zuzufügen. Hierfür entwickelten sich im Laufe der ägyptischen Geschichte eigene Ritualformen und auch eine eigene Ikonographie, wobei man Stellvertreter der Feinde, die man zu vernichten wünschte, tötete oder verstümmelte oder entsprechende Handlungen darstellte.
Über die verschiedenen Varianten der rituellen Vernichtung der Feinde Ägyptens soll im Folgenden ein Überblick gegeben werden. Grundsätzlich sollte man jedoch immer berücksichtigen, daß die Zuweisungen einzelner Beispiele zu einer bestimmten Gruppe nur der Übersichtlichkeit halber erfolgen und durchaus nicht so exakt sein müssen, wie dies möglicherweise erscheint. Hierbei wird zunächst kurz die Ikonographie des Erschlagens der Feinde angesprochen und daran anschließend werden verschiedene andere Elemente von Feindvernichtungsritualen, wie die Gebrauchsweisen von Feindfiguren bzw. Feind- darstellungen, die Zeremonie des Zerschlagens der Roten Töpfe, Ächtungstexte sowie die Problematik der mutmaßlichen Menschenopfer und Schlachtungsriten betrachtet. Zuletzt soll das Zusammenspiel verschiedener magischer Vernichtungspraktiken am Beispiel des Depots von Mirgissa veranschaulicht werden.
II. Ikonographie des Erschlagens der Feinde als rituelle Feindvernichtung:
Zuerst nun soll das Erschlagen der Feinde als eine Form der rituellen Feindvernichtung beschrieben werden. Bereits seit vorgeschichtlicher Zeit treten derartige Darstellungen in Erscheinung und zeigen eine fortschreitende Ritualisierung vom echten Menschenopfer hin zur Ersatzhandlung. Dargestellt ist jeweils der König, der einen oder mehrere gefesselte Feinde am Schopf gepackt hat und eine Keule, 2 ab dem Neuen Reich auch eine Beilkeule oder ein Sichelschwert, drohend über ihnen schwingt. 3 Die Köpfe des oder der Gefangenen sind dabei für gewöhnlich dem König zugewandt, während die Körper in die andere Richtung weisen. 4 Zu finden sind Abbildungen des Erschlagens der Feinde auf den verschiedensten Medien, so etwa stammt der früheste Beleg von einer Wandzeichnung aus einem prädynastischen Grab aus Hierakonpolis. 5 In der 0. und 1. Dynastie gibt es Siegelabrollungen, Keulenköpfe und Paletten auf denen dieses Motiv auftritt. 6 Die meisten Belege für das Erschlagen der Feinde aus dem Alten Reich sind Felszeichnungen von der Sinaihalbinsel und solche Szenen in Reliefs aus den
2 Hall, MÄS 44, S. 3f; Junker, ZÄS 48, S. 70; Schoske, LÄ VI, Sp. 1009f.
3 Schoske, LÄ VI, Sp. 1009f. Die Bezeichnung Beilkeule für eine Kombination aus einer Birnenkeule mit einer Beilklinge wird übernommen nach Wolf, Bewaffnung, S. 37f.
4 Hall, MÄS 44, S. 1.
5 Ritner, SAOC 54, S. 113f.
6 Hall, MÄS 44, S. 4-6, Abb. 5-7; Ritner, SAOC 54, S. 113-116.
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Totentempeln der Könige der 6. Dynastie. 7 Aus dem Mittleren Reich gibt es einige Belege aus Tempeln und einige Felszeichnungen. 8 Am variantenreichsten und monumentalsten ausgeprägt ist das Motiv ab dem Neuen Reich zu finden. Auf Pektoralen, Beilklingen, Zeremonialschilden, Kelchen, Stelen und den Wänden von Tempelpylonen tritt das Erschlagen der Feinde auf. Hier nun werden nicht mehr nur Keulen, sondern auch Beilkeulen und Sichelschwerter eingesetzt, um den Feind niederzustrecken. Eine Variante ist das Erstechen der Feinde, bei dem ein Speer benutzt wird. 9
Zweck der Darstellungen des Erschlagens der Feinde ist es, einen realen oder fiktiven Sieg des Königs über die Feinde Ägyptens zu verewigen und die Vernichtung des Feindes durch die Abbildung dieses Aktes dauerhaft zu machen. Man kann also das Erschlagen der Feinde als ein ewig andauerndes Ritual zur Feindvernichtung betrachten. 10
III. Elemente von Ritualen zur Feindvernichtung
Viele der im F olgenden zu besprechenden Elemente von Feindvernichtungsritualen sind im Grunde nicht klar voneinander zu trennen. So finden beispielsweise beschriftete Feindfiguren ebenso wie auch rote Töpfe im Zusammenhang mit den Ächtungstexten Anwendung. Der Übersichtlichkeit halber soll dennoch der Versuch unternommen werden, Gruppen von „Zubehör“ herauszustellen und ihre individuelle Benutzung zu ermitteln.
