Eberhard Karls Universität Tübingen Institut für Politikwissenschaft Sommersemester 2001
Seminar: Geschichte der Theorie der internationalen Beziehungen
Der Zusammenhang von Innen- und internatio-
naler Politik bei Machiavelli
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Das politische Denken Machiavellis 4
a) Politische Anthropologie 4
b) Geschichtsverständnis und Handlungslehre 5
c) Machiavelli und seine Zeit 7
III. Von der Innenpolitik zur Analyse des internationalen Systems 8
IV. Interdependenz zwischen Innen- und internationaler Politik 9
a) Ursprung und Entstehung der politischen Einheiten 10
b) Gründung und Konstitution der inneren Ordnung
dieser politischen Einheiten 10
c) Wandel und Entwicklung der Ordnung der politischen Einheiten 11
d) Ordnungsprinzipien und Ordnungstypen im Feld der
internationalen Beziehungen 13
e) Zusammenhang zwischen der inneren Ordnung und dem
ausw ärtigen Verhalten, die Bedingung von Krieg und Frieden 14
f) Wechselwirkung zwischen menschlicher Natur und der
internationalen Politik 16
V. Schluss 17
VI. Literaturverzeichnis 18
2
I. Einleitung
Machiavelli steht mit seinen politischen Schriften bis in die heutige Zeit im Verruf, nur der fahrlässige Begründer einer Politik zu sein, die mit dem Ausdruck ,,Machiavellismus" bezeichnet wird. Mit diesem Terminus wird gemeinhin der rücksichtslose Mißbrauch des oder der Regierenden seiner beziehungsweise ihrer Herrschaft zum alleinigen Ziel der Machtsicherung charakterisiert.
Bei der Würdigung seiner Schriften schieden sich über Genrationen hinweg die Geister. Die katholische Kirche setzte seine Werke auf den Index. Die erste deutsche Übersetzung des ,,Il principe" erschien erst knapp 200 Jahre nach seinem Tod mit einem fingierten Drucker- und Erscheinungsortnamen. Friedrich der Große sah sich genötigt, mit einer Schrift die Menschlichkeit zur verteidigen, von der er überzeugt war, daß Machiavelli sie vernichten wollte. Nietzsche sah hingegen in dem Werk Machiavellis ein Ideal politischen Handelns. 1
Auch wenn sich den meisten Lesern von Machiavellis Lektüre der Eindruck aufgedrängt haben mag, dass er sich darin ausschließlich mit der Materie der Innenpolitik beschäftigt habe, ist bei genauerer Betrachtung auch das Feld der internationalen Beziehungen schon in seinen Arbeiten erschlossen worden. Nicht umsonst sehen einige der Realistischen Schule im Bereich der internationalen Beziehungen ihn als den Gründer ihrer Theorie an.
Diese Arbeit setzt sich mit dem Zusammenhang zwischen Innen- und internationaler Politik bei Machiavelli auseinander. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die innenpolitische Verfassung eines Staates sich auf die internationale Struktur auswirkt und vice versa welche Wirkung die Struktur der internationalen Ebene auf das Innere eines Staates hat.
Um diese Fragen zu beantworten ist es unumgänglich in einem ersten Schritt die Biographie Machiavellis und die zu seinen Lebzeiten vorliegende politische Situation in seinem Heimatland zu beschreiben. Jede Theorie, die sich mit dem politischen Zusammenleben in einem realen oder fiktiven Gemeinwesen befaßt, ist in der Regel niemals losgelöst von der Biographie des Autors zu betrachten. Die realen Gegebenheiten und Lebensumstände haben vielmehr einen wesentlichen Einfluß auf die
1 Kersting, Wolfgang 1988: Niccolò Machiavelli, 2. Aufl., München. S. 155 ff.
3
Denkstrukturen eines jeden Theoretikers, das Sein bestimmt das Bewußtsein. Erst mit dem Wissen um die Biographie Machiavellis läßt sich nun auch sein politisches Denken verstehen. Dabei soll eingangs geklärt werden, auf welche Weise Machiavelli zu seinen Annahmen gekommen ist und was er für ein Bild von seinen Mitmenschen hatte. Nachdem diese Grundannahmen des politischen Denkens von Machiavelli geklärt wurden, kann der Zusammenhang zwischen der Innen- und internationalen Politik bei Machiavelli erläutert werden.
Bei der Bearbeitung des Themas werde ich mich auf die beiden Hauptwerke „Il Principe“ und „Discorsi“ beschränken.
