WS10.645.310 Wirtschafts- und Sozialgeschichte I: Klassiker der Nationalökonomie
Emanuel Beiser
James Tobin
Grunds ätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik
Inhalt
1. Einleitung 3
2. Zur Person James Tobin 4
3. Historischer Hintergrund 7
4. Die Grundsätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik 8
4.1. Begriffsbestimmungen 8
4.1.1. Veränderungsmöglichkeiten der Verschuldungszusammensetzung 10
4.1.2. Die Definition und Rolle des Staates - Notenbank und Finanzamt 12
4.2. Die Grundzüge der makroökonomischen Portfoliotheorie von Tobin 14
4.2.1. Tobins q 17
4.2.2. Tobins makroökonomische Portfoliotheorie und ihre Unterschiede zur
Theorie von Keynes 19
4.3. Einfluss und Wirkungen der Staatsschuldenpolitik in Tobins Theorie 24
4.3.1. Die Erhöhung der Staatsschuld durch Verbindlichkeiten auf Sicht 25
4.3.2. Die Erhöhung der Staatsschuld durch kurzfristige Staatsschuldtitel 27
4.3.3. Die Erhöhung der Staatsschuld durch langfristige Staatsschuldtitel 28
4.3.4. Veränderungen in der Verschuldungszusammensetzung 29
4.3.5. Die langfristige Staatsverschuldung im Bezug zur makroökonomischen
Portfoliotheorie 30
4.3.6. Die Diskontsatz-, die Mindestreserven- und die Offenmarktpolitik 32
4.4. Effizienzsteigerung der Staatsschuldenpolitik 33
4.4.1. Das Management der Fristigkeitenstruktur 38
4.4.2. Die optimale Zusammensetzung der Staatsverschuldung 41
4.5. Inflationsgeschützte Anleihen 42
5. Exkurs: Die Tobin-Steuer 45
6. Schlussbetrachtung 46
7. Literatur 49
8. Internetquellen 50
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WS10.645.310 Wirtschafts- und Sozialgeschichte I: Klassiker der Nationalökonomie Emanuel Beiser
1. Einleitung
Im Zuge der Finanzkrise und aufgrund der Milliardenschweren Rettungspakete zur Rettung der Banken und Staaten gewinnt die Thematik der Staatsverschuldung einiges an Aktualität. Der Name eines Nobelpreisträgers für Wirtschaftswissenschaften, James Tobin, war unlängst, zwar nicht aufgrund seines Grundlagenwerkes zur Staatsverschuldung, aber in Bezug auf seine sog. Tobin-Steuer, wieder in den Medien präsent. In seinem Werk „Grundsätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik“ von 1963 geht Tobin zwar auf Steuern nur beiläufig - die Tobin-Steuer sollte von ihm erst später entwickelt werden - ein, dennoch liefert auch dieses Werk über die Staatsverschuldung grundlegende Überlegungen und Ansätze für eine Reduktion der Staatsschulden bzw. vor allem für eine Reduktion der Kosten der Staatsverschuldung. James Tobin unterteilte sein Werk „Grundsätze der Geld-und Staatsschuldenpolitik“ in die folgenden vier Kapitel: 1. Staatsverschuldung und ihre Zusammensetzung, 2. Monetäre Wirkungen von Änderungen der Höhe und Struktur der Staatsverschuldung, 3. Geld- und Staatsschuldenpolitik und 4. Anleihen mit Wertsicherungsklauseln. Am Schluss folgte noch eine Zusammenfassung und im Anhang wurde das Modell noch mathematisch erklärt. In der folgenden Arbeit versuche ich, die Einteilung Tobins in ihren groben Zügen beizubehalten. Als erstes gehe ich auf die Person James Tobin und seinen Lebenslauf ein. Im Anschluss liefere ich kurz einen Überblick auf die damalige wirtschaftliche Situation, um schließlich mit dem Hauptteil der Arbeit Tobins Werk „die Grundsätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik fortzufahren. Dieser Unterabschnitt der Arbeit gliedert sich in vier Unterkapitel. Im ersten dieser Unterkapitel wird auf den Großteil der Definitionen einzelner Begriffe in Tobins Theorie, auf die Veränderbarkeit der Staatsverschuldung und auf die Definition bzw. die Rolle des Staates eingegangen. Im zweiten Unterkapitel wird Tobins makroökonomische Portfoliotheorie behandelt. Dabei werden auch das sog. Tobin q, eine wichtige ökonomische Kennzahl, und die Unterschiede von Keynes und Tobins Ansatz präsentiert. Diesem Unterkapitel folgt das Unterkapitel über den Einfluss und die Wirkung der Staatsschuldenpolitik in
