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Olympia ist für viele Menschen untrennbar mit den Begriffen Sport und Wettkampf verknüpft. Dass dies zweifellos nicht unberechtigt geschieht, bezeugen zahlreiche vor allem archäologische und schriftliche Quellen. Das Olympia der Antike kam tatsächlich durch den Sport erst zu seiner eigentlichen Popularität und wurde durch ihn zu einem der bekanntesten panhellenischen Wettkampfplätze. 1 Insbesondere die Beschäftigung mit der griechischen Mythologie gibt Aufschluss über die Bedeutung, die dem Sport gerade im Zusammenhang mit Olympia zugemessen wurde: Nicht selten wurde er in zahlreichen Legenden in die historischen Ursprünge des Ortes und seines Heiligtums zurückprojiziert und nahm bei dessen Gründung gewissermaßen konstitutiven Charakter an. Auf der mythologischen Seite, die im übrigen auch politisch motiviert war, spielen die Gründungskulte eine besondere Rolle, bezeichnen sie doch den Machtanspruch einer neuen Bevölkerung und Kulturnach dem Zusammenbruch des Mykenischen Reiches im 12. Jhd. v. Chr. 2 So wurden die ursprünglichen Agrar- und Fruchtbarkeitskulte 3 aus Kleinasien meist in Göttinnen verehrt, die bei den Griechen mit z.B. Eileithyia oder Demeter bezeichnet waren. Hier wird die Kultur einer Agrarwirtschaft und engeren Besiedelung deutlich, die matriarchalische Züge aufwies. 4
Anders verhält es sich nach dem Einfall der Nord-West Griechen, der Ätoler. Diese bringen eine patriarchalische Lebenskultur mit, die sich in der Eroberung und Zurückdrängung der alten Gottheiten ausdrückt. Ebenso verändert sich die Agrarkultur hin zur Vieh- und Weidewirtschaft mit vereinzelter Siedlungsweise. 5 So werden Demeter, Gaia etc. in den Hintergrund gedrängt und Zeus als Hauptfigur eingesetzt. 6 Der Pelopskult hingegen hat eine andere, mehr politische Bedeutung: Aufgrund dauernder Streitigkeiten um das olympische Heiligtum, war es ein kluger Schachzug von Elis, diesen panhellenischen Heroen als Kultempfänger einzusetzen. 7 In der vorliegenden Arbeit soll ein besonderer Schwerpunkt auf die historischen Hintergründe der Gründung des Kultplatzes in Olympia, sowie die Einsetzung der beiden wichtigsten Kulte, nämlich Pelops- und Zeuskult, gelegt werden. Dies wird auf der Grundlage historischer Quellenliteratur sowie unter Einbezug der zu diesem Thema recht umfangreichen Forschungsliteratur geschehen. Anhand einiger Beispiele gilt es herauszuarbeiten, welche besonderen Gemeinsamkeiten der beiden Kulte, sowie deren Abhängigkeiten voneinander, vorhanden sind. Wer von beiden den Status des Grün-
1 MichaelSiebler, Olympia, Ort der Spiele, Ort der Götter, Stuttgart 2004, S. IX.
2 Hermann Kinder u.a. (Hg), Dtv-Atlas Weltgeschichte, Dtv, Bd. 3001, München 2007 39 , S. 47.
3 altmedit. Kulte, ab ca. 1600 v. Chr. verschmelzen altmediterrane und indogermanische Religionen (vgl. Kinder, S. 48)
4 Ingrid Straube, Verordnete Unmündigkeit, Essays zur Philosophiekritik aus feministischer Sicht, Philosophinnen, Bd. 14, Aachen 2003, S. 28.
5 Helmut Kyrieleis u.a., Anfänge und Frühzeit des Heiligtums von Olympia, Die Ausgrabungen am Pelopion 1987-1996, Olympische Forschungen, Bd. 31, Berlin 2006, S. 75.
6 Ludwig Drees, Olympia, Götter, Künstler und Athleten, Stuttgart 1967, S. 17.
7 Kyrieleis, S. 83.
dungsmythos für sich beanspruchen kann, darf aufgrund der vielen Gründungsmythen von Olympia nicht eindeutig beantwortet werden, wohl aber, welcher der Kulte "älter" ist.
