2
1. Einleitung 3
2. Russlands Integration in die republikanische Außenpolitik 6
2.1 Stresemanns außenpolitische Ziele 6
Die Sowjetunion im Konzept der „Ost-West Balance“ 6
2.2
2.3 Frankreich als Belastungsfaktor und Chance 11
2.4 Sicherheitspolitik Europas als Hindernis 13
2.5 Polen-Politik: Subventionierung und Revision 14
3. Das Ende der „Ära“ Stresemann. 16
3.1 Verfall und Fortsetzung der außenpolitischen Leitlinien 16
3.2 Die Russlandpolitik der Präsidialkabinette 17
3.3 Kontinuitäten ab 1929 18
4. Fazit 19
5. Literaturverzeichnis 20
3
1. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit wird die Rolle Russlands in der Außenpolitik der Weimarer Republik dargestellt. Die Betrachtung beschränkt sich nicht einseitig auf eine Beschreibung der deutsch-sowjetischen Beziehungen in all ihren Facetten, sondern ordnet sie in die außenpolitische Strategie Stresemanns ein, um deren Gewicht zu verdeutlichen. Daher müssen Aspekte, wie zum Beispiel der kulturelle Austausch zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, unerwähnt bleiben. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Zeitraum von 1923 bis 1929. Im Zentrum meiner Arbeit steht die Locarno-Politik Stresemanns. Zwei Thesen spielen dabei eine große Rolle in der Argumentation in der Hausarbeit. Erstens, ist die Benennung der „ökonomischen Machtpolitik“ 1 zentral. Stresemann versuchte durch wirtschaftliche, internationale Zusammenarbeit die Revision des Versailler Vertrags zu erreichen. Dies sollte in Verständigung geschehen. Als zweiten Aspekt werden die Beziehungen zu Frankreich betrachtet, die für die Reparationsfrage und die Streitfragen an der Westgrenze entscheidend waren. In diesem Kontext wird behandelt, welche Rolle die Ostpolitik hinsichtlich der Verständigung mit Frankreich spielte. Daraus überleitend wird auf die Sicherheitspolitik eingegangen. Die These lautet, dass die Sicherheitspolitik Frankreichs sowie die der anderen europäischen Staaten die Revisionsmöglichkeiten minderten. Die Politik zu Polen wird behandelt, um den Rahmen der Ostpolitik abzurunden. Die Veränderung der Außenpolitik von ihren anfänglichen Tendenzen am Ende der „Ära“ Stresemann bis 1933 wird ebenfalls beleuchtet. Zum einen wird der Weg in die „Zäsur“ des Jahres 1929/30 beschrieben und die Kurswechsel in der Russlandpolitik zur Zeit der Präsidialkabinette aufgezeigt. Zum anderen wird thematisiert, welche Kontinuitäten deutscher Außenpolitik in der Phase ab 1929 zu finden sind. Diese Schlussphase, vom Ende der „Ära“ Stresemann bis zum Ende der Präsidialkabinette 1933 kann ich nur in seinen Grundzügen wiedergeben und nicht detailliert den Weg in die Diktatur nachzeichnen.
Es ist vorwegzunehmen, dass innenpolitische Erwägungen auf die Außenpolitik erheblichen Einfluss hatten. Jedoch kann ich nur vereinzelt Bezüge zu meinem Thema herstellen, weil sonst die Hausarbeit zu umfangreich werden würde.
Die Analyse stützt sich zum großen Teil auf die aktuelle Literatur zu diesem Thema. Hauptsächlich werden Monographien verwendet, für spezielle Fragestellungen habe ich Aufsätze herangezogen. Zentral ist die Monographie „Das vergangene Reich. Deutsche
1 Niedhart, Gottfried: Die Aussenpolitik der Weimarer Republik, München 1999 (= Enzyklopädie deutscher
Geschichte 53), S. 63.
