Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Hauptteil
1.1. Grammatische Bedingungen der dialogischen Textkohärenz 5
1.2. Die explizite Wiederaufnahme 5
1.3. Die implizite Wiederaufnahme 6
2.1. Thematische Bedingungen der dialogischen Textkohärenz 7
2.2. Themen und Hyperthemen 8
2.3. Die Entfaltung dialogischer Textthemen 10
3. Interpretation der einzelnen Interviewsegmente 11
III. Fazit 15
IV. Literaturverzeichnis 15
2
I. Einleitung
Wir haben uns im vorangegangenen Seminar mit der Frage beschäftigt, welche konkreten Funktionen und Charakteristika (im linguistischen Sinne) dialogischen Darstellungsformen in den Massenmedien zugesprochen werden können. Ein entscheidender Faktor war in diesem Zusammenhang die Position der scheinbar unbeteiligten Dritten bzw. des sog. "dispersen" Publikums, welches an der medialen Gesprächssituation nicht unmittelbar beteiligt ist, aber zugleich als eigentlicher Adressat fungiert. Wir haben diesen Themenkomplex in einzelne Themen unterteilt und in Form von Referaten bearbeitet. Das Resultat dieser Untersuchungen war stets eine Synthese - aus theoretischen Grundsätzen der etablierten Linguistik, und aus empirischen Bestandsaufnahmen zeitgenössischer Mediendialoge. Ich habe mich innerhalb dieses Rahmens mit der Frage beschäftigt, ob und inwiefern Mediendialoge (insbesondere hinsichtlich der Aspekte "Thema" und "Kohärenz") als "Texte" bezeichnet werden können. Mittels vorliegender Hausarbeit werde ich die dadurch gewonnenen Erkenntnisse vertiefen und erweitern.
Dabei gilt es zunächst festzuhalten, daß die Textlinguistik eine allgemein gültige Textdefinition bislang weder hervorbringen, noch überhaupt als notwendig einstufen konnte. 1 Hinzu kommt, daß die bisher entwickelten Lösungsansätze zu dieser Problematik den Aspekt der dialogischen Kommunikation ausgeklammert haben: "Im Unterschied zum monologischen Text bilden bei Dialogen bzw. Gesprächen in der Regel nur Äußerungen mehrerer Kommunikationsteilnehmer ein kohärentes sprachliches Gebilde. Der für die vorgeschlagene Textdefinition grundlegende Begriff der kommunikativen Funktion ist aber primär auf den einzelnen Sprecher bzw. Schreiber bezogen [...], so daß die Anwendung des Textbegriffs auf
dialogische Kommunikation zumindest als problematisch erscheint." 2 Tendenziell lassen sich jedoch zwei essentielle Merkmale des Begriffes "Text" festhalten. Erstens, ein "Text" muß eine erkennbare kommunikative Funktion signalisieren und somit in sich kohärent sein. 3 Zweitens, ein "Text" ist (entgegen der alltagssprachlichen Definition) nicht zwingend ein schriftliches Gebilde, sondern kann auch durch mündliche Äußerungen konstituiert werden. 4 Wenn Texte das Produkt mündlicher Äußerungen sein können, dann spricht prinzipiell auch nichts dagegen, Mediendialoge auf ihr "Textpotential" hin zu untersuchen. Das Ziel dieser Arbeit bzw. Untersuchung wird daher sein, jene Lücke der textlinguistischen Forschung zumindest ansatzweise zu füllen, welche bisher in der Vermeidung dialogischer Textdefinitionen bestanden hat. Um den inhaltlichen Rahmen nicht zu sprengen, werde ich abgesehen von den textlinguistischen Ansätzen lediglich kurz auf die Gebiete der Epistemologie (hier: Konstruktivismus) und der Aussagenlogik Bezug nehmen.