a) Feindfiguren und Feinddarstellungen:
Eine wichtige Rolle in Feindvernichtungsritualen spielen sicherlich Feindfiguren, die in nahezu der gesamten ägyptischen Geschichte auf verschiedene Art Anwendung fanden. Es handelt sich dabei häufig um Figuren von knienden Menschen, deren Arme auf dem Rücken zusammengebunden sind, es sind aber auch grob modellierte Exemplare mit nur annähernder Menschenähnlichkeit bekannt. Grundsätzlich kann man diese Figuren als rundplastische Version der Feinde in Darstellungen des Erschlagens der Feinde betrachten. 11
7 Hall, MÄS 44, S. 7-12, Abb. 22a.
8 Hall, MÄS 44, S. 12-16, Abb. 23 9 Hall, MÄS 44, S. 16-44, Abb. 26, 27, 42, 83, 34, 64, 49; Schoske, LÄ VI, Sp. 1010.
10 Schoske, LÄ VI, Sp. 1010.
11 Ritner, SAOC 54, S. 113f.
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Es gibt zum einen Gefangenenfiguren bzw. deren Darstellung, die direkt in die Architektur von Gebäuden eingebunden oder Bestandteile von Möbeln und anderen Gebrauchsgegenständen sind. Hierdurch nimmt die rituelle Verletzung bzw. Tötung des Feindes, die bei mobilen Figuren durch Stechen, Schneiden, Verbrennen, Zerschlagen, Zertrampeln etc. erreicht wird, gewissermaßen Ewigkeitscharakter an. 12 Der älteste Beleg solcher Verwendung stammt aus dem Tempel der 1. Dynastie in Hierakonpolis und stellt einen gefesselten Feind dar, dessen Rücken durchbohrt ist. Dieses Loch diente zur Aufnahme eines Türpflockes. Der gefesselte Feind wurde also dauerhaft durchbohrt und bei jedem Öffnen der Tür erneut „getötet“. 13 Literarische Parallelen findet dieselbe Strafe für einen Feind im zweiten Setna Roman aus römischer Zeit. Dort sind die Protagonisten in der Unterwelt und sehen am Eingang zum Fünften Portal eine Türangel, die im rechten Auge eines Mannes fixiert ist. 14 Ebenso früh wie der durchbohrte Feind aus Hierakonpolis ist der Fuß eines Stuhles vom selben Fundort zu datieren. Im Falle des Stuhles ließ sich derjenige, der auf ihm saß, buchstäblich auf dem Feind nieder und zermalmte ihn mit seinem Gewicht. 15 Symbolisch bei jedem Schritt unter den Füßen zertrampelt werden die Feinde im Falle von Sandalen, auf deren Sohlen häufig gefesselte Feinde dargestellt werden. Exemplare dieser Art sind bekannt aus dem Grabe Tutanchamuns und von Darstellungen aus römischer Zeit. 16 Es gibt zudem Varianten, bei denen nur Teile von Feinden verwendet werden, so etwa beim Joch des Streitwagens aus dem Grabe Tutanchamuns. 17 In größerem Stil wurden Köpfe von Feinden am Erscheinungsfenster des Palastes Ramses III. in Medinet Habu als Dekorationselement eingesetzt. Unter dem Fenster und auf beiden Seiten daneben ist eine ganze Reihe von Köpfen angebracht. Der König zertrampelt somit jedesmal, wenn er an das Fenster tritt, die Feinde unter seinen Füßen. 18
Neben der Verwendung von Feindfiguren und deren Darstellungen im Zusammenhang mit Architektur und Gebrauchsgegenständen sind mobile Ausführungen bekannt, auf die in unterschiedlicher Weise eingewirkt wurde. Das Material der Figuren kann von unterschiedlicher Art sein, so z. B. Kalkstein, Alabaster, Wachs, Holz, Ton. Beliebt war vor allem das Zerschlagen von Feindfiguren. Es gibt beispielsweise zertrümmerte Statuen aus dem Totentempel Pepi II., deren Köpfe abgeschlagen worden sind und deren Fragmente in allen Ecken des Tempels verteilt waren. 19 Eine zerstörte Tonfigur aus Gizeh, die zusammen mit Ächtungstexten gefunden wurde,