4
Außenpolitik von Bismarck bis Hitler“, von Klaus Hildebrand. Ebenso großen Anteil hat das Werk von Jonathan Wright, „Gustav Stresemann 1878-1929. Weimars größter Staatsmann“. Für die weitere Bearbeitung von außenpolitischen Fragen im speziellen Bezug auf die Sowjetunion ist Klaus Hildebrands Werk „Die Weimarer Republik und die Sowjetunion im internationalen System 1918-1933. Legitimität oder Revolution?“ zu nennen. Der Aufsatz von Wolfgang Elz „Die Außenpolitik der Weimarer Republik. Ein Litertatur- und Forschungsbericht“ wurde auch bei Schlüsselfragen zu meinem Thema stark miteinbezogen. Hinzu kommen noch verschiedene Monographien und Aufsätze, die berücksichtigt wurden.
Es lohnt sich, zunächst die Außenpolitik der voraus gegangenen Zeit unter Walter von Rathenau bis 1923 darzustellen. Rathenau bemühte sich um eine Veränderung mit dem Westen, um das Reparationsproblem zu lösen. Während der Wirtschaftskonferenz von Genua 1922 kam es jedoch zum Vertrag von Rapallo zwischen Russland und dem Deutschen Reich. Das Zustandekommen geht maßgeblich auf den pro-russisch orientierten Wirth und Ostabteilungsleiter des Auswärtigen Amtes Ago von Maltzan zurück. Der Vertrag bewahrte Deutschland vor einer internationalen Isolierung. Das Abkommen beschloss auf gegenseitige Ansprüche in Folge des Krieges zu verzichten und die Wirtschaftsbeziehungen zu intensivieren. Frankreich sah sich darin bestätigt, seine Sanktionspolitik fortzusetzen. 2 Der Vertrag hatte einen Aufschwung des Ölgeschäfts zur Folge. Deutschland hatte 1922 den größten Exportanteil in Russland auf der ganzen Welt, der erst 1925 wieder fiel. 3 Insofern lässt sich eine Intensivierung des wirtschaftlichen Zusammenkommens als eine Säule der Beziehungen feststellen. Hinzu kam ein geheimes Abkommen zwischen Reichswehr und Roter Armee zum wechselseitigen Austausch von Kriegstechniken und Kriegsmaterial. 4 Darauf komme ich später jedoch noch einmal zurück.
Als Gustav Stresemann 1923 zum Reichskanzler ernannt wurde und kurze Zeit später das Amt des Außenministers übernahm, befand sich das Deutsche Reich in einer politisch unüberschaubaren, krisenhaften Lage, die durch mehrere gleichzeitig erfolgende Ereignisse hervorgerufen worden war. Nachdem am 9. Januar 1922 Frankreich und Belgien das Ruhrgebiet auf einer nichterfolgte Lieferung von Reparationen besetzt hatten, veranlasste die Regierung den „passiven Widerstand“, der das Erliegen der Industrie zur Konsequenz hatte.
2 Hentzschel-Fröhlings, Jörg: Walther Rathenau als Politiker der Weimarer Republik, Husum 2007 (=
Historische Studien 490), S. 254-258.
3 Wolfgang, Kahn: Die Deutschen und die Russen. Geschichte ihrer Beziehungen, Köln 1984 (= Kleine
Bibliothek Politik Wissenschaft Zukunft 323), S. 106.
4 Krummacher, F.A. u.a.: Krieg und Frieden. Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Von Brest-
Litowsk zum Unternehmen Barbarossa, München / Esslingen 1970, S. 147 f.
5
Der „passive Widerstand“ kostete 40 Millionen Mark pro Tag. Dies ließ die Inflation weiter in die Höhe steigen. 5 Zudem gab es im Ruhrgebiet separatistische Tendenzen. Hinzu kam der Versuch einen sogenannten „deutschen Oktober“ im März 1923 durchzuführen, der jedoch an dem Fehlen einer breiten Basis scheiterte. Der Umsturzversuch wurde durch eine Machtverschiebung in Moskaus Führung, nach einem Schlaganfall Lenins, mitverantwortet. 6 Aufgrund der immensen Kosten des Widerstands und der außenpolitischen Aussichtslosigkeit des Unterfangens, brach Stresemann den „passiven Widerstand“ ab. Er versuchte Frankreich wieder entgegen zu kommen, scheiterte jedoch mit den Verhandlungen. Moskau sah dennoch darin den Versuch einer Umorientierung nach Westen. Nach der Ernennung Stresemanns zum Außenminister 1923 begann eine Umgestaltung der Außenpolitik. Stresemann versuchte zuerst mit Frankreich einen Ausgleich zu schaffen. Aufgrund der britischen Missbilligung des Verhaltens Frankreichs, bestand für das Deutsche Reich eine realistische Hoffnung auf eine Entspannung der Sanktionspolitik der Franzosen. Zudem machten sich die USA für eine Nutzung des deutschen Wirtschaftspotentials stark. Für Frankreich und England war dies insofern von Interesse, weil sie bei den USA Schulden aus dem Krieg hatten und diese wiederum mit Hilfe der deutschen Reparationszahlungen begleichen wollten. 7
