Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
2. Der postkoloniale Gedanke in Zbigniew Herberts Schaffen 3
2.1 Postkolonialismus im Sinne der Postcolonial Studies 3
2.2 Herbert der Neo Klassiker 5
3. Analyse ausgewählter Gedichte 6
3.1 Dlaczego klasycy 7
3.2 Do Marka Aurelego 10
3.3 Przemiany Liwiusza 13
4. Schlusswort 17
5. Bibliographie
1. Einleitung
„Ein ziemlich vereinfachendes Gedankenschema ist bei uns gängig, wonach Menschen, die über Vergangenes schreiben, vor der Gegenwart flüchten. Das ist selbstverständlich unwahr, denn die Kultur [...] ist kein Erbgut, wie Omas Häuschen [...], sondern etwas, was wir in uns reproduzieren, aufs neue erobern [...]“. 1
Die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg waren für die polnische Literatur und ihre Erschaffer zweifelsfrei eine Zeit großer Entbehrungen und Repressionen. In Polen hatte der Stalinismus Einzug gehalten und war tragischerweise auf fruchtbaren Boden gestoßen. In einer seiner Reden gegen den Kommunismus des Ostens traf Konrad Adenauer den Nagel auf den Kopf: „Der beste Boden für die Saat des Kommunismus ist Not und Hoffnungslosigkeit“ - und er sollte Recht behalten. Nach den furchtbaren Kriegsjahren voller Leid sehnten sich die Polen unter einer nun russischen Regierung nach Ruhe, Geborgenheit und vor allem nach wirtschaftlicher und politischer Stabilität. Die ideologische Konzeption des Stalinismus schien ihnen genau das geben zu können - ein Trugschluss. Während die Schriftsteller unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg das drängende Bedürfnis hatten, die traumatischen Erlebnisse des Kriegs zu verarbeiten, entwickelte sich in den Jahren bis 1956 ein Regime des Terrors, ein Terror, der auch vor der Kunst und Literatur kein Halt machte. Vor allem im durch drei Teilungen und zwei Weltkriege gebeutelten Polen war die Literatur immer eine Art Hoffnung gewesen, ein Medium mit dessen Hilfe eine Nation versucht hat sich in einer Zeit der Staatenlosigkeit aufrechtzuerhalten. Dies war der Nährboden auf dem das stalinistische Regime aufbaute. Im Zuge der vollständigen Etablierung der marxistisch-leninistischen Ideologie wurden Kunst und Literatur verstaatlicht und ein Zensurapparat eingerichtet. Es entstand eine neue Kunstdoktrin - der Sozrealismus, dem alle Schriftsteller und Künstler, sofern sie keine Sanktionen fürchten wollten, verpflichtet waren. Im Mittelpunkt stand dabei die Verherrlichung des Stalinismus beziehungsweise des Kommunismus im Allgemeinen. Ein eigenständiges Denken und mögliche opportunistische Gedanken wurden im Keim erstickt. Sowohl den Autoren als auch den Lesern blieb so nur ein einziger Zugang zu einer einzigen Wirklichkeit offen.
1 Herbert, Zbigniew. Im Vaterland der Mythen. Hrsg. Karl Dedecius. Frankfurt a.M.: Insel Verlag, 2001: 235.
1
Doch es gab auch Künstler, die sich, um die Reinheit der Kunst zu wahren, dem totalitären Regime nicht hingeben wollten. Zu diesen außergewöhnlichen Schriftstellern zählt auch der polnische Dichter Zbigniew Herbert. Seine Gedichte über die Antike sind sowohl Kritik am Machtmissbrauch der damaligen Politik, als auch Wegweiser in eine bessere Zukunft. Er ist beides, Opportunist und Ratgeber zugleich. Diese geschichtlichen Hintergründe sind von großer Bedeutung für die Interpretation von Zbigniew Herberts Gedichten. Auf eine über diesen historischen Überblick hinausgehende Darstellung der politisch-gesellschaftlichen Zustände dieser Zeit wird in dieser Arbeit verzichtet, da eine ausführliche Erörterung den gegebenen Rahmen sprengen würde.