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Tobins Theorie. Es wird dabei die Erhöhung der Staatsschuld durch Verbindlichkeiten auf Sicht, durch kurzfristige Staatsschuldtitel und durch langfristige Staatsschuldtitel behandelt. Schließlich wird in diesem Unterkapitel noch auf die Veränderung der Verschuldung, auf die langfristige Staatsverschuldung im Zusammenhang mit der makroökonomischen Portfoliotheorie und auf die Diskontsatz-, die Mindestreserven- und die Offenmarktpolitik kurz eingegangen. Im dritten Unterkapitel wird die Effizienzsteigerung der Staatsschuldenpolitik und in diesem Zusammenhang auch das Management der Fristigkeitenstruktur und die optimale Zusammensetzung der Staatsverschuldung abgehandelt. Im vierten und letzten Unterkapitel des Hauptabschnittes über Tobins Werk wird noch einmal auf inflationsgeschützte Anleihen eingegangen. Als vierter Hauptpunkt folgt ein kurzer Exkurs zur Tobin-Steuer. Schließlich werden im Schlusswort die wichtigsten Ansätze von James Tobin noch einmal kurz zusammengefasst.
2. Zur Person James Tobin
Am 5. März 1918 wurde James Tobin in Champaign im Bundesstaat Illinois in den USA geboren. Tobins Vater, Lous Michael Tobin, war Direktor für Öffentlichkeitsarbeit für Sport an der Universität Illinois. Margret Edgerton Tobin, die Mutter von Tobin, arbeitete als Sozialarbeiterin und legte ihre Arbeit für 16 Jahre nieder, um sich der Familie zu widmen. In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise arbeitete sie wieder in ihrem Beruf, um das Familieneinkommen aufzubessern. Durch die Berichte seiner Mutter erlangte Tobin schon in jungen Jahren erste Eindrücke vom Elend und der Armut, die durch die Arbeitslosigkeit verursacht wurden. Tobin schloss seine Ausbildung an der High School in Urbana ab und bewarb sich - vom Vater dazu veranlasst - an der Aufnahmeprüfung für Harvard. Nach vier Jahren an der Harvard Universität erhielt Tobin seinen B.A. Aufgrund der Weltwirtschafskrise und der Ratlosigkeit der Ökonomen, die diese Krise nicht erklären konnten, entschloss sich Tobin Nationalökonomie zu studieren. Tobin konnte ein gewährtes Auslandsstipendium aufgrund des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges nicht mehr annehmen und verbrachte daher zwei weitere Jahre als graduierter Student an der Harvard University. Seine Professoren in Harvard waren u.a. Joseph Schumpeter und Wassily Leontief. Er hatte auch sehr begabte Mitstudenten wie etwa Paul Samuelson. 1941 verließ Tobin die Harvard University und trat eine Anstellung in einer Washingtoner Agentur an. Seine Arbeit bestand darin, Quoten für Mitarbeiter
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festzulegen und diese Quoten den Betroffenen zu erklären. Nachdem die USA in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, meldete sich James Tobin zu Marinereserve und wurde dort als Marineoffizier ausgebildet. Auf dem Zerstörer U.S.S. Kearny tat Tobin vier Jahre lang Dienst. Anfangs als Front- und Artillerieoffizier dann als Navigator und leitender Offizier. Im Zuge seines Kriegsdienstes war Tobin u.a. an der Invasion von Nordafrika und am Italien-Feldzug beteiligt. Tobin schätzte die Zeit beim Militär sehr, da sie eine Abwechslung zur akademischen Arbeit waren. Nach dem Krieg erhielt Tobin zahlreiche Berufsangebote, aber er entschloss sich dennoch eine akademische Laufbahn einzuschlagen. 1946 heiratete er Elizabeth Fay Ringo, eine ehemalige Schülerin von Paul Samuelson. Das Paar bekam vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne. In den Jahren 1946-1947 erlangte Tobin seinen Ph.D. Er schrieb eine Dissertation über die Theorie und die statistische Erfassung der Konsumfunktion. Sein Dissertationsthema beschäftigte ihn auch noch weitere Jahre nach dem Erlangen des Ph.D. Im Jahre 1947 wurde Tobin zum Junior Fellow der Society of Fellows gewählt. Durch diese Wahl wurden ihm drei Jahre freies Studieren, Forschen und Schreiben ermöglicht. In diesen drei Jahren holte Tobin in den Wirtschaftswissenschaften das auf, was er während des