acta expressiones
acta expressiones
Der
Der
menschliche
menschliche
Ausdruck
Ausdruck
in
in
Mienen
Mienen
Gesten
Gesten
Fonen
Fonen
und
und
Manövern
Manövern
E.J. Umann
E.J. Umann
Ausgehend von einer grundlegenden Arbeit von K
ARL
L
EONHARD
wird das menschliche Aus
drucksgebaren analysiert und katalogisiert. Dabei werden keine präexiststenten Pri
märemotionen unterstellt, sondern es wird eine Hypothese zur Phylogenese des Aus
drucksgeschehens entlang der Linie der Entwicklung des menschlichen Arbeits-, Denk-
und Kommunikationsvermögens angeboten. Dabei gerinnen die Aktionseinheiten des Aus
drucks zu jeweils eigenständigen Ausdrucksformen. Es finden sich somit 4 Entwicklungs
etappen: eine vormenschliche (Somationen/Infantilismen mit 3 Mienen, 5 Gesten und 2 Fo
nen), eine frühmenschliche (Affektionen mit 50 Mienen, 28 Gesten und 14 Fonen), eine spe
zifisch menschliche (Juditionen mit 7 Mienen, 9 Gesten und 6 Fonen) sowie eine zivilisierte
(Intentionen mit 4 Mienen, 15 Gesten und 4 Fonen). Das aktuelle Ausdruckgebaren der
Convenien überformt dies jedoch entsprechend den geltenden Sozialstrukturen. Ergän
zend wird eine Vielzahl empirisch vorgefundener kombinierter Ausdrücke vorgestellt.
Technische Erläuterungen bei den
Danksagungen
Danksagungen.
Sprungmarken: [
externe URLs
externe URLs] und
interne Sprünge
interne Sprünge.
Webseite: wurde verkleinert, um auch auf dem iPhone dargestellt zu werden.
Die URLs lauten (die Webseite benötigt Java):
[
http://www.ausdrucksweisen.de/
http://www.ausdrucksweisen.de/]
Version 1.1, Stand 16.07.11
Kapitel:
Prolegomena
Prolegomena
Pathematos
Pathematos
Phylogenese
Phylogenese
Phänomena
Phänomena
Hermeneutik
Hermeneutik
Somationen
Somationen
Affektionen
Affektionen
Juditionen
Juditionen
Intentionen
Intentionen
Convenien
Convenien
Consuetuten
Consuetuten
Gratiae
Gratiae
Die andere Folge ist, dass die Humanwissenschaften, während sie das behandeln,
was Repräsentation (in einer bewussten oder unbewussten Form) ist, eben das als
ihren Gegenstand behandeln, was für sie die Bedingung der Möglichkeit ist. Sie sind
also stets von einer Art transzendentaler Beweglichkeit belebt. Sie hören nicht auf,
sich selbst gegenüber eine kritische Wiederaufnahme zu praktizieren. Sie gehen von
dem, was der Repräsentation gegeben wird, zu dem, was die Repräsentation mög
lich macht, was aber wiederum eine Repräsentation ist. So suchen sie weniger, wie
die anderen Wissenschaften, danach, sich zu verallgemeinern oder zu präzisieren,
als danach, sich unaufhörlich zu entmystifizieren: von einer unmittelbaren und nicht
kontrollierten Evidenz zu weniger transparenten, aber grundlegenderen Formen
überzugehen. Dieses quasi transzendentale Vorwärtsgehen gibt sich stets die Form
einer Entschleierung. Indem sie enthüllen, können sie sich stets in einem Gegenschlag
verallgemeinern oder so weit verfeinern, dass sie die individuellen Phänomene den
ken können. Am Horizont jeder Humanwissenschaft gibt es den Plan, das Bewusst
sein des Menschen auf seine realen Bedingungen zurückzuführen, es auf Inhalte und
Formen zurückzubringen, die es haben entstehen lassen und die sich in ihm verber
gen. [67]
PROLEGOMENA
PROLEGOMENA
Inhaltsverzeichnis
PROLEGOMENA... 4
der theoretische Ansatz...8
das diagnostische Vorgehen...13
der funktionell-klinische Ansatz...16
der anatomische Ansatz...21
Täuschung und Lüge im sozialen Kontext... 25
Warum? Weil die Sache eine gute Geschichte abgab, und weil sich die Leute komplizierte
Angelegenheiten nur über Geschichten klarmachen konnten. S
