Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Humes Argumente gegen Wunder 5
2.1 Humes a priori Argument 6
2.2 Humes a posteriori Argumente 9
3. Definition von Wundern 11
3.1 Konstellationswunder 11
3.2 Wunder und übergangene Ordnung der Natur 12
4. Möglichkeit von Wundern 15
4.1 Diskussion von Humes a priori Argument 15
4.2 Wunder und Naturgesetze 19
5. Identifikation von Wundern 23
5.1 Diskussion von Humes a posteriori Argumente 23
5.2 Das Prinzip der Analogie 24
5.3 Kriterien zur Identifikation 27
6. Darf man gerechtfertigt an Wunder glauben? 32
7. Literaturverzeichnis 35
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DER EPISTEMOLOGISCHE STATUS VON WUNDERN
1. Einleitung
Ein Hauch von Faszination umgibt Wunder. Sie wirken auf manche Menschen anziehend, auf andere abstoßend. Während die einen von Revival-Meeting zum Wallfahrts-ort pilgern, haben die anderen nichts als ein müdes Lächeln für so eine einfältige Form des Aberglaubens übrig. Die einen sehen in Wundern wie sich ihr Gott manifestiert. Die andern - wenn überhaupt - Überreaktionen auslösende, aber nur ungewöhnliche Naturereignisse. Wunder, sofern es sie gibt, sind seltsame Ereignisse, die unterschiedliche Reaktionen hervorrufen.
In dieser Arbeit möchte ich mich mit den Fragen der Möglichkeit und Erkennbarkeit auseinander setzen. Ist ein Wunder nicht möglich, so erübrigen sich alle weiteren Fragen diesbezüglich. Ist ein Wunder nicht erkennbar, so hätten wir, auch wenn sie auftreten, de facto kein Wissen über sie.
Die Frage nach der Möglichkeit ist wichtig, obwohl sich negative Existenzaussagen kaum beweisen lassen. Der Grund ist das Wesen von Wundern. Es gibt mehrere Möglichkeiten, ihre Existenz auszuschließen oder wenigstens stark einzuschränken. Zum einen könnten sie definitorische Schwierigkeiten aufwerfen. So könnte die Definition von Wundern sie in einen Widerspruch zur Wissenschaft oder zu Naturgesetzen stellen. Ein anderer Weg könnte sein, die Unvereinbarkeit von Wundern und Wissenschaft zu zeigen. Da wir ein großes Vertrauen in die generelle Ausrichtung der Wissenschaften haben, würden wir dann eher das Konzept des Wunders fallen lassen. Bezüglich dieser Fragen sollen insbesondere die Autoren David Hume und Antony Flew untersucht werden, die beide - auf eine noch darzulegende Art und Weise - versucht haben, die Möglichkeit von Wundern sehr stark einzuschränken, wenn nicht gar auszuschließen.
Die Frage der Erkennbarkeit hängt stark von der Möglichkeit ab ein Wunder zu identifizieren. Daher wird auch in dieser Arbeit der Schwerpunkt auf diesem Punkt liegen. Ganz besonders soll das Prinzip der Analogie diskutiert werden, das von der Uni-formität heutiger und geschichtlicher Ereignisse als Voraussetzung historischen Wis-
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sens ausgeht. Und auch die Möglichkeit und das Wesen der Kriterien, anhand denen sich Wunder erkennen lassen, sollen ausgelotet werden. Auch hier will ich vor allem auf die kritisch dazu stehenden Argumente Flews eingehen. In dieser Arbeit soll nicht untersucht werden, was die Folgen von Wundern sind, beispielsweise wie die kausalen Ketten von Ereignissen nach einem Eingriff in sie weitergehen. Auch soll nicht über die Art von Gottheit, die sich in Wundern manifestieren könnte, spekuliert, noch der apologetische Wert von Wundern diskutiert werden. Genauso wenig sollen mögliche Häufigkeitsverteilungen von Wundern besprochen werden, noch soll diese Arbeit hauptsächlich aus Rekonstruktionen der Argumente Flews und Humes und der Reaktionen ihrer Kritiker bestehen. Ich werde nur die wesentlichen Punkte ihrer Argumente klar machen und auf sie eingehen. Daher soll es nicht zwangsläufig darum gehen, die Bedeutungsmöglichkeiten ihrer Argumente in ihrem historischen Kontext auszuloten, sondern sie vielmehr zum besseren Verständnisses des Konzepts eines Wunders und zur Diskussion der Möglichkeit und Erkennbarkeit von Wundern zu instrumentalisieren.