Krieges versäumt hatte und schrieb zudem noch einige Artikel zur Makroökonomie. In den Jahren 1949 bis 1950 wirkte Tobin in England am Richard Stones Departement of Applied Economics. Eine Tätigkeit an der Yale University folgte 1950. In Yale wurde er im selben Jahr zum Associate Professor ernannt. Im Jahre 1955 wurde Tobin die John Bates Clark Medal verliehen. Diese Auszeichnung wird an den besten Wirtschaftswissenschaftler unter 40 Jahren in den USA verliehen. In den 1950er Jahren begann Tobin auch Aufsätze über aktuelle wirtschaftliche Themen zu publizieren. Einige dieser Aufsätze wurden 1966 mit dem Titel „National Economic Policy“ veröffentlicht. Tobin war weiters von 1955 bis 1961 und von 1964 bis 1965 Leiter der Cowles-Stiftung an der Yale University. In der Zeit in Yale, als er Präsident der Cowle-Stiftung war, war Tobins Forschungsschwerpunkt, die Wirtschafstheorie von Keynes auf eine feste Grundlage zu stellen. Tobin war auch daran interessiert und bemühte sich, die Systematik der Makroökonomie und der monetären Theorie zu festigen und besser heraus zu arbeiten. James Tobin gehörte somit der Schule der sog. Post- oder Neokeynesianer an. Diese Schule versuchte die Theorien von Keynes weiterzuentwickeln. Die Rede Tobins „Geld und Finanzwirtschaft im makroökonomischen Prozess“ war in diesem Zusammenhang eine Art
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Abschlussbericht von Tobins Bemühungen um die Makroökonomie und die monetäre Theorie. James Tobin war Präsident mehrerer Vereinigungen wie etwa die Econometric Society, die American Economic Association und die Eastern Economic Association und von 1966 bis 1970 Vorsitzender der New Haven City Plan Commission. Professor Tobin war zudem Sachverständiger in zahlreichen Ausschüssen und fungierte auch als Politikberater - er war von 1961-1962 Mitglied im Beraterstab von Präsident Kennedy. In der Zeit als Tobin Berater von Präsident Kennedy war, verfasste er gemeinsam mit Robert M. Solow, Arthur Melvin Okun und Kenneth Arrow den Economic Report von 1962. Dieser Bericht wurde von der Presse später als „New Economics“ bezeichnet. Er bot eine Darstellung der Theorie und Praxis der Stabilitäts- und Wachstumspolitik. Bis 1965 konnten die wichtigsten Vorschläge des Beraterstabes des „New Economics“ umgesetzt werden, allerdings wurden die Erfolge dieser Umsetzungen von den negativen Auswirkungen des Vietnamkrieges und der Stagnation der 1970er Jahre beeinflusst. James Tobin wurden insgesamt mehr als 21 Ehren-Doktortitel verliehen und ab 1972 wurde er Mitglied der National Academy of Sciences. 1972 wurde Tobin einer breiteren Öffentlichkeit, durch seine weltweit vorgeschlagene (Lenkungs-)Abgabe auf spekulative internationale Devisentransaktionen, bekannt. Diese Steuer wurde daher auch Tobin-Steuer genannt. Im Bezug auf seine Steuer auf Devisengeschäfte wird oft behauptet, dass er die Einkünfte aus dieser Steuer über die Weltbank Entwicklungsländern zu Gute kommen lassen wollte. Tobin war in Wahrheit zwar nicht explizit dagegen, er verwies aber darauf, dass dies kein entscheidender Punkt in seinem Steuerkonzept war. Die Idee der Tobin-Steuer wurde von Globalisierungsgegnern in abgeänderter Form aufgegriffen. Im September 2001 gab Tobin in einem Interview im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ bekannt, dass er ein Anhänger des freien Handels war und, dass er den Internationalen Währungsfond, die Weltbank, die Welthandelsorganisation (alles was Globalisierungskritiker bekämpfen) befürwortete. Tobins Namen wurde somit nach seiner eigenen Einschätzung von den Globalisierungskritikern missbraucht. 1981 erhielt Tobin den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Den Nobelpreis erhielt er für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Portfoliotheorie und für seine Analyse der Finanzmärkte und ihrer Auswirkungen auf Ausgabenbeschlüsse und somit die Auswirkungen der Finanzmärkte auf Beschäftigung, Produktion und Preisentwicklung.
