DER WANDEL DER KARRIEREMUSTER VON MANAGERN
SEIT DEN 90ER JAHREN IN DEUTSCHLAND: BEFUNDE,
Fächerkombination: Bürgerliches Recht, BWL, Wirtschafts- und Sozialpsychologie, Soziologie
Anzahl der Fachsemester: 9
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG 1
2. METHODISCHES VORGEHEN 3
3. MANAGERKARRIEREN VOR DEM HINTERGRUND DER DEUTSCHEN
WIRTSCHAFTSORDNUNG 7
3.1. DAS DEUTSCHE WIRTSCHAFTSMODELL IN DEN 70ER UND 80ER JAHREN 7
3.1.1. Die „Deutschland AG“: Personal- und Kapitalverflechtungen 8
3.1.2. Das deutsche System der Unternehmenskontrolle. 10
4. DIE TRADITIONELLEN KARRIEREMUSTER DEUTSCHER
F ÜHRUNGSKRÄFTE. 13
4.1. DER AUSBILDUNGSWEG. 15
4.1.1. Die Hochschulausbildung. 15
4.1.2. Betriebliche Ausbildungen: Stellenwert und inhaltliche Schwerpunkte 20
4.1.3. Die Besonderheiten des Ausbildungssystems vor dem Hintergrund der deutschen
Wirtschaftsordnung. 23
4.2. DER KARRIEREWEG IM UNTERNEHMEN 26
4.2.1. Die Kaminkarriere. 26
4.2.2. Die Hauskarriere. 30
4.2.3. Vorherrschende Fachbereiche 34
4.3. ERGEBNISSE. 38
5. VERÄNDERUNGEN DER WIRTSCHAFTSORDNUNG. 39
5.1. DIE DEBATTE ÜBER DIE AUFLÖSUNG DER „DEUTSCHLAND AG“ 40
5.1.1. Entflechtungen. 41
5.1.2. Shareholder-Value-Orientierung. 42
6. DIE GEWANDELTEN KARRIEREMUSTER DEUTSCHER FÜHRUNGSKRÄFTE
SEIT DEN 90ER JAHREN 45
6.1. VERÄNDERTE AUSBILDUNGSHINTERGRÜNDE 49
6.1.1. Die Hochschulausbildung: Von der Technik zur Betriebswirtschaft? 49
6.1.2. Betriebliche Ausbildungen: Bedeutungsverlust und „Sieg der Kaufmänner?“ 58
6.2. VERÄNDERTE LAUFBAHNEN IM UNTERNEHMEN. 60
6.2.1. Die Kaminkarriere: Vom Spezialisten zum General-Manager? 61
6.2.2. Die Hauskarriere: Verlust oder Beständigkeit? 66
6.2.3. Fachbereiche: Vom Produktions- zum Finanzmanager? 72
6.2.4. Internationalisierung des Managements? 78
6.3. ERGEBNISSE. 81
7. DISKUSSION UND AUSBLICK 84
7.1. EINFLÜSSE DER WIRTSCHAFTSKRISE 84
7.2. GESAMTABWÄGUNG: WANDEL ODER STABILITÄT DER KARRIEREMUSTER? 86
7.3. ANREGUNGEN UND NEUE FORSCHUNGSANSÄTZE 93
I. LITERATURVERZEICHNIS. 97
II. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 112
III. ABBILDUNGSVERZEICHNIS 113
IV. TABELLENVERZEICHNIS 114
1. Einleitung
Vor dem Hintergrund der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise stehen Manager und ihre Entscheidungen zunehmend in der gesellschaftlichen Kritik. Die Rede ist von der rücksichtslosen Verfolgung kurzfristiger Unternehmensgewinne, fehlender fachlicher Kompetenz, zu hohen Gehältern und zu wenig gesamtgesellschaftlicher Verantwortung.
Werden diese, angeblich seit den 90er Jahren veränderten Entscheidungsmuster und Handlungsrationalitäten durch einen Wandlungsprozess im deutschen Management verursacht? Und inwieweit steht dies mit den Ausbildungs- und Karrieremustern der Manager in Zusammenhang? Verändern sich die für die 70er und 80er Jahre typischen Laufbahnen durch gesellschaftliche und ökonomische Einflussfaktoren seit Beginn der 90er Jahre, oder bleiben sie im Zeitverlauf stabil? Wie nun ein (Top)Manager zu dem wird, was er ist, soll in der vorliegenden Arbeit beantwortet werden. Erörtert werden dazu die typischen Eigenschaften einer deutschen Führungskraft, die mit ihrer Karriere in Verbindung stehen. Die Frage, warum diese besonders interessant sind, lässt sich schnell beantworten: Sie sind es, die die Reproduktion eines bestimmten Typus Managers prägen, der mit seinen beruflichen Haltungen und Orientierungen Entscheidungen mit Konsequenzen für Wirtschaft, Gesellschaft und Unternehmen trifft. Herauszufinden gilt es in diesem Zusammenhang außerdem, ob sich jene Charakteristika im Laufe der Zeit veränderten und damit bspw. auch die Fehlentscheidungen der Manager beeinflussten, die die aktuelle Wirtschaftskrise bedingten. Wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, ist der gewandelte Typ Manager nun wirklich der „Bessere“? Oder zeigen die aktuellen Entwicklungen, dass die klassische deutsche Führungskraft diejenige mit den überlegenen Entscheidungsrationalitäten ist? Die Rolle der Karrierehintergründe scheint folglich eine wichtige zu sein. Aus diesem Grund behandelt die vorliegende Arbeit den in der Literatur vielfach diskutierten Wandel der Karriereverläufe deutscher Führungskräfte aus einer managementsoziologischen Perspektive. Sie sollen sich insbesondere seit den 90er Jahren verändert haben. Unter Berücksichtigung verschiedener Erklärungsansätze soll am Ende über Stabilität oder Wandel diskutiert und entschieden werden. Doch welcher Typus ist überhaupt der deutsche Manager? Traditionell gilt er besonders bei externen Beobachtern als hoch ausgebildeter Spezialist im Technik- und Produktionsbereich (Egan 1997: 6; Faust 2002; Lane 1989: 92 ff.; Sorge 1999; Walgenbach/Kieser 1995: 279 ff.; Zapf 1965). Mit diesen Eigenschaften hebt er sich auffallend von Managern aus anderen Nationen, insbesondere von denen in angloamerikanischen Kontexten, ab. Viele Erklärungen für jene Spezifika beruhen auf einer wirtschaftlichen Basis: Sie werden vielfach als Besonderheit des deutschen Kapitalismusmodells in den 70er und 80er Jahren gesehen und mit der hohen Produktqualität deutscher Güter in Verbindung gebracht (Bleicher 1983). Das entsprechende Management-
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modell galt somit vielerorts als vorbildliches Leitbild. Jenes begann sich jedoch vielen Ansichten zufolge Anfang der 90er Jahre parallel mit Liberalisierungstendenzen der deutschen Wirtschaft aufzulösen, um sich angloamerikanischen Prinzipien anzunähern (Höpner 2003a; Streeck 1996; Streeck/Höpner 2003). Über das Ausmaß der Wandelprozesse besteht in der Literatur jedoch genauso Uneinigkeit wie über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftsformationen und den Karriereverläufen der Manager. Diese Kontroverse soll in der vorliegenden Arbeit analysiert werden. Ziel ist es, aus managementsoziologischer Perspektive das Ausmaß der Veränderungen in den Karrierelaufbahnen deutscher Führungskräfte zu beurteilen und mit möglichen Begründungen zu hinterlegen.