Um die Anfänge des Pelopskultes in Olympia zu verstehen, muss die Mythologie viel weiter als ca. 600 v. Chr. 8 zurückverfolgt werden. Bereits vor der dorischen Wanderung 9 hat es in Olympia kultische Handlungen gegeben. So erfährt man bei Deubner sowie Drees von altmediterranen Fruchtbarkeits- und Muttergöttinnen wie der Magna-Mater, der griechischen Urgöttin Ge (Gaia) sowie der Fruchtbarkeitsgöttin Eileithyia. Begründet sind diese Verehrungen in der bäuerlichen Struktur der Bevölkerung und geologisch in einem Erdspalt, der für das Traumorakel der Gaia steht. 10 Ebenso wird hier Pelops als alt eingesessener Gott gesehen; in mykenischer Zeit 11 hatte Zeus den Beinamen Pelops ("der die Fülle bringt"), weil die ersten Griechen einen Agrarkult aus Kleinasien um ca. 2000 v. Chr. übernommen hatten und die Herrscher von Mykene diesen fort führten. Sie erhoben ihn mit der Heirat der Hera zum Reichsgott und nannten die Halbinsel nach ihm. 12
Pelops gilt in der Überlieferung als einer der wichtigsten Kultempfänger in Olympia. Die Sage von Pelops als dem Begründer zumindest des olympischen Wagenrennens ist, wie noch an einigen Beispielen zu zeigen sein wird, Gegenstand zahlreicher antiker Quellen. Er ist unter anderen bei Apollodor, Diodor und Pindar zu finden. Häufig taucht er auch in der rotfigurigen Vasenmalerei auf 13 . Die Peloponnes, die ‚Insel des Pelops’, hat ihm als Ahn- herrnder vordorischen/mykenischen Bevölkerung wie bereits erwähnt ihren Namen zu verdanken. 14
Pelops ist neben Broteas und Niobe eines der Kinder von Tantalos 15 ; Gatte der Hippodameia 16 , Vater des Atreus, Thyestes, Pittheus und weiterer Kinder 17 . Seine ursprüngliche Heimat soll in Kleinasien, genauer in Lydien bzw. Phrygien am Berg Sipylos liegen 18 . Bei Apollodor wird Pelops von seinem Vater zerstückelt, gekocht und den Göttern als Speise vorgesetzt. Diese bemerken jedoch den Frevel außer Demeter, die aus Unachtsamkeit davon isst. Bei seiner Wiederbelebung wird das daher fehlende Schulterstück durch Elfen- 8 Kyrieleis,S. 55.
9 Kinder, S. 47.; ca. 1200 bis 1000 v. Chr.
10 Drees, S. 12-15.
11 ca. 1600-1150 v. Chr.
12 Drees, S. 15-16.
13 Davidson J., Olympia and the chariot-race of Pelops, in: Sport and Festival in the Ancient Greek World, ed. by D. J. Phillips and D. Pritchard (2003), S. 105 ff.
14 Diod. IV, 73, 6
15 bei Hyg. fab. 82: Verbindung mit Dione Gaius Julius Hyginus, Fabulae, in: The
Latin Libary, http://www.thelatinlibrary.com/hyginus/hyginus5.shtml#pelops, zuletzt eingesehen am 20.12.2010.
16 zur Sage der Hippodameia wird im folgenden Abschnitt „Pelops und Oinomaos“ eingangen
