II
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis IV
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis. VI
1 Einleitung. 1
1.1 Problemhintergrund 1
1.2 Forschungsziel und erkenntnisleitende Fragestellungen. 4
1.3 Forschungsstand, Untersuchungsmethodik, Vorgehensweise 5
2 Die Stellung der Physiotherapie innerhalb des Gesundheitswesens
der DDR 9
2.1 Übersicht über die Berufsgruppen und deren Aufgaben im
physikalisch -therapeutischen Bereich der DDR 9
2.2 Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen 10
2.3 Die Entwicklung des Fachgebietes in der DDR. 12
2.4 Definition der Physiotherapie und ihre Bedeutung im therapeutischen System. 16
2.5 Teilgebiete der Physiotherapie. 17
2.6 Schwerpunktsetzung bei physiotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen 20
2.7 Die Bedeutung der Physiotherapie in den verschiedenen medizinischen
Betreuungsbereichen. 21
2.7.1 Ambulanter Betreuungsbereich 21
2.7.2 Stationärer Betreuungsbereich. 24
2.7.3 Kur- und Bäderwesen 25
2.8 Das Forschungsprofil der Wissenschaftsdisziplin Physiotherapie. 27
3 Physiotherapieausbildung in der DDR 30
3.1 Veränderungen in der Sowjetischen Besatzungszone bis zur Gründung der DDR
(1945-1949) 30
3.2 Die Ausbildung von Krankengymnasten an Medizinischen Fachschulen
(1950-1960) 33
III
3.3 Die Einführung des Facharbeiterberufs „Physiotherapeut“ und dessen
Eingliederung in die Systematik der Ausbildungsberufe (1961-1973) 37
3.4 Die Reintegration der Physiotherapieausbildung in das staatliche Fachschulsystem
(1974-1990) 41
3.5 Gegenüberstellung der Lehrprogramme für die Fachrichtung Physiotherapie. 46
3.6 Qualifizierungsmöglichkeiten durch Fort- und Weiterbildung für
Physiotherapeuten 51
4 Diskussion 54
4.1 Diskussion der Untersuchungsergebnisse. 54
4.2 Methodendiskussion. 61
5 Zusammenfassung. 63
6 Summary 65
7 Literatur- und Quellenverzeichnis 67
7.1 Literaturverzeichnis 67
7.2 Archivalische Quellen. 78
8 Anhang 79
Abkürzungsverzeichnis
Abb. Abbildung ARGUS Archivgutsuche Aufl. Auflage BArch Bundesarchiv Berlin BRD Bundesrepublik Deutschland BVerwG Bundesverwaltungsgericht bzw. beziehungsweise ca. cirka [lat.] = zirka ýSSR ýeskoslovenská socialistická republika [tschechisch und slowakisch] = Tschechoslowakische Sozialistische Republik DDR Deutsche Demokratische Republik d.h. das heißt DM Deutsche Mark der Deutschen Notenbank Dr. Doktor DZVG Deutsche Zentralverwaltung für das Gesundheitswesen ebd. ebenda engl. Englisch et al. et alii [lat.] = und andere EW Einwohner FDGB Freier Deutscher Gewerkschaftsbund FDJ Freie Deutsche Jugend Hz Hertz kHz Kilohertz KPD Kommunistische Partei Deutschlands lat. Lateinisch M Mark der Deutschen Demokratischen Republik MDN Mark der Deutschen Notenbank MMM Messe der Meister von Morgen MPhG Masseur- und Physiotherapeutengesetz NSDAP Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei o. Pag. ohne Paginierung o.V. ohne Verfasserangabe
PhysTh-APrV Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für Physiotherapeuten PNF Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation SBZ Sowjetische Besatzungszone SED Sozialistische Einheitspartei Deutschland SMAD Sowjetische Militäradministration SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands Tab. Tabelle TENS transkutane elektrische Nervenstimulation UDSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken USA United States of America [engl.] = Vereinigte Staaten von Amerika VBE Vollbeschäftigteneinheit Vgl. Vergleiche VR Volksrepublik WCPT World Confederation for Physical Therapy [engl.] = Weltkonföderation für Physikalische Therapie WHO World Health Organization [engl.] = Weltgesundheitsorganisation z.B. zum Beispiel ZK Zentralkomitee ZVK Zentralverband der Physiotherapeuten / Krankengymnasten
% Prozent
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
Abbildung Titel Seite Abb. 1: Vergleich der Unterrichtsanteile in der Physiotherapieausbildung der DDR mit den derzeitig gültigen Ausbildungsrichtlinien von 1994............... 49 Abb. 2: Entwicklung verschiedener Lehrgebiete in der Physiotherapieausbildung
Tabelle Titel Seite Tab. 1: Übersicht über die abschnittsweise Erwachsenenqualifizierung in der
Fachrichtung Physiotherapie ............................................................................... 41
Einleitung 1 Problemhintergrund
1 Einleitung
1.1 Problemhintergrund
Bereits seit einigen Jahren befindet sich die Physiotherapie in Deutschland auf dem Weg der Professionalisierung. Darunter kann ein Entwicklungsprozess verstanden werden, der für Berufe notwendig ist, sich dem Phänomen der Profession anzunähern. Der Begriff Profession wird von Büschges (2007, S. 514) als „ein für die Gesellschaft relevanter Dienstleistungsberuf mit hohem Prestige und Einkommen, der hochgradig spezialisiertes und systematisiertes, nur im Laufe langer Ausbildung erwerbbares, technisches und/oder institutionelles Wissen relativ autonom und kollektivitätsorientiert anwendet“ definiert. Bezogen auf das Fachgebiet der Physiotherapie wurden von Schämann (2006, S.32-38) als charakteristische Wesensmerkmale der Professionalisierung der Erwerb von Autonomie im beruflichen Handeln, der Aufbau eines spezialisierten und systematisierten Fachwissens, die Konstituierung einer einflussreichen und berufsständigen Organisation, eine vom Berufsstand etablierte akademische Ausbildungsstruktur sowie die Kodifizierung berufsethischer Normen identifiziert. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt konnte jedoch nicht für sämtliche genannten Kriterien ein gleiches Ausmaß in der Umsetzung erreicht werden.
