Hausarbeit Franco Dahms
Zwang und soll einerseits Angst unter den Zuschauern schüren; Ein Mahnruf an die Bevölkerung, sich mit der betreffenden Lektüre besser nicht zu befassen. Andererseits soll sie die Brutalität der „Exekutive“ und die absolute Bereitschaft eben dieser vermitteln, was nicht zuletzt als eine bestimmte Warnung für die Autoren der gewählten Literatur fungiert, nach der Devise: „Was die Bücher bei der Verbrennung erwartet, kann auch die Autoren selbst treffen“ bzw. „[…] dort wo man Bücher / verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“ 3 . Dass eine Bücherverbrennung allerdings auch extreme Ausmaße annehmen kann, die weit über den symbolischen Akt hinausgehen und zum Exitus spezieller Literatur werden kann, zeigt die wohl berühmteste Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Berlin auf dem Bebelplatz mit über 20000 durch Nationalsozialisten verbrannten Büchern. Wenn man tiefer in die Psychologie, hinter der (damals) kirchlich instruierten Bücherverbrennung und -zensur blickt, dann eröffnen sich weitere Beweggründe dafür, abgesehen der Vermehrung des Glaubens und des Boykotts anderer Glaubensrichtungen. Die ausschließliche Vertreibung der „Vulgata“, also der in der katholischen Kirche offiziell gebräuchlichen lateinischen Bibelübersetzung, stellt eine Art „geistlich-geistige Reinhaltung“ dar, die letztlich eine Uniformierung des Glaubens hinsichtlich der Bevölkerung bewirkt. Diese Glaubensuniformierung kommt dabei einer Volksunierung gleich; Ob es eher die christlich-katholischen Werte sind oder die Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, welche das solidarische Bewusstsein evozieren, sei dahingestellt. Voraussichtlich war die Solidarisierung über einen gemeinsamen Glauben unter der Herrschaft Isabellas II dazu gedacht, das spanische Nationalbewusstsein indirekt zu verstärken und dadurch die Macht ihres Königreiches und Einflussgebiets zu konsolidieren; Geistliche (Vatikan) und weltliche (Monarchen) Machtinteressen gingen quasi „Hand in Hand“. Wie stark der Staat bei der Zensur von Büchern beteiligt war, zeigt allein die Tatsache, dass in Kastillien die Kontrolle über den Buchdruck Regierungssache war und es keine geringeren als Isabella und Ferdinand selbst waren, die am 8.Juli 1502 einen Edikt erließen, der für Buchdrucke Lizenzen obligatorisch machte 4 .
Die Bücherzensur mag sicherlich nur eines unter vielen kollaborativen Mitteln gewesen sein, unter dem Deckmantel der Kirche politisch Macht zu gewinnen. Allerdings geht die Machterhebung der politischen Führung fraglos mit einer Machterniedrigung bzw. Unterdrückung der politisch Geführten, d.h. der Bevölkerung einher; Im Zuge der Bücherzensur und inquisitorischen Dekrete denunziert sich die spanische Bevölkerung im 17.
3 Heine, Heinrich (1821): Almansor.
4 Kamen, Henry (1997): The Spanish Inquisition. An Historical Revision. London : Weidenfeld & Nicolson.
S. 103.
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Jahrhundert also zunehmend selbst - aus Angst vor Strafen und ketzerischen Anlastungen. Lesen per se wird zu einem riskanten Unterfangen, das nicht selten die Anklage als Ketzer zur Folge hat und damit lebensbedrohliche Dimensionen annimmt:
„Sabeis leer, Humillos? No, por cierto, ni tal se probará que en mi linaje haya persona tan de poco asiento, que se pnga a aprender esas quimeras, que llevan a los hombres al brasero y a las mujeres, a la casa llana.” 5
Wer kein Analphabet war, stand bereits unter Verdacht, „denn die Feinde des Glaubens konnten das Buch für ihre Zwecke benutzen, und auch der Leser war nicht davor gefeit, das Gelesene ‚irrtümlich’ zu interpretieren“. 6 So war allein die Vulgata als Bibelübersetzung erlaubt, die Rezeption des Urtextes oder die volkssprachlicher Bibelausgaben verboten. In gewissem Maße birgt diese starke Ahndung von Bildung und Gebildeten gleichermaßen die Verdummung der Bevölkerung. So wie die Bevölkerung um ihre Bildungsmöglichkeit und Lektürevielfalt beraubt wird, so beraubt man sie auch ihrer Perspektiven, ihrer geistigen Kapazitäten, Meinungen aufgrund von unterschiedlichen Informationsquellen zu bildennicht zuletzt deshalb, weil der Mensch das geschriebene Wort gegenüber dem gesagten höher bewertet. Schließlich ist solch eine Bevölkerung weitaus empfänglicher für Manipulation und Demagogie. Ob dies so beabsichtigt war im Rahmen von Bücherzensur und -verbot, bleibt fraglich, nichtsdestoweniger relevant.
