen arbeitete bereits als Fluglehrer, bevor er den Pilotenschein erwarb.
Die ersten Flüge mit Flugapparaten in Köppern standen in Konkurrenz zur erfolgreichen Entwicklung der Luftschiffe, die am 22. April 1910 in Bad Homburg vor der Höhe auf dem Gelände des heutigen „Kronenhofes“ dem deutschen Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) bei einer Luftfahrtschau von den Zeppelinen „Z II“ und den Parseval „P II“ sowie dem Militärluftschiff „M I“ vorgeführt wurden. „Z II“ war dabei am über-
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Werbung für das
„Deutsche Flugtechnische Institut“ in Köppern Foto auf Seite 21: im Taunus
Bruno Werntgen (zweiter von rechts) mit Angestellten des „Deutschen Flugtechnischen Instituts“ in Köppern im Taunus
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zeugendsten, während „P II“ abgetrieben wurde und „M I“ bei Kalbach niederging. Ab 1. Juli 1910 ermöglichten zwei Flugapparate mit jeweils 30 PS starken Motoren Flüge von mehreren Minuten Dauer über die Wiesen und Felder in der Gegend von Köppern. Tony und Bruno Werntgen machten am 9. Juli 1910 in einer Anzeige bekannt, dass sie „das pt. Publikum“ ersuchen, die Flaggensignale zu beachten und wenn die rote Fahne auf den Hallen sichtbar ist, während dieser Zeit das Flugfeld nicht zu betreten. Erste Flugschüler brachte man im „Hotel Teichmühle“, dem Beamtenheim, unter. Am 20. Juli 1910 gegen 8 Uhr abends glückte Bruno Werntgen auf dem Flugfeld in Köppern bei Windstille ein bemerkenswerter Flug, über den Lokalzeitungen ihre Leser und Leserinnen informierten. Bei dem dabei benutzten Flugapparat handelte es sich um einen Eindecker mit Drei-Zylinder-Motor und 30 PS. Mit dieser Eigenkonstruktion wagte Bruno seinen ersten Alleinflug.
Der „Taunusbote“ berichtete über diesen aufsehenerregenden Flug am 21. Juli 1910: „Ein Erfolg deutscher Flugtechnik. Gestern Abend konnte auf dem Flugfeld in Köppern ein anerkennenswerter Flug beobachtet werden. Dieses Ereignis verdient umsomehr Beachtung, da der Eindecker aus deutschem Material und der Apparat in dem deutschen flugtechnischen Institut in Köppern hergestellt wurde.“
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Die „Kreiszeitung für den Obertaunuskreis“ meldete am 23. Juli 1910, bei dem Flug vom 20. Juli 1910 in Köppern sei eine Höhe von schätzungsweise sieben oder acht Metern Höhe erreicht und eine Strecke von 400 Metern absolviert worden. Bei der harten Landung wurden ein Laufrad beschädigt und ein mitfliegender Mechaniker leicht verletzt. Manche der Hopser in Köppern konnten mit noch beeindruckenderen Zahlen aufwarten. Dabei soll der Flugapparat eine Höhe von mehr als 10 Metern und eine Flugstrecke von rund 600 Metern geschafft haben. Bruno Werntgen war nicht der Einzige, der mit den in Köppern entwickelten Flugapparaten in die Luft ging. Im August 1910 wurde auch der Landwirt und Aviatiker Fritz Schlüter (geboren 1888) erwähnt, weil er „mehrere wohlgelungene Flugversuche“ auf dem Flugfeld in Köppern ausgeführt hatte. Zu jener Zeit erschien auch eine Meldung, demnächst werde der bekannte belgische Aviatiker Baron Pièrre de Caters (1875-1944) aus Antwerpen in Köppern eintreffen. Zumindest die männliche Dorfjugend verfolgte interessiert die Übungen und Probeläufe an der Teichmühle in Köppern. Manche Buben standen am Zaun und bekamen beim Zuschauen mitunter Ölspritzer von losruckelnden Flugapparaten ab. Weniger groß war die Begeisterung der Erwachsenen. Der örtliche Pfarrer beispielsweise sprach von „seltenen kläglichen Flugversuchen“ und spottete über „eine lächerliche
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Reclame“, weil das Institut die Teichmühle als Heimstätte deutscher Flugtechnik bezeichnete. Mitunter landeten die Flugapparate nach ihren Hopsern auf Äckern und Wiesen von Bauern aus Köppern. Die Landwirte forderten von Tony Werntgen einen finanziellen Ausgleich für den angerichteten Flurschaden. Deswegen musste Tony „häufig und oft tief in die Tasche greifen“.
