1
Inhaltsverzeichnis
Abk ürzungsverzeichnis. 3
Abbildungsverzeichnis 5
1. Einleitung 6
2. Begriffsbestimmungen 7
2.1 Immigranten 7
2.2 Argentinier und Italiener 8
3. Geschichte der italienischen Migration nach Argentinien 9
3.1 Einwanderungswellen. 9
3.1.1 1820 - 1913. 9
3.1.2 1914 - 1946. 12
3.1.3 1947 - 1960. 13
3.2 Herkunft. 14
3.3 Motive der Emigration 16
3.4 Integration und soziale Entwicklung 17
4. Der italienische Charakter Argentiniens 19
4.1 Institutionen. 19
4.1.1 Italienische Organisationen 19
4.1.2 Hospital Italiano in Buenos Aires. 23
4.2 Bildungseinrichtungen. 24
4.3 Italienischsprachige Medien. 25
4.4 Beziehungen zu Italien 27
4.5 Essgewohnheiten 28
4.6 Feste und Feiertage. 30
4.7 Italienischstämmige Persönlichkeiten 31
5. Sprache. 34
5.1 Soziolinguistische Situation des Italienischen im Großraum Buenos Aires 34
5.1.1 Sprachkompetenz der verschiedenen Generationen. 34
5.1.2 Sprachgebrauch in den verschiedenen Generationen. 36
5.1.3 Künftige Entwicklung des Italienischen 38
5.2 Argentinisches Spanisch. 39
5.2.1 Einfluss des Italienischen auf das Spanische 39
2
5.2.2 Untersuchung des Diccionario etimológico del lunfardo auf die
Einflussnahme des Italienischen auf den Lunfardo. 41
5.2.2.1 Theorie 41
5.2.2.2 Wortbildungen im Lunfardo. 43
5.2.2.3 Korpusanalyse 45
6. Schlussbemerkung. 49
Anhang 52
Bibliographie 83
3
Abkürzungsverzeichnis
acep(s). acepción(es). adj. adjetivo. adjetiv. adjetivación. adv. adverbio. amer. americanismo. ant. antiguo. Arg. Argentina argent. argentinismo. argót. argótico. aument., aument. aumentativo. brasil. brasileñismo. cf. confer (compare). deform. deformación. desplazam. desplazamiento. dimin. diminutivo. DRAE Diccionario de la Real Academia Española. esp. español. espec. especialización. etc. etcétera. etimol. etimología. expr(s). expresión(es). ext(s). extensión(es). f. femenino. feminiz. feminización. fest. festivo,va. fig. figurado,a. fr. francés. gall. gallego. gen. genovés. germ. germanesco. gral. general. gralmente. generalmente. guar. guaraní.
4
infl. influencia. ingl. inglés. intr. intransitivo. irreg. irregular. ital(s). italiano(s), na(as). i.w.S. im weiten Sinne. leng. delict. lenguaje delictivo. loc. adv. locución adverbial. m. masculino. Mio. Millionen. paronom. paronomástico. piam. piamontés. pers. persona. pl. plural. por anal. por analogía. port. portugués. ppio. perf. participio perfecto. ppio. pres. participio presente. p. us. poco usado. s. siguiente. signif. significado. span. spanisch. ss. siguientes. sust. sustantivo. sustantiv. sustantivación. tr. transitivo. Ur. Uruguay. U.t.c. prnl. usado también como pronominal. V. véase. vgl. vergleiche.
