1
Inhalt
I. Auf der Suche nach Israel 2
II. Israel, die Kirche und die Ursprungsmythen 4
1. Das Verhältnis von Kirche und Israel, von Christen und Juden 4
2. Die Christianisierung Europas und das Problem der Genealogie 5
III. British Israelism und Christian Identity 6
1. Jerusalem auf Englands Wiesen 6
2. Christian Identity und die Verwerfung der Juden 8
IV. Ideologische Eckpunkte von Christian Identity 9
1. Der Schlangensame und der Weibessame 9
2. Menschwerdung und Präadamiten 10
3. Das wahre und das falsche Israel 11
a) Das wahre Israel 11
b) Das falsche Israel: Die Juden 12
c) Die Macht der Juden 14
4. Deutschland und der Holocaust 16
V. Christian Identity - eine große Verschwörungstheorie 19
Literaturverzeichnis 21
I. Auf der Suche nach Israel
Nach dem Tod König Salomos 926 v. Chr. zerbrach das israelitische Großreich, das sich aus den bekannten zwölf Stämmen zusammensetzte. Unter den Stämmen gärte es schon lange, Streitigkeiten über die richtige Einhaltung des Jahwe-Kultes und Klagen über zu große Steuerlasten zur Aufrechterhaltung des Königshofes führten schließlich zur Sezession. Unter König Jerobeam I. bildeten die zehn nördlichen Stämme unter Beibehaltung des Namens Israel das Nordreich. Die Stämme Juda und Benjamin sammelten sich unter König Rehabeam und behielten die alte Hauptstadt Jerusalem. Die kommenden Jahre sahen Bruderkriege und Bündniszeiten zwischen Juda und Israel. 1
Eine neue Großmacht im Osten, das expandierende Assyrerreich, überrannte 722 v. Chr. das Nordreich und verschleppte große Teile der Bevölkerung, u. a. alle politischen und religiösen Führer, in andere Gegenden Assyriens und siedelte verschiedene andere Volksgruppen in Israel neu an. Von den Deportierten schweigt die Bibel und erzählt nur noch von den verbleibenden Stämmen Juda und Benjamin. Dieses Südreich wurde um 586 v. Chr. von dem eroberungshungrigen Babylon überrannt, der Tempel in Jerusalem zerstört. Auch die Babylonier praktizierten eine Zwangsumsiedlung und verschleppten große Teile des Volkes nach Babylon. Zwischen 538 und 420 v. Chr. kehren viele Nachkommen der Vertriebenen wieder nach Israel zurück, unter ihnen die aus der Bibel bekannten Propheten Esra und Nehemia.
Seit alters her hat das Schicksal der „zehn verlorenen Stämme“ des Nordreichs die Phantasie beschäftigt und Spekulationen ausgelöst. Sind die zehn verlorenen Stämme einfach in anderen Völkern aufgegangen, was die wahrscheinlichste, einfachste und unspektakulärste Antwort ist? Konnten sie sich geschlossen in andere Weltgegenden absetzen und können ihre Nachfahren demnach aufgespürt werden? Bis heute finden sich Hobbyforscher und ernsthafte Ethnologen, die in verschiedenen Weltregionen die Nachfahren oder zumindest Spuren der verlorenen Stämme gefunden haben wollen. Die Falaschas in Äthiopien oder Bergstämme in Afghanistan, auch geschlossene Dorfgemeinschaften in Indien und Pakistan werden genannt. Aber auch afrikanische Stämme wie die Ibo in Nigeria behaupten, Nachkommen der verlorenen Stämme Israels zu sein, ebenso wie die Angehörigen der Hata in Japan. Als Beweise gelten mündliche Überlieferungen der Einheimischen und zum Teil verblüffend jüdisch anmutende Religionsbestimmungen wie Speiseverbote, die Einhaltung des Sabbats oder die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt.
Mit der Entdeckung Amerikas im späten 15. Jahrhundert und der Begegnung mit den Ureinwohnern („Indianer“), erhielt die Suche nach den verlorenen Stämmen neue Nahrung. Noch die Religionsgruppe der Mormonen behauptet die Abkunft der „Indianer“ von israelitischen Einwanderern. 2
Eine eigenwillige und bizarre Theorie entwerfen die Anhänger der Christian-Identity-Bewegung. Demnach sind die weißen Europäer, in ihrer Sprache die weiße Rasse oder auch Arier, die Nachfahren zumindest der zehn verlorenen Stämme. Die heute lebenden Juden hätten dagegen überhaupt keine Beziehung zum „auserwählten Volk“ und täuschten die Welt. Die Angehörigen der „weißen Rasse“ sind somit wahre Israeliten und damit auch Träger der in der Bibel versprochenen Verheißungen. Diese skurrile Ansicht könnte als exzentrische
1 In der Bibel berichten das 1. und 2. Buch der Könige sowie das 2. Buch der Chronik ausführlich über diese Zeit der Wirren.