Tony Werntgen erklärte hierzu: „Wir waren glückselig über diese Erfolge, aber den Taunusbauern von Köppern bedeutete das nichts, was wir für einen großen Fortschritt hielten, weil es zu oft vorkam, daß eine der Maschinen nach ein paar Hopsern auf einem Acker landete und ihn verwüstete. Bevor wir das Flugzeug abrollten, mußte erst der Flurschaden bezahlt werden.“ Um mehr Platz für die Flüge zu erhalten, bat das „Deutsche Flugtechnische Institut“ in der Gemeindevertreter-Versammlung vom 25. Oktober 1910 darum, ihm die Gemeindeweide für 1.100 Mark jährlich zu verpachten. Doch auf Antrag des Gemeindevertreters Heinrich Karl Ludwig wurde diese Angelegenheit vertagt. Der Heimatforscher August Will aus Köppern schrieb später hierüber: „Scheinbar zeichnete sich zu diesem Zeitpunkt bereits der wirtschaftliche Niedergang des Unternehmens ab“. Der 7. Dezember 1910 war ein trauriger Tag in der Geschichte des „Deutschen Flugtechnischen Instituts“ in Köppern. Damals wurde um 10.30 Uhr vormittags
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der Konkurs über das Vermögen des Direktors Edmund Bernhard Philipps als Inhaber des Instituts eröffnet. Näheres über Philipps ist heute nicht mehr bekannt, weil die Gemeindeakten von Köppern gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zum größten Teil den Flammen zum Opfer fielen. Als Konkursverwalter fungierte Rechtskonsulent Heinrich Karl Ludwig aus Köppern. Bereits am 8. Dezember 1910 erfolgte eine Zwangsversteigerung, bei der Werkzeuge, ein Motor und zwei selbst konstruierte Flugapparate versteigert wurden. Am 13. Dezember 1910 hatte Tony Werntgen bereits wieder einen Grund zu großer Freude: Ihr 17-jähriger Sohn Bruno, der damals als Flugtechniker des Instituts in Köppern bezeichnet wurde, erhielt an jenem Tag offiziell den Pilotenschein Nr. 40. Diesen hatte er am 30. November 1910 in Berlin-Johannisthal auf einem Dorner-Eindecker bei Hermann Dorner (1882-1963) erworben.
Bruno Werntgen war damals mit 17 Jahren der jüngste Flieger der Welt und einer der Ersten unter den 817 deutschen Piloten vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914-1918). Den Pilotenschein Nr. 1 hat am 1. Februar 1910 der Flugpionier August Euler (1868-1957) erworben, der 1908 bei Darmstadt die erste deutsche Fabrik für Motorflugzeuge gegründet hatte. Der am 27. August 1892 geborene Bruno Jablonsky, der am 28. September 1910 im Alter von 18 Jahren, den Pilotenschein Nr. 30 erhielt und sich später als Flugzeugkonstrukteur
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Bruno Jablonsky,
geboren am 27. August 1892 in Berlinchen, erwarb am 28. September 1910 im Alter von 18 Jahren auf dem Flugplatz Berlin-Johannisthal mit einem Wright-Zweidecker die Fluglizenz Nr. 30. Er machte sich als Ingenieur und Flugzeugkonstrukteur einen Namen.
