INHALTSVERZEICHNIS
1 Einleitung 3
2 Swedenborgs Biografie und Himmel und Hölle 4
3 Das Zeichen und sein göttlicher Sinn 6
4 Swedenborgs Korrespondenzlehre 9
5 Okkultismus und Aufklärung 12
6 Empirische Praktiken in Himmel und Hölle 17
7 Rezeption von Swedenborgs Werk 20
Literaturangaben 23
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1 Einleitung
Das 18. Jahrhundert birgt in sich den scheinbaren Widerspruch sowohl das Zeitalter der Vernunft, als auch ein Jahrhundert der Spiritualität und des Okkulten zu sein. Neuere Forschungsansätze, wie etwa die des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung, gehen jedoch davon aus, dass hier nicht zwei unvereinbare Pole aufeinandertreffen, sondern, dass die beiden Aspekte einander bedingen und sich gegenseitig beeinflussen. Meine Arbeit zielt darauf ab, Himmel und Hölle (1758) von Emanuel Swedenborg vor diesem Hintergrund zu untersuchen. Mein Schwerpunkt liegt dabei darauf, zu erforschen, inwiefern Swedenborg auch mit seinen visionären Schriften, in diesem Fall Himmel und Hölle, in den Wissenschaftsdiskursen des 18. Jahrhunderts zu verorten ist. Dazu soll im zweiten Kapitel kurz Swedenborgs Biografie betrachtet werden, im Besonderen seine naturwissenschaftliche Arbeit und sein religiöser Hintergrund. Desweiteren wird die Textart von Himmel und Hölle diskutiert, die einen Hinweis auf die Intention und das Selbstverständnis des Autors liefern kann. Kapitel 3 stellt eine Einführung in Swedenborgs Zeichenmodell dar, das als Basis für die Korrespondenzlehre, die als Deutungs- und Argumentationsmodell in Himmel und Hölle eine entscheidende Rolle spielt (Kapitel 4). Als ebenso wichtig in Bezug auf Argumentationsstruktur und darauf basierende Verortung Swedenborgs in wissenschaftliche Kontexte des 18. Jahrhunderts sind seine Visionen und Geistergespräche, deren textuelle Funktion im 6. Kapitel erörtert wird.
Kapitel 5 bietet eine kurze Einführung in den Wissenschaftsdiskurs des 18. Jahrhunderts, deren wichtigste Erkenntnis ist, dass Kanonisierung von Wissen der Hauptfaktor dessen ist, was man als okkult oder wissenschaftlich bezeichnen kann.
Im letzten Kapitel wird dieser Aspekt noch einmal aufgenommen, indem die Rezeption von Swedenborgs (visionärem) Werk dargestellt wird mit besonderem Augenmerk auf die Kritik Kants, die eine entscheidende Rolle bei der späteren Akzeptanz und Rezeption von Swedenborgs Werk einnimmt.