2 Vgl. Thiede 2001.
3
Schrulligkeit betrachtet werden. Leider verbindet sich mit dem Anspruch, das wahre Israel zu sein, eine Abwertung der Juden und des Staates Israel bei gleichzeitiger Relativierung, auch offener Leugnung des Holocaust. Juden und der jüdische Staat gelten als geradezu dämonisch. Sie sind die Übeltäter in der Geschichte und das ihnen widerfahrene Leid erfunden oder doch maßlos übertrieben.
In Deutschland behauptet der Freundeskreis um die Zeitschrift Morgenland die Herkunft der weißen Europäer zu den wahren Nachfahren der zehn, ja sogar aller zwölf Stämme 3 .
3 Der Morgenland-Verlag, geleitet von Dieter Braun in Salem, Bodensee, vertritt die Israel-Europäer-Idee sozusagen als Kerngeschäft. Daneben findet sich aber ein buntes Sammelsurium an bekannten und unbekannten Verschwörungstheorien. So bestreitet Morgenland die Mondlandung und sieht darin eine große Täuschung, wehrt sich gegen die Schulmedizin und Impfungen. Natürlich fehlt nie der Hinweis auf die geheime Macht der Freimaurer und Illuminaten. Man verbeißt sich auch gerne in Zahlenmystik und Datumsforschung, so kommt man zur Erkenntnis, dass Jesus am 3. Oktober 7 v. Chr. geboren und am 28. März 31 n. Chr. gestorben sei (vgl. Pasedag o. J.). Ein weiterer Kernpunkt ist die Propagierung der Innenweltheorie, da sie am besten mit dem wörtlich verstandenen kosmischen Angaben der Bibel übereinstimmt. Nach der Innenwelttheorie ist die Erde keine Kugel, sondern die Menschen leben im Inneren einer Kugel, die den ganzen Kosmos umschließt. Die Planeten und Sterne bewegen sich im Inneren dieser Kugel. Auf den ersten Blick gehört Morgenland ins bibeltreue, christlich-fundamentalistische Lager, mit der Betonung der Irrtumslosigkeit (engl. Inerrancy) der Bibel in allen ihren Aussagen, also auch in naturwissenschaftlichen und historischen Details. Die kruden Verschwörungstheorien, die Verknüpfung von Germanentum und Israelismus sowie die Vertretung der Allversöhnung führen dazu, dass Dieter Braun und sein Morgenland-Verlag im evangelikal-fundamentalistischen Lager „völlig isoliert“ dastehen. (Gronauer 2006, S. 30). Unregelmäßig, üblicherweise sechs Mal im Jahr, erscheint das 20seitige Heft Morgenland, in Stuttgart findet monatlich ein Bibelkreis eines Morgenland-Leserkreises statt.
II. Israel, die Kirche und die Ursprungsmythen
Die Nachforschungen über die verlorenen zehn Stämme, die Theorie, dass die Europäer oder mindestens Teile von ihnen israelitischen Ursprungs seien, findet auf dem Hintergrund von zwei großen Fragen statt, die die christliche Theologie Jahrzehnte lang beschäftigte:
1. Das Verhältnis von Kirche und Israel, von Christen und Juden
Die Kirche und Israel. Das ist ein bedeutendes Thema geblieben. Es beginnt mit der Entstehung der ersten christlichen Gemeinde. Sehr früh bedurfte die sich aus dem Judentum emanzipierende christliche Kirche einer Bestimmung ihres Verhältnisses zu Israel. Die Juden waren das Volk der Offenbarung mit großartigen Verheißungen, Jesus, der Gottessohn, war Jude ebenso wie der erste prägende Theologe, Paulus. Nach Christi Tod und Auferstehung war theoretisch die messianische Zeit angebrochen, der Messias in Gestalt Jesu bereits angekommen. Die Erwartungen und Hoffnungen, dass die Juden in ihrer Mehrheit Christen würden, erfüllten sich nicht. Die weitere Existenz des Judentums brachte gedankliche Schwierigkeiten, denn nun gab es offenkundig zwei von Gott erwählte Gruppen: Israel und die Kirche. Zunehmend empfand die Kirche die Juden als Konkurrenz. War es in den ersten Jahrzehnten der Gemeinde noch möglich, dass Christen wie selbstverständlich den jüdischen Gottesdienst aufsuchten, kam es mit der organisatorischen Ausgestaltung der Kirchen und später mit ihrer staatlichen Förderung, zu einer immer schrofferen Ablehnung jüdischen Denkens und religiösen Lebens. Eine neue, folgenschwere Theorie trat ihren Siegeszug an, die erst nach den Erfahrungen von Auschwitz aufgegeben bzw. modifiziert wurde. Das Stichwort ist Enterbung oder Scheidung. Demnach hatte Gott den Juden wegen ihres Unglaubens, ihrer Unwilligkeit Christen zu werden, den Bund gekündigt, sie enterbt bzw. sich von ihnen scheiden lassen. Die Verheißungen an Israel seien jetzt auf die Kirche als „wahres Israel“, das richtige, sichtbare Gottesvolk schlechthin, übergegangen. Den Juden gelten nun alle Gerichtsandrohungen und Verfluchungen des Alten Testaments, während die Kirche alle Verheißungen erhält. 4 Für den wachsenden Antijudaismus der Kirche nennt der Theologe Hans Küng vier Faktoren 5 :
• Die zunehmende Hellenisierung der christlichen Theologie führte zur Entfremdung von ihrem alttestamentlichen, hebräischen Ursprung.