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August Euler Hermann Dorner (1868-1957) (1882-1963)
Gustav Weißkopf Otto Lilienthal (1874-1927) (1848-1896)
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hervortat, galt vor Bruno Werntgen kurze Zeit als jüngster Flieger der Welt. Werntgen entwickelte sich zu einem erfolgreichen deutschen Piloten mit mehr als 60 fliegerischen Auszeichnungen und Ehren. Die Fliegerei steckte 1910 noch in den Kinderschuhen. Es war erst 14 Jahre her, seit der deutsche Flugpionier Otto Lilienthal (1848-1896) bei einem seiner Gleitflüge in der Gegend von Rhinow westlich von Berlin abstürzte und am 10. August 1896 starb. Der deutschamerikanische Flugpionier Gustav Weißkopf (1874-1927), englisch Whitehead, aus Leutershausen in Franken soll am 14. August 1901 mit seinem Eindecker „Nr. 21“ in Bridgeport (Connecticut, USA) angeblich rund 800 Meter weit geflogen sein. Später wurde er als Schwindler beschimpft und totgeschwiegen. Die amerikanischen Flugpioniere Wilbur Wright (1867-1912) und Orville Wright (1871-1948) schafften am 17. Dezember 1903 bei Kitty Hawk (North Carolina, USA) mit einem Doppeldecker die ersten mit Fotos dokumentierten Motorflüge. Ihr erster Flug an diesem Tag führte 50 Meter weit in 12 Sekunden, ihr vierter Flug bereits 260 Meter in 50 Sekunden. Durch den Konkurs des „Deutschen Flugtechnischen Instituts“ in Köppern ließen sich Tony und Bruno Werntgen nicht entmutigen. Sie erkundigten sich über die Möglichkeit einer Niederlassung in Westdeutschland Unter vielen Angeboten gefiel ihnen das aus Köln am besten, wo sie der rührige „Verein für Luftschifffahrt“
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unterstützen wollte. Anfang 1911 zogen die Werntgens nach Köln um. Auf dem Gelände des „Vereins für Luftschiffahrt“, einem Exerzierplatz, bei Köln-Merheim (heute Köln-Niehl) gründete Tony Werntgen noch im selben Jahr ein Flugunternehmen. Zu jener Zeit lagen bei den Werntgens viele Anfragen aus Städten längs des Rheins und der Ruhr vor, wo die Begeisterung für das Fliegen aufgeflammt war und sie Schauflüge veranstalten sollten. Tony Werntgen hatte mit zahlreichen Städten im Rheinland und in Westfalen Verträge über die Abhaltung von Flugtagen abgeschlossen. Doch seit der Zwangsversteigerung der zwei selbst konstruierten Maschinen des „Deutschen Flugtechnischen Instituts“ im Dezember 1910 stand kein Flugzeug mehr zur Verfügung. Als das Frühjahr 1911 und somit der Zeitpunkt der vereinbarten Schauflüge immer näher rückte, borgte sich Tony Werntgen bei wohlhabenden Verwandten das für die Anschaffung eines Flugzeuges erforderliche Geld. Im März 1911 kaufte Bruno Werntgen in Johannisthal bei Berlin einen Dorner-Eindecker mit Körtingmotor. Bald berichtete die Presse über die fliegerischen Aktivitäten von Bruno Werntgen. Am 24. April 1911 las man in der „Berliner Zeitung: „Der junge Frankfurter Flieger Bruno Werntgen machte mit seinem Eindecker vom Militär-Übungsplatz in Merheim einen Überlandflug den Rhein entlang nach Düsseldorf und landete nach 33 Minuten wieder glatt vor der Halle.
