Entwicklung vom Luxusgut zum Genussmittel unsere Gesellschaft stark beeinflusst. Doch wie haben Genussmittel zur Entstehung moderner Konsumgesellschaften beigetragen? Diese Frage möchte ich in der folgenden Hausarbeit unter Einbeziehung der Ausbreitung und „Demokratisierung“ bedeutender Genussmittel eingehen.
2. Was ist eine Konsumgesellschaft?
Zu Beginn des Einstiegs in die Thematik ist eine Definition des Begriffs „Konsumgesellschaft“ nötig. Doch wie ist eine Gesellschaft charakterisierbar, der ein solcher Begriff als Eigenschaft zugeschrieben wird?
Denn bereits unter dem Wort „Konsum“ als solches werden „sämtliche Aktivitäten von Einzelpersonen oder privaten Haushalten verstanden, die auf die Entnahme von Gütern oder Dienstleistungen aus dem Markt gerichtet sind. […] Soziologisch gesehen ist Konsum soziales Handeln mit umfassenden gesellschaftlichen und individuellen Funktionen.“ 3
Dies verdeutlicht, dass eigentlich jede Gesellschaft in ihrer eigenen Art und Weise am Konsum beteiligt ist, es aber trotzdem eine weitere Abgrenzung zum Begriff der „Konsumgesellschaft“ gibt. Hierbei muss man beachten, dass eine „Konsumgesellschaft“ aus zweierlei Hinsicht betrachtet werden muss.
Zum einen beschreibt der Begriff eine Wohlstandsgesellschaft, „in der keine Versorgungslücken mehr auftreten“ 4 und „alle Menschen immer mit den nötigen Konsumgütern versorgt werden können.“ 5
Diese Möglichkeit des Zugangs zu einer Vielzahl von Konsumgütern schafft einen Raum für die stetig wachsenden Bedürfnisse und hatte sicherlich auch einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung moderner Konsumgesellschaften. Trotzdem gibt es parallel zu dieser recht positiven Definition des Begriffs auch zunehmend kritische Stimmen, die mit der Konsumgesellschaft einen Lebensstil beschreiben, der eher mit „unsolidarischem und egoistischem Handeln“ 6 gleichgestellt wird. Dabei wird hier besonders der
3 Schneider, Norbert F., Konsum und Gesellschaft, in: Rosenkranz, Doris/ Schneider, Norbert F., Kon-
sum. Soziologische, ökonomische und psychologische Perspektiven, Opladen 2000, S. 11f.
4 Hügle, David, Konsumgesellschaft, in: www.gesellschafteninfo.de/Konsumgesellschaft.html (letzter
Zugriff: 16.02.2010).
5 Ebd.
6 Hügle 2010.
2
Konsum von Waren und Dienstleistungen, die nicht essentiell zum Leben nötig sind und heutzutage den Lebensmittelpunkt vieler Menschen ausmachen, kritisiert. 7 Im Folgenden möchte ich nun darauf eingehen, welchen Einfluss Genussmittel auf die Entstehung moderner Konsumgesellschaften hatten und haben.
3. Die Welt der Genussmittel
3.1 Die Etablierung der Genussmittel in Europa
Der zunehmende Schiffshandel und die ständig wachsenden Handelsverflechtungen brachten nach und nach die vormals fremden Genussmittel in die vorindustrielle Welt. Zu Beginn der Globalisierung der Genussmittel im 17. Jahrhundert 8 war der Konsum fast ausschließlich dem Bürgertum und den oberen Schichten vorbehalten, da die Preise durch den aufwendigen Handel und die schwierige Produktion sehr hoch waren. Doch gerade bei den Oberschichten waren die Genussmittel aus dem Grund sehr beliebt, denn genau dieser „demonstrative Konsum […] verlieh ihnen jenes Prestige, das ihre Durchsetzung ermöglichte.“ 9 So gelang es der höfischen Gesellschaft, sich weitestgehend vom Konsum der unteren Schichten abzugrenzen, weil zum Beispiel Schokolade und Kaffee als „Luxusprodukte, Zeichen des Überflusses und des demonstrativen Konsums“ 10 galten. Eine wichtige Errungenschaft dieser Zeit war die Entstehung des Kaffeehauses, welches den wichtigen Stellenwert von Heißgetränken bei der bürgerlichen Elite verdeutlichte. Doch hier standen neben dem intellektuellen und kulturellen Vergnügen vor allem der „anregende[n] und konzentrationsfördernde[n] Tasseninhalt selbst“ 11 im Vor-dergrund.
In den Kaffeehäusern wurde allerdings nicht nur Kaffee konsumiert, sondern auch Tee und Schokolade erfreuten sich großer Beliebtheit. Dies führte zur wachsenden Populari-
7 Vgl.Ebd.
8 Vgl. Menninger, Annerose, Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in Eu-
ropa (16.-19. Jahrhundert), Stuttgart 2008, S. 320.
9 Sandgruber, Roman, Genussmittel. Ihre reale und symbolische Bedeutung im neuzeitlichen Europa, in:
Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte; 1/1994, S. 77.
10 Ebd.
11 Menninger 2004, S. 323.
3
tät der Heißgetränke 12 und zur Weiterverbreitung erst in die bürgerlichen Haushalte und später auch in untere Schichten.