17 Pindar, Pindars olympische Oden, hrsg. u. übers. von Schadewaldt, W., Frankfurt a. M. 1972, O. 1,88 f.
18 Pind. O. 1, 24.
bein ersetzt 19 . Im Anschluss daran erstrahlt Pelops jünger und schöner, so dass sich beim ersten Anblick Poseidon in ihn verliebt 20 . Bei Pindar beruht die Zerstückelung „auf böswil- ligem Klatschder Nachbarn“ 21 ; er erzählt eine etwas andere Geschichte, in der Pelops "in strahlender Schönheit" 22 aus dem Kessel steigt. Poseidon entführt ihn nach dem Göttermahl und Pelops wird dessen Mundschenk sowie Bettgenosse. Tantalos betrügt jedoch die Götter um Nektar und Ambrosia und somit wird sein Sohn als Strafe wieder zu den Menschen gesandt. 23 Die Verbindung mit Poseidon spielt beim Wettrennen mit Oinomaos 24 noch eine wichtige Rolle. In Pisa werden Pelops Gebeine laut Pausanias 25 in einer ehernen Truhe aufbewahrt und als Reliquie verehrt. 26
Der Mythos, zu dem mehrere verschiedene Varianten existieren, erzählt die Geschichte des ersten olympischen Wagenrennens, das Pelops gegen Oinomaos bestreitet und gewinnt. Unterscheiden muss man zwischen den beiden Hauptrichtungen, der "Gottesbevorzugung" und der "Betrugsvariante". 27 Vorgeschichte dieses Wagenrennens ist das Versprechen des Oinomaos, des Königs von Pisa 28 , demjenigen seine schöne Tochter Hippodameia zur Frau zu geben, der ihn im Wagenrennen besiegen wird. Dem Verlierer droht demgegenüber der Tod. Dieser Herausforderung stellen sich mehrere Freier, die jedoch ausnahmslos scheitern und von Oinomaos bzw. seinem Wagenlenker Myrtilos getötet werden. Das Versprechen des Oinomaos dringt auch zu Pelops. Er hat von der außergewöhnlichen Schönheit Hippodameias gehört und beschließt, sein Glück zu versuchen und ihre Hand zu gewinnen. Laut Pindar hat er von dem Schicksal der bisherigen dreizehn 29 glücklosen Kandidaten erfahren und weiß um die Gefahr, die ihm von Oinomaos droht. Deshalb wendet er sich an Poseidon mit der Bitte, ihm zu helfen:
"Wohlan, so fessele die Lanze / Des Oinomaos, die eherne, / Und laß mich auf dem schnellsten Wagen / Nach Elis fahren und bring mich zum Sieg. / Denn schon drei und zehn Männer hat er vernichtet, / Die warben, und schiebt die Hochzeit / Der Tochter hinaus. Das große Wagnis aber ergreift / Keinen unwehrhaften Mann. / Doch welchen einmal zu sterben bestimmt ist: / Wozu sollte da einer ein ruhmloses Alter, / Im Dunkel sitzend, hinbringen vergeblich, / Verlustig alles Schönen? Nein, mir / Steht dieser Kampf fest. Aber du gib günstiges Vollbringen!" 30
19 Apollod. epit. 2, 10.
20 Pind. O. 1, 38.
21 Bloch, L., s.v. Pelops, in: Roscher. Ausführliches Lexikon der griechischen Mythologie III, 2 (1965), Sp. 1870.
22 Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie, Quellen und Deutung, hrsg. v. Grassi, E. und übers. Seinfeld H., Bd. 2, München 1955, S. 24.
23 Pind. O. 1, 37-51; 65f.
24 Weizäcker, P., s.v. Oinomaos, in: Roscher. Ausführliches Lexikon der griechischen Mythologie III, 1 (1965), Sp. 764. (Oinomaos war König von Pisa; Sohn des Ares und der Harpina)
25 griechischer Schriftsteller und Geograph, * um 115 n. Chr. in Kleinasien; † um 180 n. Chr.
26 Pausanias , Olympia. Bücher V-VII; Elis I und II. Achaia, übers. v. Eckstein, F.; Meyer, E., Zürich 1987 3 , S. 133.
27 Johannes Th. Kakridis, Des Pelops und Iamos Gebet bei Pindar, in: Hermes 63 (1928), S. 415-429.; Kakridis unterscheidet mehrere Versionen und Ursprünge selbiger
28 Pisa war der Hauptort der Pisatis, einer Teilregion Triphyliens, die das Heiligtum von Olympia beinhaltete. Zuweilen wird Pisa in der antiken Literatur als Synonym zu Olympia gebraucht. vgl. Sinn (2002), S. 10.
29 bei Apollodor sind es 12; vgl. Apollod. epit. 2, 5.