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Werntgen, der von Hermann Dorner zum Fliegen ausgebildet worden ist und seine Flugzeugführerprüfung im November 1910 in Johannisthal ablegte, zählt erst 17 Jahre. Er ist der jüngste deutsche Flieger.“ Am 1. Mai 1911 startete Bruno Werntgen mit seinem Dorner-Eindecker auf dem Exerzierplatz Merheim, stieg bis in eine Höhe von hundert Metern auf und absolvierte einige Runden. Später flog auch seine Mutter Tony als Passagier mit. Einen Tag später ging Bruno mit seinem Eindecker in Merheim um 6 Uhr an den Start, um einen offiziellen Stundenflug abzuleisten, den er vorweisen musste, um am „Deutschen Zuverlässigkeitsflug am Oberrhein“ („Oberrheinflug“) teilnehmen zu können. Dabei ging sein Propeller zu Bruch. In Gegenwart von Publikum und vieler Offiziere startete Bruno Werntgen am 3. Mai 1911 erneut zu einem Stundenflug. Nach 22 Minuten zwang ihn ein Defekt an seinem Eindecker, wieder zu landen. Der Stundenflug wurde einige Tage später wiederholt.. Seinen ersten Schauflug absolvierte Bruno Werntgen am Sonntag, 14. Mai 1911, bei Holten unweit von Oberhausen. Veranstalter dieses Schaufliegens, zu dem sich insgesamt acht Piloten anmeldeten, war die „Niederrheinische Flugzeug-Bauanstalt“ in Altenessen. Der Flugsonntag bei Holten endete für die Zuschauer bei Holten enttäuschend früh. Der Kölner Jurist Dr. Joseph Hoos, der den ersten Flug unternahm, musste schon nach drei Minuten wegen des ungünstigen Windes
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landen. Nach dem Ausscheiden von Dr. Hoos setzte man die letzte Hoffnung auf den jungen Flieger Bruno Werntgen, der aber wegen der gefährlichen Winde zunächst einen Aufstieg ablehnte. Erst am Abend entschloss sich Bruno zum Start. Er drehte drei Runden, wurde dann jedoch durch eine Böe zur Landung gezwungen, wobei das Fahrgestell seines Eindeckers brach. Damit war das Schaufliegen bei Holten zu Ende. Einen Tag später gewann Bruno Werntgen am 15. Mai 1911 den „Hamborner Preis“. Die Stadtverwaltung von Hamborn hatte für den Überlandflug von Holten nach Hamborn einen Preis von 500 Mark ausgesetzt. Der Pilot sollte dabei den Rathausturm der Stadt umfliegen und dann nach Holten zurückkehren. Bruno startete abends gegen 7 Uhr auf dem Flugplatz bei Holten, umkreiste in zwei Runden das Gelände und unternahm dann den Überlandflug in einer Höhe von etwa 200 Metern. In Hamborn umkreiste er - wie gewünschtden Rathausturm. Nach 13 Minuten kehrte er zum Holtener Fluggelände zurück, blieb aber noch in der Luft und durchkreuzte die Gegend von Holten und Umgebung, um durch einen Stundenflug die Zulassung zum Oberrheinflug zu erhalten. Wegen eines geringen Schadens an der Tragfläche seines Eindeckers konnte er den Stundenflug aber nicht zu Ende führen und landete bereits nach 46 Minuten. Der Flug von Holten nach Hamborn machte Bruno im Rheinland noch bekannter. Die „Krefelder Zeitung“ schrieb über ihn:
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„Der jüngste deutsche Flieger überflog die jüngste deutsche Stadt.“ Wann Bruno den ersten Stundenflug geschafft hat, konnten die Autoren dieses Taschenbuches nicht klären.
