Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung 3
1 „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas 4
1.1 Grundlegendes begriffliches Verständnis 7
1.1.1 Gesellschaft 7
1.1.3 Öffentlichkeit 9
1.2 Kritiken 10
2 „Politik im neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Kurt Imhof 12
2.1 Das neue Begriffsverständnis nach Kurt Imhof 12
2.2 Neue Erkenntnisse 13
2.3 Entwicklungsdynamiken und Einflussgrößen 15
3 Zusammenfassung 17
4 Literaturverzeichnis 19
2
0 Einleitung
Die Debatte über die Doktorarbeit des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg hat es erneut bewiesen: Das Internet kann zahllose Unbekannte zu einer Gruppe formen, von denen jeder für sich arbeitet und trotzdem mit Anderen kommuniziert. War vor ein paar Jahren der Fernseher noch das Leitmedium, hat sich nun das Internet durchgesetzt -und das nicht nur bei Informatikern oder Jugendlichen, sondern flächendeckend in Deutschland. Auf der einen Seite titelte das Magazin Der Spiegel „Netz besiegt Minister“ und auf der anderen Seite bildete sich eine Facebook-Gruppe, die innerhalb von 24 Stunden mehr als 300 000 Mitglieder vorweisen konnte (Vgl. dpa 2011, S. 1).
Die Herausbildung der Öffentlichkeit hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Diesen Umstand hat Jürgen Habermas bereits 1962 erkannt. Kurt Imhof hat diese Idee des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“ weiterentwickelt und auf aktuelle Medien bezogen. Christoph Lieber fragt in dem Vorwort des Werkes „Beiträge zu Jürgen Habermas‘ »Strukturwandel der Öffentlichkeit«“:
„Wie ist es heute […] um demokratische Öffentlichkeit, den öffentlichen Raum und die Funktion öffentlicher Meinung bestellt? Was bedeuten zunehmende Medialisierung von Politik und Amerikanisierung von Wahlkämpfen für einen emphatischen Begriff von Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft als Korrektive staatlicher Politik?“ (Lieber 2003, S. 9).
Diese und weiteren Fragen stellt sich auch Kurt Imhof in genannten Aufsatz. Um die Unterschiede und Neuerungen im Gegensatz zu Habermas hervorzuheben, soll diese wissenschaftliche Arbeit folgende Frage beantworten: Was unterscheidet den ‚neuen‘ Strukturwandel der Öffentlichkeit von den Untersuchungen Habermas‘? Dabei wird nach folgender Struktur vorgegangen: Zuerst wird das Verständnis von Habermas‘ „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ erläutert. Es folgen begriffliche Erläuterungen, um eine Grundlage für die folgenden Ausführungen zu schaffen. Dieser erste Abschnitt schließt mit Kritikpunkten an dem Werk, das durch die unaufhaltsame technische Weiterentwicklung viel Angriffsfläche liefert. Im zweiten Teil der Arbeit wird das ‚neue‘ Öffentlichkeitsverständnis von Kurt Imhof erklärt. Erneut wird auf Definitionen von grundlegenden Fachbegriffen aufgebaut - z. B. Politisierung oder Medialisierung. Daraufhin wird nach neuen Erkenntnissen, Entwicklungsdynamiken und Einflussgrößen bei der Untersuchung gefragt. Abschließend werden die gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst und in einem Fazit formuliert.
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1 „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von Jürgen Habermas
Der deutsche Soziologe Jürgen Habermas hat 1962 seine Habilitationsschrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ mit dem Untertitel „Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“ veröffentlicht (Vgl. Imhof 2006, S. 2). Wie die Überschrift bereits verlauten lässt, diagnostiziert er grundsätzliche soziale Transformationen des Öffentlichkeitsverständnisses (Vgl. Lieber 2003, S. 7 f.). Dieser wortwörtliche ‚Wandel‘ vollzieht sich demnach von der repräsentativen Öffentlichkeit hin zur bürgerlichen Öffentlichkeit - einer neuen Form in allen Bereichen der Gesellschaft (Vgl. Habermas 1990,
S. 68 f.). Mithilfe des Drucks 1 war zum ersten Mal eine tagesaktuelle Berichterstattung möglich, die Ort und Zeit in einer neuen Dimension überbrücken konnte, wie nie zuvor. Thematisch beinhaltete sie
„[…] eingehende und weitläufige Nachrichten von Reichstagen, und
Kriegsereignissen, von Ernteerträgen, Steuern, Edelmetalltransporten, vor allem natürlich Nachrichten aus dem internationalen Handelsverkehr.“ (ebd., S. 77 f.)