5
Abbildungsverzeichnis
Graphiken :
1: Italienische Einwanderer und Rückkehrer (1875 - 1973) 14
2: República Argentina (1960) 52
3: Zonas, regiones y provincias de Italia. 53
Tabellen :
1: Argentina - Inmigración italiana bruta por zona de origen (1876 - 1925) 15
2: Regiones italianas de mayor emigración hacia la Argentina (1876-1925) 15
3: Gegenwärtig auf (quasi) erstsprachlichem Niveau beherrschte Sprache(n) der
Gew ährspersonen 36
4: Zuordnung der Lemmata des Buchstaben B 46
5: Bedeutungszuordnung der untersuchten Italianismen 48
6
1. Einleitung
Argentinien wurde durch die Masseneinwanderung, ab ungefähr der Mitte des 19. Jahr-hunderts, sehr stark durch die größtenteils europäischen Immigranten geprägt. Lange Zeit wurden die Einwandererströme von Italienern dominiert, weshalb es besonders interessant ist, deren Auswirkungen auf die heutige argentinische Gesellschaft zu untersuchen. Zu Beginn der Arbeit wird auf die drei großen Einwanderungswellen aus Italien eingegangen, um die Geschichte Argentiniens als Einwanderungsland zu verdeutlichen. Außerdem werden die Beweggründe der Italiener zur Emigration näher betrachtet, ebenso wie deren Eingliederung in die Gesellschaft ihrer neuen Wahlheimat. Des Weiteren werden die italienischen Charakterzüge Argentiniens dargelegt. Das Erbe der italienischen Immigranten wird in zahlreichen Bereichen des argentinischen Alltags sichtbar. Der Versuch der italienischstämmigen Argentinier, die italianidad zu bewahren, wird vor allem in den zahllosen italienischen Vereinen und verschiedenen Bildungseinrichtungen offenkundig. Überdies spielt in den Medien die Publikation in italienischer Sprache eine Rolle. Unter anderem soll auch auf die enge politische Freundschaft, die Argentinien mit Italien verbindet, eingegangen werden. Die Spuren der italienischen Einwanderer sind sicherlich auch in Gebieten wie dem ausgeprägten katholischen Glauben und der Mentalität, aber auch der Mafia zu finden, welche in dieser Arbeit aber nicht vertieft werden sollen. Ebenso wenig wird die italienisch-spanische Mischsprache des Cocoliche der frühen Immigranten behandelt, die zwar mit den Italienern in enger Verbindung steht, aber heute nicht mehr gesprochen wird und somit nichts über den italienischen Charakter des heutigen Argentinien verrät.
In dieser Arbeit wird desgleichen die soziolinguistische Situation der italienischen Sprache in Buenos Aires betrachtet. Es wird gezeigt, inwiefern drei aufeinanderfolgende Generationen italienischstämmiger Argentinier dem Italienischen mächtig sind oder von ihm Gebrauch machen und welche Tendenzen dabei für die Zukunft zu erwarten sind. Darüber hinaus werden die bedeutenden Auswirkungen der Muttersprache der italienischen Immigranten auf das argentinische Spanisch aufgezeigt. Auch im Lunfardo hinterließen die europäischen Einwanderer ihre Spuren. Bislang gibt es unterschiedliche Aussagen über die Rolle, welche die italienische Sprache bei der Entstehung des Lunfardo spielte. Durch die Prüfung des Diccionario etimológico de lunfardo von Oscar Conde auf den italieni- schen Einfluss auf den Lunfardo ist eine Antwort auf diese Frage möglich.
7
Diese Arbeit soll einen Einblick in die weitreichenden Folgen der italienischen Massenimmigration für Argentinien bieten und ihre Auswirkungen für die argentinische Gesellschaft bis in die heutige Zeit aufzeigen.
2. Begriffsbestimmungen
2.1 Immigranten
Wenn über die italienische Migration nach Argentinien 1 geschrieben wird, muss geklärt werden, wer als Immigrant anzusehen ist. Dies ist unter anderem notwendig, um die verwendeten Zahlen der Statistiken besser einordnen zu können. Die Vorstellungen über Immigration veränderten sich im Laufe der Zeit erheblich. Vor der Entstehung der Nationalstaaten war die Zugehörigkeit von Personen zu Gebieten schwer festzulegen, denn je nach gewonnenem oder verlorenem Krieg wurden diese neu eingeteilt und zugleich die darauf lebenden Menschen jenen zugewiesen. Das Identitätsempfinden beschränkte sich hauptsächlich auf lokale oder regionale Ebene.
Für die Personen, die in Argentinien ankamen, fanden sich je nach deren Kontext verschiedene Kategorien wie beispielweise “extranjero, viajero, inmigrante, exiliado, pasajero” (Devoto 2003: 21), auf welche jedoch nicht allesamt im Detail eingegangen werden soll.
Während der ersten großen Einwanderungswelle zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und Anfang des Ersten Weltkrieges wurden die europäischen Ankömmlinge inmigrantes genannt. Zu diesen gehörten hauptsächlich wenig gebildete Männer aus armen, ländlichen
Verhältnissen. Das Immigrations- und Kolonisationsgesetz Ley Avellaneda 2 aus dem Jahr 1876 definiert den inmigrante folgendermaßen:
[...] aquel extranjero que siendo menos de 60 años y acreditada su moralidad y sus aptitudes, llegase a la República para establecerse en buques pagando pasaje de segunda o tercera clase o teniendo el viaje pagado por cuenta de la Nación, de las Provincias o de las empresas particulares, protectoras de la inmigración y la colonización. (Ivanich in Insausti 1998: 32).
