Erst nach dieser Ermahnung an den Leser folgt in den Versen 3 und 4 die Aussage, die die Allgemeinheit nicht verstehen würde: Das lyrische Ich erklärt, dass es „das Lebendge“ preisen will, das sich „nach Flammentod“ sehnt. Dieser Ausdruck, dass das Leben gepriesen werden soll, das sich nach dem Tode sehnt scheint zunächst ein offensichtlicher Widerspruch zu sein später im Gedicht wird aber klar, dass es sich hier um ein Paradoxon handelt. Goethe hat diese beiden Verse mithilfe einer Anapher auch sprachlich eng miteinander verbunden. Das Lebewesen, das sich nach dem Tod in den Flammen sehnt, wird in den folgenden drei Strophen durch das Bild eines Schmetterlings symbolisiert, der in den Flammen einer Kerze umkommt. Dass das beschriebene Lebewesen ein Schmetterling ist, wird aber erst in Vers 16 enthüllt.
Die zweite Strophe beginnt mit der Beschreibung eines „normalen“ Lebens eines Schmetterlings. Durch den Ausdruck „…die dich zeugte, wo du zeugtest…“(V.6), wobei mit „du“ nun ein Schmetterling angesprochen wird, wird gezeigt, dass der Schmetterling das gleiche Leben lebt, wie seine Eltern, also auch wie alle anderen Schmetterlinge. Der Schmetterling unterscheidet sich noch nicht von den anderen seiner Art. Es wirkt außerdem wie ein Kreislauf, in dem immer wieder neue Lebewesen geboren werden, der Schmetterling wird gezeugt, er zeugt wiederum neue Schmetterlinge und so weiter. Der Tod wird allerdings nicht erwähnt, was auffällig ist, schließlich scheint doch die Sehnsucht nach dem Tod die Hauptaussage des lyrischen Ichs zu sein.
Das normale Leben des Schmetterlings findet aber ein Ende, als er das Leuchten einer Kerze sieht. Ihn überkommt eine „fremde Fühlung“(V. 7), denn er sieht, dass es noch etwas anderes gibt als sein alltägliches Leben. Die Kerze ist für ihn etwas Unbekanntes und Neues. Durch die Synästhesie der „stillen Kerze“(V.8) wird die Außergewöhnlichkeit der Kerze für den Schmetterling noch verstärkt. Er sieht nicht einfach nur eine Kerze, sondern etwas, das außerhalb seines bisherigen Wissens liegt, er hat das Wissen über und den Glauben an etwas Höheres. In Strophe 3 beschreibt das lyrische Ich, wie der Schmetterling sich wegen der Sehnsucht nach der Kerze aus seinem alten Leben löst. Die Sehnsucht führt zu der Veränderung des Wesens des Schmetterlings. Der bisher gewohnte Lebensraum wird nun als eine Einschränkung mit „Finsternis Beschattung“(V.10) empfunden. Das Hendiadyoin verstärkt den beengenden Eindruck, den der Schmetterling nach seinem Entkommen aus seinem alten Leben von selbigem hat. Die „Finsternis“ steht
dem Leuchten der Kerze antithetisch gegenüber und symbolisiert somit die Anziehungskraft, die die positiv wirkende helle Kerze auf den Schmetterling hat, der im negativ wirkenden Dunkeln gefangen war. Das empfundene „Verlangen“(V.11) nach der Kerze, die neu für ihn ist, „reißet“(V.11) den Schmetterling aus seinem alten Leben heraus, „auf zu höherer Begattung“(V.12). Das Wort „reißet“ wirkt, als hätte das Verlangen den Schmetterling ruckartig und plötzlich gepackt, was zeigt, dass die Sehnsucht nach etwas nicht planbar ist, sondern auf einmal da ist, ohne dass man es erklären könnte. Das Verlangen entspricht hier wohl auch teilweise der Neugier, die man empfindet, wenn man etwas bis dahin Unbekanntes sieht oder hört. „Höhere Begattung“ lässt sich aus dem Kontext wohl am ehesten als höheres Wissen oder höheres Leben erklären.