Die Untersuchung setzt in der frühen Neuzeit an, in der sich Staat und Gesellschaft gegenüber standen und nicht wie nach dem antiken Vorbild als Einheit gesehen wurden. Dem Gewaltmonopol stellte die Gesellschaft die öffentliche Meinung entgegen (Vgl. ebd., S. 76 f.). In „[…] Strukturwandel der Öffentlichkeit stellt Habermas die Geschichte der bürgerlichen Öffentlichkeit als Verfallsprozess dar.“ (Reese-Schäfer 2011, S. 34). Mit der Einführung der klassischen liberalen Öffentlichkeit setzte eine Trennung vom politischen System ein, so stellt
es auch Prof. Dr. Walter Reese-Schäfer 2 dar (Vgl. ebd., S. 1). Er definiert Öffentlichkeit als
„[…] ein Begriff zur Beschreibung des kommunikativen Raums zwischen bürgerlicher Privatsphäre und dem Staat. Sie ist gekennzeichnet durch den freien, allgemeinen, ungehinderten Zugang des Publikums, durch Publizität und damit durch die Möglichkeit der Kritik am autoritären Staat und die autonome Selbstentscheidung des Bürgers.“ (ebd., S. 34 f.)
Die Wurzeln der bürgerlichen Öffentlichkeit stammen aus der Aufklärung und dem Kapitalismus (Vgl. ebd., S. 35; Vgl. Habermas 1990, S. 69 f.). Der Kreis schließt sich am Ende des Werkes von Habermas mit der Hoffnungsäußerung für eine Massendemokratie: Eine Demokratisierung müsse nach aufklärerischem Vorbild einsetzen, in der das liberale Öffentlichkeitsprinzip durchgesetzt werden müsse (Vgl. ebd., S. 340 ff.). Der Soziologe
1 Zum korrekten Verständnis: Gemeint ist hier bspw. der Buchdruck.
2 Walter Reese-Schäfer ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Georg-August Universität Göttingen.
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beschreibt den Wandel hin zu einem literarischen Publikum, welches sich bspw. in der Presse wiederfindet und durch die Kommerzialisierung von Politik und Massenmedien geprägt wird.
Möglich wird diese Entwicklung durch eine Dynamik, die weiter anhalte 3 (Vgl. Lieber 2003, S. 7).
Literarisch ging es auch bei den Treffen des Bildungsbürgertums zu: In den Salons, Tischgesellschaften und Kaffeehäusern trat das Publikum quasi in die Privatsphäre der Gastgeber ein (Vgl. Reese-Schäfer 2001, S. 39 f.). Zugänglich waren diese Zusammenkünfte ausschließlich für die gehobenen bürgerlichen Familien. Genau in diesem Fakt sieht Habermas den Ausgangspunkt des Verfalls, denn Eigentum und Bildung waren im 18. und 19. Jahrhundert noch kein weit verbreitetes Gut (Vgl. Habermas 1990, S. 148). Der Leser erkennt eine strukturierte Vorgehensweise in „Strukturwandel der Öffentlichkeit“: Zuerst leitet der Autor in das Thema ein, skizziert die historische Entstehung und erläutert seinen normativen Begriff der Öffentlichkeit - ausgehend vom klassischen Verständnis (Vgl.
ebd., S. 12; Vgl. Imhof 2006, S. 3). 4 So wird ‚öffentlich‘ als ‚staatlich‘ verstanden und
beziehe „sich auf den nach Kompetenzen geregelten Betrieb eines mit dem Monopol legitimer Gewaltanwendung ausgestatteten Apparats“ (Habermas 1990, S. 75). Es folgen zwei Abschnitte zu den sozialen Strukturen und politischen Funktionen der Öffentlichkeit. Das Kapitel „Bürgerliche Öffentlichkeit - Idee und Ideologie“ beginnt mit einer historischen Begriffslehre und der jeweiligen Einordnung durch Theoretiker, wie John Locke, Edmund Burke oder Jean-Jacques Rousseau. Er schließt mit der Analyse zum eigentlichen Thema des Werkes, dem Strukturwandel und einem Fazit zur öffentlichen Meinung ab (Vgl. Habermas 1990, S. 161 ff.).