Als Musterbeispiel für die folgenden Untersuchungen werde ich ein längeres Interview mit Bill Clinton verwenden, welches der SPIEGEL im Juni 2004 veröffentlicht hat. Der Umfang dieses Interviews ist insofern problematisch, als das eine Hausarbeit wie diese nur eine beschränkte Interpretationstiefe zuläßt. Da ich aber im Rahmen dieser Hausarbeit auf eigene Datenerhebungen angewiesen bin, scheint es mir aus empirischen Gründen sinnvoll zu sein, meine Thesen quantitativ zu erhärten. Für die Analyse dieses Interviews in Kapitel 3.1. habe ich die einzelnen
1 Vgl. Brinker, Klaus, Linguistische Textanalyse, Berlin 2001, S.12
2 Ebd., S.20
3 Ebd., S.17
4 Ebd., S.19
3
Sprecherwechsel durchnummeriert. 5 Dies soll es vereinfachen, meine beispielhaften Ausführungen zur dialogischen Textkohärenz im Gesamtkontext des Gesprächs zu betrachten und letztlich auch auf ihre innere Folgerichtigkeit überprüfen zu können. Die Textlinguistik ist, wie Klaus Brinker unmißverständlich klarstellt, "nicht weit genug entwickelt, um die Zusammenhänge zwischen Kommunikationssituation, Textfunktion und Textstruktur bereits systematisch beschreiben und in Regeln fassen zu können." 6 Aus diesem Grunde ist die Untersuchung dialogischer Gebilde bislang einer anderen linguistischen Teildisziplin, der sog. Dialog- oder Gesprächsanalyse, vorbehalten geblieben. 7 Meine folgenden Untersuchungen müssen daher schon allein deshalb als Modell verstanden werden, nicht etwa als "objektive" Erkenntnisse im Sinne der klassischen Ontologie.
Zur Vorgehensweise: Ich werde zunächst Klaus Brinkers Ausführungen zur monologischen Textkohärenz und Themenentfaltung analysieren und auf dialogische Textstrukturen übertragen. Die Kompatibilität der textlinguistischen Grundsätze mit den dialogischen Darstellungsformen eines Interviews werde ich dabei - sofern vonnöten - anhand von Beispielen explizit machen. Wiederaufgenommene Ausdrücke werde ich dabei fett markieren, wiederaufnehmende Ausdrücke kursiv. Das Resultat dieser theoretischen Überlegungen wird ein neues
Interpretationsmodell sein, welches ich anschließend direkt auf das oben erwähnte Interview projizieren werde.
Ich beginne mit einer Untersuchung der grammatischen Bedingungen für dialogische Textkohärenz. Ich stelle in diesem Kontext die explizite und die implizite Wiederaufnahme als Indiziengeber für thematische Kohärenz vor. Anschließend untersuche ich die thematischen Grundbedingungen für dialogische Texte. Zusätzlich versuche ich, eine epistemologische Positionsbestimmung für diesen Bereich vorzunehmen. Das daraus resultierende Interpretationsmodell orientiert sich an Klaus Brinkers Ausführungen zu Themenhierarchien und Themenentfaltungen. Die Leitfrage ist hier, wie Themen und Haupt- bzw. Hyperthemen einen Mediendialog strukturieren können.
Darauf hin versuche ich anhand dieses Modells das Interview mit Bill Clinton Schritt für Schritt auf seine Themenstruktur hin zu untersuchen. Es zeigt sich, daß die grammatischen Verknüpfungen zwar hilfreich zur Themenbestimmung sein können, in vielerlei Hinsicht dafür aber tatsächlich entbehrlich sind. Die thematische Entfaltung von Mediendialogen scheint sich primär an der kommunikativen Dominanz der einzelnen Sprecher auszurichten, und dadurch erst indirekt eine grammatische Kohärenz zu konstituieren. Dialoge in den Massenmedien können somit zwar durchaus als Texte bezeichnet werden, aber ihr Aufbau ist völlig anders gestaltet als ihr monologisches Pendant. Wie es scheint, bedingt die pluralistische Urheberschaft von Dialogen eine textinhärente Themendynamik, welche sich einer konkreten Formalisierung zwangsläufig entziehen muß.