Dafür wird zunächst ein Blick auf das deutsche Wirtschaftsmodell in den 70er und 80er Jahren geworfen. Jene Beschreibung dient als Grundlage für die eventuellen Zusammenhänge zwischen den Karrierewegen der Manager und der nationalen wirtschaftlichen Funktionslogik. Mit einigen prägenden Eigenschaften galt die deutsche Variante als Repräsentant des „nichtliberalen Kapitalismus“ (Streeck 2001: 5). Vor diesem Hintergrund werden anschließend die „traditionellen“ Karrierewege deutscher Manager erläutert. Als typische Merkmale gelten hier die Haus- und Kaminkarriere, die Techniklastigkeit während des Ausbildungsweges und die hohe Produktions-orientierung während der Berufslaufbahn. Seit Anfang der 90er Jahre gibt es zahlreiche Anzeichen, die auf einen Wandel dieses klassischen Karrierepfades hinweisen. Die Rede ist insbesondere von einer Annäherung an das angloamerikanische Managementleitbild. Vielfach wird dieser Prozess mit den Liberalisierungstendenzen der deutschen Wirtschaft in Verbindung gebracht. Aus diesem Grund werden in Kapitel fünf zunächst beobachtete Veränderungen in der deutschen Kapitalismusformation beschrieben, bevor unter Berücksichtigung verschiedener Erklärungsansätze der Wandel der Karrierewege deutscher Manager analysiert und diskutiert wird. Die „neue“, aktionärsorientierte Unternehmensführung gerät nun seit dem Aufkommen der aktuellsten Wirtschaftskrise in 2007 erneut in die Kritik. An diesem Punkt stellt sich schließlich noch einmal die Frage, ob sich die Handlungsrationalitäten und Karriereverläufe deutscher Manager verändern. Erste Experteneinschätzungen vermuten tatsächlich die Wiederkehr des traditionellen deutschen Leitbildes. Hohe Spezialisierungen, Produktions- statt Kapitalmarktorientierung sowie überwiegend technische statt wirtschaftswissenschaftliche Kompetenzen wären in Kombination mit der wieder aufkommenden Stakeholder-Orientierung deutscher Unternehmen die Folge. Diese ersten, gewiss sehr vorsichtigen Anzeichen werden im letzten Abschnitt erläutert, bevor ein Résumé über die Stabilität oder den Wandel deutscher Managerkarrieren gezogen wird. Anregungen für künftige Forschungsansätze schließen die Arbeit an letzter Stelle ab.
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2. Methodisches Vorgehen
Die vorliegende Arbeit beruht auf der Grundlage einiger bezeichnender empirischer Studien und Arbeiten, anhand derer mit Hilfe der Sekundäranalyse die traditionellen Managerkarrieren und deren Veränderungen dargestellt und diskutiert werden. Da die Debatte über diese Thematik ein wesentliches Thema der 90er Jahre darstellt und dementsprechend in der jüngsten Vergangenheit weitaus weniger Untersuchungen vorliegen, wird sich der Großteil der verwendeten Literatur auf diesen Zeitraum beziehen.
Die in dieser Arbeit verwendeten Untersuchungen beschränken sich bis auf wenige Ausnahmen auf Daten männlicher Führungskräfte. Aus diesem Grund können hier im weiteren Vorgehen ausschließlich Aussagen über das maskuline Geschlecht getroffen werden. Des Weiteren wird sich einzig auf die wirtschaftliche Elite konzentriert, Daten über Führungskräfte aus anderen Bereichen (z.B. der Verwaltung) werden nicht berücksichtigt. Aus diesem Grund beziehen sich
die meisten der aufgezeigten Studien auf den deutschen Industriesektor. 1 Dieser gilt als kennzeichnend für die deutsche Wirtschaftsordnung und hat eine besonders hohe gesamtgesellschaftliche Bedeutung (Freye 2008: 38 f.). Ähnlich verhält es sich auf der Ebene der Organisationen: Der Großteil der Studien wird sich auf deutsche Großunternehmen konzentrieren. Vereinzelt wird der Blick zwar auf Bereiche außerhalb der Industrie geworfen, der Mittelstand und kleine Betriebe werden jedoch weitgehend ausgeschlossen. Als Erklärung für die Schwerpunktsetzung könnte die Feststellung dienen, dass Großunternehmen besonders im industriellen Bereich die
größte wirtschaftliche Bedeutung 2 haben (Kless 2008: online).
Differenzen in den verschiedenen Studien ergeben sich außerdem in der untersuchten Managementebene. Die vorliegende Arbeit analysiert aufgrund der Datenlage vorwiegend das Topmana-
gement, 3 geht in einigen Punkten jedoch ebenso auf die Ebene des mittleren (oberen) Managements ein. Die hauptsächlich verwendete Kombination in den hier aufgeführten Studien aus dem Level des Topmanagements in Großunternehmen ergibt sich insbesondere daraus, dass der „Manager“ in der Soziologie als „leitende[r] Angestellte[r]“ (Hillmann 2007: 521) und wichtiger Entscheidungsträger in Großorganisationen und Großbetrieben definiert wird (Fuchs-Heinritz et
1 Diese Konzentration bringt natürlich einige Besonderheiten mit sich, da Untersuchungen in anderen Wirtschafts-
branchen vermutlich divergierende Resultate zeigen. Auf die empirische Problematik in diesem Zusammenhang
wird im Laufe dieser Arbeit noch mehrfach eingegangen.
2 Die wirtschaftliche Bedeutung bezieht sich hier auf Umsatz, Investitionen, Wertschöpfung und Beschäftigung
(Kless 2008 (online): o.S.).
3 Hier handelt es sich im Allgemeinen um Positionen in der Geschäftsführung/dem Vorstand eines Unternehmens.
Grundsätzlich sind die verschiedenen Managementebenen kaum generalistisch voneinander abzugrenzen, sondern
werden von den Autoren selbst definiert. An entscheidenden Punkten wird in dieser Arbeit stets auf diese Unter-
schiede hingewiesen.
3
al. 2007: 408; Hillmann 2007: 521 f.). 4 Um also einen Einblick in die Karriereverläufe der wirtschaftlichen Topmanager zu bekommen, muss der Fokus der Untersuchungen entsprechend auf deutschen Großunternehmen liegen. Ob dies jedoch ausreicht, um eine generelle Aussage über die Karrierepfade deutscher Manager in der Wirtschaft machen zu können, ist prinzipiell fraglich.
Im Folgenden soll ein Überblick über die hier verwendeten und analysierten Studien gegeben werden, die Kenntnisse über die Karrierepfade deutscher Manager vermitteln sollen: Für das Bild der traditionell vorherrschenden Karrieremuster zu den Blütezeiten der „Deutschland AG“ sind besonders die Beiträge von Nicholson und West (1988), Lane (1989), Lawrence (1980) und Bleicher (1983) tragend. Ihr Schwerpunkt liegt auf einem interkulturellen Vergleich, sie thematisieren Karrierewege deutscher und angloamerikanischer Führungskräfte. Auch Poensgens (1982) empirische Untersuchung beschreibt das typische Bild des traditionellen deutschen Managers,
zumindest im internationalen Vergleich mit den USA. 5 Einen wesentlichen Beitrag aus dem Jahre 2009 leistet die aktuelle elitensoziologische Untersuchung von Saskia Freye über den Wandel
der Wirtschaftselite von 1960 bis 2005. 6 Freye zeigt die Liberalisierungs- und Internationalisierungsprozesse der deutschen Wirtschaft durch eine Untersuchung der Veränderungen in Rekrutierungs- und Karrieremustern deutscher Führungskräfte. Denn die Karrierepfade der Manager erlauben entscheidende Rückschlüsse auf die Funktionslogik der nationalen Wirtschaftsform (Freye 2008: 35). Die in dieser Arbeit untersuchte Wirtschaftselite besteht aus den Vorstandsvorsitzenden der jeweils fünfzig größten Industrieunternehmen. Ihre Resultate werden je nach relevanten Zeiträumen in die Beschreibung der traditionellen Karrierelaufbahnen als auch in die Diskussion über ihre Veränderungen integriert. Entscheidende Beiträge zu Karrierepfaden und Rekrutierungsmustern deutscher Manager kommen von Michael Hartmann (2006) und werden ebenfalls in diese Arbeit einbezogen. Hartmann untersucht die Ausbildungs- und Karrierewege von Vorstandsvorsitzenden in den 100 größten deutschen Unternehmen, bzw. in den 50 größten deutschen Industriekonzernen zu drei Zeitpunkten (1970, 1995, 2004). Aufgrund der weiten Zeitspanne werden die Ergebnisse in gleicher Weise in die Thematik des traditionellen sowie des veränderten Leitbildes einfließen. Grundsätzlich grenzt sich Hartmanns Vorgehensweise insofern
4 Die zugenommene Bedeutung des Managers wird insbesondere auf die Trennung zwischen Eigentum und Verfü-
gungsgewalt im Management zurückgeführt. Was früher der Eigentümer und Kapitalist gleichzeitig war, ist heute
der leitende Fachmann ohne eigenen Anteil am Kapital (Hillmann 2007: 521).