Insgesamt lässt sich sagen, dass die Effizienz des „Index librorum prohitorum“ gering war und teilweise sogar gegenteilig; So fanden insbesondere die Bücher, die auf dem Index standen, Anklang unter der Bevölkerung, ihre Lektüre gehörte sozusagen „zum guten Ton“. Diesen psychologischen Effekt haben Indexe noch heute: Viele Medien werden erst durch Zensurmaßnahmen bekannt und sind aufgrund ihres Verbot-Status für so manch einer besonders reizvoll. Die Folge dieses Effekts war für den „Index librorum prohibotorum“, dass er selbst vorübergehend auf dem Index stand, was das Paradoxon „Index“ quasi ad absurdum führt.
Wenn man sich die Frage stellt, warum der Index so versagt hat in seinem Anspruch, Wissen zu verhindern, so wird man zurückgeführt auf die originäre philosophische Frage: „Was ist Wissen?“ bzw. „Wie funktioniert es?“. Individuelles Wissen lässt sich zweifellos verhindern, das hat die Inquisition mit denen von ihr geforderten (menschlichen) Opfern gezeigt. Doch kollektives Wissen, „Wissen […], das durch das Kollektiv stabilisiert wird“ 7 , hat eine eigene Dynamik und „erweist sich im Letzten als eine unsteuerbare Größe“ 8 .
5 Cervantes (1615): La elección de los alcaldes de Daganzo.
6 Ezquerra, Alfredo Alvar (1997): La inquisición española. Madrid :
7 Fried, Johannes (2001): Einführung. Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel. In : Wolf, Hubert (Hrsg.) :
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Abgesehen von der Klärung, wieso die Wirkung des Indexes so gering war, sollte überhaupt klar gestellt werden, welche Bedeutung sie im Komplex Inquisition einnahm bzw. erfuhr. Drei signifikante Punkte sprechen für einen doch eher unsignifikanten Stellenwert: Erstens, die meisten indizierten Bücher waren nie, nicht einmal in geringer Reichweite des spanischen Lesers und gelangten erst gar nicht auf die Peninsula. Zweitens, der Index war groß, teuer, in geringer Auflage und sowohl unvoll- als auch rückständig, also wenig praktikabel. Drittens, aufgrund von scharfer Kritik der Buchhändler am Index und dessen Kriterien sind viele kreative und wissenschaftliche Werke letztlich nie auf dem Index erschienen. 9
Abschließend ist festzuhalten, dass die Bedeutung des Indexes in Spanien und eng damit verknüpft die Wirkung desselben sehr gering waren. Ein Status-Vergleich in Sachen Index-Zensur mit anderen Ländern des europäischen Kontinents zu Zeiten der Inquisition würde Antwort geben auf die letzte verbleibende Frage: „Inwieweit hängt die Effizienz von Indexen ab von der (politischen) Macht der Zensoren und inwieweit von den mathematisch-logischen Grenzen des Indexes selber?
Bücherzensur bzw. Zensurpolitik in Spanien heute
Das Wirken der kirchlichen Bücherzensur in unserer Zeit ist passé. Der „Index librorum prohibitorum“ hat heute vielmehr den „Charme eines Antiquariatskatalogs“ 10 . Seit 1929 wurde er immerhin dem besseren Verständnis dienend in den großen Weltsprachen publiziert, wirklich aktuell war er aber bereits zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Offiziell abgeschafft wurde der „Index librorum prohibitorum“ im Jahre 1967.
Ähnlich dem deutschen Zensurapparat wachen heutzutage in Spanien spezielle staatlich geführte und den bestehenden Strafgesetzten folgende Kontrollorgane über die Legitimation von Informationsträgern wie Filmen, CDs und Büchern inkl. deren Inhalte. Eine explizite Bücherzensur gibt es nicht (In Deutschland werden pornographische und Gewalt verherrlichende Schriften von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien geprüft,
Inquisition. Index. Zensur. Zürich : Schöningh. S. 13.
8 Fried, Johannes (2001): Einführung. Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel. S. 13.
9 Vgl. Kamen, Henry (1997): The Spanish Inquisition. An Historical Revision. London : Weidenfeld &
Nicolson. S. 132.
10 Dirnbeck, Josef (2001): Die Inquisition. Eine Chronik des Schreckens. München : Pattloch. S. 503.
Arbeit zitieren:
Franco Dahms, 2007, La inquisición / Die Inquisition, München, GRIN Verlag GmbH
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