II. Das politische Denken Machiavellis
a) Politische Anthropologie
Der Charakter des Menschen ist aus Sicht Machiavellis im Prinzip unveränderlich. Sein Menschenbild ist sehr pessimistisch. Er nennt Menschen wankelmütig, egoistisch und undankbar. Menschen neigen in Machiavellis Augen zum Bösen und machen bei nächster Gelegenheit davon Gebrauch. 2 Sie sind von Natur aus ehrgeizig und mißtrauisch, leicht zu verführen und treulos, sie sind böse und folgen stets ihrer bösen Gemütsart, sobald sie die Gelegenheit dazu haben. Doch Machiavelli legt die menschliche Bösartigkeit nicht dem Menschen allein zur Last. Die Frage, wie das Böse in die Welt hinein gekommen ist, sieht Machiavelli unter dem Aspekt einer dem Menschen feindlich gesinnten Himmelsmacht, der die beiden Furien ambizione und avarizia entspringen. Erst mit ihrem Auftreten kommt das Böse in die Welt. Machiavellis These von der Schlechtigkeit des Menschen löst sich von der im Mittelalter typischen christlichen Erbsünden Dogmatik. 3 Er begründet sie mit der Unendlichkeit des menschlichen Begehrens und der nicht vorhandenen Möglichkeit der Befriedigung ihrer Ansprüche. 4 Für Machiavelli ist das Böse eine in der menschlichen Natur wirkende Kraft, die, wie der mythische Ursprung der ambizione zeigen soll, den Menschen ohne eigene Schuld zum Schicksal geworden ist. Der christliche Begriff der Sünde ist Machiavelli fremd. Statt der Sünde verwendet er den Begriff der ambizione.
2 Deppe, Frank 1987: Niccolò Machiavelli: Zur Kritik der reinen Politik, Köln. S. 297
3 Ebenda. S. 298 ff.
4 Boucher, David 1998: Political Theories of International Relations. From Thucydides to the Present, New Y-ork, Kap 5 u. 6. S. 93
4
Die ambizione steht ganz allgemein für das Streben nach Befriedigung der Triebe: Ehrgeiz, Ruhmsucht, Verlangen nach Macht, Besitz und Gewinn. 5 Diese sind nie zu stillende Begehrlichkeiten, die dem Menschen angeboren sind. Die ambizione kann so übermächtig werden, dass sie dem Menschen jede Vorsicht vergessen läßt. Sie in Grenzen zu halten, ist die Aufgabe des Staates. Durch die Destruktivität des Menschen, seine Unfähigkeit zur Selbstkontrolle ist der Staat als Zwangsanstalt gerechtfertigt. Der seiner Begierde nicht mächtige Mensch ist auf Fremdzwang, auf die von außen kommende Disziplinierung durch den Staat und seine Organe angewiesen. Jedoch kann der Mensch nach der Auffassung Machiavellis durch keinerlei Maßnahmen auf Dauer gebessert werden. Der Kreislauf vom Guten zum Bösen ist als Naturgesetz dem Einfluß des Menschen entzogen. 6 Er kann sich weder selbst erlösen (Humanismus), noch kann er von außen erlöst werden (christliche Religion). Aus der Perspektive Machiavellis muss er erzogen werden. Aus dem zuletzt Beschriebenem geht ein Spannungsverhältnis hervor zwischen „Sein“ und „Seinsollen“ des Menschen. Die Humanistische Lehre wirkt daraufhin, dass die Gebote des „Seinsollens“ einzuhalten sind. Machiavelli ist jedoch der Meinung, wer im politischen Bereich nach dem „Seinsollen“ handelt, führt seinen eigenen Untergang herbei. Nur mit guten Gesetzten, die von starken Herrschern gemacht und umgesetzt werden, verhalten sich die Menschen (gezwungenermaßen) gut oder anständig. 7
b) Geschichtsverständnis und Handlungslehre
Mit dem Eintreten des Bösen in die Welt endet der geschichtslose Zustand der ersten Menschen (eine Art Goldenes Zeitalter), und die Geschichte beginnt. Das Böse löst eine ständige Veränderung aus. Der einzelne, der sich das Gut seines Nächsten aneignet, verändert die Besitzverhältnisse, die Völker, die unaufhörlich nach Vergrößerung ihrer Länder trachten, verändern die Staatenwelt. Der Triebmechanismus der menschlichen Natur wird zum Beweger des Geschichtsprozesses. 8 Zwei Faktoren kennzeichnen den Gang menschlichen und geschichtlichen Lebens: Das Schicksal (fortuna) und die persönliche Tüchtigkeit (virtù). Die Welt an sich ist immer dieselbe; Gut und Böse verschieben sich von Land zu Land, aber die Welt im Ganzen wird
6 Kersting, Wolfgang 1988: Niccolò Machiavelli. S. 62 ff.
7 Ebenda. 70 ff.
8 Deppe, Frank 1987: Niccolò Machiavelli. S. 298
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Arbeit zitieren:
Matthias Mißler, 2001, Der Zusammenhang von Innen- und internationaler Politik bei Macchiavelli, München, GRIN Verlag GmbH
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