TEPHENSON
m Medizinstudium war ich lange unschlüssig, für welche Fachrichtung ich mich entscheiden
soll. Eine Freundin schenkte mir B
ALLY
s F
REUD
-Biografie [7], das brachte die erste Weichen
stellung. Die Entscheidung fiel 1976 mit L
EONHARD
s D
ER
MENSCHLICHE
A
USDRUCK
IN
M
IMIK
, G
ESTIK
UND
P
HONIK
[112]. Nur war das unendlich viel und sehr, sehr kompliziert -- obwohl doch Dinge be
schrieben wurden, die wir andauernd erleben und selbst tun. Das Thema ließ mich nicht
mehr los, mal mehr, mal weniger. 1991 unternahm ich den ersten Vorstoß, Informatiker dafür
zu interessieren (Ausdruckserkennung als Bereich der Pattern Recognition, mathematische
Formalisierung des Ausdrucksgeschehens, informatische Vervollständigung partieller Daten)
leider vergebens: zu viel..., zu kompliziert..., zu viel Arbeit..., keine rechte Zielstellung..., kein
verkäufliches Produkt in Sicht...
1
I
Zunächst nahmen mich die Alltagssorgen anderweitig in Beschlag, 2007 fand sich dann
endlich Zeit. Zunächst war Webprogrammierung zu lernen, Computergrafik, Video und
Morphing, Fotografie mit Bildverarbeitung, Domainverwaltung. 2008 konnte ich den ersten
Versuch ins Netz stellen.
Mein Ausgangspunkt war ein romantischer. Ich wollte ein guter Psychiater werden, auch
wissenschaftlich aktiv sein. Ich wollte mich in mir selbst zurechtfinden, natürlich auch in der
Welt. Als Student hab ich dies eingebunden in eine Weltsicht der Beschädigungstheorien
nach R
OUSSEAU
[150] -- die gesellschaftlichen Umstände hindern den Menschen daran, sei
ner wahren Natur gemäß zu leben. Dementsprechend habe man nach dem wahren, dem
eigentlichen und dem freien Menschen und den sozialökonomischen Zwängen zu suchen.
Als Mittel gehörten bei mir denn auch Autogenes Training, Hypnose und Trance, Psycho
analyse und Gruppenpsychotherapie dazu. Und auch die Beschäftigung mit Mimik, Gestik
und Phonik -- denn diese müssten doch den ,,wahren Menschen" sichtbar machen können.
Insgesamt aber habe ich gelernt, dass unser Leben kaum noch von ,,natürlichen", ,,wah
1) Dasselbe ergab sich bei der Entwicklung der iPad-Version: sozial unbeholfene Marktteilnehmer ohne
echten Hintergrund und Kultur der Kooperation -- aber einem ökonomischen Habitus (B
OURDIEU
), der sich
als besondere Cleverness erlebt.
ren" Ausdrucksweisen getragen wird. In dieser Vorstellung brechen sich die Traditionen der
deutschen Romantik -- die Idee vom Menschen in Naturzustand und Naturrecht, welcher
sich dem Sozium entziehen könne.
Für die Kommunikation mittels Ausdrucksgebarens lässt sich also vermuten, dass diese
denselben Konstellationen unterliegt wie die sprachliche Kommunikation auch. Hier die
Kommunikationsbedingungen nach K
OCH
& O
ESTERREICHER
[104]: a) Grad der Öffentlichkeit
(Zahl der Kommunikanten sowie Vorhandensein/Größe eines Publikums); b) Grad der Ver
trautheit der Partner (vorherige gegenseitige Erfahrung, gemeinsames Wissen, Ausmass
der Institutionalisierung der Kommunikation); c) Grad der emotionalen Beteiligung (Affektivi
tät und Expressivität des Kommunikationsobjekts); d) Grad der Situations- und Handlungs
einbindung der Kommunikationsakte; e) der Referenzbezug (ego-hic-nunc); f) physische
Nähe der Kommunikationspartner (zeitlich und lokal); g) Grad der Kooperation inkl. Mitwir
kungsmöglichkeit des Kommunikanten in der Produktion des Diskurses; h) Grad der Dialogi
zität (Möglichkeit und Häufigkeit spontaner Übernahme der Produkzentenrolle); i) Grad der
Spontaneität; j) Grad der Themenfixierung.