Jene, die per Schiff in der Ersten Klasse nach Argentinien einreisten, wurden folglich statistisch nicht als inmigrantes erfasst.
1 Siehe Graphik in Anhang I zur Veranschaulichung.
2 Die Ley Avellaneda - benannt nach dem damaligen argentinischen Präsidenten - sollte vorwiegend die Einwanderung und die Kolonisation Argentiniens durch Nordeuropäer aktiv fördern.
8
Ebenso im Jahr 1876 legte Italien eine Unterscheidung in emigrantes und viajeros fest. Diejenigen, welche die billige nulla osta 3 für 2,40 Lira beantragten, fielen unter die Bezeichnung der emigrantes und jene, welche die nulla osta für 12,40 Lira erwarben, liefen unter dem Titel der viajeros. Im Jahr 1901 wurde diese Differenzierung aufgehoben und nun galt, ähnlich wie in Argentinien, derjenige als emigrante, der Langstreckenschiffsreisen in der Dritten Klasse absolvierte (Devoto 2003: 22).
Der ausschlaggebende Punkt in der unterschiedlichen Wahrnehmung zwischen inmigrante und extranjero in Argentinien lag in den sozialen Hintergründen der Person. Wohlhabende Kaufmänner wurden beispielsweise als extranjeros bezeichnet, im Gegensatz zu den inmigrantes, die sich ihren Wohlstand in Argentinien erst noch erarbeiten mussten. Selbst jene, die schon mit einem bescheidenen Reichtum einreisten, erhielten letztere Bezeichnung (Devoto 2003: 31).
Im Laufe des 20. Jahrhunderts verlor sich die Vorstellung des inmigrante als mittellosem Europäer. Die Conferencia Internacional de Emigración de Roma im Jahre 1924 definierte als emigrante jene Person, die sich im Ausland dauerhaft mit zuvor ausgewanderten Familienangehörigen vereinte. Eine vorübergehende Emigration jedoch, die aufgrund einer Arbeitsstelle im Ausland erfolgte, kennzeichnete die Person als trabajador (Devoto 2003: 35).
2.2 Argentinier und Italiener
Die Emigration der Italiener nach Argentinien setzte schon früher ein, als diese Einheiten überhaupt bestanden. Italien vereinte sich erst im Jahr 1870 mit dem Ende der Zeit des Risorgimento 4 . Zuvor wurden die Menschen hauptsächlich nach der Herkunft ihrer Region oder Provinz abgrenzt - also beispielsweise nach Piemontesen oder Genuesen. In dieser Arbeit wird dennoch auch schon vor der offiziellen Staatsgründung die Bezeichnung Italiener zu lesen sein, wie dies auch in der Literatur üblich ist, es sei denn, es ist speziell von Personen einer bestimmten Region die Rede.
Desgleichen besteht die Schwierigkeit von Argentiniern zu reden. Einerseits weil das Argentinien, so wie es heute besteht, erst im Jahr 1880 entstand, und andererseits durch dessen einzigartige Bevölkerungszusammensetzung. Die indigene Bevölkerung, als die ersten Einwohner Argentiniens, wurden nicht als Argentinier bezeichnet. Dafür trugen die
3 Ein damals erforderliches Zertifikat zur Ausstellung des Reisepasses, das Auskunft über die Person gab.
4 „[…] ital. Einheits- und Freiheitsbewegung bes. 1815 bis 1870, i.w.S. auch bis 1918.“ (Der Brockhaus in einem Band, 2002).
9
spanischen Kolonialherren und die frühen (europäischen) Einwanderer, die sich dort niederließen, diesen Namen - im Gegensatz zu jenen, die später mit den umfangreichen Einwanderungswellen dorthin kamen.