5 Poensgen veröffentlicht 1982 eine Studie über die Charakteristika der Vorstandsmitglieder deutscher Aktiengesell-
schaften des Verarbeitenden Gewerbes. Er erhebt Daten von Vorstandsmitgliedern, die im Zeitraum von 1961 bis
1975 in verschiedenen Wirtschaftszweigen amtierten. Untersucht wird der Zusammenhang zwischen Berufungsalter,
Fachrichtungen und Ausbildungsstand mit Einfluss weiterer situativer Faktoren, außerdem stellt Poensgen einen
Vergleich zu der Situation in den USA her (Poensgen 1982: S. 3 f.; 21 ff.).
6 Die Untersuchung wird ergänzt durch eine Fallstudie zum Daimler-Konzern, die den Wandel im Management und
der strategischen Ausrichtung auf Unternehmensebene verdeutlicht. Da es sich lediglich um ein exemplarisches
Beispiel handelt, wird in dieser Arbeit nicht näher darauf eingegangen. Zur näheren Betrachtung siehe Freye 2008:
133 ff.
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von anderen ab, als dass er ebenfalls die soziale Herkunft der Manager berücksichtigt. Da dieser Gesichtspunkt verhältnismäßig wenig Parallelen zur vorliegenden Schwerpunktsetzung in dieser Arbeit aufweist, wird hierauf jedoch nicht näher eingegangen.
Hinsichtlich der typischen Karrierewege mittlerer Manager untersuchen Walgenbach und Kieser (1995) in einer interkulturell/international vergleichenden Studie die Besonderheiten des mittleren deutschen Managements. Dies geschieht mit Hilfe qualitativer Interviews, welche die Anforderungen an sowie Funktionen und Arbeitsverhalten von britischen und deutschen Führungskräften vergleichen. Hier werden zusätzlich verschiedene Wirtschaftssektoren betrachtet. Im mittleren Management sind außerdem die Untersuchungen von Faust/Jauch/Notz (2000) relevant, die sich vordergründig mit dem Wandel der Anforderungen an mittlere und untere Manager durch den Organisationswandel deutscher Industrieunternehmen beschäftigt. Vor dem Hintergrund spezifischer Arbeitssysteme analysiert ferner Sorge (1999) Bestandteile des typischen Karriereweges mittlerer Manager aus dem industriellen Sektor.
Insbesondere für die Debatte um den Wandel im deutschen Management lässt sich einschlägige Literatur finden. Neben den bereits erwähnten Arbeiten von Hartmann (2006) und Freye (2008) untersuchen auch Studien von Pohlmann et al. (2009) unter dem Gesichtspunkt des Wandels soziale Herkünfte, Ausbildungswege und soziale Mobilitäten deutscher Topmanager. Zum Topmanagement zählen in der im Jahr 2009 veröffentlichten Untersuchung Vorstands- oder Vor-standsvorsitzpositionen der größten 100 bzw. 500 Industrieunternehmen. Ähnlich wie Gergs und Schmidt (2002) führen sie Veränderungen in den Karrieremustern jedoch auf einen generationalen Wandel zurück, dies betont auch ein weiterer bedeutender Beitrag Pohlmanns aus dem Jahre 2003.
Was die Zusammenhänge zwischen Managerkarrieren und Wirtschaftsmodell betrifft, ergeben sich unter anderem aufschlussreiche Beiträge aus Untersuchungen von Höpner (2003a), Streeck/Höpner (2003), Beyer (2006a), Fligstein (2001) oder Hall/Soskice (2001). Sie diskutieren die Umbrüche im deutschen Management vor den Hintergrund der deutschen und angloamerikanischen Wirtschaftsordnung und konzentrieren sich hauptsächlich auf Topmanager, Großunternehmen und/oder die deutsche Industriebranche. Höpner (2003a) beschränkt sein Untersuchungssample außerdem auf börsennotierte Unternehmen. Über Veränderungen im mittleren Management nehmen insbesondere Studien von Faust (2002) sowie Faust/Jauch/Notz (2000) eine zentrale Stellung ein. Kotthoff und Wagner (2008) analysieren im Rahmen einer Wiederholungsuntersuchung die veränderte Arbeitswelt mittlerer Manager. Da der Schwerpunkt der beiden Studien jedoch auf dem Wandel der Firmenkultur liegt, wird auf diese Arbeit nur am Rande eingegangen.
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Tabelle 1: Übersicht über thematisch einschlägige Arbeiten verschiedener Autoren. Eigene
Darstellung.
Grundsätzlich leidet die Debatte dieser Materie unter der mangelnden Vergleichbarkeit der verschiedenen Studien. Insofern zieht sich durch das gesamte Thema ein empirisches Problem, da sich jede Untersuchung hinsichtlich des Aufbaus, den Beobachtungszeitpunkten, Methoden, den Untersuchungen der Managementebenen sowie den empirischen Fundamenten der Argumentation unterscheidet. Eine weitere Erschwernis ergibt sich aus den unterschiedlichen Perspektiven, aus denen die Karrierewege und auch das Wirtschaftsmodell betrachtet werden. Auf der einen Seite handelt es sich in den Arbeiten um implizite Vergleiche, die die Entwicklung der nationalen Karrierepfade im Zeitverlauf - jedoch zumeist mit wenigen Erhebungszeitpunkten - betrach-
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ten, auf der anderen Seite stehen jedoch international vergleichende Studien, die insbesondere Unterschiede zu den angloamerikanischen Nationen betonen. Damit ergeben sich prinzipiell voneinander abweichende Perspektiven, aus denen die Entwicklungen und Eigenarten betrachtet werden. Die Vorgehensweisen sind oftmals je nach Argumentationsweg gewählt und müssen möglicherweise an einigen Punkten relativiert werden. Dies wird im Laufe dieser Arbeit an entscheidenden Stellen hervorgehoben.
3. Managerkarrieren vor dem Hintergrund der deutschen Wirtschaftsordnung Im folgenden Kapitel wird ein Überblick über die deutsche Wirtschaftsformation in den 70er und 80er Jahren gegeben. Sie ist insofern relevant, als dass das deutsche Kapitalismusmodell häufig mit den Rekrutierungsmustern und Karrierelaufbahnen der Manager in Verbindung gebracht wird und sich in einigen grundlegenden Eigenschaften von anderen nationalen Wirtschaftsmodellen unterscheidet.