5 Aus uhrheberrechtlichen Gründen kann dieses Interview leider nicht als Anhang beigefügt werden.
6 Brinker, S.152
7 Ebd., S.19
4
II. Hauptteil
1.1.Grammatische Bedingungen der dialogischen Textkohärenz Wenn wir voraussetzen, daß dialogische Darstellungsformen als Texte bezeichnet werden können (und dies wird im Folgenden die grundlegende Arbeitshypothese sein), so müssen diese auch über eine grammatikalische Struktur verfügen. Generell wird in der Textlinguistik der Satz als die zentrale Struktureinheit eines Textes bezeichnet, wobei es auch für den Begriff "Satz" keine einheitliche linguistische Definition gibt. 8 Um hier Abhilfe zu schaffen, unterscheidet Klaus Brinker zwischen Satz, Textsegment und Proposition. Diese drei Einheiten sind eng auf einander bezogen; sie unterscheiden sich primär in bestimmten funktionalen Feinheiten. Während Textsegmente die Textoberfläche untergliedern und Propositionen die Semantik eines Textes repräsentieren, stehen Sätze für die Syntax eines Textes. 9 Die Syntax eines sprachlichen Gebildes kann demzufolge genau dann als Indiz für dialogische Textkohärenz interpretiert werden, wenn bestimmte sprachliche Ausdrücke in der Aufeinanderfolge der einzelnen Sätze wieder aufgenommen werden. Das Prinzip der Wiederaufnahme verdeutlicht ggf. auf sprachlicher Ebene die Einheitlichkeit von Textgegenständen, was als Indiz für grammatikalische Kohärenz gedeutet werden kann. 10 Brinker unterscheidet hier zwischen expliziter und impliziter Wiederaufnahme. Ich werde beide diskutieren. 1.. Die explizite Wiederaufnahme
Brinker definiert die explizite Wiederaufnahme als "Referenzidentität / Koreferenz" bzw. "Beziehungsgleichheit" bestimmter sprachlicher Ausdrücke, welche in den aufeinanderfolgenden Sätzen eines Textes vorkommen. Die Wiederaufnahme unterteilt sich in wiederaufgenommene und wiederaufnehmende Ausdrücke, welche sich beide auf die gleichen außersprachlichen Objekte ("Referenzträger") beziehen. Referenzträger "können Personen, Gegenstände, Sachverhalte, Ereignisse, Handlungen, Vorstellungen usw. sein." 11 Grammatikalisch betrachtet kommen nur bestimmte Substantive als explizite Wiederaufnahmen in Frage:
"Substantive werden überhaupt nur dann als sprachliche Wiederaufnahmen identifiziert, wenn sie das Merkmal "definit" tragen, d.h. entweder Eigennamen sind oder den bestimmten Artikel bzw. ihm entsprechende Formen wie Demonstrativpronomen (dieser), z.T. auch Possesivpronomen (sein) und
Interrogativpronomen (welcher) bei sich haben." 12 "Pronomen" sind im grammatischen Sinne Wörter, welche einen minimalen Bedeutungsinhalt besitzen und stellvertretend für bestimmte Substantive stehen können. Sofern sie als explizite Wiederaufnahme identifiziert werden können, nennen wir sie im textlinguistischen Sinne "Pro-Formen". 13 Pro-Formen können entweder anaphorisch (zurückverweisend) oder kataphorisch (vorausweisend) sein. 14
8 Ebd., S.22
9 Ebd., S.26
10 Ebd., S.46
11 Ebd., S.27
12 Ebd., S.29
13 Ebd., S.33
14 Ebd., S.34
5
Arbeit zitieren:
Ulrich Goetz, 2004, Mediendialoge als Texte, München, GRIN Verlag GmbH
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