Bezüglich der Verwissenschaftlichung des Fachwissens wurden in den letzten Jahren bereits große Fortschritte realisiert. Hierfür bildete die Einführung einer Dokumentation von Untersuchungsergebnissen sowie eines Behandlungsplanes und -verlaufes eine wichtige Voraussetzung, wodurch gleichzeitig die Therapiesteuerung verbessert und eine Erfolgskontrolle gesichert werden konnten. Ein weiterer bedeutsamer Schritt zur fachlichen Autonomie wurde dadurch erreicht, dass Physiotherapeuten bei der Entwicklung von Lehrbüchern nicht mehr bloß Koautoren von Ärzten sind, sondern nunmehr ihre Fachliteratur selbst schreiben. Darüber hinaus spielen in der Physiotherapie Qualitätssicherung, Evidenzbasierung sowie die Durchführung von Effektivitätsstudien eine zunehmende Rolle (Hüter-Becker 2004b, S. 42-45).
Im Gegensatz zu diesen positiven Entwicklungen blieb die berufliche Handlungsautonomie auf die Konzipierung und Ausdifferenzierung von neuen Behandlungstechniken beschränkt. Hierbei bestimmen jedoch die Spitzenverbände der Krankenkassen darüber, in wie weit eine Therapiemethode als „verordnungsfähig“ im Sinne der Heilmittelrichtlinien eingestuft werden kann. Ferner sind Physiotherapeuten, da sie dem Heilpraktikergesetz aus dem Jahr 1939 unterliegen, für die Durchführung von Behandlungsmaßnahmen im therapeutischen und rehabilitativen Sektor auf eine vorangegangene ärztliche Verordnung angewiesen. Lediglich
Einleitung 2 Problemhintergrund
auf dem Gebiet der Prävention dürfen Physiotherapeuten als „First-Contact Practitioner“, d.h. ohne ärztliche Überweisung, eigenständig tätig werden. Während sich dieses Prinzip beispielsweise in den USA, in Australien, Schweden und den Niederlanden für alle physiotherapeutischen Handlungsbereiche erfolgreich durchsetzen konnte (Goodman / Snyder 2007; Leemrijse et al. 2008; Leinich 2007; Repschläger 2007), wurde durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 26.08.2009 die bestehende rechtliche Lage in Deutschland bekräftigt (BVerwG 2009). Demnach verfügen die deutschen Physiotherapeuten nicht über die notwendigen diagnostischen Kenntnisse zur eigenverantwortlichen Krankenbehandlung und benötigen für die Durchführung von Therapiemaßnahmen ohne ärztliche Verordnung eine auf die Ausübung der Physiotherapie beschränkte Heilpraktikererlaubnis. Folglich ist zu konstatieren, dass die Entwicklung der Handlungsautonomie durch die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen stark eingeschränkt wird.
Mit der Einführung des „Neuen Denkmodells“ im Jahr 1997 trat ein Paradigmenwechsel im Selbstverständnis des Fachgebietes ein. So wurde durch dieses neue Theoriemodell die klassische Gliederung von physiotherapeutischen Anwendungen, die sich bis dahin an den klinischen Fächern der Medizin orientierte, verlassen und stattdessen die Organ- und Funktionssysteme, an denen physiotherapeutische Interventionen ihre Wirkungen entfalten, in den Blickpunkt genommen. Infolgedessen dient die Behandlung nicht mehr, wie in Zeiten biomedizinischen Verständnisses, der Beseitigung von Störungen im somatischen und psychischen Bereich, sondern zielt darauf ab, die Funktionen des Bewegungssystems und der inneren Organe, die Bewegungsentwicklung und Bewegungskontrolle sowie das Verhalten im Alltag des Patienten positiv zu beeinflussen. Die heutige Physiotherapie steht somit für ein ganzheitliches Konzept, in dem der Leib-Seele-Dualismus überwunden wurde und davon ausgegangen wird, dass sämtliche Funktionssysteme, die als „Wirkorte“ bezeichnet werden, miteinander verbunden sind (Hüter-Becker 1997, S. 565-569). Die Umsetzung dieser neuen Denkweise wird jedoch durch die aktuelle Ausbildungs- und Prüfungsverordnung von 1994 erschwert, da sie die berufstheoretischen und fachpraktischen Lehrinhalte nach den medizinischen Fachgebieten gliedert (PhysTh-APrV 1994). Des Weiteren nimmt die Physiotherapieausbildung im deutschen Bildungssystem eine Sonderstellung ein, da sie nicht im Berufsbildungsgesetz integriert, sondern durch das Masseur- und Physiotherapeutengesetz geregelt wird (MPhG 1994). Das Gesetz schreibt eine dreijährige Ausbildung an Berufsfachschulen vor, wobei mindestens 2900 Stunden in theoretischen und praktischen Unterrichtseinheiten sowie 1600 Stunden in praktischer
Einleitung 3 Problemhintergrund
Ausbildung absolviert werden müssen. Obwohl die Ausbildung mit einem Staatsexamen abschließt, existiert kein einheitliches und national verbindliches Curriculum. 1 Darüber hinaus wird die Mehrzahl der gegenwärtig bestehenden 268 Berufsfachschulen als so genannte Ersatzschulen in freier Trägerschaft geführt (ZVK 2010a). Die Qualität der Ausbildung sowie die materielle Ausstattung der Bildungseinrichtungen unterliegen derzeitig ökonomischen Zwängen und variieren somit deutlich. Bislang konnte sich auch noch kein verbindliches Qualitätssicherungssystem etablieren. Ferner gibt es bei den Schulaufsichtsbehörden der verschiedenen Bundesländer keinen Konsens über die notwendigen Qualifikations-anforderungen des Lehrpersonals.