3.1. Das deutsche Wirtschaftsmodell in den 70er und 80er Jahren
In der Literatur wird überwiegend angenommen, dass das Modell der deutschen Wirtschaftsordnung Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund spezifischer Eigenschaften eine besondere Form des
Kapitalismus ist. Im Falle der vergleichenden Kapitalismusforschung, 7 besonders in Abgrenzung mit den liberalen Marktwirtschaften in angloamerikanischen Nationen, wird die deutsche Variante in allgemeiner Form als „nichtliberaler“ (Streeck 2001: 5; Streeck/Yamamura 2001) oder „rheinischer Kapitalismus“ (Albert 1993: 100) bezeichnet. Bekannt ist sie außerdem unter den Begriffen des „koordinierten“ (Hall/Soskice 2001) oder „organisierten“ Kapitalismus (Höpner 2003, 2007: 5). Der Ausdruck „Deutschland AG“ (Beyer 2006a: 94; Streeck/Höpner 2003: 15; Höpner 2007: 5) beschreibt insbesondere den hohen Personal- und Kapitalverflechtungsgrad deutscher Großunternehmen, insbesondere die bedeutende Stellung der Finanzunternehmen in diesem Netzwerk. Auch wenn mit diesen Begriffen voneinander abweichende Merkmale betont werden, so beschreiben sie allesamt ähnliche grundlegende Beobachtungen über das deutsche Wirtschaftsmodell. Es zeichnet sich neben dem hohen Verflechtungsgrad durch weitere Eigenarten aus. So gelten deutsche Großunternehmen als abgeschottet von Märkten, finanzieren sich mit langfristigen Krediten ihrer Hausbanken und sind durch hoch konzentrierte Eigentümerstruktu-
7 Dievergleichende Kapitalismusforschung lehnt die Annahme einer am besten funktionierenden und vorherrschen-
den Form, etwa dem liberalen Marktmodell, ab. Sie untersucht stattdessen die Entstehung der verschiedenen Funk-
tionslogiken sowie die Auswirkungen auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen der nationalen Unter-
nehmen (Freye 2008: 3; Höpner 2007: 10 ff.; Jackson/Deeg 2006; Boyer 2005). Hintergrund ist die Debatte über die
Entstehung verschiedener Kapitalismusformen, ihrer Ursachen und Konsequenzen mit unterschiedlichen methodi-
schen Herangehensweisen.
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ren nicht der Gefahr vor feindlichen Übernahmen ausgesetzt. In- und ausländische Konkurrenz wird durch konzern- und unternehmensübergreifende Kontrolle und Koordination von Unternehmen und Staat begrenzt und Verbände auf Arbeitgeber- sowie Arbeitnehmerseite nehmen eine einflussreiche und konstruktive Stellung im Gesamtsystem ein. Unternehmen orientieren sich vor diesem Hintergrund mehr an gesamt- statt einzelwirtschaftlichen Interessen und setzen nicht die Profitabilität oder die maximale Rendite an die Stelle des obersten Unternehmensziels (Beyer 2006a: 70 ff.; Egan 1997: 5 f.; Hall/Soskice 2001: 22 f.; Höpner 2007: 4 ff.; Scott 1987; Streeck/Höpner 2003: 25 ff.; Windolf/Beyer 1995). Insbesondere im Vergleich mit angloamerikanischen, marktliberalen Wirtschaftsmodellen gelten diese Merkmale als Besonderheit in der vergleichenden Kapitalismusforschung. Das deutsche Produktionsregime wird durch das Zusammenwirken jener Eigenschaften als Bestandteil der „koordinierten Ökonomie“ (Beyer 2003: 120) bezeichnet und gilt mit seiner langfristigen Orientierung als äußerst erfolgreich für die Realisierung der diversifizierten Qualitätsproduktion, nicht jedoch für kurzfristige Produktmarktorientierungen (Beyer/Hassel 2003: 159 f.; Casper 1998; Hall/Soskice 2001: 24 f.; Soskice 1999: 212; Streeck 1991, 1996).
Bevor im Rahmen der deutschen Unternehmenskontrolle und -verfassungen auf die Variante des organisierten Kapitalismus eingegangen wird, sollen zunächst die Verflechtungsstrukturen unter dem Oberbegriff der „Deutschland AG“ beschrieben werden.
3.1.1. Die „Deutschland AG“: Personal- und Kapitalverflechtungen
Das als „Deutschland AG“ bezeichnete Wirtschaftsmodell zeichnet sich, wie bereits erwähnt, besonders durch enge Personen- und Kapitalverflechtungen von deutschen Großunternehmen aus. Sie bilden eine netzwerkartige Struktur in verschiedenen Grundformen und ermöglichen bedeutende, gegenseitige Einflussnahmen, die über Unternehmens- und Konzerngrenzen hinaus-
gehen (Beyer 2006a: 55 ff., 94; Windolf/Beyer 1995: 15 ff.). 8 Durch das Verflechtungsgefüge wird zwischen den Großunternehmen Verbundenheit sichergestellt, es schützt sie in Kombination mit hohen Eigentumskonzentrationen außerdem vor marktbedingten Einflüssen (Beyer 2006a: 96 f; Freye 2008: 4). Besonders im industriellen Sektor sind diese Kooperationen stark ausgeprägt, um den gegenseitigen Informationsaustausch zu sichern, technologische Standards auf gleichem Niveau zu halten und äußere Gefahren abzuwehren (Hall/Soskice 2001: 21 ff.). Es heißt vielfach, dass die Topmanager durch die hohe personale Verflechtung entscheidende un- 8 Windolf/Beyer(1995) charakterisieren verschiedene Grundformen der Verflechtungsstrukturen. Auf diese wird
aufgrund der thematischen Einschränkung dieser Arbeit jedoch nicht näher eingegangen. Den Untersuchungen zu-
folge dienen die Verflechtungen insbesondere im Finanzsektor als Übernahmeschutz, außerhalb dieses Sektors, um
Eigentümermacht und Kontrolle über die Unternehmen zu sichern. Dies ist vor allem am hohen Deckungsgrad an
Kapital- und Personalverflechtungen zu erkennen (Windolf/Beyer 1995: 4 ff.).
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ternehmens- und konzernübergreifende Steuerungschancen besitzen und damit vor allem über die Einzelwirtschaft hinausgehende Interessen vertreten. Dies ergibt sich nicht zuletzt auch aus der Eingliederung der Arbeitnehmerschaft in die eigene Unternehmenspolitik (Beyer 2003: 118; Soskice 1999: 204). Generell zielt das deutsche Produktionsregime auf langfristige Kooperationsbeziehungen zwischen den Unternehmen, Unternehmen und ihrer Belegschaft sowie zwischen Unternehmen und ihren Eigentümern ab (Soskice 1999: 205). Kooperationen und Verflechtungen zwischen den Großunternehmen lassen sich vor allem auf intrasektoraler Ebene finden und begrenzen damit den Wettbewerb untereinander. Aus diesem Grund bezeichnen Windolf und Beyer das deutsche Modell im Gegensatz zum britischen, konkurrierenden Wirtschafts-formation als „kooperativen Kapitalismus“ (Windolf/Beyer 1995: 24). Wie sich im Laufe der Arbeit herausstellen wird, ist dieses Gefüge einigen Autoren zufolge ein ausschlaggebender Fak-tor für die spezifischen Charakteristika der Manager.
Besonders stark ausgeprägt sind neben den industriellen Netzwerken die Verflechtungen zwischen Banken und Unternehmen des Nicht-Finanzsektors. Mächtige Finanzunternehmen wie die Deutsche Bank, die Allianz oder Dresdner Bank nehmen durch hohe Kreditvergaben, Aktienpakete an Industrie- und Handelsunternehmen sowie die Entsendung von Vorstandsmitgliedern in die Unternehmen eine zentrale Stellung im Verflechtungsnetzwerk ein (Beyer 2006a: 96; Höpner 2003: 304 ff.; de Jong 1997: 8 ff.; Scott 1987: 212 ff). Entsprechend hoch ist die Eigentumskonzentration deutscher Unternehmen (Soskice 1999: 205), und die überwiegend strategischen Großaktionäre tragen erheblich zur Verfolgung gesamtwirtschaftlicher Ziele bei (Höpner 2003a: 24). Gemäß Höpner (2003) sind diese Strukturen kein Zufall, sondern zentrales Element des deutschen Kapitalismus: Banken können großen Einfluss auf „ihre“ Unternehmen ausüben, gleichzeitig durch die innigen Verbindungen zu den Unternehmen die Kreditsicherheit erhöhen. Durch die langfristigen Kreditvergaben an Industrieunternehmen begrenzen und regulieren sie die Konkurrenz zwischen ihnen und fördern Kartellbildungen sowie Unternehmensverflechtungen. Ziel ist es, in die dauerhafte, gesamtwirtschaftliche Entwicklung zu investieren statt die kurzfristige Profitabilität der Unternehmen zu erhöhen (Höpner 2003: 304). Das dichte Netzwerk zwischen den Industrieunternehmen einerseits und ihren finanziellen Verflechtungen zu den Finanzunternehmen andererseits ermöglicht es den Unternehmen, andere Vorhaben in den Mittelpunkt zu stellen (Freye 2008: 5). Zur langfristigen, kollektiven Zielverfolgung und Regulierung der Konkurrenz tragen auch die Personalverflechtungen bei: Durch den Austausch von Vor-standsmitgliedern in die Aufsichtsräte der jeweiligen Unternehmen werden Outsider zu Eingeweihten, die Zugriff auf zahlreiche Informationen ihrer „Partner-Unternehmen“ haben und grundlegende Entscheidungen beeinflussen können (de Jong 1997: 8; Höpner 2003: 304 f.; Windolf/Beyer 1995: 16). Sie bilden damit das Netzwerk der „multiplen Direktoren“ (Beyer 2003:
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120) als personeller Kern der Verflechtungsformation. Die Handlungsrationalitäten und Entscheidungen der deutschen Topmanager wirken somit erheblich auf die strategische Ausrichtung der nationalen Wirtschaftsformation und umgekehrt. Zu einem späteren Zeitpunkt wird von einigen Autoren anhand der Karrierepfade der Führungskräfte erklärt, wie es zu diesem Zusammenwirken kommt.
