Revolutionsbewegungen. Im Gegenteil zu den Nachbarländern, wo die Machtübernahme geplant und allmählich durchgeführt wurde, war der Anfang der rumänischen Transition vehement, gewaltig und blutig. Die revolutionäre Stimmung der Gesellschaft stockte auf mit der Inhaftierung des ungarisch-reformierten Pfarrers László Tőkés in Timişoara. Der Pfarrer rief oftmals in seinen Predigten offenbar zum Widerstand gegen Ceausescu-Regierung auf. Seine gewaltige Deportation am 15. Dezember 1989 war ein Signal zur Revolte 1 . Daraufhin fing die aufgewühlte Bevölkerung, sich in die Massendemonstrationen zu formieren. In Bukarest, Arad, Sibiu, Iasi und Cluj-Napola zeigten die Massen ihre Unzufriedenheit gegen den Diktator. Die Manifestationen wandelten sich abrupt in gewaltige Ausschreitungen, in denen hunderte Menschen in Kämpfen gegen die Armee und Securitate 2 Tod fanden. Die revolutionäre Atmosphäre erreichte dann vor allem die Hauptstadt. Der höchst überraschte Genie der Karpaten befahl am 22. Dezember eine Gegendemonstration zu veranstalten, ihre Teilnehmer sollten dadurch ihre Unterstützung beweisen. Das Gebäude von Zentralen Komitee, wo der Diktator mit seiner Frau Elena, Unterschlupf fand, wurde durch die Demonstranten besiegelt. Das Ehepaar flog schleunig mit einem Hubschrauber aus, trotzdem wurde es am selben Tag durch die Polizei gefangen genommen. Die überwies den Diktator und seine Frau der Armee. Unterdessen, am selben Tag, erklärte Ion Iliescu vorläufige Machtübernahme durch seine Front der Nationalen Rettung (Frontul Salvării Naţionale (FSN) und rief zum Kampf gegen angebliche Konterrevolutionären und Terroristen, um das Ergebnis der Revolution nicht versäumen zu lassen 3 . Am 25. Dezember wurden Elena und Nicolae Ceausescu ohne Verzögerung zum Tode verurteilt und sofort erschossen. Die
1J.
Fel dm ann ,
Quo vadis Romania? Rumäniens Innen-, Sozial- Und Wirtschaftspolitik und die Osterweiterung
der EU Und der NATO, Münster 2000, S. 1.
2Securitate - Der Geheimdienst In der Ceauşescu-Regime, wurde während der Transition In SRI (Rumänischer
Informationsdienst) umbenannt, In: H. Mül l er, Die Securitate ist noch im Dienst, Zeit Online, 28.07.2009,
http://www.zeit.de/2009/31/Securitate
3H. Ge rdes , Rumänien. Mehr als Dracula Und Walachei, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische
Bildung, Berlin 2007, S. 70.
Hinrichtung war sehr schnell und spontan und die Unterlagen des Verfahrens verschwanden später unter ungeklärten Umständen. Beginn der Transition
Das Ende der Regime unterschied sich von den anderen europäischen Machtergreifungen nicht nur durch ihr Brutalität, sondern auch durch die Tatsache, dass die Gruppe, die die politische Macht übernahm, nicht aus dem oppositionellen Lager abstammte. Die kommunistische Herrschaft, die zweifelsohne in hohem Maße verbrecherisch war, wurde durch eine gemäßigte kommunistische Herrschaft ersetzt. Der Anführer, der zum politischen Symbol des Wandels wurde, hieß nämlich Iliescu und war in der Vergangenheit kein Dissident wie beispielsweise Lech Wałęsa oder Václav Havel, sondern aktiver Mitglieder der Zentralkomitee und deren Sekretär seit 1971, inzwischen auch Minister für Jugend. Erst 1974 geriet er in Konflikt mit Ceausescu und verlor seine bisherige politische Position. 1989 nutzte er große Gelegenheit, um den Staat zu regieren und wurde vorübergehend zum Staatspräsident ernannt.
Aus diesem Grunde wird die rumänische Revolution als verloren und gestohlen bezeichnet. Die Bevölkerung sah ihre großen Hoffnungen auf Demokratie unerfüllt. Sie leistete Widerstand weiter.
