Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein 4
3. Die Landvolkbewegung als Mittel zum Zweck 10
3.1 Die Antriebskräfte der Aktivisten 13
4. Die Landvolkbewegung und der Nationalsozialismus. 18
5. Fazit und Ausblick 21
6. Literatur- und Quellenverzeichnis 23
6.1 Quellen 23
6.2 Literatur 23
2
1. Einleitung
Am 28. Januar 1928 schien ganz Schleswig-Holstein auf den Beinen zu sein: Etwa 140.000 Menschen aus den Dörfern der Provinz machten sich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder dem Pferdewagen zu den Demonstrationen auf die Markplätze der größeren Kreisstädte wie Flensburg, Husum, Itzehoe oder Neumünster auf. 1 „Der Bauer stund auf im Lande“, drückte es Bernd Weisbrod aus. 2
Doch warum haben sich die Bauern zum Protest erhoben? Wie setzte sich dieser fort? Wie organisierte er sich? Und welche Auswirkungen hatte er auf das politische und gesellschaftliche Leben in Schleswig-Holstein haben? Diesen Fragen werde ich zu Beginn meiner Arbeit beleuchten (Punkt 2). Denn die Protestbewegung hatte eine Dynamik ausgelöst, die von Verbänden und Parteien nicht aufgefangen werden konnte und daher auf viele andere Organisationen und Gruppen attraktiv wirken sollte.
Darunter befand sich eine ganze Reihe von Aktivisten, die aufgrund ihrer Herkunft eigentlich nichts mit der ländlichen Bewegung zu schaffen gehabt hätten. Was diese, aus dem rechtskonservativen Spektrum stammenden Männer, dazu bewogen hat, sich der Bewegung des Landvolks anzuschließen möchte ich anschließend - aus generationsspezifischer Perspektive - analysieren. (Punkt 3).
Die Konsistenz des Analysekonzepts der Generation, sowie seine Vor- und Nachteile wurden hinreichend diskutiert, so dass ich darauf nicht ausführlich eingehen werde. 3 In einem abschließenden Teil werde ich dann der Frage nachgehen, warum die Nationalsozialisten ausgerechnet in Schleswig-Holstein ihre frühesten und nachhaltigsten Erfolge feiern konnten und ob die Landvolkbewegung dabei eine besonderen Rolle spielte (Punkt 4).
Im Folgenden sollen nun kurz die wichtigsten Forschungsbeiträge über die Landvolkbewegung präsentiert werden. Dazu sei vorab gesagt, dass das Angebot an Literatur in diesem Forschungsfeld sehr eingeschränkt ist. Neben zeitgenössischen Darstellungen aus sympathisierender Sicht, die ich außer acht gelassen habe, und Romanen, bei denen zu allererst Hans Falladas Bestseller „Bauern, Bonzen und Bomben“ zu nennen ist, ist vor allem
1 Vgl. Gerhard Stoltenberg (1962): Politische Strömungen im schleswig-holsteinischen Landvolk 1918-1933. Ein Beitrag zur politischen Meinungsbildung in der Weimarer Republik. Düsseldorf (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, 24), S. 111.
2 Bernd Weisbrod (1990): Die Krise der Mitte oder: "Der Bauer stund auf im Lande". In: Niethammer, Lutz (Hg.): Bürgerliche Gesellschaft in Deutschland. Historische Einblicke, Fragen, Perspektiven. Frankfurt am Main, S. 396.
3 Vgl. dazu vor allem den Sammelband, hrsg. von Jürgen Reulecke: Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert. München (Schriften des Historischen Kollegs: Kolloquien, 58).
3
die Habilitationsschrift Gerhard Stoltenbergs, „Politische Strömungen im schleswigholsteinischen Landvolk 1918-1933“, zu nennen. Der spätere schleswig-holsteinische Ministerpräsident liefert eine umfangreiche Gesamtdarstellung über die Situation im Verbreitungsgebiet der Landvolkbewegung, ihren Aufstieg und ihren Niedergang. Was die rechtskonservativen Aktivisten der Landvolkbewegung, wie beispielsweise Ernst von Salomon angeht, so kann man deren Motivation ex- bzw. implizit in ihren autobiographischen Werken herausarbeiten.