Da die Ausbildung von Physiotherapeuten in den übrigen europäischen Ländern an Fachhochschulen bzw. Universitäten verortet ist, wurden im Zuge des Bologna-Prozesses ab 2001 auch in Deutschland erste Bachelor-Studiengänge für Physiotherapeuten an Fachhochschulen etabliert (Scherfer 2004, S. 47-53). Lange Zeit konnte ein Studium jedoch nur ausbildungsbegleitend (dual) oder im Anschluss an eine schulische Physiotherapieausbildung aufgenommen werden. Eine Gesetzesänderung im Jahr 2009 ermöglicht, zunächst im Modellversuch bis 2015, die Einführung von primärqualifizierenden Studiengängen in der Physiotherapie (Bundesministerium für Gesundheit 2009). Gegenwärtig bieten bundesweit 26 Fachhochschulen die Möglichkeit für ein Bachelor-Studium an. Obwohl derzeit bereits 14 Studiengänge akkreditiert sind, divergiert die inhaltliche Schwerpunktsetzung stark. 2 Darüber hinaus wurde seit 2005 an 7 deutschen Hochschulen die Qualifizierung für einen Master-Studiengang geschaffen (ZVK 2010b). Zusammenfassend ist jedoch festzustellen, dass der Erwerb eines akademischen Grades in der Physiotherapie die Ausnahme darstellt. So ermittelte Juhnke (2009) in ihrer Untersuchung, dass gegenwärtig nur etwas mehr als 1% der praktizierenden Physiotherapeuten in Deutschland über einen berufsspezifischen Hochschulabschluss verfügen. Des Weiteren existieren auf dem Arbeitsmarkt nur wenige Stellen, die ein der Qualifizierung angemessenes Beschäftigungsverhältnis sowie die damit verbundene Vergütung garantieren.
1 Im Masseur- und Physiotherapeutengesetz sowie in der dazugehörigen Ausbildungs- und Prüfungs-
verordnung sind lediglich Vorschriften zu dem Ausbildungsablauf, den Prüfungen und den Lehrinhalten
enthalten. Die didaktische Umsetzung obliegt auf Grund der in Deutschland existierenden föderalistischen
Strukturen den jeweiligen Bundesländern.
2
Während an einigen Fachhochschulen für Physiotherapie biomedizinische und berufsspezifische Inhalte
akzentuiert werden, dominiert an anderen Hochschuleinrichtungen die Vermittlung von personal- und
betriebswirtschaftlichen Kenntnissen oder auch die wissenschaftliche Methodenlehre (Schämann 2006, S.
20-23).
Einleitung 4
Forschungsziel und erkenntnisleitende Fragestellungen
Da die geplante Neukonzipierung der Physiotherapieausbildung in Deutschland die Berücksichtigung von Vergangenem einschließen sollte, ist es unabdingbar auch die Ausbildungsstrukturen der ehemaligen DDR zu beleuchten. So erfuhr die Ausbildung von Physiotherapeuten bereits in der DDR durch die Umgestaltung von einer Berufsausbildung in eine medizinische Fachschulausbildung eine Aufwertung. Erste Ansätze für eine Akademisierung wurden dadurch bereits von dem Bildungssystem der DDR initiiert. Nach der deutschen Wiedervereinigung fanden diese aufgebauten Strukturen im neuen gemeinsamen Berufsgesetz sowie in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung keine Beachtung. Indem man die Chance zur Implementierung einer gesamtdeutschen akademischen Ausbildungsstruktur verpasste, gingen auch die bereits gewonnenen Erfahrungen aus der DDR für die derzeitig angestrebte Professionalisierung der Physiotherapie verloren. Zu erwähnen sind hierbei insbesondere das damalige ganzheitlich ausgerichtete Therapieverständnis des Fachgebietes sowie die Anwendung von klinischexperimentellen Forschungsmethoden zur Entwicklung optimaler Behandlungsstrategien. Des Weiteren fand seit 1990 kein wissenschaftlicher Diskurs über die erhaltenswerten Anteile der medizinischen Fachschulausbildung der DDR statt.