Hauptforschungsgebiete Tobins waren Makroökonomie, Geldtheorie und Geldpolitik,
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Steuerpolitik, Arbeitslosigkeit, Inflation, Portfoliotheorie und Ökonometrie. James Tobin emeritierte im Jahre 1988. In seiner wissenschaftlichen Laufbahn schrieb er 16 Bücher, mehr als 400 Artikel und Aufsätze. Tobin schrieb Artikel und Aufsätze einerseits für Fachleute, andererseits aber auch für die breite Masse. James Tobin verstarb am 11. März 2002. 1
3. Historischer Hintergrund
Tobins Werk wurde bereits 1963 in den USA publiziert und erst verspätet in Europa und speziell in Deutschland populär. Das zunehmende Interesse an Tobins Theorie entstand aufgrund des raschen Anstiegs der Staatsverschuldung in der BRD und aufgrund der (keynesianischen) antizyklischen Ausgaben- und Einnahmenpolitik, die die Rezession seit 1975, nach der ersten Ölkrise von 1973, bekämpfen sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es wenige Untersuchungen zum Thema Staatsschuldenpolitik in der BRD, verglichen mit den zahlreichen Untersuchungen im angloamerikanischen Raum, in dem die Staatsverschuldung eine große Bedeutung hatte. Vorreiter waren hier vor allem die USA und Großbritannien. In der BRD stiegen die Staatsschulden bis 1970 fast unbemerkt und problemlos rasch an, weil man die Staatsausgaben für Sozialleistungen nicht senkte und die Steuern auch nicht erhöhte. Dies wären Keynes Empfehlungen bei guter Konjunkturlage gewesen, um das „Deficit-spending“ und die daraus entstandenen Schulden abbauen zu können. Die Wissenschaft vernachlässigte das Problem der steigenden Staatsverschuldung. Von 1974 bis 1977 stieg die Verschuldung der BRD um das Doppelte. Das bedeutete, dass die Verschuldung in diesen vier Jahren um den gleichen Betrag gestiegen war, wie in den 25 Jahren zuvor. Durch diese Zäsur wurde das wissenschaftliche Defizit in diesem Bereich deutlich und daher Tobins Werk so wichtig. 2
1 Vgl. Marco Iezzi, Über den Nobelpreisträger James Tobin: Zur Person und Tobins Beitrag zu den Wirtschaftswissenschaften, Studienarbeit, Norderstedt 2006, S. 1-3 und o.A., James Tobin, in: Bücher LLC, (Hrsg.), Neokeynsianismus: James Tobin, Is-Lm-Modell, Paul A. Samuelson, Carl Fohl, John Richard Hicks, o.O. 2010, S. 11-12 und o.A., James Tobin, in: Books LLC (Hrsg.), Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften. John Forbes Nash Jr., James Tobin, Milton Friedman, Amartya Sen, Joseph E. Stiglitz, Liste der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Paul Krugman, Friedrich August von Hayek, Elinor Ostrom, William Arthur Lewis, Reinhard Selten, o.O. 2010, S. 85-86 und o.A., James Tobin, o.D., in: [http://www.vwler.de/joomla/content/view/25/26/], 3.12.2010 und Manfred Borchert, Geld und Kredit. Einführung in die Geldtheorie und Geldpolitik, München/Wien 2003 8 , S. 136-138 und S. 179-201.