3. Geschichte der italienischen Migration nach Argentinien
3.1 Einwanderungswellen
3.1.1 1820 - 1913
Mit der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1816 beendete Argentinien die Periode der spanischen Kolonialzeit. Argentinien existierte damals weder geographisch noch politisch in seiner gegenwärtigen Form, die erst 1880 zustande kam. Heute ist Argentinien das zweitgrößte Land Südamerikas und war auch schon früher durch seine enorme Fläche, aber ebenfalls durch seine geringe Bevölkerungsdichte gekennzeichnet. Die Kolonialherrschaft der Spanier trug kaum zum Bevölkerungswachstum bei. Noch im Jahr 1846 übertrafen Nachbarländer wie Peru, Chile, Bolivien und Brasilien mit siebenstelligen Einwohnerzahlen Argentinien um ein Vielfaches, welches nicht einmal 900.000 Einwohner erreichte (Sarramone 1999: 18). Schon sehr früh wohnten Italiener in Argentinien, aber erst ab 1820 setzte eine zahlenmäßig noch relativ unbedeutende Einwanderung im Vergleich zu der späteren Masseneinwanderung aus Italien ein - unter ihnen waren vorwiegend Korsen, Genuesen, Piemontesen, Venetier und Friulaner aus dem Norden Italiens, sowie einige Neapolitaner aus dem Süden (Sarramone 1999: 324).
Große Teile der argentinischen Führungsriege waren davon überzeugt, dass nur durch eine zahlreiche Bevölkerung der wirtschaftliche Fortschritt angetrieben werden konnte. Es wurden fleißige und tugendhafte Einwanderer, vor allem aus dem Norden Europas, angeworben, von denen man sich versprach, dass sie das ökonomische Wachstum und die landwirtschaftliche Erschließung des Landes tatkräftig unterstützen würden. Südeuropäer, besonders aus Spanien und Italien hingegen, wurden als rückständig betrachtet und waren weniger erwünscht.
Am Anfang der Immigrationsbewegung waren etliche Intellektuelle und politisch Motivierte unter den Personen, die nach Argentinien ins Exil gingen, sowie Geschäftsleute aus Genua. Erst nach dem Sturz des Diktators Juan Manuel de Rosas im Jahr 1852 setzte die erste große Welle der Masseneinwanderung ein. Innerhalb von mehreren Jahrzehnten
10
setzte sie Tausende Menschen in Bewegung und brachte große Veränderungen, sowohl in den Herkunfts- als auch in den Zielländern, mit sich. In den vierzig Jahren zwischen 1876 und 1915 trug die italienische Einwanderung mit beinahe 1,8 Millionen zur Massen-einwanderung auf argentinischen Boden maßgeblich bei (Albónico/Rosoli 1994: 251). Offizielle Statistiken über die Immigration in Argentinien liegen ab dem Jahr 1857 vor. Aus diesen Statistiken geht hervor, dass zwischen 1857 und 1873 175.726 Einwanderer aus Italien erfasst wurden und somit einen Anteil von 65% der europäischen Immigranten ausmachten. Das Jahr 1873 stellte vorerst einen Höhepunkt der italienischen Immigration mit beinahe 27.000 Einwanderern dar. Ungefähr 100.000 von den italienischen Einwanderern kehrten nach einiger Zeit wieder in ihre Heimat zurück, was aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass dies als ein Misserfolg des Auswanderungsversuchs anzusehen ist. Einige kehrten, wie geplant, mit einem kleinen Vermögen heim, da sie den Erfolg nun unter ihren Landsleuten, verbunden mit einem sozialen Aufstieg, und natürlich mit ihren Familien genießen wollten (Devoto 2006: 55). Im Jahr 1969 bei der ersten Volkszählung Argentiniens kamen die italienischen Einwohner mit 71.442 von 1.877.490 Bürgern auf 3,8% der Gesamtbevölkerung. Die italienische Einwanderungsgruppe lag also zahlenmäßig weit vor den Spaniern, Franzosen, Engländern und Iren (Devoto 2006: 66). In den Jahren 1875 und 1890 wurde Argentinien von zwei schwerwiegenden Wirtschaftskrisen getroffen, was sich unmittelbar auf die Einwanderungszahlen auswirkte. 1875 kamen nur noch circa 9.000 italienische Einwanderer in Argentinien an, nachdem es im Jahr zuvor um die 24.000 waren. In den folgenden Jahren verschlechterte sich auch dementsprechend der Immigrationssaldo, wie beispielsweise 1880, als zwar etwa 18.000 Italiener ins Land kamen, aber gleichzeitig wenig mehr als 17.000 das Land verließen (Devoto 2006: 97). Als Gründe hierfür können wirtschaftliche und politische Unsicherheiten genannt werden, die durch die beiden Wirtschaftskrisen und Revolutionsaufstände in den Jahren 1874 und 1880 hervorgerufen wurden. Nach dem zweiten Aufstand stiegen die Einwanderungszahlen wieder, besonders ab dem Jahr 1882, mit erstmals 29.587 italienischen Einwanderern (Nascimbene 1987: 103). Dies ist unter anderem auf eine vermeintlich aktivere Einwanderungspolitik der Regierung zurückzuführen, ebenso wie der sogenannten Conquista del Desierto, während welcher der Präsident Julio Argentino Roca den indigenen Stämmen ihre Gebiete gewaltsam wegnahm, um mehr landwirtschaftlich nutzbares Land zu erhalten. Dieses neugewonnene Land und dessen fortschreitende Erschließung durch die Eisenbahn musste den potenziellen Emigranten den Traum von einem eigenen Stück Land in greifbarer Nähe erscheinen lassen, was viele wohl zur Auswande-
11
rung motivierte.