Wir schwimmen in einem Meer sozialer Konventionen und Regeln (was hier die Manöver
2
der
Convenien
Convenien genannt wird), die uns überhaupt erst erschaffen. Das Ausdrucksgebaren
unterliegt denselben Einflüssen wie die gesprochene Sprache mit ihrer späteren Verschrift
lichung zur Literatursprache. K
OCH
& O
ESTERREICHER
unterscheiden bei den Versprachlichungs
strategien zwischen Nähe- und Distanzsprechen. Verfolgt man die Phylogenese des
Ausdrucksgebarens, zeigt sich, dass mit Zunahme der zwischenmenschlichen Kontakte
durch die Entstehung des Soziums auch immer größere soziale Distanzen zwischen den
Akteuren entstehen, sodass Ausdrucksformen entstehen mussten, die diese Distanzen wi
derspiegeln, her- und darstellen.
Diese Zweckhandlungen realisieren sich -- im Unterschied zur gesprochenen Sprache --
primär über den Gebrauch phylogenetisch bereitgestellter Ausdrucksweisen, wobei es
derzeit in Mode ist, letztere möglichst naturgetreu nachzuahmen
3
(was nicht immer so war
4
und vielleicht auch nicht so bleiben wird). Genau so bedient sich die literarische Hochspra
che der Elemente der Umgangssprache, welche sie spezifischen Regeln einer elaborier
ten Mündlichkeit unterwirft.
Gleichzeitig entstehen Ausdrucksweisen permanent neu, so wie sich auch gesprochene
Sprache andauernd weiterentwickelt. Damit erweitern sich die Freiheitsgrade vom biolo
gisch Vorgegebenen zum sozial Vorgeformten, aber letztendlich Gewollten. Eigentlich hat
sich mein Vorhaben damit selbst die Basis entzogen, schauen wir dennoch, was vorzufin
den ist und was der Diskurs daraus gemacht hat.
2) welche erklären, weshalb homologe Gebärden so stark differierende Bedeutungen haben können
und weshalb sich dies im Laufe der Zeit so stark unterscheiden kann -- also im Fluss ist.
3) im Bereich der Sprache: Schreiben im Duktus der Mündlichkeit K
OCH
& O
ESTERREICHER
[105].
4) im Bereich der gesprochenen Sprache dasselbe -- die [
Diglossie
Diglossie
] der Soziolinguistik. Auch: Sprechen
im Duktus der Schriftlichkeit [105].
ARL
L
EONHARD
berichtete, dass ihn die Lehrbuchverweise zur Paramimik
5
nicht befriedig
ten, denn es gab fast keine Arbeiten, wie eine normale Psychomotorik
6
denn nun ei
gentlich aussähe -- dies wüsste man eben. So sammelte er seine Beobachtungen und pu
blizierte sie erstmals 1949
7
.
K
Sein Vorgehen folgt der Diskursfigur der Methode:
Die Methode wird von außen aufgezwungen, und zwar durch globale Ähnlichkeiten, die
die Dinge miteinander verwandt machen. Sie transkribiert die Perzeption sofort in Diskurs.
Sie bleibt in ihrem Ausgangspunkt in nächster Nähe der Beschreibung, aber es ist ihr stets
möglich, dem allgemeinen Merkmal, das sie empirisch definiert hat, doch die sich auf
drängenden Modifikationen hinzuzufügen... [67]
Er geht dabei von der Empirie der Psychopathologie aus und beschreibt mit den nicht-
pathologischen Ausdrucksweisen dann die Dinge, die außerhalb seines Ausgangsfeldes
liegen. Es werden also Unterschiede beschrieben, bis sich die allgemeine Übersicht der
Verwandtschaften abzeichnet [67]. Diese werden dann zusammengefasst: Er gelangt
damit letztendlich von den Entitäten mit ihrer topografischen Ordnung zur Geschichte der
Ausdrucksweisen mit sich wandelnden Funktionen des Ausdrucks.