2 Vgl. James Tobin, Grundsätze der Geld- und Staatschuldenpolitik (Schriften zur monetären Ökonomie 6), Baden-Baden 1978, S. 3-7. Seite 7 von 51
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Tobin zeigte in seinem Werk „Grundsätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik“ von 1963, das sich auf die Verhältnisse in den USA bezog, aber in seinen Grundzügen auf die BRD übertragbar war, wie wichtig und wertvoll eine aktive Staatsschuldenpolitik im Bezug auf die Konjunkturstabilisierung ist und wo ihre Grenzen liegen. Des Weiteren untersuchte er die Mängel des damaligen Staatsschuldenmanagements und dessen Verbesserungsmöglichkeiten. Er behandelte auch die Rolle der Geldpolitik und den Beitrag, den sie leisten kann, um die Staatsschuldenpolitik zu unterstützen und wie weit die Geldpolitik in diesem Zusammenhang gehen darf. In seinem Werk entwickelte Tobin auch erstmals seine makroökonomische Portfoliotheorie, die sich durch das ganze Werk zieht. Die Arbeiten auf dem Gebiet der makroökonomischen Portfoliotheorie bildeten u.a. auch eine wichtige Grundlage für die wissenschaftliche Arbeit, für die Tobin 1981 den Nobelpreis erhielt. Im Unterschied zu wissenschaftlichen Publikationen in der BRD unterscheiden die Arbeiten im angloamerikanischen Raum nicht zwischen der Geld-und Staatsschuldenpolitik bzw. behandeln diese beiden Bereiche immer in Verbindung miteinander. 3
4. Die Grundsätze der Geld- und Staatsschuldenpolitik
4.1. Begriffsbestimmungen
Die Staatsverschuldung setzte sich bei Tobin zusammen aus allen Arten verzinslicher Staatsschuldtitel, die im Besitz des privaten Sektors (zum privaten Sektor zählen Geschäftsbanken und auch Länder und Gemeinden) sind. Die Verbindlichkeiten des Staates (Forderungstitel gegen den Staat) können sich aus unterschiedlichen Arten zusammensetzen. Tobin unterteilte diese Arten in: 1. übertragbare Verbindlichkeiten auf Sicht, 2. kurzfristige und fungible Wertpapiere (leicht umtauschbare bzw. verwertbare Wertpapiere), 3. fungible langfristige Wertpapiere, 4. nicht-fungible Wertpapiere und 5. anderweitige Verpflichtungen. Zu den übertragbaren Verbindlichkeiten auf Sicht gehören alle Zahlungsmittel, die vom Finanzministerium und der Notenbank (Zentralbank) ausgegeben werden und die Sichtverbindlichkeiten der Zentralbank. Eine scharfe Trennung zwischen fungiblen kurz- und langfristigen Wertpapieren gibt es nicht. Hier reichen die Laufzeiten von 3 Monaten bis zu 40 Jahren. Bei Tobin waren die kurzfristigen Wertpapiere mit bis zu einem Jahr begrenzt. Kurzfristige Verbindlichkeiten wie z.B. Schatzwechsel und
3 Vgl. Tobin, Grundsätze, 1978, S. 3-7 und S. 19-27 und S. 119-129.
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andere Finanzierungspapiere können bei der Zentralbank gegen Zentralbankkredit hinterlegt werden. Daher unterstellt Tobin auch eine relativ gute Substituierbarkeit 4 zwischen Kasse und Schatzwechsel, die für alle Formen der kurzfristigen Verschuldung zur Vereinfachung stehen. Eine Geschäftsbank kann sich mithilfe solcher kurzfristigen Verbindlichkeiten gegen die Marktunsicherheit und gegen Kreditfazilitäten (Überziehungskredite) absichern. Zur Kategorie der nicht-fungiblen Wertpapiere zählen vor allem Sparschuldverschreibungen (Bundesschatzbriefe), d.h. Wertpapiere die nur beim Finanzministerium erhältlich sind und die auch nur dort nach Vorlage, d.h. auf Sicht, zu genau bestimmten Werten einlösbar sind. Sparschuldverschreibungen können nicht von Privaten (von Tobin auch als Publikum bezeichnet) gehandelt werden. Zur Kategorie der anderweitigen Verpflichtungen zählte Tobin eine breite Palette von gesetzlichen Verpflichtungen, deren Höhe und Fälligkeit nur schwer berechenbar sind. Beispiele für solche Verpflichtungen sind die Sozialversicherungsleistungen, Pensionen, Zuschüsse an öffentliche Stellen usw. Tobin verwies darauf, dass diese Verbindlichkeiten wahrscheinlich in Zukunft eine größere Belastung sein werden, als die „normale“ Staatsverschuldung, die genau berechnet werden kann. Diese Verbindlichkeiten sind die Folge von gesetzlichen und politischen Entscheidungen und das Finanzministerium und die Zentralbank können diese nicht verändern. In Tobins Analyse sind die anderweitigen Verpflichtungen zur Vereinfachung ausgeblendet und somit nicht Teil der Staatsverschuldung. Einnahmen, wie z.B. Sozialversicherungsabgaben, wurden von Tobin als Einnahmen, mit denen die Staatsverschuldung reduziert werden kann, verbucht. Aufwendungen, die die anderweitigen Verpflichtungen betreffen, werden als Ausgaben verbucht, die die Staatsverschuldung erhöhen. Diese Einnahmen und Ausgaben müssten daher bei der Berechnung der Staatsverschuldung mitberücksichtigt werden. Da sie allerdings nicht genau berechenbar sind, wurden sie von Tobin vernachlässigt, was allerdings laut Dieter Duwendag, der eine Einführung
