Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 Theorie 4
3 Fallbetrachtung (empirischer Teil) 6
3.1 Vorbedingungen des irakisch-iranischen Kriegs 6
3.2 Konfliktentwicklung unterhalb der Kriegsschwelle 7
3.3 Überschreiten der Kriegsschwelle 10
4 Schlussfolgerungen 11
5 Bibliographie. 13
6 Anhang. 15
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1 Einleitung
Am 22. September 1980 brachen entlang des Schatt al-Arab („Arabischer Fluss“), dem Zusammenfluss von Euphrat und Tigris, heftige Kämpfe zwischen irakischen und iranischen Truppen aus und die irakische Luftwaffe begann gleichzeitig iranische Flughäfen zu bombardieren. Dieser Tag markiert das Übertreten der Kriegsschwelle und den Beginn des irakisch-iranischen Kriegs. Einen Tag später überschritt ein Drittel der irakischen Armee den Schatt al-Arab und marschierte in die iranische Provinz Khusistan ein (Hiro 1984: 6). Der Konflikt wurde während fast neun Jahren ausgetragen und entpuppte sich als einer der umfangreichsten Kriege in der Geschichte der Entwicklungsländer (Cordesman/Wagner 1990: 1). Gleichzeitig handelte es sich um den blutigsten und destruktivsten Konflikt seit dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem Waf-fenstillstand vom August 1988 waren mehr als eine Million Gefallene, eine Million Flüchtlinge und Tausende von Verletzten zu beklagen (Swearingen 1988: 405). Das Fallbeispiel des irakisch-iranischen Kriegs ist also deshalb aus theoretischer Perspektive von Bedeutung, weil die anfänglich abgekühlten zwischenstaatlichen Beziehungen der beiden Ländern kontinuierlich in einen verbissenen, langjährigen Krieg mündeten, der mit den Stellungskriegen des Krimkriegs und des Ersten Weltkriegs verglichen werden kann (Ruloff 2004: 65). Letztendlich brachte der langjährige Krieg aber keine nennenswerten territorialen Veränderungen (Stoessinger 1993: 187).
Obwohl die umfangreichen Kampfhandlungen im September 1980 den Kriegsbeginn darstellen, muss berücksichtigt werden, dass bereits im Verlaufe desselben Jahres von irakischer Seite provokative Handlungen (z.B. grosse Truppenkonzentrationen) an der iranischen Grenze vorgenommen wurden (Brzoska/Pearson 1994: 140). Diese wiederum resultierten aus politischen Differenzen zwischen den beiden Ländern, welche vordergründig im Wesentlichen auf der gemeinsamen Nutzung des Schatt al-Arab und der damit verbundenen Grenzziehung im Gebiet des Flusses basierten (Hiro 1984: 4f.). Der Konflikt um die Grenze zwischen den Territorien hat zwar eine zentrale Rolle gespielt, trotzdem war dieser nur eine von vielen Dimensionen, welche diesen Krieg im Vorfeld und während seines Verlaufs geprägt haben (Cordesman/Wagner 1990: 76f.). In Anbetracht dessen, dass die Vorbedingungen, d.h. die Umstände, die zu einem Krieg führen, eine wichtige Rolle spielen, ist folgende Fragestellung für meine Analyse von Interesse: Welche Faktoren haben dazu geführt, dass die irakisch-iranischen Differenzen betreffend die utzung des Schatt al-Arab sich schrittweise zu einem internationalen bewaffneten Konflikt ausweiteten und welche weiteren Interessen der beiden Staaten, ausser den territorialen, liessen den Konflikt eskalieren?
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Zur Beantwortung meiner Frage, verwende ich die von Herman Kahn (1965) formulierte Eskalationstheorie, mit welcher die Zunahme der Konfliktintensität im irakisch-iranischen Krieg beschrieben werden kann. Diese Theorie betont die verschiedenen Stufen der inkrementellen Ausweitung und Verstärkung eines Konflikts. Bei der vorliegenden Fallbetrachtung ist nicht der irakisch-iranische Krieg als Ganzes, sondern die Phase des anschwellenden Konflikts und das Überschreiten der Kriegsschwelle von zentraler Bedeutung. Betrachtet wird daher v.a. der Zeitraum von 1975 bis 1981. Die vorliegende Untersuchung verwendet die Analyseebene der Staaten, wobei die Staaten bzw. deren Spitzenpolitiker als relevante Akteure betrachtet werden. Nachfolgend werden zuerst die Prämissen der Eskalationstheorie präsentiert und die wichtigsten Begriffe definiert. Im darauffolgenden Kapitel wird die Fallbetrachtung vorgenommen auf welche die Eskalationstheorie angewandt wird. Zuletzt folgen die Beantwortung meiner oben erwähnten Fragestellung und eine Kritik an der Anwendbarkeit der Theorie auf diesen Konflikt.