In dieser Arbeit werde ich die Kritik an Identifikation und Möglichkeit von Wundern weitgehend zurückweisen. Daher ist der Bereich, den ich aus den möglichen interessanten epistemologischen Fragen auswähle, die die ich für Grundlegend halte. Es sind die Fragen nach der Möglichkeit und Erkennbarkeit von Wundern.
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2. Humes Argumente gegen Wunder
Der schottische Historiker und Philosoph David Hume (1711-1776) hat mit der Veröffentlichung seines An Enquiry Concerning Human Understanding einen großen Sturm der Entrüstung und des Widerstandes losgetreten. Im Grunde war es ein einzelnes Kapitel seines Werks, das wahrscheinlich mehr Kritik und mehr Polemik hervorgerufen 1 Dieses Kapitel ist schlicht mit hat, als alles andere was er ansonsten geschrieben hat.
„Of Miracles“ überschrieben und seitdem einer der Eckpfeiler der neuzeitlichen Kritik an Wundern. Bis heute wird in der wissenschaftlichen Diskussion um Wunder häufig Bezug auf Hume genommen. Er selbst sah - und zwar sehr optimistisch - das Argument als eine Art Test:
Ich schmeichle mir, eine Begründung [...] gefunden zu haben, welche, wenn sie richtig ist,
für Weise und Gelehrte eine dauernde Schranke gegen jede Art von abergläubischer Ver-
blendung aufrichten und daher ihren Nutzen behalten wird, solange die Welt fortbesteht.
Denn so lange werden meines Erachtens in der heiligen wie weltlichen Geschichte Berich-te von Wundern und Naturwidrigkeiten sich vorfinden. 2
Hume beschränkt sich in seinem Kapitel auf die Diskussion und Bewertung von Wunderberichten in den Erzeugnissen der Geschichte. Dazu entwickelt er mehrere Argumente und teilt das ganze Kapitel in zwei Abschnitte. Das Argument des ersten Teils schließt weitgehend a priori, bis auf einige „empirische Unterbrechungen“, von Überlegungen über die benötigten Beweise für Wunder und der uniformen Erfahrung auf die Unmöglichkeit Wunder zu erkennen. Der zweite Teil ist eine Sammlung mehrerer Argumente oder Gründe, die a posteriori die Beweiskraft von Wunderberichten schwächen sollen.
Im Folgenden sollen die Argumente der beiden Teile wiedergegeben werden. Besondere Bedeutung hat vor allem der erste Teil. Der Zweite ist aufgrund einiger argumentativer Fehler und der seit der Zeit Humes veränderten Weltanschauung, deut- 3 Dahersoll dieser Teil, obwohl er den größeren Platz in Hulich weniger bedeutend.
mes Kapitel einnimmt, hier nur kurz beschrieben werden.
1 Vgl. Streminger 1995, 189 und Flew 1961, 171. Für eine Auswahl an Reaktionen auf Hume von seinen Zeitgenossen vgl. Tweyman 1996.
2 Hume 1984, S 110. 3 Vgl. Wolf 1997, 180-181.
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2.1 Humes a priori Argument
Das erste Argument beginnt Hume mit Überlegungen über Erfahrung. Er bemerkt schon recht zu Beginn, dass Erfahrungen unsere einzigen „Führer bei Denkakten über 4 sind. Aber diese sind nicht unfehlbar. Das sieht man beispielsweise beim Tatsachen“
Wetter. Wir erwarten gutes Wetter im Juni, sind aber nicht überrascht, wenn wir enttäuscht werden. Erfahrungen lassen uns ein bestimmtes Wetter erwarten, aber es gibt auch gegensätzliche Erfahrung, mit der wir ebenfalls, wenn auch weniger, rechnen. Hume schließt daraus, dass nicht alle Wirkungen mit gleicher Sicherheit aus ihren angenommenen Ursachen folgen. Wir Menschen können gewisse Sachverhalte mit grö- 5 Daswir Tatsaßerer Gewissheit wissen oder vorhersehen, andere nur mit geringerer. chen mit unterschiedlicher Sicherheit wissen, bildet die Grundlage zum eigentlichen Argument.