4 Als Substitute bzw. substituierbare Güter bezeichnet man Güter (auch Anlagegüter wie Sach- und Finanzkapital), die sofort gegeneinander ausgetauscht werden können, weil sie denselben Nutzen erfüllen. Beispielsweise sind DVDs und Kinokarten Substitute zueinander, da beide das Sehen eines Filmes ermöglichen. Im Bezug auf die Portfoliotheorie bedeutet das, dass vollkommene oder perfekte Substitute sofort gegeneinander ausgetauscht werden können, sobald eines einen höheren Ertrag als das andere aufweist. Vgl. Robert Pindyck/Daniel Rubinfeld, Mikroökonomie, München/Boston/San Francisco/Harlow/Sydney/Mexico City/Madrid/Amsterdam 2009 7 , S. 53-55 und S. 65-70 und S. 112-117 und S. 760-765 und Rainer Stöttner, Diskussionspapier zum Thema „Probleme der makroökonomischen Portfoliotheorie“ (Workshop „Ausgewählte Probleme der Makroökonomie“ der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 1983, [http://cms.uni-
kassel.de/unicms/fileadmin/groups/w_030109/Lehre/Kapitalmarktanalyse/makprod.pdf], 26.11.2010, S. 13. Seite 9 von 51
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zur deutschen Übersetzung von Tobins Werk schrieb, die Relevanz des Modells nicht beeinträchtigt. 5
4.1.1. Veränderungsmöglichkeiten der Verschuldungszusammensetzung
Die ersten vier Formen der Verschuldung können vom Finanzministerium und der Zentralbank beeinflusst werden. Ziel in Tobins Theorie ist es, die Zinsbelastung des Staates zu senken. Dies kann laut seiner Theorie durch Umschuldung zwischen den ersten vier Formen der Verschuldung geschehen. Der Staat bzw. das Finanzamt und die Zentralbank haben dabei die Zinsstruktur des Marktes und alle möglichen anderen Faktoren genauestens zu überwachen und zu analysieren, um eine effiziente Umschuldungsstrategie umzusetzen und somit die Zinsbelastung für den Staat senken zu können. Die gesamte Staatsverschuldung setzt sich aus den Summen der Defizite und Überschüsse des Staatshaushaltes aus der Vergangenheit zusammen. Bei einem Defizit steigt die Verschuldung und bei einem Überschuss sinkt sie. Das Parlament bzw. der Gesetzgeber oder die Politik können die Erhöhung oder Verringerung der gesamten Staatsverschuldung beeinflussen, die Notenbank und das Finanzministerium nicht. Die beiden letztgenannten Organisationen können nur die Zusammensetzung und die Zinskosten dieser Verschuldung beeinflussen. Die konjunkturelle und monetäre Wirkung der Staatsverschuldung ist abhängig von der Zusammensetzung der Verschuldung, die sich im Besitz des Publikums befindet. Beispielsweise kann das Finanzministerium langfristige Wertpapiere, wenn diese zur Einlösung fällig werden, durch kurzfristige Verbindlichkeiten wie z.B. Geldmarktpapiere bzw. Schatzwechsel ersetzen. Denn die langfristigen Wertpapiere stellen im Fälligkeitszeitraum praktisch Verbindlichkeiten auf Sicht dar. Das Finanzministerium kann den vorzeitigen Rückkauf anbieten oder es kann die langfristigen Schuldtitel selbst zurückkaufen und in kurzfristige Schuldtitel umwandeln. Der Staat kann ebenso die Konditionen für nicht-fungible Verschuldungen attraktiver gestalten oder die Sichtverbindlichkeiten des Publikums vergrößern, indem er die Einlagen des Finanzministeriums bei der Notenbank verringert und dadurch Geld in den Wirtschaftskreislauf bringt und somit die Sichtverbindlichkeiten erhöht. In gewissen Grenzen ist es dem Finanzministerium auch möglich, neues Geld zu schaffen und somit die zinstragenden Staatsschulden zu verringern. Der Zentralbank ist es ebenfalls möglich, die Zusammensetzung der
5 Vgl. Tobin, Grundsätze, 1978, S. 8-9 und S. 19-43.
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