Man beachte seinen Reichtum emotionaler Ausdrucksweisen und Mechanismen -- und
stelle zeitgleich erschienene psychologische Arbeiten daneben. Lehrbücher für Kunststu
denten waren da schon differenzierter [59]
8
.
Andere Autoren suchten mit der Denkfigur des Systems [67] nach den Grundbausteinen
des Ausdrucksgebarens: Ein System nimmt postulierte Basiseinheiten als arbiträren Aus
gangspunkt, was eine Kombinatorik gestattete, die numerisch zufrieden stellend war. Ein
System resultiert aus einer Entscheidung, es muss aber absolut kohärent sein -- es muss
seinen fundamentalen Begriff und seine Prinzipien als absolut oder invariabel oder als so
allgemein betrachten, dass es keine Ausnahmen dulden kann [67]
9
. Ein System versucht
also, sich den Anschein einer absolut exakten Wissenschaftlichkeit zu geben, insbesonde
re das Problem der Intuition zu umgehen (welche aus der Empirie heraus einen Weg vor
gibt). Aber etwas zu tun, ohne genau zu wissen, was man tut -- damit eröffnet man sich die
Chance, in dem, was man getan hat, etwas zu entdecken, was man vorher nicht wusste
5) mimische Veränderungen im Rahmen psychotischer Erkrankungen
6) die Gesamtheit der emotional untermauerten Bewegungsweisen.
7) seine A
USDRUCKSSPRACHE
DER
S
EELE
von 1949 habe ich bislang nicht finden können.
8) die anderen -- meist fragwürdig gestellten -- Beispiele in den Galerien sind aus [169].
9) Man lese S
TANISLAWSKIJ
in D
IE
A
RBEIT
DES
S
CHAUSPIELERS
AN
SICH
SELBST
[215]: Er beginnt die Kritik des Theaters vor ihm
damit, dass dieses eine definiertes Set an Basisausdrücken entwickelt hatte -- worin eben gerade sei
ne Begrenztheit besteht (Theatralische Mimikry [133]). Wie man im frühen Stummfilm oder im klassischen
Ballett oder der Oper mit ihrer monotonen Theatralik immer noch finden kann (und wie sie im Kinderfilm
und den Comics beibehalten wird, dies nun allerdings zum Vergüngen des Publikums). Derzeit kann man
dies beobachten, wenn ein Naturtalent vom Geschäft eingeholt und auf den Marktgeschmack ausge
richtet wird . Die PR-Arbeit der Spin-Doktoren besteht gerade darin.
[27]:
Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit. N
IETZSCHE
, G
ÖTZENDÄMMERUNG
: S
PRÜCHE
UND
P
FEILE
der theoretische Ansatz
der theoretische Ansatz
Nun lässt sich Geschmackserleben auf die Mischung der fünf gustatorischen Grundqualitä
ten zurückführen, dass es sich bei der ausgedrückten Emotionalität des Menschen analog
verhält -- eine numerisch definierte handvoll Primäremotionen mischen sich zur Unzahl von
Sekundäremotionen -- darf bezweifelt werden:
Die Idee, dass bei Zerstörung der Wörter es weder Geräusche noch reine, arbiträre
Elemente sind, die man findet, sondern andere Wörter
10
, die bei ihrer Pulverisierung
wiederum andere freisetzen -- diese Idee ist gleichzeitig das Negativ der ganzen
modernen Wissenschaft der Sprachen und der Mythos, in den wir die dunkelsten Kräfte
der Sprache, die zugleich die wirklichsten sind, transkribieren. [67]
Dabei handelt es sich um eine Spielart des Artischocken-Mythos, der sich hier aus der
Psychoanalyse heraus entwickelte: Danach sei kein Vorgang, was er zu sein vorgäbe, son
dern dahinter stünde stets ein anderer. Und wie also letztendlich Libido jede menschliche
Aktion verursache, so müsse jede Emotion von einem simpleren animalischen Erleben be
dingt sein:
Der Mythos von den Primäremotionen: Diese ist eine der gängigsten Varianten des Arti
schocken-Mythos. Der Theorie der Primäremotionen zufolge ist das Herz einer Emotion in
Wirklichkeit eine andere, elementarere Emotion, sodass zum Beispiel das Herz einer De
pression in Wahrheit Wut ist. Etwas anders formuliert kennt dieser Mythos einige wenige
Primär- oder Grundemotionen, die nicht weiter reduzierbar sind und aus denen sich alle
anderen Emotionen zusammensetzen. Die Zahl und Art der als solche konkret anerkann
ten Primäremotionen variieren abhängig von den einzelnen Theoretikern. Robert P
LUTCHIK
spricht zum Beispiel von acht Primäremotionen (Angst, Wut, Freude, Traurigkeit, Akzeptanz,