Folglich muss ein (im Humeschen Sinne) weiser Mensch den Tatsachen glauben, für die er die besten Gründe und damit auch die größte Sicherheit hat. Kommt es dabei vor, dass es gegensätzliche Erfahrungen gibt, so schätzt der Weise ihre Anzahl ab. Dabei zieht er dann von der nummerisch häufigeren Erfahrung die seltenere ab. Das Resultat nennt er dann die Evidenz oder die Wahrscheinlichkeit für das häufigere Ereignis. Und der Weise wird dem Häufigeren seinen Glauben schenken, aber nur in 6 Flew sieht das entscheidende der Stärke der soeben ermittelten Wahrscheinlichkeit. Element des Humeschen Arguments in der Forderung, alles aufgrund von Erfahrung 7 zu kritisieren.
Diese Rechnung wendet Hume nun in leicht abgewandelter Form auf Zeugenberichte an, um deren Glaubwürdigkeit zu ermitteln. Vorher gibt er uns noch eine Erklärung seines Verständnisses von Kausalität. Und zwar ist die Verbindung, die er zwischen zwei Ereignissen sieht, psychologisch. Wir Menschen sehen, dass einige Ereignisse immer zusammen auftreten und leiten dann gewohnheitsmäßig das eine Ereignis 8 Auf diese Weise bildet sich auch das allgemeine Vertrauen in aus dem anderen ab.
Zeugen: Wir bemerken die Übereinstimmung des Berichts mit den geschehenen Tatsa- 4Hume 1984, S 110.
5 Vgl. ibid. 6 Vgl. ibid., S 110-111. 7 Vgl. Flew 1961, 175. 8 Vgl. Hume 1984, S 111; Flew 1967, 271b.
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chen. Aber das Maß des Vertrauens, einzelnen Zeugen oder Berichten gegenüber, ist 9 ). Es gibt Umstände, die sehr unterschiedlich („Beweis oder als Wahrscheinlichkeit“ die Glaubwürdigkeit von Berichten senken. Liegen beispielsweise einander widersprechende Zeugenaussagen vor, dann urteilen wir aufgrund unserer Erfahrung. Ist unsere Erfahrung nicht uniform, dann schätzen wir wiederum die Wahrscheinlichkeiten ab und glauben dem Zeugen, der von dem Ereignis berichtet, das die höhere hat - aber nur in dem Maß, das durch die Wahrscheinlichkeit gerechtfertigt ist. Hume wendet nun diese Vorgehensweise auf Berichte über außergewöhnliche Ereignisse an. Da sich für solche Ereignisse kaum Entsprechungen in unserer Erfahrung finden (und wir die Kausalität aufgrund von Bericht und entsprechender Erfahrung bilden), vermindert sich daher die Glaubwürdigkeit für einen solchen Bericht. Je ungewöhnlicher das Ereignis, 10 desto mehr verringert sich die Wahrscheinlichkeit, die wir ihm zuordnen sollen. Es ist sinnvoll die wesentlichen Punkte des Arguments bis hierhin zusammenzufassen. Da Hume selbst stellenweise auch von Wahrscheinlichkeiten spricht, interpretiere ich die entsprechenden Propositionen in diesem Sinne. Ich beginne mit dem Abwägungsprinzip, komme dann aber direkt zu seiner Diskussion der Zeugenberichte: (1) Ein weiser Mensch proportioniert seinen Glauben nach dem Maß, mit dem er sich Tatsachen sicher sein kann.
(2) Die Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen ist entweder sehr hoch (Beweis) oder hat nur eine bestimmte Wahrscheinlichkeit.
(3) Ist das berichtete Ereignis sehr ungewöhnlich, dann haben wir wenig oder keine diesbezüglichen Erfahrungen, entsprechend verringert sich die Wahrscheinlichkeit einem Bericht zu glauben.
Nun macht Hume zwei Annahmen. Zum einen, dass das in Frage stehende Ereignis ein Wunder ist, zum anderen, dass die zugehörigen Zeugenberichte einem vollen 11 Hume scheint hier auf einen Gegensatz zwischen den Propo-Beweis gleichkommen.
sitionen (2) - die Berichte haben die höchste Wahrscheinlichkeit - und (3) - das Ereignis ist im höchsten Maße ungewöhnlich - anzuspielen.
9 Hume 1984, S 112; Hervorhebungen wurden gelöscht.
10 Vgl. ibid., S 110-112. 11 Vgl. ibid., S 114.
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Arbeit zitieren:
Vitali Heptin, 2010, Der epistemologische Status von Wundern, München, GRIN Verlag GmbH
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