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die bürgerliche Öffentlichkeit mit ihren aufklärerischen Ansichten. Von diesem Standpunkt aus analysiert Habermas die Veränderung der Öffentlichkeit und parallel hierzu auch die der Gesellschaft. Beide scheinen sich gegenseitig zu beeinflussen und in einer Wechselbeziehung zu stehen (Vgl. Imhof 2006, S. 3). Wie bereits durch die Gliederung angedeutet wird, differenziert er zwischen sozialen und politischen Größen. Auf der ersten Ebene sieht er durch die „ideologiekritische Methode“ (Reese-Schäfer 2001, S. 35) vor allem die Tendenz hin zur Verknüpfung der öffentlichen und der privaten Sphäre. Das Verhältnis dieser beiden wird ebenso hinterfragt, wie das von Gesellschaft und Staat. Den beschriebenen privaten Bereich versuchte sich das Bürgertum vor dem Staat zu
3 Sie ist als relativ aktuell anzusehen, da das Werk 2003 veröffentlicht wurde.
4 Hier sind „repräsentative“ und „bürgerliche Öffentlichkeit“ gemeint, wobei erstere u. a. durch die eintretende Mediatisierung reduziert wird. Normativ war sein Verständnis daher, weil er danach fragte, wie die Öffentlichkeit aussehen soll bzw. wonach sie sich richten soll. Seine Antwort war die Idee der Aufklärung (Vgl. Habermas 1990, S. 74 f.).
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bewahren. Die über Jahrhunderte entwickelten Klassen würden nach Habermas u. a. durch den erstarkenden Staat ‚verwischen‘ und sich zu einem kritischen Publikum entwickeln. Als Folge werden der Verfall des Bildungsbürgertums und sein sinkender Einfluss gesehen und die Entwicklung vom kulturräsonierenden zum kulturkonsumierenden Publikum erläutert. Hierbei spielt die Entwicklung einer Unterhaltungsindustrie eine große Rolle, da die Bürger neben den Massenmedien ‚untergingen‘. Dies würde heißen, dass keine vernünftigen Schlüsse mehr von dem Rezipierten gezogen werden können (Vgl. Habermas 1990, S. 225 ff.). Bezüglich des politischen Funktionswandels würde die Öffentlichkeit immer mehr „[…] massenmedial ‚hergestellt‘ […]“ (Imhof 2006, S. 3).
Manipulative Werbung sei bspw. eine Strategie, die eine verbreitete Meinung herstellen kann - jedoch sei diese undemokratisch und einseitig. Staatliche wie private Institutionen würden ihre Macht u. a. durch Beeinflussung der Bürger, die zeitweise als Wähler auftreten, nutzen. Schließlich bedeute dies das Ende des herrschaftsfreien Diskurses. Diesen Vorgang des Verfalls nennt Habermas Vermachtungsprozess, da sich das Publikum einerseits von der Öffentlichkeit abtrennt und der Staat sich diese andererseits aneignet. Als ‚Lösung‘ müsse den Bürgern neben allgemein gültigen Rechten auch die soziale Partizipation überlassen werden (Vgl. Habermas 1990, S. 275 ff.).
Kurt Imhof 5 erkennt in dem Werk die Denkweisen der Frankfurter Schule wieder - vor allem die bereits angesprochene Ideologiekritik (Vgl. Imhof 2006, S. 4): „Diese [Schrift] […] ist stark inspiriert durch die Kulturindustriethesen der „Dialektik der Aufklärung“ von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno […]“ (ebd., S. 2). Als bedeutsamer erscheint ihm jedoch der entstehende Diskurs. Jürgen Habermas selbst hat u. a. seinen Ausgangspunkt zurückgenommen: den Idealtypus der Öffentlichkeit. Diesen sehe er viel zu einheitlich und er vergaß dabei die Unterschiedlichkeit des Publikums und ebenso das Vorhandensein von ‚oppositionellen‘ Meinungen. Ein zweiter Punkt seien die in den 60er Jahren aufkommenden sozialen Unruhen und Protestparteien. Damit wäre die Ansicht des kulturkonsumierenden Publikums zu Teilen widerlegt, da es eine interne Vielfalt vorweist. Drittens unterscheidet er die Trias der Medien, der Politik und der Wirtschaft nicht ausreichend (Vgl. Habermas 1990, S. 11 ff.).
Die zuvor beschriebene klare Vorgehensweise in diesem Werk ist nach Meinung von Prof. Reese-Schäfer in Folgearbeiten Habermas‘ nicht erneut zu finden, da dieser realisiert habe, dass die Gesellschaft in der Realität weitaus komplexer ist, als er sie in „Strukturwandel der
5 Kurt Imhof ist Professor am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung (IPMZ), am soziologischen Institut der Universität Zürich (SUZ) sowie Mitglied der fög-Leitung. Dabei handelt es sich um den Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (Vgl. Imhof 2011, S. 1).
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Christian Bach, 2011, Was unterscheidet den ‚neuen‘ Strukturwandel der Öffentlichkeit von den Untersuchungen Habermas‘?, München, GRIN Verlag GmbH
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