Ekel, Erwartung,Überraschung), die jeweils in Relation zu einer grundlegenden biologi
schen Adaption zu sehen sind. Jaak P
ANKSEPP
s Konzept beinhaltet vier Grundemotionen
(Angst, Wut, Traurigkeit und Erwartung), für die er eine neurophysiologische Beweisführung
vorlegt. Gerald J
AMPOLSKY
, als Psychiater im klinischen Bereich tätig, hat die Liste schließlich
auf zwei, Liebe und Angst, reduziert, wobei Angst ,,die Liebe ausschließt". Keiner dieser
Autoren bestreitet, dass wesentlich mehr Emotionen als diese wenigen Primäremotionen
erfahren werden. Ihre Behauptung ist vielmehr, dass die geläufigsten der bekannten
Emotionen (Liebe, Neid, Schuld usw.) in Wirklichkeit Kombinationen jener Primäremotionen
darstellen. P
LUTCHIK
veranschaulicht seinen Punkt am Beispiel von Farben. Alle Farben des
Farbspektrums können durch Mischen von nur drei Grundfarben gewonnen werden; ähn
lich könnten, so seine These, alle Farben des Emotionsspektrums durch Mischen der acht
Primäremotionen erzielt werden. Einfach und unkompliziert ist löblich. Beides gehört zu
den wichtigsten Zielsetzungen der Wissenschaft. Einfachheit und Unkompliziertheit kön
nen auch in einem klinischen Kontext, wo einfache,verständliche Richtlinien oft nützlicher
10) auch meine Lehrer hatten jeden neuen Diskurs mit der Etymologie des Objekts begonnen, auf der
Webseite versuchte ich dies aus der Gewohnheit heraus auch -- und muss jedoch F
OUCAULT
zustimmen!
als komplexe Analysen sind, oft sehr hilfreich sein. Dieser Mythos von den Primäremotio
nen kann jedoch, wenn er ernst genommen wird, vernichtend für die Frage der emotiona
len Kreativität sein, zumindest was die Primäremotionen selbst angeht. Denn sie werden
als Grundphänomene vorausgeschickt, die zwar in verschiedenster Weise kombiniert,
nicht aber grundlegend geändert werden können. Eine keineswegs triviale Einschrän
kung, da die Primäremotionen zugleich allgemein als die wichtigsten Emotionen gelten.
Statt Emotionen mit den Farben des Farbspektrums zu vergleichen, finden wir, dass Kunst
werke -- Gemälde zum Beispiel -- eine treffendere Analogie darstellen. L
EONARDO
s M
ONA
L
ISA
ist mehr als nur einfach ein Gemisch aus Farben. Sie hat Form und Inhalt. Im Idealfall können
auch Emotionen wie Kunstwerke sein; und wie andere künstlerische Produktionen stellen
auch die menschlichen Emotionen ein Feld endloser Möglichkeiten dar. Bislang wurde, in,
welcher Kultur auch immer, nur ein Bruchteil dieser Möglichkeiten ausgeschöpft und ver
wirklicht. [4]
unächst wird sichtbar, dass die Denkfigur des Systems dazu führt, willentlich diesen
oder jenen theoretischen Aspekt in den Vordergrund zu stellen (O
RTONY
& T
URNER
[142]
vermuten den schlichten Versuch, das Meer an Daten handhabbar zu bekommen
11
). Auch
hat man den Eindruck, dass kontrastreiche, gegensätzliche Qualia als Ausgangspunkt zur
Konstruktion der Systeme benutzt werden. So ist der
Z
Perpessus
Perpessus
beispielsweise die häufigste emotionale Reaktion; nur eben mit einem wenig sichtbaren,
wenig kontrastierenden mimischen Darstellung... Nun ist dies eine sehr kleine Miene, über
11) eine Beobachtung bezeichnet etwas, indem sie es unterscheidet. Sie produziert mit dem, was sie
bezeichnet, zugleich einen unmarkierten Bereich. Der nicht intentional oder thematisch erfasst (be
zeichnet), aber als Welt-im-Übrigen vorausgesetzt ist [120]. Während die Methode dieses nicht er
fassten Bereich erträgt, zulässt und für weitere Untersuchungen offen lässt, möchte das System ihn von
vornherein minimieren,möglichst ganz beseitigen: ... dass die Ontologie und die ihr zugeordnete zwei
wertige Logik den Begriff der Welt limitiert. Welt kann nicht als Hintergrundunbestimmtheit (weder Sein
noch Nichtsein), sondern nur auf der Ebene designationsfähiger Objekte, als Objektmenge oder als
Objektgesamtheit bezeichnet werden. Sie ist so, wie sie ist; man kann sich nur in den Bezeichnungen irren
und muss diese dann korrigieren [120].