Der „Deutsche Zuverlässigkeitsflug am Oberrhein“ vom 19. bis zum 27. Mai 1911 war für Bruno Werntgen der erste größere Überlandflug. Die Flugstrecke von Baden-Oos nach Frankfurt am Main war in sieben Etappen eingeteilt. Bei diesem Flug kam es darauf an, die Zuverlässigkeit der Flugzeuge und ihr tadelloses Arbeiten auf den Überlandstrecken zu beweisen. Von den zwölf Piloten, die sich auf die Teilnehmerlisten eintragen ließen, gingen acht an den Start. Einer davon war Bruno Werntgen. Die Teilnahme von Bruno Werntgen am „Oberrheinflug“ stand von Anfang an unter keinem günstigen Stern. Bereits bei der Überführung seines Flugzeuges wurde dessen Höhensteuer gestohlen. Tony Werntgen fand hierfür keine logische Erklärung und konnte sich allenfalls eine „Neidtat“ vorstellen. Ihr technisch begabter Sohn wusste sich aber zu helfen und fertigte rasch aus Ersatzteilen ein behelfsmäßiges Steuer. Bei der Eröffnung des „Oberrheinfluges“ in Baden-Oos hatte Bruno Werntgen ebenfalls Pech. Die „Freiburger Zeitung“ berichtete hierüber Folgendes: „Am Apparat Nr. 8 - Fahrer B. Werntgen - wurde nach 8 Uhr der Motor undicht. Meterhohe Flammen schossen heraus, als man ihn wiederholt anzutreiben versuchte. Zunächst
34 Tony und Bruno Werntgen
Bruno Werntgen nach dem „Deutschen Zuverlässigkeitsflug
am Oberrhein“ im Mai 1911
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Zwei Leben für die Luftfahrt 35
wurde mit Sand gelöscht, dann traten die Löschapparate in den Hallen in Tätigkeit. Für Samstag, 20.05. scheidet der Apparat jedenfalls aus, sodass nur fünf Flieger die Fahrt antreten dürften.“ Am Montag, 22. Mai 1911, dauerte die Reparatur am Flugzeug von Bruno Werntgen noch an. Es hieß, Bruno gebe den Weiterflug wegen eines Motordefekts auf. Doch am Dienstag, 23. Mai 1911, wurde bekannt, Bruno hätte jetzt den Motor repariert und wolle direkt nach Karlsruhe fahren, um von dort aus die beiden letzten Etappen zu bestreiten. Der Karlsruher Exerzierplatz war am Mittwochnachmittag, 24. Mai 1911, das Ziel vieler flugbegeisterter Menschen. Die Oberleitung des „Oberrheinfluges“ hatte wegen der ungewissen Wetterlage den Beginn der Schauflüge auf 5 Uhr nachmittags festgesetzt. Doch Bruno Werntgen zog bereits um 4.30 Uhr seinen Dorner-Eindecker „Libelle“ aus dem Schuppen und kurbelte seinen Motor an. Um 4.35 Uhr flog er „in mäßiger Höhe“ über das Feld. Nach einer halben Runde landete er wieder. Mit diesem Flug gewann Bruno den Eröffnungspreis von 300 Mark. Am Abend um 7.15 Uhr startete Bruno erneut in Karlsruhe, flog kühn und mutig immer höher. Um 7.21 Uhr landete sein Eindecker schon wieder auf dem Boden. Der Passagierpreis der „Badischen Presse“ mit 1000 Mark und der Preis für die Dauerleistung mit 700 Mark wurden zusam-
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mengelegt und zu gleichen Teilen den Piloten Emil Jeannin (1874-1956) und Werntgen zugesprochen. Am Donnerstag, 25. Mai 1911, um 5 Uhr morgens startete Bruno Werntgen in Karlsruhe nach Heidelberg. Unterwegs musste er bei dem Dorf Roth nahe von Walldorf und Wiesloch mit seinem Flugzeug landen, um sich zu orientieren. Danach galt es, einen geeigneten Startplatz zu finden, was einen zeitraubenden Transport der Maschine erforderte. Hierbei wandte sich Bruno an den Bürgermeister um Hilfe und geriet dabei genau an den Richtigen. Der Ortschef antwortete: „Wege so Deifels Zeig, wo do in die Luft rumfliegt, mache ich kee Finger krumm“! Bruno wusste sich aber auch in dieser Notlage zu helfen. Er beschaffte sich Bretter, die so gelegt wurden, dass sie eine Startfläche bildeten. Nach geglücktem Start flog er weiter in Richtung Heidelberg. Kurz vor dem Heidelberger Flugplatz hatte er schon wieder Pech: Seine Maschine erlitt einen Propellerbruch, weswegen er etwa 500 Meter westlich vom Landeplatz niedergehen musste. Als wäre das nicht genug, trat danach ein Pferd auf das auf dem Boden liegende Höhensteuer. Durch die Reparatur verzögerte sich der Weiterflug merklich. Schließlich musste Bruno wegen ungünstiger Witterung den Start nach Mannheim aufgeben. Das Flugzeug wurde zerlegt und nach Frankfurt am Main geschickt. Bruno Werntgen fuhr mit dem Auto nach Mannheim. Einen Tag später kam er am 27. Mai 1911 mit der
Zwei Leben für die Luftfahrt 37
Eisenbahn in Frankfurt am Main an. Dort traf an diesem Tag auch sein beschädigtes Flugzeug ein, dessen Reparatur sofort in Angriff genommen wurde. Bruno konnte in Frankfurt am Main noch an den lokalen Schauflügen teilnehmen und heimste Preise für den kürzesten Anlauf und den schönsten Flug ein. Sein Gesamtgewinn beim „Oberrheinflug“ betrug 1.850 Mark.