1.2 Forschungsziel und erkenntnisleitende Fragestellungen
Primäres Ziel dieser Forschungsarbeit ist es, die Entwicklungslinien der Physiotherapie in der DDR aufzuzeigen. Durch eine historische Überblicksarbeit soll hierbei die Position des Fachgebietes im Gesundheitswesen der DDR skizziert sowie die Ausbildung von Physiotherapeuten dargestellt werden. Ein weiteres Anliegen der Untersuchung besteht darin, diese aktuelle Forschungslücke innerhalb der Geschichte der Physiotherapie zu reduzieren und somit einen Beitrag zur Identitätsbildung des Fachbereichs zu leisten.
In diesem Zusammenhang ergaben sich folgende Fragestellungen:
Unter welchen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen erfolgte die Entwicklung des Fachgebietes in der DDR und in wie weit kam der Physiotherapie innerhalb des komplexen Systems der medizinischen Betreuungsbereiche eine tragende Funktion zu?
Welches theoretische Konzept lag dem Selbstverständnis des Fachgebietes zugrunde und in welche Teilgebiete wurde die Physiotherapie gegliedert?
Einleitung 5
Forschungsstand, Untersuchungsmethodik, Vorgehensweise Welchen Stellenwert nahmen die Forschung sowie die Anwendung von evidenzbasierten Behandlungstechniken auf dem Gebiet der Physiotherapie ein und wo lag die Schwerpunktsetzung bei physiotherapeutischen Behandlungsmaßnahmen? Welche Entwicklungsetappen der Physiotherapieausbildung lassen sich im gesellschaftlich-historischen Kontext der DDR identifizieren und in welchem politischen Rahmen waren die jeweiligen Veränderungen eingebettet? Wie veränderte sich in den jeweiligen Lehr- bzw. Studienplänen das quantitative Stundenvolumen bezüglich des berufstheoretischen und fachpraktischen Unterrichts sowie der praktischen Ausbildung am Patienten?
Wie sahen die Qualifikationswege für Physiotherapeuten in der DDR aus?
1.3 Forschungsstand, Untersuchungsmethodik, Vorgehensweise
Seit der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 fand kaum ein Diskurs über die Position der Physiotherapie im Gesundheitswesen der DDR statt, noch wurde über erhaltenswerte Anteile der medizinischen Fachschulausbildung von Physiotherapeuten diskutiert. Auch wurde in den derzeitigen Professionalisierungsbestrebungen für das Fachgebiet die Notwendigkeit zur Aufarbeitung der historischen Entwicklungslinien des Berufes in der DDR nicht erkannt. Infolgedessen existieren in der Fachliteratur nur vereinzelte Beiträge zum Thema, die die Vergangenheit bruchstückhaft skizzieren (Hüter-Becker 2004a, S. 27-29). Selbst in einer Chronik zum 60jährigen Bestehen des deutschen Zentralverbandes der Physiotherapeuten / Krankengymnasten (ZVK) wurde zur Physiotherapie in der DDR nur marginal Stellung bezogen (Deutscher Verband für Physiotherapie 2009, S. 35). Lediglich die „Zeitschrift für Physiotherapeuten“ widmete sich in den letzten Jahren in verschiedenen Beiträgen der Thematik, wobei allerdings vorrangig die Entwicklungsgeschichte verschiedener Behandlungstechniken dargestellt wurde (Wilda-Kiesel 1998, 2003). Ferner veröffentlichte die oben genannte Zeitschrift zwei Beiträge zur medizinischen Fachschulausbildung von Physiotherapeuten in der DDR, die sich jedoch nur auf den letzten Zeitabschnitt zwischen 1974 und 1989 bezogen (Hüttich 2006a) bzw. die Veränderungen innerhalb eines Lehrgebietes aufzeigten (Hüttich 2006b). Des Weiteren wurden im Jahr 2000 drei Interviews mit Physiotherapeutinnen, die in der DDR-Zeit tätig waren, veröffentlicht (Böttcher 2000; Ehrhardt 2000; Popp 2000). Diese ermöglichten einen Einblick in die damaligen Arbeitsbedingungen und zeigten die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Fachgebietes in der DDR auf.
Einleitung 6
Forschungsstand, Untersuchungsmethodik, Vorgehensweise
Eine Übersicht zur Ausbildung der mittleren medizinischen Fachkräfte in der DDR wurde durch Wolff (1994) erarbeitet, wobei jedoch die Pflegeberufe im Vordergrund standen und somit die Besonderheiten in der Physiotherapieausbildung weitgehend unberücksichtigt blieben. Während in der Pflege eine Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung der beruflichen Bildung in der DDR bereits in den letzten Jahren statt fand (Thiekötter 2006), geschah dies nicht für den Fachbereich der Physiotherapie. Somit ist zu konstatieren, dass der derzeitig vorhandene Fundus an Literatur zur Physiotherapie in der DDR als defizitär einzustufen ist.