Zwischen 1880 und 1889 kamen etwas mehr als 475.000 Italiener in Argentinien an (Nascimbene 1987: 103). Die italienischen Mitbürger gewannen in dieser Zeit durchaus an Wichtigkeit, sowohl in wirtschaftlichen als auch in landwirtschaftlichen Belangen. Außerdem war der Einfluss der italienischen Institutionen und der italienischsprachigen Zeitungen nicht zu verkennen, ebenso wenig wie der Erfolg einiger Unternehmer und Intellektueller. Da die italienische Immigration in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis dahin unbekannte Ausmaße annahm, erwuchs die Angst der argentinischen Elite einer heimlichen ‚Kolonialisierung’ Argentiniens durch Italien. Dies versuchte man durch die gezielte Anwerbung nordeuropäischer Einwanderer anhand von Propaganda mit beispielsweise kostenlosen Überfahrten abzuwenden, wodurch der prozentuale Anteil der Italiener zurückging. Mit der Krise im Jahr 1890 konnten die Propagandamaßnahmen der nordeuropäischen Einwanderungspolitik nicht mehr aufrecht erhalten werden, womit der Einwanderungsstrom von dort nahezu zum Erliegen kam. Auch die italienische Migration war davon betroffen, so dass noch im Jahr der Krise ein negativer Saldo von -8.000 Italienern erfasst wurde und im folgenden Jahr sogar von -42.000 (Devoto 2006: 105). Obwohl die absoluten italienischen Einwanderungszahlen hoch waren, gewann die spanische Einwanderung im Zeitraum zwischen 1895 und 1914 mit einem Anteil von 42% an der gesamten Immigration immer mehr an Bedeutung und verdrängte die italienische Einwanderungsgruppe mit 33% Anteil auf den zweiten Platz. Insgesamt kamen zwischen 1870 und 1915 mehr als 7.000.000 Einwanderer ins Land, von denen aber 58% wieder in ihre Heimatländer zurückkehrten, was im Zusammenhang mit der inmigración golondrina stand (Universidad Nacional de Tucumán 1979: 82). Bei dieser Wanderungsbewegung wurden im Laufe des Jahres von den Migranten sowohl die Ernten der nördlichen als auch der südlichen Hemisphäre als Arbeitsplatz genutzt.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg waren die italienischen Einwanderer einflussreicher denn je. Sie hatten nicht nur zahlenmäßig mit 930.000 Einwanderern im Jahr 1914, was 12% der argentinischen Bevölkerung ausmachte, eine herausragende Bedeutung, sondern waren ebenfalls sowohl in der Wirtschaft als auch in der Landwirtschaft ein wichtiger Faktor.
