4 Portionsgrößen - eine komplexe Ursache
5 Therapie und Prävention von Adipositas
6 Schlussbemerkung
7 Literaturverzeichnis
1 Einleitung
Seit den 80er Jahren ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas weltweit, insbesondere in den Industriestaaten, stark angestiegen. Das Aufhalten dieser Entwicklung ist eine der größten gesundheitspolitischen Herausforderungen der heutigen Zeit.
Folgen des Übergewichts sind nicht nur im Erwachsenenalter sondern bereits im Kindesalter weit verbreitet. Kinderkrankheiten weichen immer mehr den typischen Erwachsenenkrankheiten. Zudem sind Adipöse zumeist von Stigmatisierungen betroffen, die eine geringere Lebensqualität zur Folge haben. Die durch Adipositas verursachten Krankheiten bedeuten enorme Kosten für das Gesundheitssystem. Da Therapiekonzepte keine langfristigen Erfolge versprechen, rückt die Primärprävention immer mehr in den Fokus der Forscher. Die prädisponierenden Faktoren der Adipositas sind vielfältig, jedoch bislang nur mäßig erforscht.
Daher ist Adipositas ein aktuelles Thema, welchem eine große gesundheitliche und bildungspolitische Bedeutung für die Zukunft zugeschrieben wird.
Gegenstand dieser Arbeit ist es, die Bedeutung der Portionsgrößen von Lebensmitteln und Gerichten für die Entstehung von Übergewicht und Adipositas herauszustellen. Dabei wird in dieser Arbeit der Schwerpunkt auf die Betrachtung von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter gelegt.
Um dieses Problem näher zu erläutern, erfolgt in Kapitel 2 der vorliegenden Arbeit eine Definition und Klassifizierung der Begrifflichkeiten “Übergewicht“ und “Adipositas“. In diesem Kapitel wird den Fragen nachgegangen, inwieweit Adipositas im Kindes- und Jugendalter klassifizierbar ist, welche Prävalenzentwicklungen es gibt und welche Auswirkungen für die Gesellschaft absehbar sind. Zudem wird hinterfragt, ob alle Altersgruppen gleichermaßen von Übergewicht und Adipositas betroffen sind, welche medizinischen und psychosozialen Folgebelastungen auftreten und inwieweit sie die Lebensqualität übergewichtiger und adipöser Menschen beeinflussen. Besonders die prädisponierenden Faktoren, die an der Entstehung von Übergewicht und Adipositas beteiligt sind, werden im Kapitel 3 fokussiert. Der Energiehaushalt sowie genetische und soziokulturelle Faktoren werden als mögliche Ursachen erörtert.
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Kapitel 4 stellt den Kern dieser Arbeit da, wobei zunächst auf die Entwicklung der Portionsgrößen in den letzten Jahrzehnten eingegangen wird. Weiterhin wird erläutert, inwieweit die Energieaufnahme durch Portionsgrößen beeinflusst wird und ob der Nährstoffgehalt, die Energiedichte oder weitere Eigenschaften von Lebensmitteln und Gerichten den Portionsgrößenverzehr steigern. Anschließend wird das Augenmerk auf Umwelteinflüsse gelegt, die den Verzehr großer Portionen beeinflussen. Es wird hinterfragt, inwieweit Portionsgrößen in Deutschland der Norm entsprechen. In Kapitel 5 werden Therapiekonzepte angesprochen. Anschließend werden Präventionsmöglichkeiten diskutiert, die dem Verzehr steigender Portionsgrößen entgegenwirken.
Zum Schluss erfolgt unter Kapitel 6 eine kurze Zusammenfassung der Arbeit.
Diese Ausarbeitung will einen Beitrag dazu leisten, die in Deutschland bisher nur wenig diskutierte Problematik steigender Portionsgrößen in Bezug auf Übergewicht und Adipositas zu fokussieren.