Ausgehend von dem beschriebenen lückenhaften Forschungsstand wurden in einem ersten Arbeitsschritt der Heuristik erkenntnisleitende Fragestellungen entwickelt. Hierbei begründete das Vorhaben unbekannte Aspekte und neue Zusammenhänge zu beschreiben die Wahl für ein qualitatives Forschungsdesign. Als geeignetes nichtreaktives Verfahren zur Materialerhebung wurde für die Untersuchung die Sammlung von Dokumenten bzw. Quellen ausgewählt. Hierzu wurden in Berlin das Bundesarchiv sowie die dazugehörige Bibliothek, die Medizinische Bibliothek der Charité am Campus Mitte und die Bibliothek des Instituts der Geschichte der Medizin genutzt. Darüber hinaus wurden in Dresden die Bibliothek der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum sowie die Zentralbibliothek, die Zweigbibliothek Erziehungswissenschaften und die Zweigbibliothek Medizin mit deren Teilbibliothek Geschichte der Medizin der Sächsischen Landesbibliothek Staats- und Universitätsbibliothek in die Recherche einbezogen. Ferner wurden weitere Primärquellen in der Deutschen Nationalbibliothek am Standort Leipzig erschlossen.
Zu Beginn der Recherche wurden die zur Verfügung stehenden traditionellen Quellen rückwärts bibliographiert, d.h. die Hinweise im Literaturverzeichnis auf Primärquellen zurückverfolgt. Von besonderer Relevanz waren drei Fachzeitschriften der DDR„Humanitas“, „Zeitschrift für Physiotherapie“ sowie „Heilberufe“. Für die Entwicklung der Aus-, Weiter- und Fortbildung von Physiotherapeuten in der DDR war die Zeitung „Humanitas“, die von der Gewerkschaft Gesundheit im FDGB ab 1961 in einem zweiwöchentlichen Abstand herausgegeben wurde, aussagekräftig. In dem Zeitfenster von 1949-1960 wurden diesbezügliche Informationen der Zeitschrift „Heilberufe“ entnommen. Das Auffinden von verwendbarem Material gestaltete sich jedoch aufwändig, da die Ausgaben nicht digitalisiert vorlagen und somit keine elektronische Schlagwortsuche erfolgen konnte. Insbesondere in der Zeitung „Humanitas“ mussten auf Grund mangelnder Literaturverweise die einzelnen Jahrgänge manuell durchsucht werden. Hinsichtlich der
Einleitung 7
Forschungsstand, Untersuchungsmethodik, Vorgehensweise
Bedeutung des Fachgebietes im Gesundheitswesen der DDR brachte die „Zeitschrift für Physiotherapie“ viele Erkenntnisse. Dabei wurde das Auffinden verwertbarer Publikationen ab 1980 durch eine elektronische Suchhilfe erleichtert.
Um weitere Primärquellen zum Themengebiet zu erschließen, wurde die Suche auf die Akten des Bundesarchivs Berlin erweitert. Dabei wurden mit Hilfe von Schlagworten in der elektronischen Archivgutsuche (ARGUS) die Bestandssignaturen des Ministeriums für Gesundheitswesen (DQ 1) sowie des Instituts für Weiterbildung mittlerer medizinischer Fachkräfte (DQ 110) systematisch durchgesehen. Dies war möglich, da die sonst übliche 30jährige Sperrfrist für Akten des Archivguts der DDR entfiel. An schriftlichen Quellen wurden Protokolle der Ministerdienstberatungen, Verfügungen und Mitteilungen des Ministeriums für Gesundheitswesen sowie Briefe, Zeugnisse und Ausbildungsmaterialien, wie z.B. Lehrprogramme oder Studienpläne, die zu den Forschungsfragen auskunftsfähig waren, in die Datenerhebung einbezogen und ausgewertet. Darüber hinaus fanden die Gesetzesblätter und statistischen Jahrbücher der DDR aus der Bibliothek des Bundesarchivs für die Aufarbeitung der Problemstellung Verwendung. Ferner konnten durch eine Recherche in der Deutschen Nationalbibliothek am Standort Leipzig neue Erkenntnisse zur beruflichen Qualifizierung von Physiotherapeuten eruiert werden, da dort weitere Publikationen des Instituts für Weiterbildung mittlerer medizinischer Fachkräfte verfügbar waren. Schließlich wurden aus der „Zeitschrift für Physiotherapeuten“ die drei Interviews von Physiotherapeutinnen, welche in der DDR-Zeit tätig waren, in die Literatursammlung aufgenommen und mit den Daten aus Literatur- und Quellenfunden verglichen. Zur Erschließung und Auswertung der Primärquellen wurde die historisch-kritische Methode der Geschichtswissenschaft angewandt. Dabei handelte es sich um Arbeitstechniken, die auf dem Prinzip des hermeneutischen Verstehensprozesses beruhen und den gesamten Erkenntnisweg, angefangen vom alleinigen sprachlichen Verständnis bis zur Bestimmung der Aussagekraft von Quellen sowie deren Einordnung in einen größeren historischen Kontext, umfassen. In Anlehnung an Borowsky et al. (1989) wurden zur Vorbereitung der Interpretation die Quellen einer philologisch-hermeneutischen Textkritik sowie einer historischen und ideologischen Kritik unterworfen.
Während die Textkritik darauf abzielte, die Evidenz der Schriften hinsichtlich der Urheberschaft sowie deren Angabe zur Entstehungszeit bzw. den Wortlaut selbst zu hinterfragen, bezog sich die historische Kritik auf den Versuch, die zeitbedingten Eigenheiten der Quellen zu rekonstruieren und somit einer monokausalen Wiedergabe von Fakten bzw. Verhältnissen der Vergangenheit entgegenzuwirken. Schließlich wurde durch eine Ideologiekritik sowohl
Einleitung 8
Forschungsstand, Untersuchungsmethodik, Vorgehensweise
die politisch-gesellschaftliche Perspektive des Quellenverfassers als auch der Standpunkt des Forschenden befragt (Borowsky et al. 1989, S. 157-169).