Neben den Großunternehmen und Banken besitzt auch der Staat ein Interesse an der Verfolgung gemeinwirtschaftlicher Interessen und unterstützt die Netzwerkbildung mit verschiedenen politischen Maßnahmen. So fördert er z.B. die Existenz öffentlicher Unternehmen - oftmals auch Monopolen -, den Erhalt traditioneller Familienbesitzstrukturen oder ist selbst an Privatunternehmen beteiligt (Freye 2008: 8; Streeck/Höpner 2003: 23). Grundsätzlich nimmt er im deutschen Modell eine intervenierende Rolle ein und kann Marktteilnehmer jederzeit für politische Ziele in Anspruch nehmen (Streeck/Höpner 2003: 17). Das Zusammenspiel zwischen Großbanken, Kartellen und dem Staat lässt damit ein selbst regulierendes Modell entstehen, das nach innen stark organisiert und nach außen abgeschottet erscheint (Streeck/Höpner 2003: 16 ff.). Während die Unternehmensstrategien bspw. in angloamerikanischen Ländern von hoher Konkurrenz, einem Markt für Unternehmenskontrolle und kurzfristigen Marktmechanismen beeinflusst werden, sind deutsche Unternehmen geschützt vor Unternehmenskrisen, inländischer Konkurrenz und Schwankungen des Wertpapier- oder Finanzmarktes. Sie können sich stets auf ihre Hausbanken als „Beschützer“ und Unternehmensfinanzierer verlassen und damit feindliche Übernahmen aus dem Ausland abwehren (Beyer 2006: 35; Deeg/Lütz 1998: 10; Hall/Soskice 2001: 23 f.; Windolf/Beyer 1995).
Die netzwerkartigen Strukturen der deutschen Wirtschaftsordnung sind besonders für die Gestaltung der Unternehmenskontrolle entscheidend. Insbesondere die Parallelität der Personal- und Kapitalverflechtungen sind kein Zufall, sondern das Ergebnis einer spezifischen Form der Unternehmenskontrolle und Wirtschaftsformation (Beyer 2006a: 96 ff., 120 ff.; Höpner 2007; Streeck/Höpner 2003; Windolf/Beyer 1995: 15 ff., 24 f.). Aus diesem Grund wird anhand des folgenden Abschnittes das deutsche System der „Corporate Governance“ beschrieben. Neben den Verflechtungen gilt auch sie als eigentümliches Merkmal des deutschen Kapitalismus und hängt ähnlich mit den Charakteristika der deutschen Wirtschaftselite zusammen.
3.1.2. Das deutsche System der Unternehmenskontrolle
Die „besondere“ deutsche Variante des „kooperativen Kapitalismus“ bringt im Vergleich mit angloamerikanischen, marktliberalen Wirtschaftsmodellen einige Unterschiede im System der Unternehmenskontrolle, -gestaltung und den -zielen mit sich. Die Ausgestaltung des deutschen
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Produktionsregimes mit langfristigen kooperativen Beziehungen zwischen den und auch innerhalb der Unternehmen, der stabilen Aktionärsstruktur mit Einbindung der Großbanken und einem abgestimmten (Aus-)Bildungssystem für künftige Führungskräfte führen zu national unterschiedlichen Unternehmensstrategien und -kontrollmechanismen, die auch für Manager entscheidende Wechselwirkungen mit sich bringt: Dies sind in Deutschland z.B. eine langfristige Bindung an das Unternehmen (Soskice 1999: 203 ff.), ein starker Produktions- und Fachbezug (Egan 1997: 6; Faust 2002; Lane 1989: 92, 95; Lawrence 1980: 85 ff.; Walgenbach/Kieser 1995: 280 ff.) sowie dominierend technisch-naturwissenschaftliche Ausbildungshintergründe (Egan 1997: 6; Lane 1989: 92 f.; Lawrence 1980:56 ff.; Poensgen 1982; Sorge 1999: 36 ff.). Aus diesem Grund soll nun auf die speziellen institutionellen Eigenschaften vor dem Hintergrund der deutschen Marktwirtschaft in den 70er und 80er Jahren eingegangen werden. Sie zeigen die ökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen für die spezifischen Eigenschaften im deutschen Management auf.
Grundsätzlich kann „Corporate Governance” verstanden werden als die „institutionalized patterns of control and decision making within corporation“ (Jackson 2001: 122), wobei sich diese durch nationale Unterschiede und verschiedene Schwerpunktsetzungen unterscheiden. Für die deutsche Variante der Unternehmenskontrolle entstehen an diesem Punkt Besonderheiten: Auf der Basis des nicht-liberalen Kapitalismusmodells entwickelt sich ein Corporate-Governance-System, das machtverteilend wirkt und den Einfluss des Kapitalmarktes auf die Unternehmen begrenzt. Dies ergibt sich unter Anderem durch die Besonderheiten des deutschen Aktienrechtes: Die Existenz von Höchst- und Mehrfachstimmrechten auf Aktionärsversammlungen oder die Bilanzerstellung nach dem deutschen Handelsgesetzbuches (HGB), das nicht den internationalen Standards entspricht, beschränkt die Zugriffsmöglichkeiten externer Investoren und erschwert die Transparenz für internationale Kapitalmarktteilnehmer (Streeck/Höpner 2003: 23). Ziel dieses Informationsgefälles ist, dass lediglich Insider mit großen Aktienpaketen Einfluss auf die Unternehmenspolitik nehmen können und die Interessen verschiedener Anspruchsgruppen gesichert werden (Freye 2008: 5; Höpner 2003a: 27; Höpner/Jackson 2003: 151 f.). Kleinaktionäre hingegen bevorzugen stattdessen die Erzielung kurzfristiger Renditen; typisch für deutsche Großunternehmen sind daher die Dominanz strategisch orientierter Aktionäre sowie die starke Beteiligung der Arbeitnehmer und Gewerkschaften an Unternehmensentscheidungen. Im Sinne des organisierten Kapitalismus unterstützt dies vor allem die Verfolgung langfristiger und gemeinwirtschaftlicher Ziele: Aktienhalter streben die Sicherung von Beschäftigungszielen, Kooperationsbeziehungen, Kreditvergaben oder traditionellem Familienbesitz von Unternehmen an, Arbeitnehmer und deren Vertreter sollen durch die Mitgliedschaft im Aufsichtsrat gesamtgesellschaftliche Interessen in den Mittelpunkt der Unternehmung stellen (Beyer 2006a: 95; Höpner
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2003: 304; Höpner 2007: 23 ff.; Streeck/Höpner 2003: 24): Sie sind durch starke Mitbestimmungs- und Ausgleichsrechte, z.B. durch den Betriebsrat, in das System „inkorporiert“ (Soskice 1999: 204). Einheitliche Flächentarifverträge sowie eine starke Bindung an Arbeitgeberverbände gehören ebenso zum System der deutschen Unternehmenskontrolle und sichern öffentliche- sowie die Interessen der Arbeitnehmerschaft, und auch Kunden, Zulieferer, Verbände oder Forschungsinstitutionen nehmen durch Netzwerkbeziehungen aktiv an der Unternehmenskontrolle teil (Höpner 2007: 5; Scott 1987: 215; Soskice 1999: 205). Die unternehmerischen Ressourcen werden folglich neben einzelwirtschaftlichen Interessen ebenso - oder besonders - für kollektive und öffentliche und gemeinwirtschaftliche Ziele in Anspruch genommen. Deutsche Unternehmen gelten daher auch als „soziale Institutionen“ (Streeck 1996: 5), das deutsche Corporate-Governance-System als „Stakeholder-System“ (Höpner 2003a: 16; Höpner/Jackson 2001: 5). Wie jedoch ist diese Strategieverfolgung deutscher Unternehmen überhaupt möglich? Eine entscheidende Rolle spielen hier erneut die Banken. Sie schützen Großunternehmen durch langfristige Kreditvergaben vor feindlichen Übernahmen aus dem Ausland, so dass Unternehmensentscheidungen nicht an der kurzfristigen Profitmaximierung ausgerichtet werden müssen (de Jong 1997: 8 ff.; Hall/Soskice 2001: 21 ff.; Höpner 2003: 304 ff.; Höpner/Jackson 2001: 6 ff.; Jackson 2001: 166 ff.; Streeck/Höpner 2003: 23 f.). Da sich diese kurzfristige Gewinnerzielung aus der Abhängigkeit von der Börse ergibt, distanzieren sich deutsche Unternehmen bewusst von ihr. Diese Sachverhalte sind für die in dieser Arbeit zugrunde liegende Fragestellung insofern relevant, als dass die deutsche Firmenstrategie mit Ausrichtung auf Langfristigkeit und Kooperation womöglich einen anderen Typus Führungskraft reproduziert als es z.B. im marktliberalen Kapitalismusmodell der Fall ist. Wie die soziologische Managementliteratur zeigt, spiegelt sich die Unternehmensausrichtung einer Nation in den Karrieremustern der Manager wider (Freye 2008: 32). So z.B. Höpner (2003a): Er betont, dass neben den soeben beschriebenen Merkmalen der Unternehmenskontrolle ebenso die Ausbildung und Rekrutierung von Führungskräften zum nationalen Corporate-Govenance-System zählen. Sie unterscheiden sich mit überwiegend internen Rekrutierungsmustern, langen Verweildauern und geringerem Leistungsdruck der Manager stark von denen im marktliberalen Kapitalismusmodell und zählen demnach als Besonderheit des deutschen Musters (Höpner 2003a: 24 f.). Wie die einzelnen Merkmale im Detail aussehen, wird in den folgenden Kapiteln veranschaulicht.
