2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die ritterlichen Normen des Essverhaltens 4
2.1 Die Quelle „Disciplina clericalis“ von Petrus Alfonsi 4
2.1.1 Charakterisierung der Quelle 4
2.1.2 Die Kernaussagen der Quelle 5
2.2 Weitere Tischsitten 6
2.3 Die Entwicklung des Normensystems 7
3. Der Ritter im Kontext der höfischen Gesellschaft 9
3.1 Soziologische Vorbetrachtungen 9
3.2 Tischsitten als Ausdruck höfischer Lebensweise 10
3.3 Tischsitten als Form von Tugend und Selbstdisziplin 12
3.3.1 Tugenden als soziales Distinktionskriterium des Adels 12
3.3.2 Tischsitten als Ausdruck von Selbstdisziplin 13
4. Die Tischsitten der Ritter im Vergleich mit den modernen 14
5. Fazit 16
Anhang 19
Quellen - und Literaturverzeichnis 20
3
1. Einleitung
Die modernen Tischsitten sind in ihrer aktuellen Ausprägung keine Selbstverständlichkeit, sondern sie haben sich im Laufe der Zeit herausgebildet und weiterentwickelt. Anfänge einer für die Moderne relevanten Disziplinierung des Essverhaltens lassen sich bis auf die ritterlichen Tischsitten des Mittelalters zurückverfolgen. Vor diesem Hintergrund dient es einem besseren Verständnis der eigenen kulturellen Entwicklung und der Lebensweise der Ritter, sich im Rahmen einer Arbeit über das Alltagsleben im Mittelalter mit deren Tischsitten zu beschäftigen. In methodischer Hinsicht wird hierbei die Geschichte des Alltags als Geschichte der Lebensformen, des Lebensstils und der Lebensführung verstanden. 1 Das Alltägliche wird in diesem Rahmen als grundsätzliche Äußerungsform des täglichen Lebens aufgefasst, welche das Permanente, sowie das Generelle und Traditionelle widerspiegelt. 2 Der Alltag umfasst somit auch die Strukturen der menschlichen Gesellschaft 3 , worunter unter anderem sozial verbindliche Normen fallen können. Die Tischsitten sind dafür ein konkretes Beispiel.
Die Leifrage der Arbeit ist daher, ob die Tischsitten der Ritter mehr waren als nur ein Normensystem des Essverhaltens. Sie zielt darauf ab, neben der Darstellung entsprechender Tischverhaltensnormen das strukturell prägende soziale Umfeld, vor allem die höfische Kultur mit ihrem spezifischen Normensystem zu untersuchen. Anhand dessen soll aufgezeigt werden, dass die Tischsitten der Ritter im Kontext dieses sozial verbindlichen Regelsystems zu verstehen sind. Der theoretische Rahmen wird daher in Abgrenzung zu akteurstheoretischer Vorgehensweise im Wesentlichen von einer strukturalistischen Analyse, welche sich auf die sozialen Prägungen der Normen fokussiert, dominiert sein. In der Arbeit werden zunächst elementare ritterliche Tischsitten dargestellt. Zu diesem Zweck wird hauptsächlich auf die Quelle „Disciplina clericalis“ 4 von Petrus Alfonsi zurückgegriffen, weil sich in einem Unterabschnitt des 26. Kapitels viele Verhaltensregeln für gesittetes Essverhalten finden lassen. Andere Quellen wie die von Thomasin von Zerclaere im „Wälschen Gast“ 5 dargestellten Tischsitten oder die Regeln Tannhäusers in seiner „Tischzucht“ 6 spielen demgegenüber nur eine sekundäre Rolle, so zum Beispiel im sich
1 Vgl. Delort, Robert: Geschichte des mittelalterlichen Alltags. Theorie - Methoden - Bilanz der Forschung. In:
Mensch und Objekt im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. Leben - Alltag - Kultur. (= Veröffentlichungen des
Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit Nr. 13.) Wien 1990, S. 53
2 Vgl. ebd., S. 53 und 65
3 Vgl. ebd., S. 65
4 Petrus Alfonsi, Disciplina clericalis, Exemplum XXVI. Übersetzt in: Nonn, Ulrich (Hrsg.): Quellen zur