Bei der kritischen Analyse galt es hierbei in einem ersten Arbeitsschritt die Zugehörigkeit zu einer Quellengruppe zu bestimmen sowie den Fund- bzw. Aufbewahrungsort zu registrieren. In dem Fall, das der äußere Erhaltungszustand die Lesbarkeit beeinträchtigte, hatte darüber ein Vermerk zu erfolgen. Um die sich nun anschließende Textsicherung vorzunehmen, mussten sämtliche fremde Einschübe aus dem Quellenmaterial bereinigt werden. Insbesondere bei den Akten des Bundesarchivs gestaltete sich dies jedoch schwierig, da es sich mitunter um mehrfach korrigierte und inhaltlich geänderte Konzepte handelte. Infolgedessen konnte die Frage, ob die späteren Zusätze bzw. Streichungen vom ursprünglichen Verfasser stammten, nicht immer eindeutig beantwortet werden. Im Rahmen der äußeren Kritik eines Dokumentes war die Frage nach der Entstehungszeit, dem Entstehungsort, dem Verfasser sowie dem Adressaten zu klären. Im Gegensatz dazu diente die innere Kritik der sprachlichen und sachlichen Aufschlüsselung der Texte. Hierfür musste die Bedeutung von heute nicht mehr geläufigen Wortinhalten, von unbekannten Wörtern sowie von Begriffen, die sich im Laufe der Zeit verändert haben, geklärt werden. Des Weiteren war zu berücksichtigen, dass der Sinngehalt von Wörtern in direkter Abhängigkeit zum Kontext stand sowie bestimmte Termini in der DDR ideologisch besetzt waren. Anschließend konnte nach unbekannten Sachverhalten, Entscheidungsabläufen oder Strukturen gesucht werden.
Mit dem Ziel, die gedankliche Abfolge des Quellenmaterials leichter erkennbar werden zu lassen, wurde zu Beginn der Interpretation eine inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Abschnitte vorgenommen. Nachdem der Inhalt des Textes erarbeitet wurde, folgte eine Eingrenzung des Aussagebereichs. Hierbei galt es die Darstellung von Sachverhalten, Auffassungen, Zielsetzungen bzw. Argumentationen in Bezug zur politisch-gesellschaftlichen Position des Verfassers zu setzen sowie die Aussagen in einen größeren historischen Zusammenhang einzuordnen. Als Resultat der Quellenarbeit entstanden schließlich die problemorientierte Übersicht der Ergebnisse und die Bestimmung des Erkenntniswertes für die eigene Fragestellung (Borowsky et al. 1989, S. 160-174).
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde für alle Personenbezeichnungen die männliche Form gewählt, jedoch beziehen sich die Inhalte auf beide Geschlechter.
Die Stellung der Physiotherapie innerhalb des Gesundheitswesens der DDR 9
Übersicht über die Berufsgruppen und deren Aufgaben im physikalisch-therapeutischen Bereich
der DDR
2 Die Stellung der Physiotherapie innerhalb des Gesundheitswesens der DDR
2.1 Übersicht über die Berufsgruppen und deren Aufgaben im physikalisch-therapeutischen Bereich der DDR
Da die DDR im physikalisch-therapeutischen Sektor im Vergleich zur heutigen Situation in der Bundesrepublik Deutschland ein breiteres Spektrum von Berufsgruppen aufwies und zum Teil andere Berufsbezeichnungen existierten, soll im Folgenden eine Übersicht zum besseren Textverständnis gegeben werden.
Die Physiotherapie ging aus dem in der Medizin als „Naturheilkunde“ bezeichneten Gebiet hervor und wurde in der DDR ab 1955/56 unter dem Namen „physikalisch-diätetische Therapie“ geführt. Im Zuge der Anpassung an internationale Entwicklungen wechselte 1961 die Bezeichnung zu „Physiotherapie“ (Krauß 1969, S. 57).
Als Berufsgruppe mit leitender Funktion existierte seit 1956 der „Facharzt für physikalischdiätetische Therapie“, welcher Mitte der 60er Jahre in „Facharzt für Physiotherapie“ umbenannt wurde (Cordes 1979, S. 66). Neben der Koordinierung des Arbeitseinsatzes von medizinischen Fachkräften und deren Unterweisung oblagen ihm die Durchführung der Diagnostik sowie die Überwachung des von ihm erstellten Therapieplanes. Hinsichtlich der Verordnung von physikalisch-therapeutischen Maßnahmen war er als Berater für Ärzte anderer Fachrichtungen tätig (Albrecht 1988, S. 267-279).
Bereits während des Medizinstudiums wurden den künftigen Ärzten Grundkenntnisse des Fachgebietes vermittelt, die sich jedoch auf ausgewählte Inhalte beschränkten (Krauß 1969, S. 58-61). Die Weiterbildung zum Facharzt für physikalisch-diätetische Therapie bzw. zum Facharzt für Physiotherapie sah nach Erlangung der Approbation eine 4-jährige Ausbildungszeit, welche im Zuge der Facharztreform 1967 um ein Jahr erweitert wurde, vor (Krauß 1961, S. 277-288; ebd. 1969, S. 61-62). Anschließend bestand die Möglichkeit einer Subspezialisierung auf den Gebieten der Rheumatologie und der Kardiologie-Angiologie (Stahn 1982, S. 56).