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2 Swedenborgs Biografie und Himmel und Hölle
Emanuel Swedenborg wurde als Sohn des schwedischen Theologieprofessors und Bischofs Jesper Swedberg 1688 in Stockholm geboren. Nach seiner Schullaufbahn trat er keine theologische Karriere an, wie es für junge Männer aus besserem Hause damals üblich war, da ein Studium der Geisteswissenschaft immer ein theologisches Studium bedeutete. Naturwissenschaften und technische Studien hatten sich noch nicht etabliert, geschweige denn kanonisiert, sondern waren gerade dabei sich als Studienfächer an den Universitäten herauszubilden. Die führenden Nationen waren in diesem Bereich England und die Niederlande. So führte es auch Swedenborg zu langjährigen Studienaufenthalten dorthin. Während des dreijährigen Aufenthalts in London kam er mit den großen Naturwissenschaftlern seiner Zeit in direkten und indirekten Kontakt, so etwa mit Newton, Flamsteed, Halley oder Henry More. Der junge Swedenborg fand sich jedoch nicht nur damit ab, die Lehren und Ideen der Wissenschaftler aufzunehmen, sondern machte auch schon während seines Studiums erste Experimente und technische Erfindungen, wie etwa von Fluggeräten oder U-Boot-Prototypen, mit denen er sich beim schwedischen König sehr verdienstvoll machte und die den Anfang seiner langjährigen und erfolgreichen Karriere als Naturwissenschaftler einleiteten. Dem heutigen Zeitgenossen ist Swedenborg allerdings weniger als Naturwissenschaftler bekannt, denn als Mystiker und Visionär. Seit dem Jahre 1744, in dem Swedenborg zum ersten Mal übersinnliche Erscheinungen Form von Engels-, Christus- und Gottesvisionen hatte, nämlich legte Swedenborg seine naturwissenschaftliche Karriere auf Eis und widmete sich allein der Auslegung der Bibel. Dies geschieht mittels der Korrespondenzlehre, deren Prinzipien anhand von Swedenborgs Hauptwerk Himmel und Hölle (1758) in Kapitel 4 herausgearbeitet werden. Viel ist über Swedenborgs möglicherweise pathologischen Geisteszustand spekuliert worden. War er geisteskrank? Schizophren? Oder nur ein Scharlatan, der seine Visionen und Geistergespräche erfunden hat? Ich möchte diesen notwendigerweise spekulativen Aspekt jedoch ausklammern und Himmel und Hölle einer buchstäblichen Lektüre unterziehen. In Himmel und Hölle beschreibt Swedenborg die Verhältnisse im Jenseits, den Zustand des Menschen nach dem Tod und äußert sich darüber, wie das Leben des Menschen im Diesseits gestaltet werden sollte, damit der Eintritt in den Himmel gewährt ist. Dies geschieht einerseits durch die Deutung von Bibelstellen und andererseits durch Beschreibungen von Visionen und Geistergesprächen. Man kann Himmel und Hölle also weder eindeutig als interpretierendes noch
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als rein visionäres Werk klassifizieren. Genauso schwierig ist es auch, den Autor in klare Kategorien einzuordnen. Naturwissenschaft und Mystik sind zwei im Prinzip gegenläufige Arten, die Welt zu erklären, die in Swedenborgs Leben und Werk jedoch miteinander verbunden zu sein scheinen. Inwiefern dies der Fall ist und inwiefern diese Vermengungen dem Wissenschaftsdiskurs des 18. Jahrhunderts entsprechen, soll in Kapitel 5 weiter beleuchtet werden.
Swedenborgs Schriften sind also durch die uneindeutige Verortung in Genres sehr offen für Interpretationen und verschiedene Lesarten. Hans-J. Hube liest Himmel und Hölle als Utopie, die im gleichen kulturellen Kontext wie andere utopische Literatur im 18. Jahrhundert entstanden ist, und stellt Swedenborgs Buch in eine Reihe mit Swifts Gulliver's Travels, Holbergs Niels Klims underjordiske Rejse, Miltons Paradise Lost u.a.
Es handelt sich laut Hube bei Swedenborgs Himmel und Hölle um eine abenteuerliche Reise in eine „Gegenwelt“, deren bildliche Darstellungen mit denen Dantes verglichen werden können. Für Hube ist Swedenborg „ein Entdeckungsreisender, ein rational denkender Theologe und Systembauer. Rationalist blieb er bei allen seinen erstaunlichen Darlegungen über den Himmel und die Hölle. Swedenborgs Himmel ist eher eine ‚merkantilistische Traumgesellschaft, in der die Engel in munterem Arbeitseifer zum Nutzen des Staates agieren‘, schrieb der Historiker Sven Lindroth. Der Begriff Usus, nützliches Handeln ist ein Schlüsselwort in allen Schriften Swedenborgs.“ Auch hier zeigt sich, dass Swedenborg nicht in nur einer Tradition verhaftet ist, er vereint in seinem Werk verschiedenste Diskurstraditionen, von der barocken Emblematik der Korrespondenzlehre zu aufgeklärten Gesellschaftsvorstellungen.