Alltagsgeschichte im Früh- und Hochmittelalter. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe, Zweiter Teil,
Darmstadt 2007, S. 276-279
5 Thomasin von Zerclaere, Wälscher Gast, 471-513. Zitiert in: Wenzel, Horst: Tisch und Bett - Zur
Verfeinerung der Affekte am mittelalterlichen Hof. In: Ruhe, Doris / Spieß, Karl-Heinz (Hrsg.): Prozesse der
Normbildung und Normveränderung im mittelalterlichen Europa. Stuttgart 2000, S. 318-319
6 Tannhäuser, Tischzucht V. 21-82. Zitiert in: Nonn (Hrsg.), Quellen zur Alltagsgeschichte im Früh- und
Hochmittelalter, S. 278-281
4
anschließenden Abschnitt zur Weiterentwicklung der Normen des Essverhaltens. Daraufhin folgt der analytische Hauptpunkt der Arbeit, in welchem die Tischsitten der Ritter in den Kontext der höfischen Gesellschaft gestellt werden. Um dies auf profunde Weise zu tun, werden zunächst soziologische Vorbetrachtungen durchgeführt, damit die Korrelation von Tischsitten und dem Ausdruck gesellschaftlich relevanter Normen deutlich wird. Des Weiteren geht die Analyse der Frage nach, inwiefern die Praktizierung von Tischsitten ein Ausdruck höfischer Verhaltensmuster ist und in welchem Ausmaß damit eine Abgrenzung des Adels von anderen sozialen Gruppen einhergeht. Zuletzt werden im Zuge dieser Analyse die Zusammenhänge von Tischsitten mit Tugend und Selbstdisziplin unter die Lupe genommen. Das letzte Kapitel der Arbeit wird schließlich in Bezug auf die Tischsitten die Relevanz des ritterlichen Mittelalters für die Moderne untersuchen, denn die Frage, ob die Tischsitten der Ritter mehr bedeuten als nur ein Normensystem des Essverhaltens, ermöglicht neben den sozialstrukturellen Analysen einen abschließenden Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ritterlichen und modernen Tischsitten. In der Arbeit erfolgt keine Erwähnung des politisch-historischen Kontextes, weil ein derartiger Rahmen für die soziokulturell orientierte Fragestellung eine nur geringe Relevanz aufweist. Stattdessen erfolgt insgesamt eine kulturgeschichtlich orientierte Einordnung. Zudem wird auf eine gesonderte Darstellung des Ritterbegriffes verzichtet, weil derartige Kenntnisse im Rahmen dieser Arbeit vorausgesetzt werden.
Als wichtige Sekundärtitel sind vor allem Horst Wenzels „Tisch und Bett - Zur Verfeinerung der Affekte am mittelalterlichen Hof“ 7 zu nennen sowie weiterhin Otto Brunners „Die ritterlich-höfische Kultur“. 8
2. Die ritterlichen Normen des Essverhaltens
2.1 Die Quelle „Disciplina clericalis“ von Petrus Alfonsi
2.1.1 Charakterisierung der Quelle
Bei dem Text aus dem Werk „Disciplina clericalis“ handelt es sich um eine literarische Quelle. Der Autor ist der 1062 geborene und etwa 1140 gestorbene Petrus Alfonsi, welcher Arzt von König Alfons I. von Aragon war. 9 Er konvertierte 1106 vom Juden zum Christen 10 , vor diesem Hintergrund ist die Schrift „Dialogi, in quibus impiae Judaeorum opiniones refutantur“ zu verstehen, mit der er die Juden bekehren wollte. 11
7 Die komplette Angabe dazu findet sich bereits in Fußnote Nr. 5.
8 Brunner, Otto: Die ritterlich-höfische Kultur. In: Borst, Arno (Hrsg.): Das Rittertum im Mittelalter. (= Wege
der Forschung Band CCCIL). Darmstadt 1976, S. 142-171
9 Vgl. Reichert, Eckhard: Petrus Alfonsi. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Unter:
http://www.bautz.de/bbkl/p/petrus_alf.shtml (letzter Zugriff am 4.2.2011)
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. ebd.
