Sprachliche Anomalie? -
Die Metapher und ihre Bedeutung für die Semantik
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1 Funktionsweise der Metapher. 2
1.2. Abgrenzung zu anderen Tropen. 4
2. Linguistische Analyse 6
2.1. Metapherntheorie und -geschichte 6
2.2. Bedeutung für die Semantik. 9
3. Resümee. 13
Literaturverzeichnis 15
1. Einleitung
Wir gebrauchen sie mitunter minutiös. Ob im Beruf, in der Freizeit, im Alltag, auf besonderen Veranstaltungen, beim Poesieren oder einfach nur beim Kaffeekranz mit den Großeltern. Oft ist uns gar nicht bewusst, dass wir sie, und wenn, warum wir sie benützen. Wir tun es aus Gründen der Hervorhebung, der Veranschaulichung, der Beschönigung oder der Belebung und auch manchmal, weil uns nichts Besseres einfällt oder erst gar nicht existiert. Die Rede ist von der Metapher.
„Metapher“ ist eine Entlehnung aus dem Griechisch-Lateinischem und deriviert vom Wort metaphorá, das zu gr. meta-phérein „anderswohin tragen; übertragen“ gehört. Gemeint ist also ein „übertragener, bildlicher Ausdruck“ 1 . Wenn wir etwas verbalisieren und das Gesagte nicht wörtlich meinen, es also in einer uneigentlichen und übertragenen Weise verwenden, so referieren wir gewöhnlich auf diesen Umstand als metaphorisch bzw. auf diese Äußerung als metaphorisch gemeint. Dies ist ganz klar eine Sonderstellung, die der Metapher in unserer Sprache zukommt, nicht nur der des alltäglichen Lebens. Doch woher bezieht die Metapher ihre Wirkung, ihre Spezifität? Wenn gefragt ist, welche Domäne die Metapher darstellt, wird die Antwort Literatur und allem voraus Lyrik lauten. Mit dieser hat sie gemein, dass beide in ihrer sprachlichen Realisierung von der Norm abweichen. Das eine ist aber literarische Gattung, das andere sprachliches Mittel, dem diese Gattung ihre Wirkungskraft verdankt. Jener sprachlichen (semantischen) Abweichung bzw. Anomalie widmet sich diese Hausarbeit. Zu klären wird sein, worin diese Anomalie besteht. Daher wird in einem ersten Schritt die Funktionsweise der Metapher erläutert. Durch die Abgrenzung zu anderen mit der Metapher vergleichbaren Tropen, d.h. anderen „bildhaften Ausdrücken“ 2 bzw. „sprachlichen Ausdrucksmitteln der uneigentlichen Rede“ 3 , sollen noch bestehende Unklarheiten und Verwechslungsmöglichkeiten eliminiert werden, um letztlich einen tiefscharfe Definition der Metapher zu erhalten. Diese bildet alsdann die Grundlage und den Einstieg in die Metapherntheorie bzw. -geschichte, über die anschließend weitestgehend auf die Semantik fokussiert wird, um schlussfolgernd zu konstatieren, dass die Metapher nicht wirklich Anomalie und kein Mittel, sondern eher ein ‚Schöpfer’ unseres sprachlichen Systems ist.
1 Drosdowski, Günther (1989): Duden. Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. Mannheim : Brockhaus Verlag. S. 455.
2 Homberger, Dietrich (2000): Sachwörterbuch zur Sprachwissenschaft. Stuttgart : Reclam. S. 594.
3 Glück, Helmut (2005): Metzler Lexikon Sprache. Stuttgart : J.B.Metzler. S. 696.
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1.1 Funktionsweise der Metapher
Wie bereits in der Einleitung angedeutet, handelt es sich bei der Metapher um einen bildlichen, übertragenen Ausdruck, der wie andere Tropen uneigentlich ist. Uneigentlich in dem Sinne, dass mit einer Metapher etwas anderes gesagt wird, als die Wortsequenz es vorgibt - ähnlich der Ironie, die das Gegenteil von dem meint, was geäußert wird. Darin besteht im Übrigen die semantischen Anomalie der Metapher.