Jene Zusammenhänge zwischen der deutschen Wirtschaftsform und den Eigenschaften der Manager lassen sich überwiegend in der Erklärung der Autoren finden, die in den 90er Jahren einen gravierenden Umbruch des deutschen Wirtschaftsmodells erkennen und ihn mit den veränderten Merkmalen deutscher Führungskräfte verbinden. Auf diesen Argumentationsstrang wird jedoch zu einem späteren Zeitpunkt eingegangen. Er wird darstellen, wie einige Ansichten in der Litera-
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tur die Entstehung der typischen Eigenschaften deutscher Manager vor und nach den 90er Jahren erklären, denn an diesem Punkt wird ein enges Wechselverhältnis zwischen der Rekrutierung sowie den Eigenschaften des Führungspersonals und dem Produktionsmodell postuliert. Hier stellt sich jedoch die grundsätzliche Frage, inwieweit das „Modell“ Deutschland mit all seinen besonderen Eigenschaften tatsächlich existierte. Wie bereits angedeutet, ergibt sich insbesondere durch kontrastierende Vergleiche ein sehr starres und extremes Bild über die deutsche Wirtschaftsstruktur. Da ihre Darstellung überwiegend von Autoren erläutert wird, die in den 90er Jahren einen fundamentalen Umbruch erkennen, besteht die Gefahr, die „besonderen“ Eigenschaften des deutschen Kapitalismus überzubewerten. Mit einer engen Definition des traditionellen Modells lässt sich schließlich auch überzeugender ein Wandel desselben erklären. Auf diese Problematik wird an späteren Stellen ausführlicher eingegangen.
Bei Gesamtbetrachtung lässt sich die deutsche Wirtschaftsformation in den 70er bis 90er Jahren nach überwiegender Ansicht jedoch zusammenfassen als ein Kapitalismusmodell, das sich im Gegensatz zu angloamerikanischen Prinzipien gegen die Liberalität des Marktes richtet, einen internen Komplex bildet, der sich gegen äußere Einflussfaktoren abschottet und sich eben nicht über den Markt, sondern über eigene interne Mechanismen und Beziehungen reguliert (Hall/Soskice 2001: 8, 21 f.; Soskice 1999: 204; Streeck/Höpner 2003). Nachdem nun der wirtschaftliche Hintergrund erläutert wurde, der sich in den Karrierepfaden der Führungskräfte widerzuspiegeln scheint, werden im folgenden Kapitel die einzelnen Merkmale beschrieben, die für das deutsche Management als kennzeichnend gelten. Die etwaigen Zusammenhänge zwischen ihnen und den Eigenschaften des deutschen Kapitalismus werden entsprechend erläutert.
4. Die traditionellen Karrieremuster deutscher Führungskräfte
Wie sieht nun ein typischer Karrierepfad nach dem traditionellen Muster des deutschen Managers aus, und mit welchen Erklärungen begründet die Literatur die besonderen Merkmale? Diese Frage soll im folgenden Kapitel beantwortet werden. Es behandelt den Karriereweg der Führungskraft während der Ausbildung und im Unternehmen, um ein Bild über dessen Qualifikationen, Aufstiegswege und fachliche Orientierungen während der „Blütezeit der Deutschland AG“ zu erhalten. An diesem Punkt stellt sich jedoch zunächst eine wichtige Frage: Wie wird ein Karrieremuster überhaupt aus soziologischer Sicht definiert? Hier ist unter Anderem die Rede von einer „zielgerichtete[n] Aufeinanderfolge von Berufspositionen (Laufbahn), mit deren einzelnen Stationen für den Positionsinhaber ein berechenbarer sozialer Aufstieg verbunden ist“ (Fuchs-Heinritz et al. 2007: 326). Als ökonomische Eliten tragen sie mit ihrer hohen hierarchischen Po-
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sition zur Sozialstruktur der Gesellschaft bei, und ihre Entscheidungen können damit gesamtgesellschaftliche Folgen beeinflussen (Fuchs-Heinritz et al. 2007: 158). Umso interessanter erscheint es, den Weg eines Managers in die entsprechenden Positions-Rollen über Rekrutierungsmuster, sozial akzeptierte Qualifikationen und Auslesekriterien zu analysieren. Jene Strukturen lassen schließlich Rückschlüsse auf die Gesellschaftsordnung, Organisationsstruktur und den Wandel derselbigen zu (Hillmann 2007: 177; Pohlmann 2002: 227 f.). Deutsche Führungskräfte sind traditionsgemäß bekannt für ihre besonders hohen formalen Qualifikationen im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. Manager gelten als Experten in ihrer Materie mit ausgeprägtem Erfahrungs- und Fachwissen, vorrangig auf dem Gebiet der Produktion (Egan 1997: 6; Faust 2002: 75; Freye 2008: 32, 2009; Lane 1989: 92, 1992: 71; Sorge 1999: 36 ff.; Sorge/Warner 1986: 81 ff., 183 ff.; Walgenbach/Kieser 1995: 280 ff.; Warner/Campbell 1993: 54 ff.; Zapf 1965). Ihre Karrierewege sind außerdem gekennzeichnet durch die typische „Hauskarriere“: Führungskräfte weisen im internationalen Vergleich hohe Verweildauern in Unternehmen (und Positionen) auf (Bleicher 1983). Ihre Berufslaufbahn verläuft außerdem typischerweise innerhalb eines fachbezogenen Aufstiegs (Handy 1988 in Faust 2002: 75; Pippke/Wolfmeyer 1976; Poensgen 1982; Randlesome 1988 in Faust 2002: 75; Walgenbach 1994: 125 f.; Walgenbach/Kieser 1995: 279 ff.). Die Eigenschaften der Karrierewege werden, unter Bezugnahme auf die Argumentation einiger Autoren, von den bereits beschriebenen Besonderheiten des deutschen Wirtschaftsmodells begleitet. Besonders im Vergleich mit angloamerikanischen Ländern fallen grundlegende Unterschiede in den Karrierelaufbahnen der Manager auf. An diesem Punkt werden in der soziologischen Managementliteratur enge Zusammenhänge zwischen ihnen und der nationalen Wirtschaft, Unternehmensstrategien und deren Funktionslogiken hergestellt (Bleicher 1983: 141 ff.). Fligstein betont hier vor allem das vorherrschende Unternehmensverständnis der Führungskräfte, das in engem Zusammenhang zu den Rekrutierungsmustern und ihren fachlichen Orientierungen steht. Jedes der von ihm aufgestellten fünf Konzepte der Unternehmenskontrolle geht einher mit verschiedenen Unternehmenszielen,aufgaben und -strategien und funktioniert auf der Grundlage jeweils unterschiedlicher Fachkompetenzen und Arbeitsbereichen (Fligstein 1990). Basierend auf dieser Argumentation und ähnlichen Herangehensweisen werden im Laufe dieser Arbeit die Merkmale der Karrierewege an entscheidenden Punkten in Bezug zur deutschen Wirtschaftsordnung gesetzt, um die verschiedenen Erklärungsansätze für die Entstehung dieses „Typus Führungskraft“ zu verdeutlichen.