Nur mit der enormen Anzahl an europäischen, und damit auch italienischen, Immigranten war die Kolonisation und gleichzeitig die Zivilisation der fast menschenleeren Pampa möglich gewesen. Seit ungefähr 1850 kamen Siedler in das Hinterland von Buenos Aires und erschlossen nach und nach, vorwiegend als Pächter, das Gebiet für die Landwirt-
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schaft, das vor allem später durch den Getreideexport nach Europa von großer Bedeutung sein sollte. Bedeutende italienische Siedlungen gab es besonders in Santa Fe, sowie in Entre Ríos und Córdoba. Das Bevölkerungswachstum in den Städten wurde erst durch die Versorgung mit Lebensmitteln aus der Pampa ermöglicht. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ließ sich die Mehrzahl der Immigranten in den größeren Städten, besonders in der Hauptstadt Buenos Aires nieder, wo im Jahr 1914 ca. 312.000 Italiener lebten (Devoto 2006: 303). In manchen Städten in Nordamerika gab es zwar auch ähnlich hohe Einwandererzahlen aus Italien, aber in der Relation zur Gesamtbevölkerung waren die Italiener in Argentinien viel stärker vertreten und erlangten damit auch eine umfangreichere Bedeutung. Durch sehr harte Arbeit, verbunden mit nachdrücklicher Sparsamkeit, war es etlichen Immigranten gelungen in der sozialen Hierarchie aufzusteigen
3.1.2 1914 - 1946
Der Beginn des Ersten Weltkrieges im Jahr 1914 machte sich mit sofortigen Auswirkungen auf die Einwanderungszahlen bemerkbar. Kamen 1913 noch 114.252 Einwanderer aus Italien nach Argentinien, waren es ein Jahr später nur noch 36.122 (Nascimbene 1987: 103). In den Jahren 1916 bis 1919 kehrten 48.440 italienische Immigranten in ihre Heimat zurück, welchen nur 19.941 Neuankömmlinge entgegenstanden, was einem negativen Saldo von -28.499 Personen entsprach (Nascimbene 1987: 103). Viele Italiener waren in diesen unsicheren Zeiten nicht mehr gewillt ihr Heimatland mitsamt ihrer Familie zu verlassen und diese womöglich niemals wieder zu sehen. Zudem wurden auch die im Ausland verweilenden italienischen Männer zum Kriegsdienst einberufen, von denen ungefähr 32.000 (Devoto 2006: 319) aus Argentinien zurückkehrten, um in der italienischen Armee zu kämpfen.
Der Krieg war offensichtlich der Hauptgrund für den Rückgang der Auswanderungsbereitschaft nach Übersee, dennoch müssen auch die wirtschaftlichen Probleme Argentiniens, die wiederum ebenso durch den Krieg beeinflusst wurden, erwähnt werden. Besonders die geringe Nachfrage beim Getreideexport nach Europa traf die Italiener in Argentinien, die in diesem Bereich sehr stark vertreten und von ihm abhängig waren. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erholte sich die argentinische Wirtschaft langsam und somit stiegen die Einwanderungszahlen wieder. Dies stand zusätzlich im Zusammenhang mit der neuen strengen nordamerikanischen Einwanderungspolitik, die in großem Maße italienische Immigranten diskriminierte und von der Einwanderung abhielt. Insge-
13
samt formte sich in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts vorwiegend in den Städten eine breitere Mittelschicht, wobei auch italienische Immigranten involviert waren und profitieren konnten.
Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise wurde das Ende eines langen Migrationsprozesses eingeläutet. In den Jahren 1932 und 1933 war der Saldo mit -1.517 und -1.631 negativ und von 1930 bis 1943 lag der Migrationssaldo jährlich bei lediglich rund 2.700 Italienern (Nascimbene 1987: 104). Die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage in Argentinien ab dem Jahr 1933 konnte dessen ungeachtet die Einwanderungszahlen nicht mehr auf das frühere Niveau zurückführen. In dieser Zeitspanne trug die italienische Immigration weder zum argentinischen Bevölkerungswachstum noch zum wirtschaftlichen Wachstum in nennenswertem Ausmaße bei. Betroffen davon war auch die italienische Gemeinschaft in Argentinien selbst, die somit immer mehr an Bedeutung einbüßte. Durch die Beteiligung Italiens am Zweiten Weltkrieg kam die Emigration fast gänzlich zum Erliegen, womit die zweite Einwanderungswelle als abgeschlossen betrachtet werden kann.
3.1.3 1947 - 1960
Zwei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1947 setzte die dritte und letzte Einwanderungswelle aus Italien nach Argentinien ein. Sie war im Vergleich zu den vorhergehenden von recht kurzer Dauer, aber dennoch sehr intensiv, was neues Leben in die in Argentinien lebende italienische Gemeinschaft brachte.
Nach Nascimbene (1987: 104) sollen etwa 412.000 italienische Einwanderer - gemäß Devotos (2006: 383) Quelle waren es um die 330.000 - in den Jahren zwischen 1947 und 1951 nach Argentinien gekommen sein. Stellt man diese Zahl der Gemeinschaft von 786.000 Italienern im Jahr 1947 (Nascimbene 1988: 12) in Argentinien gegenüber, wird die Bedeutung des Einwanderungsstroms deutlich. Das südamerikanische Land war als Ziel mit einem Anteil von 24% der gesamten italienischen Emigranten zwischen 1946 und 1950 das zweitpopulärste Land hinter der Schweiz (Devoto 2006: 383). Die Gründe für die erneute Emigrationswelle können in den schwierigen Lebensbedingungen und den trostlosen Zukunftsaussichten im Italien der Nachkriegszeit gefunden werden. Das zerstörte Land bot weder Arbeitsplätze noch sonstige wirtschaftliche Sicherheit. Jegliche Infrastruktur war stark in Mitleidenschaft gezogen worden und die unergiebige Landwirt- schaft konnte nicht die gesamte Bevölkerung ernähren.