Die vierte Strophe beschreibt den Weg des Schmetterlings zu der Flamme der Kerze. Er ist zuerst „gebannt“(V. 14), dann begierig(V.15). Sein Wunsch, sich dem Licht zu nähern, ist bereits unbeherrschbar geworden, er führt den Schmetterling bis zum Tod in der Kerze. Auch hier wird ersichtlich, dass die Kerze für den Schmetterling etwas Höheres war, denn hätte er das nicht geglaubt, hätte er sein Leben nicht dafür aufgegeben. Wegen seiner Sehnsucht stirbt der Schmetterling zwar, aber durch das Verbrennen wird er zu Licht - und das war doch das, was er die ganze Zeit angestrebt hat. Seine Sehnsucht wurde also im Augenblick des Todes erfüllt. In der letzten Strophe wendet sich das lyrische Ich wieder an den Leser und sagt ihm, dass wenn er „dieses: Stirb und Werde!“(V.18) nicht habe, sei er „nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde“(V.19 f). Die „dunkle Erde“ erinnert wohl nicht zufällig an die „Finsternis“, in der der Schmetterling sein ursprüngliches Leben führte. Das lyrische Ich will damit scheinbar ausdrücken, dass, wenn man das „Stirb und Werde!“ nicht versteht, es einem nicht anders geht wie dem Schmetterling und man in der Finsternis gefangen ist, es aber nicht merkt, weil man seine eigene Situation gar nicht erkennen kann. Der Schmetterling hat seine Umgebung auch erst erkannt, als er die Kerze gesehen und in ihr etwas Höheres erkannt hat. Das Paradoxon des Ausdrucks „Sterbe und Werde!“, den das lyrische Ich noch durch einen Ausruf betont, wird erst dann erklärbar, wenn man erkennt, dass Sterben nicht immer etwas Negatives sein muss. Auf den Tod kann ein neues Leben folgen oder eine Wiedergeburt. Sterben heißt eigentlich nur Veränderung und das muss nichts Schlechtes sein. Man kann auch im Laufe eines Lebens durch bestimmte Ereignisse mehrmals sterben und wiedergeboren werden, einfach als ein veränderter Mensch.
Überträgt man das Bild des Schmetterlings auf den Menschen, kann man sagen, dass wenn der Mensch etwas Höheres sieht, etwas Unbekanntes, das er sich nicht erklären kann, muss er diesem näher kommen, weil er neugierig ist. Er hat Sehnsucht nach etwas Höherem, nach dem Ideal, das er anstrebt. Das Höhere kann wohl vor allem im religiösen Sinne verstanden werden, weil der Mensch zum Beispiel in der christlichen Religion das ewige Leben anstrebt oder in der buddhistischen die Erleuchtung und sowohl das ewige Leben als auch die Erleuchtung folgen erst nach dem Tod. Das Sehnen danach kann also mit dem Sehnen nach dem Tod gleichgesetzt werden.
Johann Wolfgang von Goethe beschreibt in seinem Gedicht hauptsächlich die Sehnsucht nach dem Tod die gleichzeitig die Sehnsucht nach etwas Höherem ist, das man nicht genau kennt und nicht genau beschreiben kann, von dem man aber weiß, dass es da ist. Diese Sehnsucht, die eigentlich jeder Mensch hat, drückt sich wohl vor allem in den Religionen aus. Dass die Sehnsucht auch glücklich machen kann, wie von Goethe bereits im Titel erwähnt, liegt wohl daran, dass die Sehnsucht nach etwas Höherem bereits die Erkenntnis beinhaltet, dass es etwas Höheres gibt, und dieses Bewusstsein kann schon fröhlich machen.
Arbeit zitieren:
Tanja Hartnagel, 2009, Johann Wolfgang von Goethe - Selige Sehnsucht: Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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