• Die exklusive Beanspruchung des Alten Testaments zur ausschließlichen „Legitimation ihrer eigenen Existenz“ 6 .
• Der Abbruch der gegenseitigen Gespräche und die Isolierung sowohl der Kirche als auch der Synagoge.
• Schließlich die Schuldzuweisung, die Juden hätten Jesus getötet und damit nichts anderes als Gottesmord verübt, womit ihre Verstoßung und Vertreibung ein gerechter Fluch Gottes sei. 7
4 Vgl. Pfister 1985, S. 111ff.
5 Vgl. Küng 1991, S. 196f.
6 Küng 1991, S. 197.
7 Zum ersten Mal dokumentiert bei Bischof Meliton von Sardes vor 180 n. Chr.
5
2. Die Christianisierung Europas und das Problem der Genealogie
Jede Menschengruppe bildet mit der Zeit eine Herkunftsgeschichte von irgendwelchen Göttern, Heroen oder Tieren ab. Es entstehen „genealogische Mythen“ 8 , die Antworten auf die (ewigen) Menschheitsfragen geben wollen: Wer bin ich? Woher komme ich?
Mit der Christianisierung Europas mussten die bestehenden Genealogien, die oft die Troja-Sage zur Basis hatten, mit der Bibel in Einklang gebracht werden. Denn die Bibel galt als historisch zuverlässig, von einer Textkritik war man weit entfernt und so war es möglich, die Völkertafeln im 10. Kapitel des 1. Buch Mose, an regionale Überlieferungen der vorchristlichen Zeit anzubinden und in die Gegenwart zu verlängern. Die Römer etwa beanspruchten von dem aus Troja geflüchteten Aeneas abzustammen, er galt als der Großvater des sagenumwobenen Stadtgründers Romulus. Aeneas‘ Mutter soll die Göttin Venus gewesen sein, eine Vorstellung die im christlichen Europa nicht mehr vertretbar war. Biblische Gestalten erweiterten nun die bisherigen Ahnenreihen und neue Ursprungsmythen konnten auf biblischer Grundlage konstruiert werden. So erhielt jede Nation irgendwie einen Enkel Noahs zum Vorfahren. Goten und Skythen führten ihre Herkunft auf Japhets Sohn Magog zurück, die Isländer auf dessen Sohn Tiras. Die Römer wiederum schrieben Japhet einen Sohn namens Janus unter, der später ein römischer Gott wurde. Selbst heidnische Götter- und Heldengestalten wurden in die neuen Genealogien aufgenommen und durch die behauptete Abkunft von Noah „getauft“, damit man weiterhin von ihrem Nimbus profitieren konnte.
Die grobe Einteilung sah die Europäer als Nachfahren Japhets, die Asiaten waren mit Sem verbunden und Ham der Stammvater der Afrikaner. Im Hintergrund hielt sich, bei aller Unterscheidung, die wichtige Vorstellung von der Einheit des Menschengeschlechts vom selben Urvater: Adam. Mit diesem theologisch-genealogischen Kunstgriff illustrierten die Theologen „so in konkreter Form den Hauptgedanken der universellen Brüderlichkeit der Menschen.“ 9
8 Poliakov 1971, S. 15.
9 Poliakov 1971, S. 21.
Arbeit zitieren:
Dr. Michael Hausin, 2011, Christian Identity - Zwischen Frömmigkeit und radikaler Ideologie, München, GRIN Verlag GmbH
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