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2 Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter - ein Gesundheitsproblem mit gewichtigen Folgen
In diesem Kapitel erfolgt eine Beschreibung des Krankheitsbildes der kindlichen und jugendlichen Adipositas. Ausgehend von der Definition und Klassifikation in Kapitel 2.1 wird in Kapitel 2.2 der Body Mass Index zur Diagnostik von kindlicher und jugendlicher Adipositas vorgestellt. Bevor in Kapitel 2.4 mögliche Folgebelastungen dargelegt werden, erfolgen in Kapitel 2.3 Angaben zur Prävalenz von Adipositas im Kindes- und Jugendalter.
2.1 Definition und Klassifikation kindlicher und jugendlicher
Adipositas
In vielen Publikationen werden die Begriffe “Übergewicht“ und “Adipositas“ als Syno- nymeverwendet (vgl. Wenzel, 2003, S. 58). Jedoch sind diese Begrifflichkeiten zu differenzieren (vgl. Wirth, 2008a, S. 10), da Adipositas im medizinischen Vokabular, im Gegensatz zum “einfachen Übergewicht“, generell pathologischer Natur ist und mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko assoziiert wird (vgl. Kopczynski, 2008, S. 25). Die World Health Organisation (WHO) definiert Adipositas als „eine übermäßige Anreicherung der Körperfettmasse, die zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt“ (Müller- Nordhornund Muckelbauer, 2010, S. 31). Das Ausmaß der Fettakkumulation, die Fettverteilung innerhalb des Körpers sowie die Dauer der Adipositas beeinflussen dabei die individuellen Auswirkungen auf die Gesundheit (vgl. Bischoff und Betz, 2010, S. 406). Von Übergewicht wird gesprochen, wenn „im Vergleich zur Körpergröße ein zu hohes Körpergewicht vorliegt“ (Lehrke und Leassle, 2009, S. 3). Übergewicht wird im Unter- schiedzu Adipositas nicht mit Hilfe des Fettanteils definiert und geht auch nicht mit einem erhöhten Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko einher (vgl. Kurth und Schaffrath Rosario, 2010, S. 643). Umgangssprachlich wird Adipositas als Fettsucht bezeichnet. Dieser Begriff ist jedoch bedenklich, da er einen diskriminierenden Beiklang besitzt (vgl. Wirth, 2008a, S. 6).
Die Folgeerkrankungen einer Adipositas treten bereits im Kindes- und Jugendalter auf (vgl. Wabitsch, 2004, S. 253). Adipöse Kinder und Jugendliche sind von orthopädi-
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schen, psychosozialen und metabolischen Folgekrankheiten betroffen (vgl. Heseker, 2008, S. 102). Um den Schweregrad einer Adipositas und die damit zusammen hängenden Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken besser abschätzen zu können, wurden in den letzten Jahren verschiedene Klassifikationssysteme entwickelt. Zwei mögliche Klassifikationssysteme werden im Folgenden vorgestellt.
Die morphologische Klassifikation beruht auf einer Einteilung der Fettzellularität in hypertrophe beziehungsweise hyperplastische Adipositas (vgl. Lehrke, 2004, S. 19; Wirth, 2008a, S. 12). Die Morphologie von Adipozyten (Fettzellen) wird vorwiegend durch Ernährungs- und Umwelteinflüsse bestimmt. Übergewichtige und normalgewichtige Individuen verfügen zunächst über die gleiche Anzahl von Adipozyten. Anhand der Adipozytenentwicklung in der Kindheit, lassen sich Rückschlüsse auf ein mögliches Übergewichtsrisiko im Erwachsenenalter ziehen. In der Kindheit erfolgt eine Hyperplasie der Adipozyten, die bei übergewichtigen Kindern schneller verläuft. Im Erwachsenenalter findet hingegen vorwiegend eine Hypertrophie der Adipozyten statt (vgl. Wirth, 2003, S. 56).