14
In den folgenden Jahren nahm die gesamte italienische Emigration zwar stetig zu, aber Argentinien wurde als Ziel immer unbedeutender. Europäische Länder wurden nun immer häufiger das Ziel der Emigranten aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs und der dadurch benötigten Arbeitskräfte.
Das Jahr 1960 kann als Schlusspunkt der dritten Emigrationswelle betrachtet werden, denn ab diesem Jahr übertrafen die italienischen Rückkehrer die Neuankömmlinge fast jedes Jahr. Insgesamt kehrten in der Periode von 1946 bis 1976 ungefähr 122.000 Italiener aus Argentinien in ihre Heimat zurück (Albónico/Rosoli 1994: 280). Seitdem zeichnet sich in Argentinien die Tendenz zu einem Wandel vom Einwanderungs- hin zum Aus-wanderungsland ab.
In der Graphik zeichnen sich die Höhepunkte der drei großen Einwanderungswellen deutlich ab. Zu der Anzahl der Rückkehrer aus Argentinien in die italienische Heimat gibt es erst ab dem Jahr 1916 Daten. Die Sprünge entstanden durch nicht vorhandene Daten aus diesen Jahren.
3.2 Herkunft
Viele der Einwanderer, die noch vor 1876 einwanderten, waren aus Ligurien, genauer gesagt aus Genua. Mit den Zahlen aus den beiden Tabellen, die Nascimbene erarbeitete, wird ein genauerer Einblick in die 40 Jahre zwischen 1876 und 1925 gewährleistet.
aus: Nascimbene 1988: 107 (zitiert nach base a datos del Commissariato Generale dell’Emigrazione“Annuario Statistico dell’emigrazione...”, Roma, 1926).
Aus der Tabelle wird deutlich, dass aus dem Süden Italiens insgesamt mit 46,5 % mehr Auswanderer Richtung Argentinien aufbrachen, als aus dem Norden, der mit 41,5% jedoch nicht mit sehr großer Differenz hinter dem Süden liegt. Die Regionen im Zentrum Italiens haben mit 11,9% Anteil an der Emigration in das südamerikanische Land nur eine geringe Bedeutung. Die Emigration aus den verschiedenen Zonen erfolgte aber nicht gleichmäßig. In der ersten Hälfte von 1876 bis ungefähr 1900 dominierte die Emigration aus dem Norden Italiens mit Ligurien und dem Piemont als den stärksten Entsendeländern. Ab 1900 wurde die Auswanderung von dort immerzu schwächer und die Bedeutung der südlichen Regionen wuchs mehr und mehr.
aus: Nascimbene 1988: 112 (zitiert nach base a datos del Commissariato Generale dell’Emigrazione“Annuario Statístico dell’emigrazione...”, Roma, 1926).
Wenn die zweite Tabelle näher betrachtet wird, fällt auf, dass sich mit den Marken eine
16
Region aus dem Zentrum Italiens auf dem fünften Platz unter den Regionen mit den größten Emigrationszahlen befindet. Aus den Marken emigrierten in den Jahren zwischen 1876 und 1925 ungefähr 180.200 Menschen nach Argentinien, was im Vergleich zu den 96.200 Emigranten aus Ligurien beispielsweise fast das Doppelte bedeutet. Nur aus der Toskana wanderte noch eine beachtliche Anzahl an Menschen aus. Ansonsten war das Zentrum Italiens nicht für große Immigrationsmassen in Argentinien verantwortlich. 5
3.3 Motive der Emigration
Die Motive, welche die Italiener gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Auswanderung nach Argentinien bewegten, waren hauptsächlich wirtschaftlicher Natur, obwohl diese allein selbstverständlich zu einseitig wären. Das nördliche Italien wurde von der europäischen Landwirtschaftskrise um das Jahr 1880 in größerem Ausmaße getroffen, als der Süden des Landes, da jener einen ausgebauten Landwirtschaftsektor besaß, der schon stark in den internationalen Handel eingebunden war und somit von einem Preisverfall stärker berührt wurde (Devoto 2006: 112). Hinzu kam eine fortschreitende Industrialisierung und Modernisierung, wodurch der Bedarf an Arbeitskräften durch den Einsatz von Maschinen immer weniger wurde und ein Mangel an Arbeitsplätzen für die stetig wachsende Bevölkerung entstand. Viele dieser nun arbeitslosen Handwerker versuchten in den noch, im Vergleich zu Italien, weniger industrialisierten Gebieten in Amerika Arbeit zu finden. Somit wurde auch Italien selbst von einer großen Anzahl von Arbeitslosen entlastet.