5 Krummacher u.a.: 142 f.
6 Ebenda, S. 152 f.
7 Ebenda, S. 155 f.
6
2. Russlands Integration in die republikanische Außenpolitik
2.1 Stresemanns außenpolitische Ziele
Gustav Stresemanns Außenpolitik hatte mehrere, unterschiedliche Ziele, die sowohl im Osten wie im Westen lagen und die gegenseitig bedingten. Als vorrangiges Ziel galt für ihn die Rheinlandräumung. Damit war eine Kooperation mit den Westmächten, insbesondere Frankreich, erforderlich, um Deutschlands wichtigstes Industriegebiet vollständig unter Kontrolle zu bekommen. Die Reparationsauflagen des Versailler Vertrags von 1918 sollten gemildert beziehungsweise gänzlich revidiert werden. Auf die Konsolidierung im Westen, die das Deutsche Reich wieder in eine Großmachtstellung auf dem europäischen Kontinent heben sollten, sollte die Revision im Osten, was die Korrektur der Grenze beinhaltete, folgen. Dies bedeutete, dass es im Osten zu verhindern galt, den Status Quo anerkennen zu müssen. 8 Bei diesem Ziel kamen die Beziehungen zu Russland ins Spiel. Um eine Revision der deutsch-polnischen Grenzen zu erreichen, war es unabdingbar, dass Russland als Deutschlands Partner agierte und sich nicht mit Polen arrangierte. Zudem sollte Russland von einem Zusammengehen mit Frankreich abgehalten werden, um eine Isolierung zu verhindern. 9 Es ist zu betonen, dass Stresemann eine Großmachtstellung des Deutschen Reiches auf friedlichen Weg, durch eine der neuen Mächtekonstellation nach dem 1. Weltkrieg angepasste Außenpolitik, erreichen wollte. Dabei legte er Wert auf die Beziehungen zu Russland, da diese essentiell für eine Revision im Osten waren und wirtschaftlichen Nutzen versprachen. Er orientierte sich aber politisch und wirtschaftlich an den USA, die als wesentlicher Bestandteil der außenpolitischen Konzeption Stresemanns galt. 10 Die Ziele lassen sich also in drei Bestandteile gliedern. Zum ersten war die Reparationsfrage zu lösen, zweitens die Wirtschaftskraft der Vorkriegszeit wiederzuerlangen und drittens, als letzte Etappe, die Revision im Osten zu erreichen.
2.2 Die Sowjetunion im Konzept der „Ost-West Balance“
Stresemanns vornehmliches, außenpolitisches Anliegen, war die Verständigung im Westen. Die Beziehungen zu Frankreich mussten verbessert werden. Dies hing zum einem mit der Rheinlandsituation und der Sicherheitsfrage zusammen, zum anderen mit der Außenpolitik
8 Walsdorff, Martin: Westorientierung und Ostpolitik. Stresemanns Rußlandpolitik in der Locarno-Ära, Bremen
1971, S. 22 f.
9 Hildebrand, Klaus: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler, München ³ 2008,
S. 465.
10 Hildebrand, Klaus: Das deutsche Reich und die Sowjetunion im internationalen System 1918-1932.
Legitimität oder Revolution?, in: Frankfurter Historische Vorträge, hgg. Von Joachim Bleicken / Werner
Gembruch u.a., 4, Wiesbaden 1977, S. 19.
Arbeit zitieren:
Julian Ostendorf, 2009, Die Sowjetunion im Konzept der Verständigungspolitik Stresemanns, München, GRIN Verlag GmbH
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