Sieger im Zuverlässigkeitsflug beim „Oberrheinflug“ wurde der Pilot Hellmuth Hirth (1886-1938), der bei den Rumplerwerken in Johannisthal bei Berlin angestellt war. Er schaffte als Einziger alle sieben Etappen und gewann 56.979 Mark. Zwei Drittel von dieser Summe erhielt Firmenchef Edmund Rumpler (1872-1940), der Eigentümer des Flugzeuges, der zudem Ausrüstung und Mechaniker zur Verfügung gestellt hatte. Gerne hätte Bruno Werntgen an der „Nationalen Flugwoche in Berlin-Johannisthal“ vom 4. bis zum 11. Juni 1911 teilgenommen. Teilnahmeberechtigt waren „Anfänger“, die noch keinen Preis von mehr als 5.000 Mark gewonnen hatten. Für diese Flugwoche meldeten 29 Flieger insgesamt 35 Flugzeuge an. Auch Bruno hatte sich angemeldet, musste dann aber krankheitshalber absagen. Doch schon am 14. Juni 1911 ging es ihm wieder so gut, dass er auf dem Flugplatz in Köln-Merheim eine Flughöhe von 1.000 Metern erreichte. Am 27. Juni 1911 ärgerte sich Bruno Werntgen in Köln-Merheim über einen Kufenbruch an seinem Dorner-
Zwei Leben für die Luftfahrt 39
Eindecker. Doch Robert Gsell (1889-1946), ein Angestellter der „Dorner-Flugzeug-Gesellschaft m.b.H.“ in Johannisthal bei Berlin, brachte schnell eine Ersatzkufe. Gsell hätte sich von Werntgen auch am Doppelsteuer an die andersartige Steuerung gewöhnen lassen wollen. Doch dazu kam es nicht, weil dem gebürtigen Schweizer Gsell als Ausländer alles Fliegen im Festungsgebiet Köln untersagt wurde, obwohl die Schulstunden kaum über Haushöhe hinausgeführt hätten. Bruno kam dies nicht ganz unrecht: Er wollte sich als einziger damaliger Dornerpilot keine Konkurrenz „großziehen“. Wer bei Bruno Werntgen in Köln-Merheim das Fliegen lernen wollte, musste insgesamt 3.000 Mark bezahlen. Die Ausbildung bis zur Erreichung von zwei Runden kostete 1.500 Mark und bis zur Ablegung der Führerprüfung weitere 1.500 Mark. Vom 11. Juni bis zum 10. Juli 1911 fand der „Deutsche Rundflug“ statt. Start und Ziel waren Berlin-Johannisthal. Am Rundflug selbst, der 13 Etappen und eine Gesamtstrecke von mehr als 1.850 Kilometern umfasste, beteiligte sich Bruno Werntgen nicht. Dagegen startete er bei lokalen Flugveranstaltungen in seiner damaligen Wahlheimat Köln, die mit dem Rundflug in Zusammenhang standen. Am 28. Juni 1911 sollte Bruno am Vormittag zur Unterhaltung des Publikums auf dem Rennplatz bei Köln-Merheim fliegen, hatte aber einen Defekt an seiner Maschine. Beim Schaufliegen am 29. Juni 1911 in Köln stieg Bruno bis in etwa 800 Meter
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Paul Wirtz, Ernst Probst, 2011, Tony und Bruno Werntgen - Zwei Leben für die Luftfahrt, München, GRIN Verlag GmbH
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