Nach Fischer-Posovszky und Wabitsch (vgl. 2004, S. 839), liegt der Fettanteil bei einem Neugeborenen zwischen 13% bis 16%. Im ersten Lebensjahr steigt dieser Fettanteil weiter an und erreicht bei normalem Wachstum den größten Körperfettanteil von etwa 28% im Alter von 6 Monaten. Das subkutane Fettgewebe steigt in diesem Zeitraum von 0,7g bei der Geburt auf bis zu 2,8g an. Bis zum 6. Lebensjahr fällt der Körperfettanteil wieder kontinuierlich ab und beginnt daraufhin erneut anzusteigen. Die Zunahme des Körperfettanteils dient in dieser Zeit unter anderem der Ausbildung geschlechtsspezifischer Merkmale (vgl. Zwiauer, 2003, S. 214). Der Zeitpunkt des erneuten Anstiegs des Körperfettanteils wird als “Adiposity Rebound“ bezeichnet und ist ein guter Prädikator für eine spätere Adipositas. Setzt der “Adiposity Rebound“ bedeutend früher ein als normal, dann ist die Wahrscheinlichkeit im Erwachsenenalter eine Adipositas zu entwickeln hoch. Jedoch haben Kinder stets die Möglichkeit aus ihrem Übergewicht herauszuwachsen, indem sich die Anzahl der Adipozyten mit dem Wachstum wieder normalisiert (vgl. Kromeyer-Hauschild, 2005, S. 11; Zwiauer, 2005, S. 106).
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Auf der Grundlage dieser Morphologie der Adipozyten kann eine Klassifikation von Adipositas erfolgen. Bei der hyperplastischen Adipositas liegt eine vermehrte Anzahl
von Fettzellen vor. Diese Form beginnt meistens in der Kindheit, kann sich aber auch in einem höheren Alter entwickeln, denn die Neubildung von Adipozyten geht im jugendlichen Alter zwar zurück, bleibt nach Lehrke (vgl. 2004, S. 19), aber dennoch bis ins hohe Alter erhalten. Daher ist diese Form der Adipositas nur schwer therapierbar. Nach Niewöhner (vgl. 2010, S. 143) haben neueste Studien ergeben, dass die Lebensdauer der Adipozyten etwa 10 Jahre beträgt. Es werden somit jedes Jahr nur ungefähr 10% der körpereigenen Fettzellen ersetzt. Ebenfalls wird davon ausgegangen, dass die Adipozyten sowohl die Charakteristika ihres Umfelds als auch ihre Größe zum Zeitpunkt der Entstehung speichern können und somit eine Art Gedächtnis besitzen. Die Effektivität einer Diät wird hierdurch erschwert, da die Adipozyten versuchen, ihre ursprüngliche Fülle anzunehmen. Nach Niewöhner (vgl. 2010, S. 143) muss der Energiehaushalt eines Individuums für mindestens fünf Jahre umgestellt werden, damit sich die Anzahl der Adipozyten reduziert und das angestrebte Volumen der Adipozyten gesenkt werden kann. Winkler et al. (vgl. 2010, S. 686) schreibt hingegen, dass es bei Erwachsenen zwar einen beträchtlichen Umsatz an Adipozyten gibt, die Anzahl jedoch auch nach einem Gewichtsverlust durchaus konstant bleibt. In der gegenwärtigen Forschung besteht diesbezüglich noch kein Konsens.
Eine hypertrophe Adipositas liegt vor, wenn die Adipozyten eines Individuums lediglich vergrößert, die Anzahl der Adipozyten aber nicht erhöht ist. In den meisten Fällen geht die hypertrophe Form mit einer abdominalen Adipositas einher. Sie entsteht vorwiegend im Erwachsenenalter und nach einer Schwangerschaft. Die hypertrophe Adipositas lässt sich im Gegensatz zur hyperplastischen Adipositas relativ gut therapieren (vgl. Wirth, 2008a, S. 12; Lehrke, 2004, S. 19).