Außerdem wurden die kleinen Landbesitzer, die häufig ohnehin schon stark durch ihre Hypotheken verschuldet waren und dazu noch überhöhte Zinsen zahlen mussten, mit äußerst hohen Grundsteuern belastet.
Der Anreiz zur Emigration bestand vor allem in den enormen wirtschaftlichen Vorteilen, die Argentinien zu bieten hatte. Der argentinischen Wirtschaft ging es gut und für ihr Wachstum wurden stets viele Arbeitskräfte benötigt. Sowohl auf dem Land als auch in der Stadt gab es Arbeitsplätze, deren Bezahlung beträchtlich höher war als in Italien. Besonders der günstige Wechselkurs erhöhte die Kaufkraft in Italien, was den Empfängern der Rimessen zu Gute kam, ebenso wie denen, die nach einer gewissen Zeit in Argentinien wieder in ihre Heimat zurückkehrten (Insausti 1998: 177).
5 Siehe Graphik in Anhang II zur Veranschaulichung.
17
Auch wenn die wirtschaftlichen Unannehmlichkeiten der Italiener groß anmuteten, waren besonders im Süden Italiens doch auch Faktoren wie die Abgeschiedenheit und die fehlende Teilhabe am Fortschritt ausschlaggebend für die Emigration. Daneben spielten Einladungen von Verwandten in Übersee eine Rolle, oder Bekannte, die von positiven Erfah-
rungen erzählten 6 , ebenso wie, in geringerem Maße, die Lust auf Abenteuer. In den Jahren vor den beiden Weltkriegen wanderten zudem etliche Männer aus, um dem Kriegsdienst zu entgehen.
3.4 Integration und soziale Entwicklung
Die Einwanderergruppe aus Italien war äußerst heterogen. Die Immigranten kamen aus den verschiedensten Regionen Italiens von ungleichen sozialen Kontexten und so war auch ihre Eingliederung in das südamerikanische Land sehr differenziert. In der Zeit vor der großen Masseneinwanderung dominierten die Genuesen in Argentinien als erfolgreiche Seefahrer und Geschäftsmänner die Schifffahrt und genossen dementsprechend großes Ansehen bei der einheimischen Bevölkerung. Während der Phase der großen Masseneinwanderung änderte sich besonders die Einstellung der argentinischen Oberschicht den italienischen Einwanderern gegenüber. Diese waren im ganzen Land präsent und prägten die argentinische Bevölkerung. Statt der erwünschten Nordeuropäer, strömten Italiener in das Land, denen man mit Vorurteilen ge-genüberstand und sie mit Rückständigkeit in Verbindung brachte. Nun war es nicht mehr hauptsächlich die italienische Elite, die nach Argentinien ins Exil ging, sondern unter den Neuankömmlingen befanden sich viele ungebildete und vermeintlich unproduktive Personen - die Analphabetenrate dieser betrug im Jahr 1895 bei der Volkszählung 42% und lag 1914 immer noch bei 36% (Albónico/Rosoli 1994: 345). Besonders in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts herrschte eine anti-italienische Atmosphäre. Mehrere Italiener hatten es schon zu bemerkenswertem Wohlstand gebracht und nun fürchtete die argentinische Elite um ihre Vorherrschaft. Die negative Haltung gegenüber den Italienern war selbst in der Literatur vertreten. Trotzdem gab es in Argentinien keine beständigen fremdenfeindlichen Ausschreitungen, wie es beispielsweise gegen die italienischen Immigranten in den USA der Fall war. In Argentinien waren diese rassistischen Strömungen aber nicht in der geographischen oder kulturellen Herkunft begründet, sondern in den ärmli-
6 Dieses Phänomen ist unter dem Begriff der Kettenmigration bekannt.
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Jasmin Deufel, 2011, Der italienische Charakter Argentiniens, München, GRIN Verlag GmbH
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