2 Theorie
In den Internationalen Beziehungen kann die Eskalationstheorie in der Teildisziplin Ab-schreckungstheorien verortet werden. Diese wiederum gehört dem szientistischen, d.h. nach naturwissenschaftlich-empirischen Prämissen orientierten, Behavioralismus an. Die Abschrek-kungstheorien, so auch Kahns Eskalationstheorie, wurden ab Ende der 1950er Jahre unter dem Eindruck des Kalten Kriegs und der damit verbundenen atomaren Rüstung entwickelt (Menzel 2001: 91, 109, 120f.). Einerseits steht im Zentrum von Kahns Überlegungen der Begriff der Eskalation selbst. Mit Eskalation beschreibt Kahn die Situation einer “competition in risk-taking” (Kahn 1965: 3) an der zwei Parteien an einem beschränkten Konflikts beteiligt sind. Jede Seite kann aus diesem Wettbewerb als Sieger hervorgehen, vorausgesetzt, dass die andere Partei die eigenen Anstrengungen nicht durch eine Steigerung der Bemühungen ihrerseits egalisiert. Wenn die gegnerische Partei aber auf die Eskalation nicht reagiert (oder nicht reagieren kann), so ist der Nutzen des Sieges, gegenüber den geringen Kosten, welche die gesteigerte Anstrengung verursacht hat, hoch. Diese Überlegung verhindert gleichzeitig aber auch eine an die Gegenpartei gerichtete Provokation, aus Angst, dass diese sofort gleichziehen, ja sogar überreagieren könnte (Kahn 1965: 3 f.). Die erste Partei müsste mit der Überreaktion wieder gleichziehen und es würde eine für die Eskalation typische Eigendynamik entstehen (Ruloff 2004: 57). Es ist also nicht eine grundsätzliche Unerwünschtheit oder das Zurückschrecken vor den Kosten der Eskalation, welche diese unbedingt verhindern würden (Kahn 1965: 3f.).
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Andererseits geht Kahn von einem begrenzten Konflikt, bzw. einer Auseinandersetzung, die im „gegenseitigen Einvernehmen“ geführt wird (limited conflict or “agreed battle”) aus. Die Eskalation eines solchen Konflikts kann auf drei verschiedene Arten geschehen. Sie kann durch eine Steigerung der Intensität (increase intensity), eine Ausweitung des Konfliktgebiets (widen area) oder eine Verbundseskalation (compound escalation), hervorgerufen werden (vgl. Abbildung 1). Eine Steigerung der Intensität könnte durch eine Verstärkung der bereits durchgeführten Aktionen, den Einsatz von zusätzlichem militärischem Material oder den Angriff auf zusätzliche gegnerische Objekte vorgenommen werden. Die höchste Form der Intensivierung stellt folgerichtig der Einsatz von nuklearen Waffen dar. Eine Ausweitung des Konfliktgebiets kann durch eine Ausdehnung des lokalen Kriegsschauplatzes oder durch Verletzungen der, vom Konflikt geographisch ausgesparten Gebiete (sog. lokale Schutzstätten) erfolgen. Dies können Verfolgungen des Gegners auf fremdem Territorium, Vergeltungsschläge oder andere territoriale Verletzungen sein. Bei der Verbundseskalation stehen zusätzlich ausgelöste Konflikte im Zentrum. Dabei kommen Angriffe auf Verbündete des Gegners ausserhalb des eigentlichen Kriegsschauplatzes in Frage. Die Wirkung einer Verbundseskalation bei einer Verletzung zentraler Schutzstätten (z.B. Hauptstädte, religiöse Zentren, etc.) würde hingegen bereits eine hochgradige Eskalationsstufe darstellen (Kahn 1965: 4-6).
Als analytisches Instrument zur Bestimmung der Eskalationsstufen verwendet Kahn me-taphorisch eine Leiter. In seiner Eskalationsleiter definiert er 44 Sprossen (Eskalationsstufen), die er durch sechs Schwellen in sieben Teile unterteilt. Am unteren Ende der Leiter steht der zwischenparteiliche Zwist unterhalb der Kriegsstufe (disagreement - cold war) von wo aus die Eskalation beginnt bis sie zuletzt bei den Nachwirkungen (aftermaths) eines krampfartigen oder wahnwitzigen Krieges (spasm or insensate war) ihr Ende nimmt (vgl. Tabelle 1). Die Bezeichnung der Schwellen bezieht sich jeweils auf das Ereignis, das unterhalb der Schwelle undenkbar ist (Kahn 1965: 37-51).
Den Begriff Krieg verwende ich in dieser Arbeit im völkerrechtlichen Sinne eines internationalen bewaffneten Konflikts (Gasser 2007: 60). Auf der Eskalationsleiter entspricht die zwölfte Sprosse (large conventional war) dem Beginn einer kriegerischen Auseinandersetzung. Kahn bezeichnet den Krieg als “organized military violence” (Kahn 1965: 86). Dies kann als eine gekürzte Formel der völkerrechtlichen Kriegsdefinition betrachtet werden: Um einen internationalen bewaffneten Konflikt handelt es sich dann, wenn es „zwischen zwei oder mehreren der Hohen Vertragsparteien [= Staaten]“ (Gasser 2007: 60) zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt, wobei es sich dabei nicht nur um sporadische Aktionen handeln darf, sondern
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Arbeit zitieren:
M.A. Manuel Irman, 2008, Irakisch-iranischer Krieg 1980 - 1988, München, GRIN Verlag GmbH
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