Zum Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein haben Uwe Danker und Astrid Schwabe lehrbuchartig ein übersichtliches Werk über die Gründe des Aufstiegs der NSDAP abgeliefert. Ihre Darstellung des Verhältnisses der Partei zur Landvolkbewegung sind jedoch eher kurz gehalten, so dass ein Blick in den Beitrag von Bernd Weisbrod lohnenswert ist. Er sucht die Erklärung für den Zusammenhang vom Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung und dem Abstieg der Landvolkbewegung im Versagen der Verbandsstrukturen und Parteien auf dem Lande.
2. Die Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein
Der Ursprung der Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein lag in erster Linie in der wirtschaftlichen Situation der Bauern nach dem Ersten Weltkrieg und in ihrer Unzufriedenheit mit ihren politischen Interessensvertretungen begründet. Denn diesen gelang es nicht, die Weimarer Regierung zu politischen Entscheidungen zu zwingen, die für die gesamte Bauernschaft von Vorteil gewesen wäre.
Gebeutelt war die gesamte Landwirtschaft jedoch bereits durch den Ersten Weltkrieg. So gingen sowohl die Getreideproduktion als auch der Viehbestand drastisch zurück. Zudem kämpften die Agrarier mit einem schleichenden Bedeutungsverlust der Landwirtschaft zu Gunsten der Industrie. Diesen wollten sie jedoch nicht wahrnehmen, weshalb sie weiter auf ihren gesellschaftlichen und politischen Führungsanspruch pochten. 4 Auch die ersten Jahre nach Kriegsende gestalteten sich für die Landwirtschaft in Schleswig-Holstein, wie für die gesamte Wirtschaft der nördlichsten Provinz des Freistaats Preußen, nicht rosig. Ein Glücksfall war für sie daher die Inflation 1923, die die Bauern quasi über Nacht schuldenfrei machte. Doch auch nach der Währungsreform vertrauten die Landwirte
4 Vgl. Hans-Ulrich Wehler (2003): Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949. München (Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 4), S. 274.
4
auf Kredite. Deren Zinssätze waren jedoch ungewöhnlich hoch, wodurch sich ein großer Teil des Bauerntums immens verschuldete, auch weil die Inlandsnachfrage und die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse zurückgingen. 5
Besonders groß wurde das Ausmaß der Verschuldung während der Agrarkrise 1927, welche eine Krise neuen Typus darstellte. Denn sie hatte nichts mit schlechten Witterungsbedingungen zu tun, sondern war zum einen auf die unmodernen Produktionsbedingungen der deutschen Landwirtschaft zurückzuführen und zum anderen durch den Preisverfall auf dem Weltmarkt bedingt. So fiel beispielsweise der Weizenpreis aufgrund ausländischer Überproduktion bis 1928 um 40 Prozent. 6 In Deutschland konnte dieser Preis allerdings aufgrund von Schutzzöllen relativ hoch gehalten werden. Das diente in erster Linie den politisch dominanten Großagrariern Ostelbiens, die ausschließlich mit dem Anbau von Weizen ihr Geld machten. Weniger von Vorteil war es für die in ihrer Anzahl häufiger vorzufindenden kleinen und mittleren Betrieben. Sie hatten sich auf Ackerbau, Vieh-und Veredelungswirtschaft spezialisiert und sahen sich durch die Agrarkrise in ihrer Existenz bedroht. Ebenfalls einseitig zu Gunsten der Großagrarier waren die umfassenden Subventionszahlungen der Regierung, die den ökonomischen Interessen der, ganz von der Landwirtschaft lebenden, Vollbauern daher widersprachen. 7 Beide Maßnahmen sollten dem Ziel der großagrarischen Lobby dienen, den deutschen Agrarmarkt aus dem Weltmarkt herauszulösen. Die große Alternative wäre für sie die Umstellung von Weizenanbau auf die Erzeugung von Fleisch und Milch gewesen. Produkte also, die in den Städten nachgefragt wurden. Die Vollbauern waren diesen Schritt bereits gegangen. Für die Großagrarier war jedoch der „Griff nach Klinke der Gesetzgebung verlockender als der strukturelle Umbau mit ungewissen Folgen“. 8 Die Kleinbauern wiederum besaßen keine politische Stimme, da die bäuerlichen Interessensvertretungen sich nicht für sie interessierten oder daran scheiterten, ihre Anliegen zu artikulieren. 9 In Schleswig-Holstein war die Krise in besonderer Weise zu spüren. Die Produkte hier waren, aufgrund handelpolitischer Vereinbarungen, besonders stark dem Weltmarktgeschehen ausgesetzt. Zudem hing der Absatz der Fleisch- und Milchprodukte von der Massenkaufkraft der Bevölkerung ab, was die kleinen und mittleren Betriebe später in der Weltwirtschaftskrise stark belastete. Nach dem ersten Sturz der Schweinepreise, dem weitere für Milch, Getreide,