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4.1. Der Ausbildungsweg
Deutsche Manager sind für ihre technisch-naturwissenschaftlichen Ausbildungshintergründe und
ein ausgeprägtes Fach- und Erfahrungswissen 9 bekannt (Bleicher 1983; Egan 1997; Freye 2008, 2009; Lane 1989; Lawrence 1980; Sorge 1999; Walgenbach 1994). Insbesondere die spezifischen Qualifikationen lassen sich vielfachen Ansichten zufolge bereits in den Ausbildungsschwerpunkten erkennen. Neben den vorrangig technisch-naturwissenschaftlichen Inhalten ist die deutsche Führungskraft zudem hoch spezialisiert auf ein bestimmtes Sachgebiet (Freye 2008: 32; Lane 1989: 92; Sorge 1999; Walgenbach/Kieser 1995: 278 f.; Zapf 1965). Diese Eigenarten zeigen sich besonders im internationalen Vergleich: In angloamerikanischen Kontexten werden Manager prinzipiell weniger spezifisch und dafür deutlicher in Richtung genereller Führungsqualifikationen geschult. Eine Ausbildung im Rechnungswesen oder Studiengänge im sozialwissenschaftlichen, künstlerischen oder allgemeinen Management-Bereich sind typisch (Höpner 2004: 265; Lane 1992: 71). Des Weiteren unterscheidet sich auch das deutsche Hochschulsystem grundsätzlich zu denen der angloamerikanischen Länder durch die Nicht-Existenz von Elitebildungsstätten, in denen neben Fachwissen auch allgemeine Führungsfähigkeiten und Persönlichkeitsentwicklungen trainiert werden (Hartmann 1997: 29; Lane 1989: 93). Im Gegensatz zu Nationen mit Elitebildungsstätten dokumentieren deutsche Hochschulabschlüsse demnach Fachwissen statt Führungsfähigkeiten (Höpner 2004: 265). Grundsätzlich scheinen diese Charakteristika auf die nationale Prägung und Zielsetzung des jeweiligen Bildungssystems eines Landes zurück zu gehen und die Karrierepfade der Manager maßgeblich zu beeinflussen. Aus diesem Grund sollen nun typische Merkmale des klassischen Ausbildungsweges innerhalb des deutschen Systems vorgestellt werden.
4.1.1. Die Hochschulausbildung
In Bezug auf die Studienschwerpunkte deutscher Führungskräfte ist die Vorstellung verbreitet, dass das deutsche Management besonders ausgeprägte Qualifikationen im Ingenieurwesen und ähnlichen technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen vorweist. Damit setzen sie sich auffallend von ihren angloamerikanischen Kollegen ab. Ob sich diese Eigenart auch empirisch bestätigt, wird anhand dieses Kapitels überprüft.
Insbesondere der Erfolg des deutschen Wirtschaftsmodells soll mit den eigentümlichen akademischen Qualifikationen des deutschen Managements in Zusammenhang stehen: Dessen Bekanntheit für qualitativ hochwertige Produkte und Langfristigkeit spiegelt sich in technisch-
9 Aufdas breite Fach- und Erfahrungswissen wird im Rahmen der so genannten „Kaminkarriere“ in Abschnitt 4.2.1
näher eingegangen.
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naturwissenschaftlichen Qualifikationen der Führungskräfte wider (Bleicher 1983: 141 ff.). Ob für die 60er bis 80er Jahre tatsächlich eine Dominanz jener Studiengänge festgestellt werden kann, wird im folgenden Abschnitt untersucht. Die Ergebnisse dienen als Fundament für den in Kapitel sechs diskutierten Wandel der Karrierepfade deutscher Manager. Zunächst lässt sich allgemein konstatieren, dass das Bildungsniveau deutscher Manager bereits in den 60er und 70er Jahren beachtlich hoch ist und ein akademischer Abschluss als Voraussetzung für das Erreichen einer Position im Topmanagement gilt (Hartmann 1958: 18 f.; Hartmann
1995, 1996; Kruk 1972: 69 ff.; Zapf 1965: 139 f.). 10 Ein Anstieg des Qualifikationsniveaus ist grundsätzlich mit steigender hierarchischer Position erkennbar (Eberwein/Tholen 1990: 35 ff.; Pross/Boetticher 1971: 63 in Kruk 1972: 75; Walgenbach 1993: 196; Wilpert 1977 in Walgen-
bach 1993: 196). 11 Auf mittlerer und oberer 12 Führungsebene gilt ein akademischer Abschluss (noch) nicht in diesem Ausmaß als Voraussetzung für eine Führungsposition, wie ein Generatio-
nen-Vergleich 13 zeigt (Faust/Jauch/Notz 2000: 306). Häufig ist stattdessen vor allem in der Industriebranche und im mittleren Management der klassische und kontinuierliche Aufstieg vom Facharbeiter zum Meister oder Techniker, wobei die Beförderung insbesondere durch den Erwerb von Zusatzqualifikationen ermöglicht wird (Sorge 1999: 38, 47). Streeck sieht in dem grundsätzlich schon damals beachtlichen Ausbildungsniveau einen Zusammenhang zum deutschen Produktionsmodell: Die deutsche Wirtschaft ist mit hoch ausgebildeten Führungskräften bestens in der Lage, die Unternehmenspolitik der diversifizierten Qualitätsproduktion zu realisieren (Streeck 1991: 49 ff.). Unternehmen scheinen demnach durch bestens qualifizierte und technisch-naturwissenschaftliche Experten gesteuert zu werden und lenken ihre Ausrichtung dementsprechend, vor dem Hintergrund des nichtliberalen Kapitalismusmodells, auf die Herstellung qualitativ hochwertiger Güter und Produkte. Aus dem Grund sind besonders die Studienschwerpunkte der Manager ausschlaggebend: Spiegelt sich in ihnen tatsächlich die Techniklastigkeit wider, die für die Funktionslogik zwischen Wirtschaft, Staat, Unternehmen und Management so wichtig ist?