Ziel dieser Arbeit ist es, den Zusammenhang zwischen der maßgeblich von der Antike und den damaligen Denkmustern beeinflussten Lyrik Herberts und der Moderne, sprich den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Zeit, herzustellen. Einige Ansätze der postkolonialen Wissenschaftstheorie, sofern sie auf die komplexen Werke Herbert anwendbar sind, sollen hier als Bindeglieder fungieren, um das Zusammenspiel dieser beiden, doch recht weit auseinander liegenden Zeiten, zu veranschaulichen. Der Gedanke des Imperialismus spielt hierbei selbstverständlich eine entscheidende Rolle. Dabei soll verdeutlicht werden, wie der Mittelmeerraum Herberts Schaffen beeinflusste, welche Rollen dieser Raum und die Antike in seinen Gedichten einnehmen, welchen Zweck sie erfüllen und wie Herberts Haltung dieser Antike gegenüber im Laufe seines Lebens gereift war und sich verändert hat.
Der Fokus der Arbeit liegt somit auf der inhaltlichen Analyse dreier Gedichte von Herbert. Die formale Analyse spielt hierbei lediglich eine untergeordnete Rolle. Wichtige formale Aspekte, die den Inhalt der Gedichte unterstreichen oder diesen beeinflussen, werden entsprechend berücksichtigt. Die Werke „Dlaczego klasycy“, „Do Marka Aurelego“ und „Przemiany Liwiusza“ eignen sich besonders gut für diese Analyse, da sie zum einen aus unterschiedlichen Schaffensphasen des Poeten stammen und zum anderen Herberts Haltung dem Gedankengut der Antike gegenüber fundiert darstellen. 2 Bevor die Arbeit auf die Kerninhalte der Gedichte eingeht, muss der Begriff „Postkolonialismus“ auf einer wissenschaftlichen Ebene geklärt werden. Des weiteren klärt die Arbeit die Frage, welche Rolle der „postkoloniale Gedanke“ in Zbigniew Herberts Leben
2 Herbert, Zbigniew. Wiersze zebrane. Hrsg. Ryszard Krynicki. Poznań: Wydawnictwo a5, 2008.
2
spielt, da dies von großer Bedeutung für die Analyse und das Verständnis seiner Werke ist.
Die Fülle an Sekundärliteratur zum Wissenschaftsgebiet der Postcolonial Studies macht es einem nicht leicht, sich auf wesentliche Werke zu konzentrieren. Besonders hilfreich und verständlich ist in diesem Zusammenhang die Fachliteratur von Do Mar Castro Varela und McEwan. Fachliteratur über Zbigniew Herbert gibt es selbstverständlich ebenfalls zur Genüge. Leider erweist sich die Suche nach Fachliteratur zu diesem Thema als schwierig, da nur recht wenig thememspezifische Sekundärliteratur verfügbar ist. Aus diesem Grund basiert die Ausarbeitung des Kapitels 3 (Analyse ausgewählter Gedichte) zu einem großen Teil auf eigenen Überlegungen, die auf der entsprechenden Fachliteratur gestützt sind.
2. Der postkoloniale Gedanke in Zbigniew Herberts Schaffen
Die Antike ist ein wesentlicher Bestandteil in Zbigniew Herberts Gedichten. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine Reproduktion antiker Lebensweisen oder die reine Erzählung antiker Mythen. Es geht viel mehr darum, einen Code aus dieser Hochkultur herauszufiltern, um einen unmittelbaren Bezug zu universellen Themen des zeitgeschichtlichen Geschehens herzustellen. Offensichtlich bieten Herberts Gedichte über die römische und griechische Antike eine gute Grundlage, um sie unter einigen Aspekten der Postcolonial Studies zu untersuchen. Im Folgenden wird zum vollständigen Verständnis der Thematik, zunächst der Begriff des „Postkolonialismus“ im Kontext der Wissenschaftstheorie der Postcolonial Studies erklärt. Der Fokus dieses Kapitels liegt dann auf der Anwendbarkeit dieser Aspekte auf Herberts Lyrik. Dazu wird Herberts persönlicher Bezug zum Mittelmeerraum und der damit verbundenen Geschichte beziehungsweise Kultur genauer erläutert.