Angesichts der Demonstrationen, bei denen auch Todesopfer vorkamen 4 , entschloss er sich zur Wahlausschreibung, um seine Macht zu legitimieren. Die politische Opposition hatte allerdings zu wenig Zeit, ihre Ordnungen zu formen. Im Mai 1990 gewann Iliescu die Präsidentschaftswahl mit rund 85% der Stimme und die von ihm geleitete FSN erzielte in den Parlamentswahlen knapp zwei Drittel der Stimme 5 . Zum Ministerpräsidenten der neuen Regierung wurde ein Universitätsprofessor, Petre Roman gewählt. Nicht alle haben solche Form der Transition zur Kenntnis genommen. Die Unzufriedenheit wurde am stärksten unter Studenten zum Ausdruck gebracht. Ihren Auffassung nach sollte die Revolution nicht auf diese Art und Weise enden. Die Protesten wurden vor allem an der
4H. Gerd es , op. cit., S. 72-73.
5Quellen: Zentrales Wahlbüro, In: A. U. Gaban yi , Das politische System Rumäniens, In: W. Ismayr, Die
politischen Systeme Osteuropas, 3. Aufl., Wiesbaden, S. 638 und 653.
Bukarester Universität entfacht und dauerten von Anfang April fast zwei Monate. Die Studenten gewannen nach und nach immer mehr Anhänger, unter denen sich ehemalige Dissidenten, Künstler und Intellektuelle befanden. Nun wurden Leute, die Entkommunisierung des Landes begehrten, als Rowdys bezeichnet. Da die Appelle zum Aufhören der Proteste verhallten, traf Iliescu härtere Maßnahmen um den Aufruhr zu stillen, und zwar bat die Bergarbeiter um Hilfe. Binnen zwei Tagen der Mineriade (so wurden diese Ereignisse später genannt) prügelten die Bergarbeiter mit eisernen Stöcken jeden, der in ihren Augen verdächtig schien. Die Aktion war nicht ausschließlich gegen den Demonstranten ausgerichtet, sondern auch gegen Vertreter der oppositionellen Parteien, deren Sitze und Privatwohnungen beschädigt wurden. Sechs oder sieben Menschen kamen damals um Leben und mehrere wurden verletzt 6 .
Weitere Probleme löste die Entscheidung Illiescus über Schließung der unrentablen Unternehmen aus, aber auch (was dieses Mal die Bergarbeiter direkt betraf) der unrentablen Gruben. Dieselben Bergarbeiter, die unlängst die Ausschreitungen stillten, erweckten die öffentliche Aufmerksamkeit im September selben Jahres, als sie höhere Einkommen verlangten. Die Unzufriedenheit der Gesellschaft wuchs. Infolge dessen trat Petre Roman aus seinem Amt zurück. Er wurde bis zur nächste Parlamentswahl von Theodor Stolojan ersetzt. Weiterer Schritt zur Konsolidierung des neuen politischen Systems war die Verabschiedung der Verfassung, die am 21. November 1991 erfolgte. Im Zuge eines Referendums wurde sie zusätzlich mit der Mehrheit von 77,3% der Stimme bestätigt 7 . Etablierung des neuen Systems
Die FSN-Regierung blieb bis 1996 an der Macht. Inzwischen zerfiel sich die Partei in weitere Gruppierungen: Nationale Demokratische Front (FDSN), unter der Führung von Iliescu und die Demokratische Partei mit Roman an der Spitze. Das erste Signal des Orientierungswechsels bei der Wählerschaft tauchte bei den Kommunalwahlen 1996 auf, als die Oppositionsparteien die Mehrheit der Stimmen in Bukarest und einigen anderen Großstädten gewannen. Im Wahlkampf der Opposition wurden vor allem die Fragen der Korruptionsbekämpfung und Wirtschaftsreformen angesprochen, die bislang vernachlässigt werden sollten. Das Wahlbündnis der „Demokratischen Konvention Rumäniens“ (CDR) kam
6 H. Ge rdes , op. cit., S. 74.
7 A. U. Gab an yi , op. cit., S. 632.
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Magister Jakub Gortat, 2010, Die Entwicklung und Etablierung des politischen Systems Rumäniens, München, GRIN Verlag GmbH
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