10 Die folgenden Ausführungen über den Akademikeranteil der Manager können durchaus noch unter Berücksichti-
gung der sozialen Herkunft und Wirtschaftssektoren differenziert werden (Hartmann 1996: 42 ff.). Dies wird jedoch
vorliegend aus den bereits in der Einleitung genannten Gründen nicht vorgenommen.
11 Die Ergebnisse in Bezug auf das Bildungsniveau sind insbesondere für den Abschnitt 6.1.1 relevant. Sein Anstieg
wird von einigen Vertretern in der Literatur als Zeichen für Veränderungen im deutschen Management interpretiert.
12 Faust/Jauch/Notz (2000) definieren das „obere Management“ als „Personen, die zwischen sich und dem Vorstand
keine und gleichzeitig zwischen sich und der Mitarbeiterebene mindestens eine Führungsebene haben (…)“, das
„mittlere Management“ als jene, die weder zum oberen noch zum unteren Management gehören. Das untere Mana-gement sind überwiegend Meister, Tarif- oder außertariflich Angestellte, die zwischen sich und der Mitarbeiterebe-
ne keine weitere Führungsebene aufweisen. Zur weiteren Differenzierung siehe Faust/Jauch/Notz 2000: 39.
13 Grundsätzlich beruht die Gegenüberstellung der „alten“ und „neuen“ Generation auf der These, dass Veränderun-
gen in den Karrierepfaden auf einem Generationswechsel im Management beruhen. Während die „alte“ Generation
nach traditionellem Muster aufstieg, gilt für die „junge“ Generation unter anderen Rahmenbedingungen ein verän-
derter Karrierepfad (Gergs/Schmidt 2002: 559 ff.; Pohlmann 2003: 52 ff.; Pohlmann et al. 2009). Hierauf wird zu
einem späteren Zeitpunkt detaillierter eingegangen.
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Schon in den 50er Jahren sind die am stärksten vertretene Gruppe der Studenten die Ingenieure, gefolgt von den Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern (Hartmann 1958: 19 ff.). Eindeutige Ergebnisse werden auch bei Betrachtung der 50 größten westdeutschen Unternehmen in den 60er Jahren präsentiert: Die Ingenieure und Naturwissenschaftler übersteigen mit einem Anteil von 57 Prozent aller Akademiker die Wirtschafts-, Volkswissenschaftler sowie die Juristen um ganze 36 Prozent (Zapf 1965: 140). Auch in den 70er Jahren sind die Akademiker knapp 60 Prozent Naturwissenschaftler und Ingenieure, hingegen nur rund 30 Prozent Wirtschaftswissenschaftler (Poensgen 1982: 17), und ebenso Lane (1989) sowie Warner und Campbell (1993) stellen im internationalen Vergleich die Dominanz der Naturwissenschaftler und Ingenieure im deutschen Management fest. Hinsichtlich des industriellen Sektors bestätigt sich die Techniklastigkeit ebenso: Ingenieur- und Naturwissenschaftler dominieren die Wirtschaftswissenschaftler und Juristen in den 60er bis 80er Jahren durchgängig (Freye 2008: 49). Mit Bezug auf die Ergebnisse Poensgens (1982) spricht sich auch Höpner für den vorherrschenden Anteil Manager mit naturwissenschaftlichem oder technischem Studiengang aus und betont zusätzlich, dass diese Expertise kein Zufall sei, sondern Bestandteil der internen Funktionslogik des deutschen Wirtschaftsmodells (Höpner 2003a: 124 f.). An diesem Punkt scheint sich demzufolge das Bild zu bestätigen, dass der deutsche Manager in Hochschulen überwiegend im technischen Bereich ausgebildet wird.
Dass diese Annahme jedoch nicht ohne Einschränkungen gilt, zeigt ein Blick auf andere Wirtschaftsbranchen: In Bezug auf die größten deutschen Industriekonzerne übersteigen die Ingenieur- und Naturwissenschaften die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften im Jahr 1970 mit ei-
nem Gesamtanteil von 38,5 Prozent zwar um 9,7 Prozent und 13,5 Prozent, 14 ein weniger klares Bild ergibt sich jedoch bei Betrachtung der 100 größten deutschen Unternehmen: Hier sind eindeutig die Juristen die mächtigsten Akademiker unter den Topmanagern, die Ingenieure und Naturwissenschaftler bilden stattdessen das Schlusslicht (Hartmann 2006: 438). Lediglich in der Industrie bleiben sie anteilig hinter den Ingenieuren zurück und büßen am ehesten ihre vorherrschende Stellung ein (Hartmann 2006: 435; 445 f.). Dieses Ergebnis steht in grundsätzlichem Widerspruch zur Aussage Freyes, die im Zeitraum von 1960 bis 1985 eine sehr geringe Bedeutung der Juristen konstatiert: Mit einem durchschnittlichen Anteil von 24,6 Prozent stellt das Jura-Studium im Vergleich mit den Ingenieur- und Naturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften das am wenigstens gewählte Studienfach der Vorstandsvorsitzenden dar (Freye 2008: 48 f.). Während Hartmann die Rechtswissenschaften als mächtigsten Studiengang definiert, behauptet Freye hingegen nahezu ihre Bedeutungslosigkeit. Ein Erklärungsversuch für diesen Wi- 14 DieAbschlüsse beziehen sich bis auf wenige Ausnahmen auf universitäre- und nicht um Fachhochschulabschlüs-
se (Hartmann 2006: 435).
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derspruch folgt sogleich in der Interpretation der Ergebnisse. Hartmann zufolge müssen jedenfalls bei der Annahme, das deutsche Topmanagement bestehe fast ausschließlich aus Naturwissenschaftlern und Ingenieuren, Einschränkungen vorgenommen werden. Dementsprechend ist die Vorherrschaft der naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Universitätsausbildungen schon in der älteren Generation ein Vorurteil und kann nur für einige wenige Branchen bestätigt werden (Hartmann 1995: 455, 1996: 46 ff.).
Abbildung 1: Prozentuale Anteile der gewählten Studienfächer von den Vorstandsvorsit-
zenden der 50 größten deutschen Industriekonzerne (links) bzw. der 100 größten deutschen
Unternehmen (rechts) im Jahr 1970. Quelle: Hartmann (2006: 435, 438). Eigene Darstel-
lung.
Wie lassen sich diese widersprüchlichen Befunde nun interpretieren? Während einige Studien die Vorherrschaft der Techniker konstatieren, wird sie an anderer Stelle bereits wieder relativiert. Diese Unterschiede werden besonders im Rahmen der Debatte über die Veränderungen im deutschen Management von Bedeutung sein. Zumindest lässt sich für die 60er bis 80er Jahre das Bild über die angeblich eindeutige Dominanz der technischen und naturwissenschaftlichen Studienfächer nicht ohne Einschränkungen bestätigen, sondern scheint lediglich im deutschen Industrie-sektor besonders ausgeprägt zu sein. Dieses Ergebnis könnte mit dem hohen Stellenwert der deutschen Industrie und der Orientierung an der hohen Produktqualität zusammenhängen, auf den in Abschnitt 4.2.3 näher eingegangen wird. Ähnliche empirische Probleme zeigen sich z.B. in den widersprüchlichen Ergebnissen von Hartmann (2006) und Zapf (1965): Sie könnten sich hier allein durch die unterschiedlichen, bzw. wenigen Erhebungszeitpunkte und Regionen innerhalb der Untersuchungen ergeben. Des Weiteren berücksichtigt Hartmann im Vergleich ein größeres Spektrum an Wirtschaftsbranchen wie z.B. Banken, Versicherungen oder den Handel (Hartmann 2006; Zapf 1965: 158 f.), und der Anteil von nur 41 Prozent der Fälle, in denen der
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Franziska Herhold, 2010, Der Wandel der Karrieremuster von Managern seit den 90er Jahren in Deutschland: Befunde, Erklärungen, Kontroversen, München, GRIN Verlag GmbH
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