Des Weiteren ist eine anatomische Klassifikation der Adipositas in der Forschung weit verbreitet (vgl. Lehrke, 2004, S. 19; Wirth, 2008a, S. 10). Neben dem Grad des Übergewichts ist auch die regionale Fettverteilung ein wichtiges Indiz, um das metabolische und kardiovaskuläre Gesundheitsrisiko eines Individuums bestimmen zu können. Die Fettverteilung ist genetisch bestimmt und unterscheidet sich bei Männern und Frauen.
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Es ist zu beachten, dass sich das Fettverteilungsmuster eines Individuums während der Pubertät manifestiert und die folgende Klassifikation somit erst zum Ende der Pubertät erfolgen sollte (vgl. Lehrke und Leassle, 2009, S. 5). Bei der anatomischen Klassifikation wird zwischen der gynoiden und androiden Form (vgl. Lehrke und Leassle, 2009, S. 6) unterschieden.
Die gynoide Form geht vorwiegend mit einer Fettansammlung im Hüft- und Oberschenkelbereich einher. Im Vergleich zu normalgewichtigen Personen treten metabolische Folgeerkrankungen bei Übergewichtgen nicht signifikant häufiger auf (vgl. Wirth, 2008a, S. 12).
Die androide Form ist durch eine Fettvermehrung im Abdominalbereich gekennzeichnet. Das bedeutet, dass die Fettansammlung vorwiegend intraabdominal und weniger subkutan erfolgt. Mit dieser Form geht ein erhöhtes Risiko an Hypertonie, Diabetes mellitus Typ 2, Cholelithiasis und Arteriosklerose zu erkranken einher, was ein erhöhtes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko bedingt (vgl. Wirth, 2008a, S. 12).
2.2 Body Mass Index: Diagnoseverfahren zur Bestimmung von Adi-
positas im Kindes- und Jugendalter
Aufgrund der alters- und geschlechtsspezifischen physiologischen Veränderungen im Kindes- und Jugendalter existieren sowohl in Deutschland als auch im internationalen Vergleich verschiedene Definitionen (vgl. Reinehr, 2008, S. 374) und Referenzsysteme (vgl. Pigeot et al., 2010, S. 654) für Übergewicht und Adipositas. Im Folgenden wird das Referenzsystem nach Kromeyer-Hauschild et al. näher erläutert. Dieses Verfahren ist gut für die Praxis erprobt und dient in der vorliegenden Arbeit als grundlegendes Diagnoseverfahren. Daher wird auf die Vorstellung weiterer Diagnoseverfahren verzichtet.
Verschiedene Institutionen in Deutschland, unter anderem die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (vgl. Kromeyer-Hauschild, 2005, S. 5), empfehlen die Verwendung einheitlicher Body Mass Index Perzentile. Diese unterscheiden sich von den von der World Health Organisation (WHO) festgelegten Kriterien für das Erwachsenenalter (vgl. Wabitsch, 2010, S. 391), jedoch gehen sie fließend in die risikobe-
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zogenen Grenzwerte der WHO für Erwachsene über (vgl. Reinehr, 2008, S. 375). Obwohl der BMI kein optimales Beurteilungsmaß darstellt, weist er eine Reihe von Eigenschaften auf, die ihn für die Anwendung im Kindes- und Jugendalter als geeignet erscheinen lassen (vgl. Zwiauer, 2003, S. 214). So korreliert er beispielsweise eng mit dem Körperfettanteil. Zur Berechnung wird der Quotient aus Körpergewicht zur quadrierten Körperlänge ermittelt (vgl. Tuschen-Caffier et al., 2005, S. 26):
Körpergewicht (kg) ÷ Körpergröße (m) ÷ Köpergröße (m) = BMI
Im Gegensatz zum Erwachsenenalter, in dem Übergewicht mit einem BMI > 25 und Adipositas mit einem BMI > 30 definiert wird (vgl. Kurth und Schaffrath, 2010, S. 643), sind die Grenzen im Kindes- und Jugendalter, aufgrund der physiologischen Veränderungen, alters- und geschlechtsabhängig (vgl. Wabitsch, 2010, S. 393). Diesbezüg- lichwird auf eine rein statistische Definition zurückgegriffen: „Bezogen auf eine Refe- renzpopulationwerden diejenigen Kinder oder Jugendlichen als übergewichtig beziehungsweise adipös bezeichnet, deren BMI sich oberhalb eines gewissen alters- und ge- schlechtsspezifischenPerzentils befindet“ (Kurth und Schaffrath, 2010, S. 643).
Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas in Deutschland empfiehlt die Verwendung eines einheitlichen Referenzsystems nach Kromeyer-Hauschild et al. (vgl. 2001, S. 807ff.), welches eine Altersspanne von der Geburt bis zum 18. Lebensjahr umfasst. Die Perzentilberechnung für den BMI beruht auf Querschnittsdaten von 17147 Jungen und 17275 Mädchen aus verschiedenen Regionen Deutschlands (vgl. Kromeyer-Hauschild, 2005, S. 5). Aufgrund dieser Untersuchungen konnten Normtabellen und Perzentilkurven erstellt werden, die als Somatogramme (siehe Abbildung 1) vorliegen. Durch den Eintrag individueller BMI-Werte in die Somatogramme ist es möglich, die Entwicklung eines Kindes zu beurteilen und Prognosen, unter anderem über die Entwicklung einer Adipositas, abgeben zu können (vgl. Kromeyer-Hauschild et al., 2001, S. 811).
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Abbildung 1: Perzentile für den Body Mass Index bei Jungen und Mädchen von
Die Deutsche Adipositas Gesellschaft empfiehlt als rein statistischen Grenzwert für das Vorliegen von Übergewicht das 90. alters- und geschlechtsspezifische Perzentil, als Grenzwert für Adipositas das 97. alters- und geschlechtsspezifische Perzentil und für extreme Adipositas das 99,5. alters- und geschlechtsspezifische Perzentil zu verwenden (vgl. Lehrke und Leassle, 2009, S. 4). Das jeweilige Perzentil gibt an, „wie viel Prozent der gleichaltrigen Kinder gleichen Geschlechts einen niedrigeren BMI-Wert aufweisen“ (Kromeyer-Hauschild, 2005, S. 5). Die Grenzziehung zwischen Normalgewicht, Übergewicht, Adipositas und extremer Adipositas geschieht aufgrund von fehlender und kaum durchführbarer Analysen eher willkürlich. Jedoch hat sich die 97. Perzentile als ein durchaus angemessenes Maß für die Definition einer Adipositas mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko herausgestellt (vgl. Reinehr, 2008, S. 375). Lediglich für Kinder und Jugendliche, deren Körperfettgehalt nach oben oder unten abweicht, ist die Klassifizierung von Adipositas durch den BMI unzureichend (vgl. Wirth, 2008c, S. 21). Das kann bei Kindern und Jugendlichen der Fall sein, deren Köperzusammensetzung aufgrund
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von Erkrankungen oder regelmäßig ausgeführter kraftbetonter Sportarten von der Norm abweicht (vgl. Kromeyer-Hauschild, 2005, S. 11).
2.3 Prävalenz von Adipositas im Kindes- und Jugendalter
In den letzten 20 Jahren ist der Anteil adipöser Menschen stark angestiegen (vgl. Huybrechts et al., 2010, S. 716). Adipositas stellt somit in Deutschland als auch in anderen Industrienationen der Welt ein immer größer werdendes Gesundheitsproblem dar (vgl. Lanfer et al., 2010, S. 690). Die WHO spricht von einer globalen Epidemie (vgl. Hempel, 2006, S. 27) und Horst Seehofer, der damalige Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, bezeichnet diesen Verlauf als eine „der größten gesundheits- und ernährungspolitischen Herausforderungen der kommenden Jahre“ (Regierungserklärung zur Ernährungspolitik im Deutschen Bundestag, 2007, S. 2).
