Inhalt
1. Einleitung 2
2. Theoretische Betrachtung des Begriffs Paternalismus 3
2.2 Operationalisierung nach Aycan. 5
2.2.2. Rollenverteilung im Paternalismus 6
2.2.3 Formen der paternalistischen Führung. 6
3. Paternalismus in der indischen Gesellschaft 7
3.1 Paternalismus und Hinduismus. 7
3.2 Familialismus und Paternalismus 9
4. Paternalismus in der indischen Arbeitswelt 9
4.1 Familiäre Strukturen in der Arbeitswelt 9
4.2Verhaltenstendenzen 10
4.3 Erwartungshaltungen 10
5. Fazit 10
6. Literaturverzeichnis 12
6. 12
1
1
1. Einleitung
Die Arbeitskultur in Indien unterscheidet sich wesentlich von den Arbeitskulturen in westlichen Ländern allgemein und von Deutschland im Speziellen. Ein Aspekt dieser Unterschiede ist die grundsätzlich hierarchische Gliederung der Umwelt von indischer Seite 1 . Dieses hierarchische Verständnis drückt sich unter anderem in einer paternalistischen Struktur von Beziehungen zwischen Mitarbeitern indischer Unternehmen aus. Die kulturellen Unterschiede zwischen Indien und den westlichen Industriestaaten werden in einer unterschiedlichen Sichtweise des Begriffs sowie im Bezug zu Paternalismus deutlich. Warum fällt es jedoch besonders westlichen Geschäftsleuten schwer, diese Tradition paternalistischer Strukturen in der indischen Kultur zu akzeptieren? Einführend könnte man argumentieren, dass der Bezugsrahmen in dem man in westlichen Kulturen auf Paternalismus stößt sich wesentlich von Paternalismus in Indien unterscheidet. In den westlichen Industrieländern wurde der Begriff von staatstheoretischen Denkern Ende des 19. Jahrhunderts geprägt 2 und begegnet uns heute vor allem in medizin- und rechtsethischen Diskussionen. 3 Im indischen Kontext wird der Begriff dagegen vordergründig zur Erklärung zwischenmenschlicher Beziehungen in privaten wie professionellen sozialen Kontexten verwendet. 4 Im Folgenden soll der westliche Bezugsrahmen des Paternalismus-Begriffs näher untersucht und daraufhin die indische Traditionen und Gebräuche auf paternalistische Strukturen hin betrachtet werden. Im Anschluss sollen konkret paternalistischen Strukturen in der indischen Arbeitswelt und damit einhergehenden Verhaltenstendenzen und Erwartungshaltungen betrachtet werden.
Die Begriffe „Westen“ und „westlich“ werden im Folgenden auf die Staaten Westeuropas sowie Nordamerika bezogen, da sich die Ansicht vertreten lässt, dass diese Staaten durch geschichtliche Ereignisse und Erfahrungen eine ähnliche Kultur sowie Moralvorstellungen und Lebenskonzepte teilen. Zu diesen Erfahrungen zählen politische Theorien mit demokratischem Inhalt von der Antike über die französische und amerikanische Revolution bis hin zur Demokratie als Staatsform, genauso wie die christliche Religion oder aber die industrielle Revolution.
1 Vgl. Sinha, J.B.P., A cultural perspective on organizational behaviour in India, in: Early, P.C./Erez,
M.(Hrsg.), New Perspectives on International Industrial/Organizational Psychology, San Francisco:
Lexington Press 1997, S. 58.
2 Vgl. Zude, H.U., Paternalismus. Eine problemgeschichtliche Rekonstruktion, Jena: Friedrich‐Schiller‐
Universität 2004 S.16.
3 Vgl. Kleinig, J., Paternalism, Manchester: Manchester University Press 1983, S. 115.
4 Vgl. Sinha 1997 S. 66.
2
2. Theoretische Betrachtung des Begriffs Paternalismus
In den verschiedenen kulturellen Kontexten wird das Konzept Paternalismus unterschiedlich definiert. Das Oxford English Dictionary liefert zwar keine wertneutrale Definition des Begriffes gibt jedoch einen guten Ansatzpunkt um in das Konzept einzuführen: „the principle and practice of paternal administration, government as by a father, the claim or attempt to supply the needs or to regulate the life of a nation or community in the same way as a father does to his children”. 5
2.1 Paternalismus aus Sicht westlicher Denker
Der Begriff „Paternalism“ wurde von amerikanischen Journalisten gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt 6 , welche vermutlich vorwiegend Gegner des Konzepts des Paternalismus waren 7 . Der Ausdruck wurde anfangs zumeist auf ein Verhältnis zwischen Vorgesetztem und später auf das staatliche Handeln gegenüber dem Individuum erweitert. So auch bei Richard T. Ely, einem amerikanischen Nationalökonomen, der sich ab 1887 des Begriffs „Paternalism“ bedient und diesen als erster analytisch untersucht. 8 Ely sieht die Auffassung des Staates als väterliche Autorität, der die Regierten bevormundet, als fehlgeleitet und fordert statt einer solchen vertikalen Familienstruktur eine institutionalisierte Kooperation aller Beteiligten in einem Staat die er „Fraternalism“ nennt. 9 Schon hier zeichnet sich deutlich die starke normative Färbung ab, von der Definitionen und Analysen des Paternalismus-Begriffs von Anfang an geprägt waren. 10 Diese normativen Färbungen sind relevant um die Auslegung des Begriffs in der westlichen Welt zu verstehen. Die frühe westliche Nutzung des Begriffs ist allgemeinhin geprägt von den Erfahrungen paternalistischer Strukturen im Staat- Individuum- Verhältnis sowie in der Industrie. So zum Beispiel das Verhältnis von Arbeitern und Fabrikbesitzern in der Zeit der industriellen Revolution, als sich die Fabrikbesitzer durch das Interesse am ganzheitlichen Wohl ihrer Arbeiter in eine paternalistische Rolle begaben. 11 Dieses Prinzip des „industrial betterment“ beschreibt zum Beispiel W.H. Tolman in seinem 1900 erschienen gleichnamigem