Trotzdem wollten auch die Arbeiter und Bauern an diesen neuen Geschmackserlebnissen teilhaben, wenn dies auch nur sehr beschränkt möglich war, aber sie versprachen eine Abwechslung von dem tristen Arbeiteralltag 13 oder eine „festliche Krönung bäuerlicher Mahlzeiten“ 14 .
Dies resultierte in einem allmählichen Zurückdrängen der Autarkie 15 und der Subsistenzwirtschaft, da jeder, der es sich von seinem meist geringen Lohn leisten konnte, am Konsum dieser Güter teilhaben wollte. Das führte zu einer stetigen Kapitalisierung und Verbreitung der Genussmittel. Doch bald wurden „Alkohol, Kaffee, Zucker und Tabak […] zu den zentralen Einkommensquellen des sich formierenden Steuerstaates“ 16 , denn die staatlichen Instanzen wollten sie kontrollieren und somit kam es zur staatlichen „Stabilisierung und Domestikation“ 17 . Als Folge dessen entbrannte ein Abwehrverhalten der Gesellschaft, die sich nicht dem steigenden Einfluss des Zentralstaates und der zunehmenden Kapitalisierung und Kommerzialisierung hingeben wollte und die Abneigung gegen dieses System durch Schmuggel, Verweigerung und Proteste deutlich machte. 18
Deshalb wird deutlich, dass die Genussmittel zum Ersten einen enormen Einfluss auf viele Lebensbereiche hatten und haben, denn sie sind Bestandteil von „Steuerpolitik und Gesundheitsvorsorge, […] Zivilisationsentwicklung und modische[m] Wandel, Initiationsriten und Erwachsenwerden, gesellschaftliche[n] Kontaktformen, Zeitverständnis, schichtspezifische[n] Konsumunterschiede[n] oder geschlechtsspezifische[m] Rollenverhalten“ 19 .
Doch wir haben die Genussmittel und den Umgang mit ihnen beeinflusst und verändert. Durch die wachsende Globalisierung und die steigende Schnelllebigkeit setzte sich zum Beispiel die schlanke Zigarette gegen die Pfeife durch. 20 Auch die Konventionen und der Umgang mit den Genussmitteln haben sich verändert. So gilt es heute als schlechtes
12 Vgl. Ebd.
13 Vgl. Sandgruber 1994, S. 88.
14 Ebd.
15 Vgl. Sandgruber, Roman, Bittersüße Genüsse. Kulturgeschichte der Genußmittel, Wien; Köln; Graz
1986, S. 9.
16 Ebd., S. 10.
17 Ebd., S. 9f.
18 Vgl. Ebd., S. 10.
19 Ebd., S. 10.
20 Vgl. Ebd., S. 10.
4
Benehmen, wenn man Tabak kaut und auf die Straße spuckt, während es damals ein völlig normales Alltagsbild war.
Auf Grund der Fülle an Genussmitteln, die von Essbarem wie Zucker und Honig, von Trinkbarem wie Alkohol, Kaffee, Tee oder Schokolade bis zu Rauchbarem wie Tabak reichen, habe ich beschlossen, im Folgenden nur einen Auszug aus der Welt der Genussmittel zu präsentieren. Dabei habe ich mich für Alkohol, Kaffee und Zucker entschieden, deren Verbreitungsgeschichte und Bedeutung ich im Folgenden näher erläutern möchte.
3.2 Alkohol
„Das Thema Alkohol ist so unerschöpflich, daß man eine Behandlung gar nicht erst beginnen möchte“ 21 .
So ist doch Alkohol ein weltweit verbreitetes Genussmittel, das nur hinsichtlich kultureller oder religiöser Ansichten an manchen Orten mehr zu finden ist als anderswo und natürlich gibt es auch regionale Besonderheiten und Vorlieben. So ist Deutschland bekannt für seine unzähligen Biersorten, während man beispielsweise in Schottland mehr dem Whiskey zugetan ist. Doch natürlich muss man in den letzten Jahrtausenden „ganz wesentliche Veränderungen im Trinkverhalten feststellen“ 22 . Während der vorindustriellen Zeit war Alkohol ein Produkt, das wegen hoher Preise nicht für jedermann bezahlbar war. So blieb vor allem bei der bäuerlichen Bevölkerung das Wasser das Hauptgetränk. Nur an Feier-und Sonntagen oder Wallfahrten leisteten sie sich dieses begehrte Genussmittel. 23 Der Konsum an ausgewählten Tagen führte dabei zu einer „sporadische[n] Trunkenheit“ 24 vor allem der bäuerlichen Bevölkerung. In größeren Städten war allerdings der Alkoholverbrauch konstant sehr hoch, da die hygienischen Zustände der Wasserquellen eher zu wünschen übrig ließen und die Menschen mehr oder weniger gezwungen waren, ihren Durst mit Alkohol zu stillen. 25 Für den Adel war der Alkoholkonsum sogar fast ein Muss, denn „Volltrunkenheit war das Erfolgsritual von Festen und Feiern“ 26 . Erst im 18. Jahrhundert kam es sowohl beim
21 Sandgruber 1986, S. 17.
22 Ebd.
23 Vgl. Ebd., S. 17.
24 Ebd., S. 18.
25 Vgl. Ebd., S. 18.
26 Ebd., S. 18.
5
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Nadja Kemter, 2010, Geschichte der Genussmittel (18.-20.Jahrhundert), München, GRIN Verlag GmbH
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