die man sich im Alltag wenig Rechenschaft abgeben wird. Daneben aber steht auch ein
unübersehbares Beispiel (welches jedoch unter Laboratoriumsbedingungen kaum auftreten
wird): der
Defatigus
Defatigus.
Selbst dieser Ausdruck wird in der Lehre der Primäremotionen nicht berücksichtigt -- ob
wohl er gewiss eine basale Angelegenheit ist -- er passt nur eben nicht ins Kalkül.
Es konnte inzwischen aber gezeigt werden, dass Primäremotionen besser in statischen
Abbildungen identifiziert werden, während dynamische Expositionen feineres Wahrnehmen
ermöglichen und damit realitätsnäher sind [97].
Damit führt dieser Ansatz zum Verlust einer ganzen Reihe von Urteilsmöglichkeiten: Es
macht einen Unterschied, ob das initial zugewandte Gesicht im Affekt abgewendet wird
(
Avertus
Avertus) oder ob sich das initial abgewandte Gesicht zum Partner zu drehen beginnt
(
Convertus
Convertus). Dasselbe gilt für den Blick -- ein sich abwendendes Gesicht bei
angewandtem Blick kommuniziert ein Gekränktwerden (
Recedus
Recedus), ein abgewandtes
Gesicht mit Blickzuwendung jedoch ein Gekränktsein (
Iniurus
Iniurus).
Eine Zusammenfassung des Diskurses findet sich in
VON
S
CHWEVE
[191] -- der allerdings
keine Phylogenese der Emotionalität diskutiert, sondern nur biologische und soziologische
Erklärungen gegeneinander abwägt (Expression und Hermeneutik müssten somit historisch
punktuell voll ausgebildet ins Verhalten hineingesprungen zu sein und werden dann sozial
nur noch etwas modifiziert).
Der Ansatz des Systems
12
kann sich auch in eine selbst erfüllende Prophezeiung verwan
12) die Arbeitsgruppen (die einzigen, denen ausreichend Manpower zur Verfügung gestellt wird), wel
che das DSM-V vorbereiten (lies: das Diagnoseschema mit dem Leistungskatalog der amerikanischen
Versicherungen abstimmen) nehmen für sich in Anspruch, nach einer Methode vorzugehen, woraus sich
ihre Deutungshoheit ableite. Beim späteren Gebrauch des DSM aber hat man dann einem System zu
folgen: via definierter Fragebogenmethoden auch das Klassifizieren genau zu imitieren, um die jetzt
doppelte Deutungshoheit nicht anzutasten...
In Deutschland ist dasselbe bei der ICD-10 zu beobachten: Es werden nationale Sonderkonditionen
definiert (welche anfangs aus dem Ausland als besonders wertvolle Erfahrung importiert werden), Son
derdefinitionen werden erstellt (so sei jetzt auf vorläufige Verdachtsdiagnosen zu verzichten, klinische
Entitäten sind in einzeln abzurechnende Syndrome zu zerhacken), um der jetzt neuen Deutungshoheit
der Krankenkassen (von deren Belastung hängen die finanziellen Zuwendungen ab) zu folgen.
s.S. 11
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