Als medizinische Fachkräfte wurden im physikalisch-therapeutischen Bereich bis 1961 die Berufe „Krankengymnast“, „Masseur und medizinischer Bademeister“ 3 sowie „Hydrotherapeut“ ausgebildet. Für diese Berufe existierten definierte Kompetenzbereiche, wobei sich jedoch zum Teil die Handlungsfelder überschnitten.
3 Die offizielle Bezeichnung lautete „Masseur und medizinischer Bademeister“. Zur Vereinfachung wird im
folgenden Text der Begriff „Masseur“ verwendet.
Die Stellung der Physiotherapie innerhalb des Gesundheitswesens der DDR 10
Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen
Die Krankengymnasten zeichneten sich durch ein weites Aufgabengebiet aus, das sich nicht nur auf die Krankengymnastik am Patienten beschränkte, sondern auch auf die Elektrotherapie und Massage erstreckte (Ministerium des Gesundheitswesen 1951, S. 52-53). Für therapeutische Wasseranwendungen waren hingegen primär Hydrotherapeuten zuständig, welche jedoch nicht an allen Einrichtungen verfügbar waren, so dass in diesen Fällen den Krankengymnasten und den Masseuren dieser Aufgabenbereich übertragen wurde (Krauß 1955, S. 206-207). Das Tätigkeitsfeld von Masseuren lag neben der hydrotherapeutischen Behandlung vorrangig in der Durchführung der Klassischen Massage und Spezialmassagen sowie in diversen Anwendungen aus der Photo- und Elektrotherapie (Zeibig 1976, S. 14). Parallel zu den oben genannten Berufen wurden „Badegehilfen“, „Medizinische Bademeister“ und „Krankengymnastikhelfer“ als Hilfspersonal ausgebildet. Diese übernahmen vor allem im Bäderbereich vor- und nachbereitende Aufgaben und leisteten den Patienten Hilfestellung (Gehring 1952, S. 2; Institut für Weiterbildung mittlerer medizinischer Fachkräfte 1963, S. 3-5).
1961 wurde der Universalberuf „Physiotherapeut“ durch die Zusammenlegung der Berufe „Krankengymnast“ und „Hydrotherapeut“ eingeführt, welche in der Konsequenz dieser Umstrukturierung nicht mehr ausgebildet wurden. Des Weiteren wurde im Zuge dieser Veränderungen das Berufsbild des „Krankengymnastikhelfers“ abgeschafft und die Ausbildung von Masseuren stark eingeschränkt. 4
Sämtliche erwähnten medizinischen Fachkräfte waren für die Durchführung der Therapiemaßnahmen auf eine ärztliche Verordnung angewiesen (Binder 1990, S. 133-136).
2.2 Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der DDR die Organisation und der Aufbau des Gesundheitswesens nach sozialistischen Grundsätzen geschaffen und sich dabei am sowjetischen Modell orientiert. Infolgedessen kam es zur staatlichen Lenkung im Gesundheitswesen sowie zum Aufbau von zentralistischen und hierarchisch gegliederten Strukturen. Personelle und materielle Erfordernisse wurden in die jährlichen Volkswirtschaftspläne eingearbeitet. Alle grundsätzlichen Entscheidungen auf dem Gebiet des Gesundheitswesens gingen vom Gesundheitsministerium der DDR aus, das allerdings an die Direktiven des Zentralkomitees der SED gebunden war (Spaar 1999, S. 30-34). Die Aufwendungen aus dem Staatshaushalt für das Gesundheits- und Sozialwesen stiegen mit dem wachsenden
4 Vgl. hierzu: Brief von Dr. Neubert zur Ausbildung von medizinischen Hilf- und mittleren medizinischen
Fachkräften in der Physiotherapie, 6.6.1967. In: DQ 1, 10450, o. Pag.
Die Stellung der Physiotherapie innerhalb des Gesundheitswesens der DDR 11
Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen
Nationaleinkommen der DDR von Jahr zu Jahr, blieben jedoch anteilig zwischen 5 und 6% eine relativ konstante Größe bei den Staatsausgaben (Ruban 1981, S. 106). 5 Durch die Zahlung eines geringen Beitrages in die Sozialversicherung hatten die Bürger der DDR als Patienten kostenlosen Zugang zu allen ambulanten und stationären medizinischen Einrichtungen.
In der medizinischen Betreuung wurde primär der ambulante Bereich umgestellt. So verringerte sich die Anzahl der Ärzte, die ihre Tätigkeit in eigener Niederlassung ausübten, stetig, während die Zahl von staatlichen Arztpraxen von 298 im Jahr 1960 auf 1631 im Jahr 1982 anstieg. Mit dem Ziel der Erhöhung der Leistungsfähigkeit und der Verbesserung der Qualität wurden im ambulanten Sektor zunehmend mehr Polikliniken und Ambulatorien konstituiert. Verfügte die DDR 1950 lediglich über 184 Polikliniken, so waren es 1982 bereits 577 (o.V. 1984, S. 3). 6 In diesen ambulanten Versorgungszentren der DDR bestanden gute Möglichkeiten der interdisziplinären Zusammenarbeit, die durch eine gemeinsam betriebene Röntgen- und Labortechnik unterstützt wurde. Lästige Überweisungsverfahren konnten dadurch vermieden werden, so dass sich der Diagnose-Therapie-Prozess verkürzte. Allerdings wurden diese potentiellen Vorteile oftmals durch erhebliche Mängel bei der technischen Ausstattung blockiert.