2.1 Postkolonialismus im Sinne der Postcolonial Studies
Die Disziplin der postkolonialen Wissenschaftstheorie könnte man vor allem als einen „Versuch der Analyse“ bezeichnen. Die Postcolonial Studies untersuchen die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen des Imperialismus in der Kolonialzeit. Die Frage welche wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen die Kolonialzeit mit sich brachte steht dabei im Mittelpunkt. Die postkolonialen Ansätze
3
beschäftigen sich mit beiden Seiten eines Kolonialstaates: dem Kolonisator wie auch den Kolonisierten. Hierbei spielen Erfahrungen von Unterdrückung, Macht- und Identitätsverlust, Opportunismus und Migration eine wesentliche Rolle. Die postkoloniale Wissenschaft setzt sich somit zum einen mit der Identitätssuche auseinander und ist zum anderen eine wissenschaftliche Art der Identitätsfindung. Sie wandelt auf den Spuren des Kolonialismus der großen Weltmächte, um aufzuzeigen, welche Auswirkungen dieser im Nachhinein auf das Eigenbild und Selbstverständnis der Bevölkerung hatte. Im weitesten Sinne gilt der Übergang zwischen Kolonialismus zum Postkolonialismus als eine Phase tief greifender Veränderungen. Im oftmals gewaltvollen Kontakt zweier Kulturen verformt die „überlegene“ die „unterlegene“ nach eigenem Ermessen und nach eigenem Wunsch, verändert und zerstört eine verankerte Kultur, um Territorialansprüche geltend zu machen, kurz: um zu herrschen (McEwan 17-23). An dieser Stelle sollte der Begriff der „positional superiority“ (Castro Varela / Dhawan, 32) angeführt werden. Er bezeichnet die latente Überzeugung der Kolonialherren, dass ihre Kultur selbstverständlich die überlegene ist und dass sie somit jedes Recht besitzen andere, womöglich kleinere oder archaische Kulturen, auszulöschen und das Andere durch das Eigene zu ersetzen. Die Idee des Imperialismus steht hier zweifelsfrei im Zentrum der Forschung. Doch Veränderungen erfolgen nicht ausschließlich durch Gewalt. Sprache erfüllte zur Zeit des Kolonialismus eine wichtige Funktion, da sie unmittelbar mit dem Kulturgut verknüpft ist. Die Literatur ist somit der wichtigste Zeitzeuge für die Wissenschaftler, da sie sowohl ein Manifest der Sprache als auch der Kultur darstellt. Das Ziel der Postcolonial Studies im Bezug auf die Literatur ist nicht das Erfassen eines Textes in seiner ganzen Fülle, sondern viel mehr das Lesen eines literarischen gegen seine eigene Intention, das so genannte „contrapunctual reading“, um so eine „[...] Sichtweise, die zwischen der imperialen Erzählung und der postkolonialen Perspektive verortet ist [...]“ zu ermöglichen (Castro Varela/ Dhawan, 52). Im Zuge der Zeit haben sich die Postcolonial Studies immer mehr zu einer Disziplin der destruktiven Diskursanalyse entwickelt, die sich mit der Frage des Postkolonialismus und dem was als Kultur gilt kritisch auseinandersetzt. Kritiker prangen an, dass die postkoloniale Theorie „[...] lediglich auf die konzeptuellen und kulturellen Bedürfnisse des globalen Kapitalismus und die Begehren westlicher Akademien reagiere [...]“ (Castro Varela/ Dhawan, 112), und dass sie zu eurozentrisch argumentiere.
4
Arbeit zitieren:
Marta Kruzynski, 2010, Polnische Lyrik zwischen Antike und Moderne, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Russistik / Slavistik: Polnische Lyrik zwischen Antike und Moderne ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Russistik / Slavistik: neuer Titel erschienen: Polnische Lyrik zwischen Antike und Moderne
Griechisch-römisches Altertum ...
Stefan Elit, Kai Bremer, Friederike Reents
Gedanken zum Hohenlied, Gedichte und kleinere Schriften
Vollständige Neuübertragung
Teresa von Avila, Ulrich Dobhan, Elisabeth Peeters
0 Kommentare