In Deutschland liefert derzeit die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) die aktuellste und beste Datenbasis, um Aussagen über die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter zu treffen (vgl. Kurth und Schaffrath, 2010, S. 646). Insgesamt nahmen 17641 Mädchen und Jungen im Alter von 0 bis 17 Jahren gemeinsam mit ihren Eltern an der Studie teil. Körpergewicht und Körperlänge wurden in dieser Studie nach standardisierten Verfahren gemessen (vgl. Heseker, 2008, S. 103). Die KiGGS-Ergebnisse beruhen auf der BMI-Kategorisierung nach Kromeyer-Hausschild et al., welche im vorherigen Abschnitt vorgestellt wurde. Aufgrund methodischer Probleme bei der Datenerhebung von unter Dreijährigen wurden diese nicht in die Prävalenzerhebung mit einbezogen (vgl. Kurth und Schaffrath, 2010, S. 647).
In Deutschland sind nach dieser Erhebung aus den Jahren 2003 bis 2006 14,8% der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 2 bis 17 Jahren übergewichtig und 6,3% dieser Kinder und Jugendlichen adipös. Insgesamt gibt es in Deutschland ca. 1,7 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 2 bis 17 Jahren, die übergewichtig sind. Von diesen Kindern sind bereits 750.000 adipös (vgl. Kurth und Schaffrath, 2010, S. 647).
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Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beschreibt es als alarmierend, dass gerade die adipösen Kinder und Jugendlichen immer schwerer werden (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2008, s. p.).
Mit dem Alter nimmt der Anteil adipöser Kinder und Jugendlicher zu. Während in der Altersgruppe der 3- bis 6-jährigen der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher 9,1% beträgt, liegt der Anteil bei den 7- bis 10-jährigen schon bei 15,4% und bei den 11- bis 13-jährigen bereits bei 18,6%. In der Altersgruppe der 14- bis 17-jährigen zeichnet sich hingegen ein geringer Rückgang ab (vgl. Heseker, 2008, S. 103). Einen möglichen Erklärungsansatz bieten hierfür die physiologischen Veränderungen in der Altersgruppe der 14- bis 17-jährigen. Der Nahrungsbedarf der Jugendlichen ist in dieser Altersphase besonders durch physiologische Veränderungen während der Pubertät und dem damit verbundenen starken Körperwachstum bestimmt. Die Pubertätsphase ist die Zeit des höchsten Nährstoffbedarfs eines Individuums. Jedoch ist anzumerken, dass der genaue Bedarf der Nahrungsenergie starken individuellen Schwankungen unterliegt (vgl. Elmadfa und Leitzmann, 2004, S.465).
Insgesamt hat sich in den letzten 20 Jahren der Anteil übergewichtiger Kinder und Jugendlicher in Deutschland verdoppelt, bei den 14-jährigen sogar verdreifacht. Der Anteil adipöser Kinder und Jugendlicher hat sich sogar mehr als verdoppelt (vgl. Heseker, 2008, S. 103). Der Anstieg beginnt vorwiegend im Grundschulalter. Diese Tatsache ist besonders besorgniserregend, da Kinder mit einer Wahrscheinlichkeit von 30% auch im Erwachsenenalter adipös sein werden. Für die Altersgruppe der 11- bis 17-jährigen trifft das Risiko bereits schon auf 50% zu (vgl. Götz und Holub, 2003, S. 234). Nach Pigeot et al. (vgl. 2010, S. 660) zeigt sich weltweit eine stärkere Prävalenz von Adipositas und Übergewicht bei Jungen, in Deutschland sind geschlechtsspezifische Unterschiede nicht prägnant (vgl. Heseker, 2008, S. 103).
Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas nimmt sowohl international als auch national in den meisten Ländern zu. Weltweit betrachtet lässt sich nur in wenigen Ländern die Vermutung aufstellen, dass die Prävalenz von Adipositas bereits ihr Plateau erreicht hat, wie in den USA, Australien und einigen wenigen europäischen Ländern
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(vgl. Pigeot et al., 2010, S. 664). Diese Vermutungen können aber erst durch weitere Untersuchungen in der Zukunft bestätigt werden.
2.4 Folgebelastungen
Aufgrund der hohen Prävalenzzahlen von Adipositas sind immer mehr Menschen sowohl von medizinischen als auch psychischen Belastungen einer Adipositas betroffen, welche mit hohen Krankheitskosten zu Lasten der gesamten Gesellschaft verbunden sind.
2.4.1 Medizinische Folgen
Während die medizinischen Folgebelastungen von Adipositas im Erwachsenenalter wissenschaftlich gut belegt sind, werden sie im Kindes- und Jugendalter noch teilweise unterschätzt (vgl. Götz und Holub, 2003, S. 227), denn in den letzten Jahren hat es eine besorgniserregende Entwicklung gegeben. Adipöse Kinder und Jugendliche leiden bereits häufig in jungen Jahren an gravierenden Folgeerkrankungen. Die Murnauer Komorbiditätsstudie diagnostizierte in den Jahren 1998 bis 2001 bereits bei 6% der adipösen Kinder und Jugendlichen Störungen im Glucosestoffwechsel, bei 2% Gallensteine und bei 30% eine Steatosis Hepatis. 35% der adipösen Kinder und Jugendlichen litten bereits an psychosozialen Entwicklungsstörungen und orthopädischen Folgestörungen.
Besonders besorgniserregend erscheint, dass bereits bei 35% ein (prä-) metabolisches Syndrom diagnostiziert wurde (vgl. Wabitsch, 2004, S. 254). Unter einem metabolischen Syndrom wird die Kombination von Insulinresistenz, Hypertonie und Dyslipoproteinämie sowie abdominaler Adipositas verstanden. Häufig ergeben sich aus dem metabolischen Syndrom Sekundärkomplikationen wie Arteriosklerose, kardio- und zerebrovaskuläre Ischämie sowie Diabetes Mellitus Typ 2. Diabetes Mellitus Typ 2 ist eine Erkrankung, die normalerweise erst ab dem 40. Lebensjahr auftritt (vgl. Joost, 2010, S. 510f.). Die Murnauer Komorbiditätsstudie hat jedoch bereits bei einem Prozent der adipösen Kinder- und Jugendlichen Diabetes Mellitus Typ 2 festgestellt (vgl. Wabitsch, 2004, S. 254). Insgesamt zeichnet sich ein Wandel ab, weg von den typischen Kinderkrankheiten hin zu den Erkrankungen, die früher erst mit dem
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Erwachsenenalter assoziiert wurden (vgl. Kromeyer-Hauschild, 2005, S. 10f.). Bereits Übergewichtige, aber auch Adipöse leiden weiterhin an einer Hypoventilation, diese geht mit einer reduzierten Sauerstoffsättigung des Blutes einher. Bei einem Drittel der übergewichtigen und adipösen Kinder und Jugendlichen wurde zudem eine Schlafapnoe diagnostiziert. Diese beiden Faktoren können die Lern- und Gedächtnisfunktionen erheblich einschränken. Studien belegen, dass adipöse Kinder und Jugendliche, unabhängig von ihrem Gewichtsstatus im Erwachsenenalter, auch noch nach 55 Jahren ein erhöhtes Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko aufweisen (vgl. Lehrke und Laessle, 2009, S. 9). Diese geringere Lebenserwartung gründet nicht nur auf kardiovaskulären Erkrankungen, sondern geht mit einem erhöhten Risiko für Krebserkrankungen einher. Neben den bereits genannten medizinischen Folgebelastungen gibt es noch eine Vielzahl weiterer medizinischer Folgeerkrankungen. Alle vorzustellen würde jedoch den Rahmen der Arbeit sprengen. Eine gute Darstellung findet sich bei Reinehr (vgl. 2008, S. 380f.) und Wirth (2008e, S. 161ff.).