Konsequent wurde auch bei den stationären Einrichtungen dieser Konzentrationsprozess in der medizinischen Betreuung durchgeführt. Durch die Auflösung kleinerer Hospitale bzw. das Zusammenlegen mehrerer Häuser zu einer größeren leistungsfähigeren Einheit, ging die Zahl der Krankenhäuser in der DDR ständig zurück, bei gleichzeitiger Zunahme der Bettenzahl je Anstalt. Seit 1965 wurde aber auch die Gesamtzahl der Betten ständig reduziert (Ruban 1981, S. 116). Dies geschah auf Grund des nachlassenden Bedarfs, der auf dem Rückgang bestimmter Infektionskrankheiten, wie z.B. der Tuberkulose und der immer kürzer werdenden Verweildauer je Patient beruhte. Kleinere Krankenhäuser, die nicht wie Universitätskliniken und Bezirkskrankenhäuser die Funktion einer Leitklinik 7 innerhalb einer Region hatten, waren jedoch häufig überbelegt und ihre technische Ausrüstung veraltet. Darüber hinaus fehlte es an Pflegepersonal.
5 Vgl. Anhang: A 1.
6 Vgl. Anhang: A 2.
7 Die Leitkliniken übernahmen richtungsweisende Aufgaben für die in ihrem Bezirk untergeordneten
Krankenhäuser und gaben somit medizinische Standards für die Diagnostik und Therapie vor. Auf Grund
der in den Leitkliniken vorhandenen speziellen apparativen Ausstattung wurden Patienten mit komplizierten
Krankheitsgeschehen bevorzugt in diese Einrichtungen überwiesen (Vgl. Ruban 1981, S. 30-32; Wolf 2000,
S. 137).
Die Stellung der Physiotherapie innerhalb des Gesundheitswesens der DDR 12
Die Entwicklung des Fachgebietes in der DDR
Die Konzentration ärztlicher Arbeitsplätze zwang auch in der Physiotherapie zur Schaffung leistungsfähiger Einrichtungen in Polikliniken oder Ambulatorien. Dieser Transformationsprozess in der physiotherapeutischen Betreuung kann am Beispiel der Hauptstadt der DDR belegt werden. Erfolgte 1949 in Ost-Berlin die physiotherapeutische Behandlung noch an 358 Einrichtungen, so verblieben 1964 noch 200 und im Jahre 1980 lediglich 152 Standorte. 8 Da kaum noch Genehmigungen für die selbständige Tätigkeit von Physiotherapeuten erteilt wurden, verringerte sich vor allem die Anzahl von Praxen und medizinischen Badeanstalten in eigener Niederlassung. So stellte die Selbständigkeit bei Physiotherapeuten bereits zu Beginn der 70er Jahre eine absolute Ausnahme dar (Panzer et al. 1983, S. 66). Insgesamt kam es zu einer Konzentration von physiotherapeutischen Einrichtungen in Wohngebieten mit größerer Einwohnerzahl (Brückner et al. 1973, S. 31-35). Spezielle physiotherapeutische Behandlungstechniken wurden somit häufig nur noch in größeren Kliniken angeboten, was sich durch die lange Anreise negativ auf die Möglichkeit einer adäquaten und regelmäßigen Behandlung auswirkte (Brückner et al. 1973; Ehrhardt 2000; Popp 2000).
Zusammenfassend ist zu konstatieren, dass es dem Ministerium für Gesundheitswesen der DDR nicht gelang eine gute Relation von leistungsfähigen großen physiotherapeutischen Einrichtungen und dezentralisierten kleinen physiotherapeutischen Abteilungen zu schaffen, so dass als Folge dieser Entwicklung innerhalb der DDR oftmals territoriale Disproportionen in der ärztlichen und insbesondere der physiotherapeutischen Versorgung entstanden.
1984 wurden diese Missstände offen von der Gesellschaft für Physiotherapie thematisiert: „Trotz Bereitstellung umfangreicher personeller, materieller und finanzieller Fonds für das Fachgebiet der Physiotherapie führte dies noch nicht in allen Territorien der DDR zu einer spürbaren Verbesserung der physiotherapeutischen Betreuung unserer Bürger und zur Zufriedenheit der Bürger mit ihrer physiotherapeutischen Behandlung“ (Gesellschaft für Physiotherapie der DDR 1984, S. 6).
2.3 Die Entwicklung des Fachgebietes in der DDR
Die Anfänge bei der Neugestaltung des Gesundheitswesens in der DDR wurden maßgeblich durch den Arzt und Gesundheitspolitiker Maxim Zetkin geprägt. Er erkannte der Physiotherapie für die medizinische Betreuung eine entsprechende Bedeutung zu, obwohl ein
8 Vgl. Anhang: A 3.
Arbeit zitieren:
Uwe Schwender, 2011, Die Ausbildung von Physiotherapeuten und die Bedeutung des Fachgebietes in der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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