5 Vgl. Zude, Paternalismus, 2004 S.8.
6 Vgl. ebd. S.6.
7 Vgl. Feinberg, Joel, Harm to Self (=The Moral Limits of Criminal Law, Bd.3), New York: University Press
1986, S. 4.
8 Vgl. Zude, Paternalismus, 2004, S. 40 ff.
9 Vgl. ebd., S. 47.
10 Vgl. Feinberg, Harm to Self, 1986. S. 4.
11 Vgl. Aycan, Z., Paternalism. Towards Conceptual Refinement and Operationalization in: Uichol, K. et
all. (Hrsg.), Indigenous and Cultural Psychology, New York: Springer Science + Business Media Inc. 2006,
S.447.
3
Buch 12 , in dem er auf die Veränderungen amerikanischer Fabriken Ende des 19. Jahrhunderts eingeht. Er nennt zwei mögliche Motivationen für die bewusste Verbesserung der Situation der Arbeiter von Seiten der Fabrikbesitzer: einmal einen auf fiskalischen Gewinn fixierten Selbstnutzen und zum anderen einen auf das Wohl der Arbeiter ausgerichteten Altruismus. Die erste Motivation mag wohl die vorherrschende beziehungsweise langfristigere gewesen sein, da die Fabrikbesitzer die so entstandene Verbundenheit und Loyalität ihrer Arbeiter bald auszunutzen schienen und der Begriff des Paternalismus in der Folgezeit mit negativen Begriffen wie Ausnutzung und Rassismus am Arbeitsplatz verbunden wurde. 13 Die obengenannten Journalisten verstanden sich daher als Kritiker dieser Art von Paternalismus und ihre Ansicht prägte das Verständnis von Paternalismus in den westlichen Staaten maßgeblich. Ein weiterer Faktor für die kritische Sichtweise auf den Paternalismus ist das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkommende neuartige Freiheitsverständnis. Besonders zu betonen ist hierbei die Einschränkung der persönlichen Freiheit, unter anderem ausgedrückt im „harm principle“ in John Stuart Mills Essay „On liberty“: “That principle is, that the sole end for which mankind are warranted, individually or collectively, in interfering with the liberty of action of any of their number, is selfprotection. That the only purpose for which power can be rightfully exercised over any member of a civilized community, against his will, is to prevent harm to others.” 14 Dieses Prinzip erweiterte der Philosoph Joel Feinberg Anfang der 1970er Jahre in vier Argumentationsstrategien, die eine Einschränkung der Freiheit durch Zwang begründen. Er unterscheidet: 1. to prevent harm to others, 2. to prevent offense to others, 3. to prevent harm to self, 4. to prevent or punish sin. 15 Der dritte Typ ist wesentlich, da sich hier ein Verständnis von Paternalismus ausdrückt, nämlich paternalistisches Staatshandeln als Einschränkung persönlicher Freiheit. Bemerkenswert ist jedoch, dass Feinberg diese Einschränkung als „zur Vermeidung eines entsprechend großen Übels hinreichend plausibel“ anerkennt. 16 Während Feinberg den Paternalismus mit dieser Typisierung moralisch rechtfertigt, präzisiert eine vom Ansatz her Feinberg ähnliche Charakterisierung das Phänomen: Feinbergs Zeitgenosse Gerald Dworkin definiert Paternalismus wie folgt: „By paternalism I roughly understand the interference with a
12 Vgl. Tolman, W. H., Industrial Betterment, New York: The social service press, 1900.
13 Vgl. Aycan, Paternalism, 2006, S. 447.
14 Vgl. Mill, John Stuart, On Liberty, London: Penguin Classics 2006, S. 15. Neben Mill formulierten auch
John Locke und Wilhelm von Humboldt ähnliche Ansichten zur persönlichen Freiheit.
15 Vgl. Feinberg, Joel, Social Philosophy, Englewood Cliffs: Prentice Hall 1973, S.33.
16 Vgl. Zude, Paternalismus, 2004, S. 141.
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Lina Pfeiffer, 2010, Paternalismus - Hierachische Strukturen in der indischen Arbeitswelt, München, GRIN Verlag GmbH
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