5 Vgl. Uwe Danker / Astrid Schwabe (2005): Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus. Neumünster, S. 12.
6 Vgl. Wehler, S. 281.
7 Vgl. Weisbrod, S. 399.
8 Wehler, S. 333.
9 Vgl. Ebenda.
5
und weitere Fleischprodukte folgen sollten, überschuldete sich eine Reihe von Landwirten. Da sie offene Rechnungen und Steuern nicht mehr begleichen konnten, erfolgten bei ihnen staatlich organisierte Pfändungen und Zwangsversteigerungen. 10 Die Schuld dafür wurde der Berliner Agrarpolitik zugeschoben. Diese konnte aufgrund der interessenspolitischen Fragmentierung der Bauern allerdings zu keiner Entscheidung gezwungen werden. „In dieser fatalen Funktionsschwäche der herkömmlichen ‚Pressure Groups’“, sieht Hans-Ulrich-Wehler, „das strukturell ausschlaggebende Moment der bäuerlichen Militanz“. 11
Diese nahm ihren Ausgang in Schleswig-Holstein von der Geest, wo vor allen Dingen der althergebrachte Bauerntyp, Kleinfamilie mit Vieh, vorzufinden war. 12 Das landwirtschaftliche Verbandswesen war zur selben Zeit, aufgrund von Spannungen zwischen den einzelnen Interessensvertretungen, in erster Line mit sich selbst beschäftigt. Die Reibereien zwischen den Verbänden waren auf die Fusion des „Schleswig-Holsteinischen Bauernvereins“, der klein- und mittelbäuerliche Interessen vertrat, mit der Vereinigung deutscher Bauernvereine zurückzuführen. Der rivalisierende Landbund, in dem die Großagrarier ihre Anliegen äußerten und vertreten ließen, hatte sich schon vorher dem Reichslandbund angeschlossen. Auf eine einheitliche Position des Bauerntums konnten sich die Verbände aufgrund ihrer Konkurrenzlage daher nicht verständigen. 13
Als um die Jahreswende 1927/28 weiterhin keine Einigung zwischen den Verbänden erzielt wurde und Hilfsmaßnahmen der Regierung ausblieben, kam es am 28. Januar 1928 zu Protestkundgebungen in nahezu allen Kreisstädten des Landes Schleswig-Holstein, die als Geburtsstunde der Landvolkbewegung angesehen werden können. Aufgerufen dazu hatte der Büsumer Hofbesitzer Otto Johannsen. Ohne jeglichen organisatorischen Apparat hallte die Botschaft eines einzelnen, weitgehend unbekannten, Bauers via familiärer und nachbarschaftlicher Netzwerke über das platte Land und mobilisierte schließlich etwa 140.000 Menschen. Johannsen selber sprach auf einer Demonstration in dem Ort Heide. Seine Ausführungen zeigten bereits, welchen Einfluss die Rechtsopposition auf die Bauernschaft gewonnen hatte. So waren die Angriffe des Büsumer Landwirts auf die Berliner Regierungspolitik gespickt mit Argumenten der völkischen Bewegung. Beispielsweise plädierte er in seiner Rede für die Nahrungsmittelfreiheit vom Ausland, den Widerruf der deutschen Alleinschuld am Kriegsausbruch und die Revision des Versailler Vertrages. 14
10 Vgl. Danker, Schwabe, S. 12.
11 Vgl. Wehler, S. 336.
12 Vgl. Weisbrod, S. 400.
13 Vgl. Wehler, S. 336.
14 Vgl. Stoltenberg, S. 110f.
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Yannick Lowin, 2010, Lewwer duad üs Slaaw, München, GRIN Verlag GmbH
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