5
Sein wichtigstes Werk „Disciplina clericalis“ verfasste er um 1110 oder 1120. 12 Wörtlich übersetzt lautet der Titel „Die den Kleriker betreffende Lehre“, allerdings erschien das Werk von Eberhard Hermes 1970 übersetzt unter dem deutschen Titel „Die Kunst, vernünftig zu leben“. 13 Diese Übersetzung ist zwar weit entfernt vom lateinischen Original, trifft in inhaltlicher Hinsicht aber den essenziellen Kern des Werkes besser. Das Werk enthält zwar auch einige religiöse Fragestellungen wie zum Beispiel den Abschnitt „De timore dei“ zu Beginn 14 , fokussiert sich in der Gesamtheit jedoch vor allem auf ethische Fragen in Alltagssituationen, sodass der Bezug zum Titel „Die Kunst, vernünftig zu leben“ gegeben ist. Dies zeigt sich exemplarisch am ersten Kapitel, dem „Exemplum de dimidio amico“. In diesem wird dem halben, d.h. dem nicht wahren Freund, im zweiten Kapitel, dem „Exemplum de integro amico“, der wahre Freund gegenübergestellt. 15 Des Weiteren finden sich in der „Disciplina clericalis“ auch fabelartige Erzählungen wie das von einem Esel und Fuchs handelnde vierte Kapitel, das „Exemplum de mulo et vulpe“. 16 Auch Alltagsthemen wie das Beispiel von zwei Spaßmachern im 21. Kapitel, das „Exemplum de duobus iuculatoribus“ 17 , fanden Eingang in das Werk.
Der für die Analyse der ritterlichen Tischsitten relevante Text ist das Unterkapitel „De modo comedendi“ aus Kapitel 26, welches die Überschrift „Exemplum de duobus fratribus et regis dispensa“ 18 trägt.
Der Aussagewert der Quelle kann als hoch eingestuft werden, da Petrus Alfonsi eine sachorientierte Überlieferung von Sitten und Gebräuchen seiner Zeit gibt, ohne dabei wie in seiner Bekehrungsschrift für die Juden besondere subjektive Ziele zu verfolgen. Der Aussagewert kann zudem als hoch bewertet werden, weil sich die Kernaussagen, wie sich in Kapitel 2.2 zeigen wird, anhand der Darstellung weiterer ähnlicher Tischsitten verifizieren lassen. Weiterhin spricht für die Verlässlichkeit des Autors, dass er der Arzt des Königs war und aus diesem Grund Zugang zum königlichen Hof mit dessen Normensystem hatte. Im Folgenden sollen die Kernaussagen der Quelle zusammenfassend dargestellt werden, um zunächst einen Fundus an ritterlichen Tischsitten aufzeigen zu können
2.1.2 Die Kernaussagen der Quelle
In diesem Abschnitt, der wie auch andere Exempel 19 in Dialogform gehalten ist, erklärt der Vater dem Sohn die Verhaltensregeln beim Essen.
12 Die Quellenlage scheint hier für eine eindeutige Bestimmung der Jahreszahl nicht aussagekräftig genug zu
sein. Vgl. Nonn (Hrsg.), Quellen zur Alltagsgeschichte im Früh- und Hochmittelalter, S. 277
13 Vgl. Reichert, Petrus Alfonsi, unter: http://www.bautz.de/bbkl/p/petrus_alf.shtml (4.2.2011)
14 Vgl. Petrus Alfonsi, Disciplina clericalis. Lateinischer Text unter:
http://www.thelatinlibrary.com/alfonsi.disciplina.html (letzter Zugriff am 4.2.2011)