2.4.2 Psychosoziale Folgen
Neben den beschriebenen medizinischen Folgen werden im Weiteren die psychosozialen Konsequenzen skizziert. Treten medizinische Komplikationen in den meisten Fällen erst bei starkem Übergewicht auf, so sind schon moderat übergewichtige Kinder und Jugendliche von Stigmatisierung und Diskriminierung betroffen (vgl. Kopczynski, 2008, S. 34). Studien haben ergeben, dass bereits 4-jährige Kinder mit negativen Attri- butenwie “dumm“ und “faul“ belegt werden (vgl. Lehrke und Laessle, 2009, S. 11). Dies hängt vermutlich mit einem Verständnis der Umwelt zusammen, Übergewicht als selbstverschuldet anzusehen. Solche Stigmatisierung führt zu einem verminderten Selbstwertgefühl stark adipöser Kinder und Jugendlicher. Wohingegen bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen nicht erwiesen ist, dass ihr Übergewicht mit einer Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls einhergeht (vgl. Lehrke und Laessle, 2009, S. 11; Wirth, 2003, S. 41). Übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche gelten in der Gesellschaft im Allgemeinen als unattraktiv, unerotisch und haben daher weniger Verabredungen oder Rendezvous, da sie weniger dem gesellschaftlichen Schönheitsideal
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entsprechen. Studien belegen, dass übergewichtige Personen häufiger in niedrigere soziale Schichten als normal gewichtige Personen einheiraten. Weiterhin erhalten sie häufig ein geringeres Einkommen, geringere Zugangsmöglichkeiten für Weiterbildungen und schlechtere Aufstiegschancen. 5% bis 30% der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen leiden an Depressionen und Ängstlichkeit. Dabei ist neben psychischen Erkrankungen viel häufiger eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem eigenen körperbezogenen Selbstbild zu finden. Besonders Mädchen können in der Adoleszenz Essstörungen wie Anorexia nervosa oder Bulimie entwickeln.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass übergewichtige Kinder und Jugendliche sowohl aus medizinischer als auch psychischer Sichtweise eine geringere Lebensqualität aufweisen als Normalgewichtige (vgl. Lehrke und Leassle, 2009, S. 11).
2.4.3 Sozioökonomische Folgen
Die steigende Prävalenz von Übergewicht und Adipositas verursacht hohe Kosten für das Gesundheitssystem. Allein in Deutschland machen die Kosten für Adipositaspatienten 8% aller Krankheitskosten aus (vgl. Wirth, 2008d, S. 63). Die neuesten aggregatdatenbasierten Schätzungen verzeichnen Kosten für Adipositaspatienten, unter Einbezug der Kosten für Begleiterkrankungen, von bis zu 5,7 Milliarden Euro jährlich. Die Kosten für adipöse Kinder und Jugendliche zwischen 1 und 18 Jahren lagen im Jahr 2003 bereits bei 44 Millionen Euro. Die Höhe der individuellen Patientenkosten ist dabei stark von dem jeweiligen Adipositasgrad abhängig. So verursacht ein stark adipöser Patient im Schnitt 140% höhere Krankheitskosten als ein moderat adipöser (vgl. Lengerke von et al., 2008, S. 96f.).
Gerade durch die steigende Prävalenz von Adipositas im Kindes- und Jugendalter, die häufig mit einer Adipositas im Erwachsenenalter einhergeht, ist zu erwarten, dass auf die deutsche Gesellschaft und das Gesundheitssystem zukünftig erhebliche Kosten zukommen werden.
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