12 Ritner, SAOC 54, S. 116f.
13 Quibell, Hierakonpolis I, S. 6, Taf. 3; Ritner, SAOC 54, S. 118.
14 Lichtheim, Literature 3, S. 125, S. 140f; Ritner, SAOC 54, S. 118.
15 Quibell, Hierakonpolis I, S. 7, Taf. 11; Ritner, SAOC 54, S. 119.
16 Brovarski, Table, S. 74f; Ritner, SAOC 54, S. 119-122.
17 Carter, Tut-ench-Amun II, Taf. 61; Ritner, SAOC 54, S. 122-125.
18 Hölscher, Thebes, Taf. 3; Ritner, SAOC 54, S. 125-127.
19 Jequier, Pepi II., S. 27f; Ritner, SAOC 54, S. 116; Schott, Beiträge BF 5, S. 196.
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datiert in den gleichen Zeitraum. 20 Aus saitischer Zeit schließlich stammen Fragmente von 30 bis
40 zerschlagenen Kalksteinfiguren, die in der Festung Defennah entdeckt wurden. 21 Anzeichen
für eine bewußte Beschädigung von Feindfiguren während ihrer Produktion liegen aus dem recht umfangreichen Fund von Vernichtungsritualzubehör der 12. Dynastie nahe der Festung von Mirgissa vor, wo sich drei vollständige Kalksteinfiguren und der Kopf einer weiteren Figur fanden. Bei diesen sind Spuren von Schlägen erkennbar, die ausgeführt wurden, bevor man mit roter Farbe die Haare aufmalte. 22 Ähnliche Befunde gibt es bei aus Saqqara stammenden Tonfiguren mit Ächtungstexten, die ebenfalls ins Mittlere Reich datiert werden können. Hier sind jeweils drei Löcher in die Köpfe der Figuren gestochen. 23 Weiter war auch die rituelle Verbrennung bzw. das rituelle Anzünden von Feindfiguren aus vergänglichen Materialien wie Holz, Wachs und genauso von Zeichnungen gefesselter Feinde auf Papyrus bekannt, wie Ritualanweisungen zur Vernichtung des Seth aus der Spätzeit belegen: 24
„Man bringe eine Figur des Seth aus rotem Wachs auf deren Brust sein Name eingeschnitten ist, lautend: Seth, der Erbärmliche. Ihn (Seth) ferner auf ein neues Papyrusblatt mit frischer Farbe zeichnen. Oder (man bringe eine Figur aus) Akazienholz oder HmA-Holz. (Die Figur des Seth) mit einer Sehne eines roten Rindes binden; über sie Worte sprechen. [Auf sie] viermal [speien]; über sie Worte sprechen. Mit dem linken Fuß auf sie treten; über sie Worte sprechen. Sie mit dem Speer schlagen; über sie Worte sprechen. Sie mit dem Messer schneiden; über sie Worte sprechen. Sie in das Feuer legen; über sie Worte sprechen. Auf sie im Feuer viele Male noch speien; über sie Worte sprechen.“ 25
Daß man früher schon wenigstens Wachsfiguren verbrannte, sehen wir wieder am Beispiele des Depots aus Mirgissa, wo sich Spuren von mit Ocker rot gefärbtem Bienenwachs fanden. Für den Akt der Verbrennung selbst könnten Schmelztiegel benutzt worden sein, wie sie ebenfalls dort vorhanden waren. 26 In der Spätzeit schließlich wurden ganze feindliche Heere, die man aus Wachs nachgebildet hatte, verbrannt. 27
Waren in den ebengenannten Beispielen die Figuren bzw. menschlichen Einzelteile selbst meist unbeschriftet und stellten mehr durch ihre Ikonographie eine Gruppe von Feinden (Nubier etc.)
20 Abu Bakr/Osing, MDAIK 29, S. 98; Ritner, SAOC.54, S. 162-164.
21 Petrie, Tanis II, S.73, Taf. 40, 8-13; Petrie, Amulets, S. 19, Taf. 5; Ritner, SAOC 54, S. 154. 22 Ritner, SAOC 54, S. 162.
23 Posener, Princes, S. 19; Ritner, SAOC 54, S. 162, S. 166.
24 Dijk, LÄ VI, Sp. 1390f.
25 Schott, Urk. VI, 5,6-18; Übersetzung siehe ebendort.
26 Ritner, SAOC 54, S. 157-159.
27 Schoske, LÄ VI, Sp. 1011.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Christian E. Schulz, 2002, Rituelle Feindvernichtung, München, GRIN Verlag GmbH
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