15 Vgl. ders., Disciplina clericalis, Exemplum I und II. Lateinischer Text unter: ebd.
16 Vgl. ders., Disciplina clericalis, Exemplum IV. Lateinischer Text unter: ebd.
17 Vgl. ders., Disciplina clericalis, Exemplum XXI. Lateinischer Text unter: ebd.
18 Vgl. ders., Disciplina clericalis, Exemplum XXVI. Lateinischer Text unter: ebd.
6
Zunächst betont der Vater, es gebe keinen Unterschied zwischen dem Essverhalten beim König und anderswo 20 , was in der Konsequenz bedeutet, dass den Tischsitten eine generelle Gültigkeit zukommt. Eine wichtige Regel sei es, sich vor dem Essen die Hände zu waschen sowie während des Essens nichts außer der Mahlzeit zu berühren. 21 Des Weiteren nennt der Vater die Regel „iß kein Brot, bevor der zweite Gang auf den Tisch kommt“ 22 . Von ebenso großer Bedeutung ist zudem der Grundsatz, das Essen geduldig und ruhig zu sich zu nehmen. In diesem Sinne sagt der Vater, man solle den Mund nicht vollstopfen und das Essen nicht hinunterschlingen, bevor es gut gekaut ist. 23 Eine weitere Verhaltensregel besagt „ [...] greife nicht zum Becher, bevor dein Mund leer ist [...]“ 24 . Zudem solle man nicht mit vollem Mund sprechen. 25 Des Weiteren ermahnt der Vater den Sohn dazu, den anderen nicht die besonders guten Stücke aus einer Schüssel wegzunehmen, „damit dir nicht schlechtes bäurisches Benehmen nachgesagt wird.“ 26 Der Erwähnung des schlechten bäurischen Benehmens kommt in der Regelaufzählung eine Schlüsselrolle zu, die dementsprechend im Zuge der kontextualen Analyse des Ritters in der höfischen Gesellschaft noch detaillierter unter die Lupe genommen werden wird. Mit dem Verweis auf hygienische Gründe erklärt der Vater zudem den Grundsatz, sich nach dem Essen die Hände zu waschen. 27 Im weiteren Verlauf der Regelunterweisung geht es nun um Verhaltensnormen in Bezug auf direkte soziale Interaktion. So wird das Vorbild der Juden erwähnt, welches besagt, dass Erwiderungen auf eine Einladung zum Essen sich nach der Person des Gastgebers richten sollen: bei hochgestellten Personen müsse man sofort auf die Einladung eingehen, bei Personen niederer Stellung hingegen erst nach dem zweiten oder dritten Mal. 28 Zum Schluss des Gespräches gibt der Vater seinem Sohn den Hinweis, im Falle einer Einladung zum Essen sehr viel zu verspeisen. 29
2.2 Weitere Tischsitten
Eine weitere Norm des guten Essverhaltens sollte sich daran zeigen, dass man sich vor dem Trinken das Bratenfett vom Munde wischte, weil es damals immer nur ein Trinkgefäß für
19 so zum Beispiel Exemplum I, II, XXI und XXVI
20 Vgl. Petrus Alfonsi, Disciplina clericalis, Exemplum XXVI. Übersetzt in: Nonn (Hrsg.), Quellen zur
Alltagsgeschichte im Früh- und Hochmittelalter, S. 277
21 Vgl. ebd.
22 ebd.
23 Vgl. ebd. Bestätigt wird die allgemeine Gültigkeit dieser Regel bei Schneider, Rolf: Vor 1000 Jahren. Alltag
im Mittelalter. Augsburg 1999, S. 195
24 Petrus Alfonsi, Disciplina clericalis, Exemplum XXVI. Übersetzt in: Nonn (Hrsg.), Quellen zur
Alltagsgeschichte im Früh- und Hochmittelalter, S. 277
25 Vgl. ebd.
26 ebd.
27 Vgl. ebd.
28 Vgl. ebd., S. 279
29 Vgl. ebd.
Arbeit zitieren:
Bakkalaureus Artium Steffen Radtke, 2011, Die Tischsitten der Ritter - mehr als nur ein Normensystem des Essverhaltens?, München, GRIN Verlag GmbH
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