30 Pind. O. 1, 76 f.
Poseidon erhört die Bitten seines Lieblings. Er schenkt Pelops seinen goldenen Wagen, der von göttlichen Pferden 31 , welche den Ruf haben über das Meer laufen zu können, ohne nass zu werden, gezogen wird. Mit ihnen gelingt es ihm, Oinomaos zu besiegen. Weil der König von Pisa seinem Kontrahenten im Vertrauen auf seine beiden von Ares erhaltenen Stuten Psylla und Harpinna 32 einen Vorsprung lässt 33 , aber dann das poseidische Gespann nicht mehr einholt, bringt er sich selbst um. Pelops kann Hippodameia heiraten und ein Königtum in Pisa begründen, später sogar ganz Peleponnes erobern. 34
Die Formen der sogenannten Betrugsvarianten stellen sich wie folgt dar: Diodor 35 berichtet, dass Oinomaos aufgrund eines Orakelspruchs von seinem nahenden Tod durch die Hand seines Schwiegersohnes weiß. Deshalb überwacht er die Annäherungsversuche potentieller Freier an seine Tochter besonders scharf und setzt schließlich das bereits erwähnte Wagenrennen an, um sich derer zu entledigen, die ihm laut Orakelspruch zum Verhängnis werden könnten. Trotz des Vorsprungs, den der König jedem seiner Gegner lässt, kann er die Freier gemeinsam mit seinem Wagenlenker Myrtilos einholen und sie mit seinem Speer durchbohren 36 . Erst Pelops kann die Wende herbeiführen. Er besticht Myrtilos mit der Hälfte seines zukünftigen Königreiches und kann mit dessen Hilfe Oinomaos besiegen. Verzweifelt über die Niederlage begeht dieser Selbstmord 37 . In einer anderen Version ist der Grund für die Einsetzung des Wagenrennens nicht ein Orakelspruch, sondern die Eifersucht des Königs. Weil ihm selbst das Glück einer Liebesbeziehung zu Hippodameia nicht beschieden ist, gönnt er es auch keinem anderen und tötet deshalb alle möglichen Kandidaten. Zur Demonstration seines Erfolgs trennt er die Köpfe der Getöteten ab und schmückt damit seinen Palast. 38 Doch ihm wird die eigene Tochter zum Verhängnis: Sie verliebt sich in den aktuellen Herausforderer Pelops und schafft es, den seinerseits in sie verliebten Wagenlenker Myrtilos zu überreden, seine Keile nicht in die Achsen von Pelops’ Rennwagen zu setzen und ihn damit vor dem sicheren Tod zu retten. Dies geschieht jedoch ohne Wissen des Lydiers. 39 Myrtilos tauscht daraufhin die bronzenen Radpflöcke des Wagens seines Herrn durch wächserne aus, so dass Oinomaos stürzt und zu Tode geschleift wird. Eine weitere Variante stellt Pelops als denjenigen dar, der Myrtilos besticht, indem er ihm zur Belohnung eine Nacht mit Hippodameia verspricht 40 . Das Versprechen hält er jedoch nicht ein, sondern wirft Myrtilos später ins Meer, als dieser
31 Triantis, I., s.v. Pelops, in: LIMC VII, 1 (1994), S. 283-287; Pind. O. 1, 85-87.
32 Ranke-Graves, S. 30.; Apollod. epit. 2, 5.
33 erst nach einem Widderopfer beginnt O. die Verfolgung der Freier (vgl. Diod. IV, 73, 1-6.)
34 Apollod. epit. 2, 9.
35 Diod. IV 73, 1-6.
36 Aufgrund der Waffen und Pferde des Ares
37 Ranke-Graves, S.31.
38 Ingomar Weiler, Der Agon im Mythos, Zur Einstellung der Griechen zum Wettkampf, Darmstadt 1974, S. 212.
39 Jeffrey M. Hurwit, Narrative Resonance in the East Pediment of the Temple of Zeus at Olympia, in: The Art Bulletin 69 (1987), S. 7.
40 Ranke-Graves , S.31.
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Daniel Jochem, 2011, Heroen und Götterkult: Vergleich von Zeus und Pelops im Olympia der Anfänge, München, GRIN Verlag GmbH
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