Die Trope im Allgemeinen hat zwei Ebenen 4 : Eine wörtliche und eine übertragene. Die wörtliche Ebene ist die der uninterpretierten, die übertragene die der interpretierten Metapher. Das Hauptmerkmal der Metapher ist dabei der offenkundige Gegensatz, der innerhalb ein und derselben Aussage zwischen einem metaphorisch genommen und einem unmetaphorischen Wort besteht. Ein Beispiel: „Carlos es un tigre“. Es existieren zwei Ebenen, auf Grundlage derer die Äußerung zu interpretieren sei. Versteht man die Phrase als wörtlich gemeint, also in ihrer eigentlichen Bedeutung, so wird ersichtlich, dass Carlos der Name eines Tigers ist. Ist man jedoch geneigt, diesen Satz auf uneigentliche Weise zu deuten, ihm also eine übertragene Bedeutung abzugewinnen, so wird man zwar zuerst mit einer scheinbar sinnlosen Äußerung konfrontiert, durch eine bestehende Interpretationsverpflichtung 5 allerdings dahin geleitet, den Sinn „umzudeuten“ 6 und die Äußerung als insgesamt sinnvoll zu erachten:
Es ist die Bedeutungserwartung eines wörtlichen Kontextes, die zunächst den Sinn des Satzes orientiert, dann aber durch die Konterdetermination der metaphorischen Fügung
enttäuscht und durch einen gegenläufigen, neuen Sinn ausgetauscht wird. 7
Diese „Umdeutung“ oder auch „Austauschung“ des Sinnes ist der Prozess der Übertragung. Möglich wird die Übertragung (der semantischen Merkmale) vom Nebensubjekt (hier: „tigre“) auf das Hauptsubjekt 8 (hier: „Carlos“) dabei durch eine gewisse korrelative Ähnlichkeit (zwischen Verhältnissen) oder Analogie (zwischen Dingen oder Ideen) zwischen den Subjekten. Diese Ähnlichkeit wird als „tertium comperationis“ bezeichnet, i.e. die gemeinsame Eigenschaft zweier Gegenstände oder Bereiche 9 . Da dieser Terminus ursprünglich einer anderen Trope, dem Vergleich,
4 Vgl. Strub, Christian (1991): Absurditäten. Versuch einer historisch reflektierten sprachanalytischen Metaphorologie. Freiburg / München : Karl Aber. S. 52.
5 Strub, Christian. S. 51.
6 Strub, Christian. S. 51
7 Ricoeur, Paul (1991): Die lebendige Metapher. München : Fink. S. 151.
8 Debatin, Bernhard (1995): Die Rationalität der Metapher. Eine sprachphilosophische und kommunikationstheoretische Untersuchung. Berlin : Walter de Gruyter. S. 172.
9 Homberger, Dietrich (2000): Sachwörterbuch zur Sprachwissenschaft. Stuttgart: Reclam. S. 332.
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vorbehalten ist, scheint es indes angemessener, von einem „tertium metaphorae“ 10 zu sprechen. In dem Beispiel „Carlos es un tigre“ besteht eine Ähnlichkeit zwischen Carlos und tigre, die sich in der gemeinsamen (semantischen) Eigenschaft +ANIMIERT (+ANI), d.h. belebt, widerspiegelt. Die Aufgabe des Rezipienten ist nun, weitere konnotierete Eigenschaften des metaphorischen Begriffs tigre auf den originalen Begriff Carlos zu ‚übertragen’, Carlos sozusagen durch die Perspektive von tigre zu sehen. Ein metaphorisch gebrauchter Ausdruck kann jedoch „nur eine Auswahl der in seiner wörtlichen Verwendung konnotierten Eigenschaften konnotieren“ 11 . So wird der Rezipient Carlos wohl kaum mit den Attributen +WILD oder +BEHAART, dafür aber +STARK und +SCHNELL assoziieren. Die Möglichkeiten an und Kriterien für Assoziationen bzw. „assoziierte Implikationen“ 12 resultieren dabei aus den jeweils vorliegenden gesellschaftlichen Konventionen und überhaupt dem Weltwissen des Hörers / Lesers, können folglich von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein. Dies trifft auch gleich den Kern jeder metaphorischen Fehlinterpretation; oft werden Metaphern nicht verstanden, weil sie „auf einer Ähnlichkeit oder Konvention [beruhen], die dem Leser [oder Hörer] unvertraut ist“ 13 . Auf den skizzierten soziologischen Aspekt der Metapher wird im Verlauf der Arbeit genauer eingegangen. Zur vereinfachenden Darstellung der Selektionsweise semantischer Merkmale diene diese Zeichnung:
I und III bezeichnen die Opposition, d.h. die offenkundig oppositionellen bzw. konterdeterminierten semantischen Merkmale. Bei unserem Beispiel wären diese wie erwähnt +WILD, +BEHAART oder auch +TIERISCH auf der einen und +ZIVILISIERT, +UNBEHAART oder auch +MENSCHLICH auf der anderen Seite. Hingegen benennt II den Anteil an Merkmalen, der beiden Gegenständen implizit ist: +ANI etc. In der Verbindung dieser gemeinsamen Eigenschaften liegt für Max Black „Geheimnis und Rätsel der Metapher“ 14 .
10 Vgl. Lehmann, Volkmar (1975): Metapher und semantische Beschreibung. Eine merkmalsgrammatische
11 Haverkamp, Anselm (1996): Theorie der Metapher. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 70.
12 Haverkamp, Anselm. S. 75.
13 Haverkamp, Anselm. S. 95.
14 Haverkamp, Anselm. S. 70.
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Arbeit zitieren:
Franco Dahms, 2005, Die Metapher und ihre Bedeutung für die Semantik, München, GRIN Verlag GmbH
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