Sicherlich ist es legitim, Himmel und Hölle ähnlich wie Niels Klim und Paradise Lost als Sozialutopie zu lesen. Allerdings hat der Text den eindeutigen Anspruch, nicht fiktional zu sein. Swedenborg sieht seine Aufgabe und Intention zum Schreiben darin, mit Fakten unterlegte Wahrheiten zu vermitteln und eine „vernünftige Bibelauslegung“ zu veröffentlichen, in der Wissen und Glauben zusammenfallen.
Damit nun solches Leugnen [der Existenz von Himmel und Hölle], das vorzüglich bei den Weltklugen herrscht, nicht auch die anstecken und verderben möge, die einfältigen Herzens und einfältigen Glaubens sind, ist mir aufgetragen worden, mit den Engeln zusammen zu sein, mit ihnen zu reden wie ein Mensch mit einem anderen und auch Dinge in Himmeln und desgleichen in Höllen zu beschauen, und zwar nun schon seit dreizehn Jahren! Und ich will nun diese Phänomene nach dem Gesehenen und dem Gehörten beschreiben, in der Hoffnung, dass so die große Unkenntnis aufgeklärt und der Unglaube zerstreut werden mögen. Eine solche unmittelbare Offenbarung ist heutzutage wirklich
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zeitgemäß, weil sie ja auch erklärt, was eigentlich unter der Ankunft des Herrn zu verstehen ist.
Swedenborg beansprucht für seine Schrift also höchsten Wahrheitsgehalt auf dem Stand zeitgenössischer Wissensmodelle.
Auch von der Textsorte her und vom Aufbau des Buches her unterscheidet sich Himmel und Hölle von den obengenannten Werken. Das Buch ist in Kapitel und darunter wiederum in Paragraphen eingeteilt, die die Systematik, mit der Swedenborg in seiner Beschreibung vom Jenseits vorgeht, unterstützen. Sie ist ein Zeichen für die Wissenschaftlichkeit, die Swedenborg für sich beansprucht.
Die Tatsache, dass Swedenborg in der Wissenschaftssprache Latein schreibt, sowie sein oben zitierter Anspruch an seine Arbeit, weisen darauf hin, dass wir es bei Himmel und Hölle mit einem (geistes-)wissenschaftlichen Werk zu tun haben. Diese These erfährt im Laufe dieser Arbeit weitere Unterstützung.
3 Das Zeichen und sein göttlicher Sinn
Wie erwähnt ist Himmel und Hölle auf der Korrespondenzlehre aufgebaut. Die Essenz dieser Lehre ist, dass alles Irdische auf das Überirdische hinweist, alles Sichtbare auf das unsichtbare Göttliche und dass alles Natürliche von übernatürlichen Wundern zeugt. Die sinnlich erfahrbaren Dinge dieser Welt sind nur Ableitungen, Repräsentationen von Phänomenen der göttlichen Welt, die für den Menschen laut Swedenborg in ihrer Reinform nicht begreifbar sind, da sie das menschliche Fassungsvermögen überschreiten. „So stellt die Sonne des gestirnten Himmels nicht nur sich selber dar, sondern repräsentiert zugleich die himmlische Sonne des göttlichen Reiches, den Herrn.“
Swedenborg stellt also ein System aus Repräsentationen und Analogien zwischen dem irdischen und dem himmlischen Leben auf. Diese Art der Wissensform und Denkstruktur hat Foucault als charakteristisch für die Renaissance verstanden. Wir haben es bei Swedenborg also mit einem Philosophen zu tun, der einerseits in traditionellen Denkstrukturen verhaftet ist, aber andererseits auch mit den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Techniken vertraut ist. Gerade diese Kombination macht die Faszination aus, die von Swedenborg ausgeht, aber sie macht es auch schwierig, das Werk Swedenborgs zu begreifen und intellektuell zu fassen.
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Arbeit zitieren:
Heike Ewert, 2008, Emanuel Swedenborgs "Himmel und Hölle" im wissenschaftlichen Diskurs des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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