Tracy, R. (1990). Spracherwerb trotz Input.
In: M. Rothweiler (ed.). Spracherwerb und Grammatik. Opladen: Westdeutscher Verlag, 22-
49.
1. Thema des Artikels, Forschungsgeschichte
Der Erwerb der Muttersprache ist ein komplexer Prozess, beziehungsweise eine spezielle Art des Lernens. Sowohl soziale, als auch kognitive und sprachliche Elemente spielen bedeutende Rollen bei dem Erlernen einer Sprache in der Kindheit. Nach Theorien und Forschungsergebnissen über Muttersprachenerwerb sind alle Kinder in die Interaktion mit der Umwelt eingebunden, die Rolle der sozialen Elemente scheint also einer der bedeutendsten Faktoren beim Erstspracherwerb zu sein.
Schon die ersten, behavioristischen Theorien argumentieren für die Bedeutsamkeit der Reizreaktionen und Imitationen der Umwelt. Die kognitivistischen Ansätze (zum Beispiel von Piaget) beweisen, dass für die kreative Eigengestaltung des Lernens eine formale, steuernde Rolle der Umwelt unerlässlich sei. Die Bedeutsamkeit der Umwelt wird von den interaktionistischen Ansätzen auch eindeutig anerkannt, und als Schlüsselelement des Spracherwerbs betrachtet. Nach diesen Theorien ist nämlich das Erlernen der Sprache funktional, nur in der sozialen Interaktion möglich. In den nativistischen Ansätzen, die zum Beispiel von Chomsky vertreten sind, spielt die Umwelt eine untergeordnete Rolle, weil das Kind angeborene sprachliche Strukturen des genetischen Programms entfaltet. Die Umwelt liefert aber schon den Input der Sprache, sowie Anlässe.
Professorin Rosemarie Tracy (Universität Mannheim) nimmt auch die radikale nativistische Erklärung des Spracherwerbs von Chomsky als Ausgangspunkt ihres Artikels, und dadurch die Rolle der Umwelt bei Spracherwerb. Von dem Beispiel von Pidginsprechern ausgegangen, die eine Sprache besser, als ihre Eltern sprechen, stellt Tracy aus der Empirie unterlegte Kritik der Instruktionshypothese und des elterlichen Inputverhaltens auf 28 Seiten durch konkrete Beispiele dar. Sie basiert auf Theorien über Ursachen und Wirkungen beim Spracherwerb. Im Mittelpunkt wird die Diskrepanz gestellt zwischen sprachlichem Angebot, mit dem ein Kind von Pidginsprechern konfrontiert wird, und dem sprachlichen System, das dieses Kind trotzdem aufbaut.
1
2. Inhaltliche Zusammenfassung des Artikels
Nach dem Einstieg ins Thema durch Erwähnen der Theorie von Chomsky und Bickerton (Bioprogramm) erörtert die Autorin das Problem von Ursache und Wirkung im Spracherwerb. Der Artikel unterscheidet zwei wichtigen Aspekte: Strukturmerkmale in der sprachlichen Umgebung des Kindes und die Hypothesen über ihre Konsequenzen. Nämlich das Verhalten der Erwachsenen spielt gegenüber den Vermutungen nicht immer eine förderliche Rolle, ist nicht immer vom Kind wahrgenommen. Daneben bedeutet förderlicher Input nicht immer, dass es auch eine notwendige Voraussetzung für den Spracherwerb ist. Der Artikel zählt auch Argumente für und gegen die nativistischen Ansätze. Für die genetische Programmierung spricht zum Beispiel die endliche Mängel des Inputs gegenüber die unendliche Menge sprachlicher Strukturen, die das Kind trotzdem bilden kann. Gegenüber der Theorie stehen aber Fehleinschätzungen des sprachlichen Inputs, die im Falle von elterlichen Sprachvarietäten (wie Baby-talk) die einzelnen Elemente der Elternsprache nach dem Entwicklungsniveau des Kindes richten. In dem Artikel wird behauptet, dass die Inputvarietät der Eltern einen entscheidenden Einfluss auf den Spracherwerb hat, und die von Mutter verwendete Intonation und Pausen gleichen die Mängel des Inputs aus. Die zentrale Frage ist also, ob Kinder über Strategien verfügen, Zufälligkeiten auszugleichen, und können sie sich von sprachlicher Kompetenz der Bezugspersonen unabhängig machen? Dementsprechend wird die Instruktionshypothese von Moerk vorgestellt und kritisiert. Das unterstützende Rückmeldungsverfahren der Eltern, ihre Reaktion auf die Bedürfnisse des Kindes wirke nach Tracy nicht immer fördernd. Eltern korrigieren nämlich nicht immer das, was das wirkliche Bedürfnis war, sondern was sie selbst als Bedürfnis interpretieren. Daneben wird auch erwähnt, dass simplere Strukturen der Mutter keinen erfolgreichen Spracherwerbsprozess garantieren, Simplifizierungen sind also meistens hinderlich und das Baby Talk zeigt die zugrundeliegenden Strukturen nicht auf. Die Bezugspersonen sollten deshalb die Komplexität der Äußerungen schrittweise erhöhen und so können „optimale Niveaus der Diskrepanz“ 1 verwirklicht werden. Die Instruktionshypothese ist also laut Tracy problematisch, wenn man sie zu konkreten Strukturen verpflichten möchte. Diese theoretische Argumentation wird von dem praktischen Beweis der Rückmeldungen befolgt. Die Korrekturbeispiele stammen aus empirischen Langzeitstudien mit Kindern
1 Tracy (1993) 2
Arbeit zitieren:
Enikő Jakus, 2011, Rezension eines wissenschaftlichen Artikels zum Thema Erstspracherwerb von R. Tracy, München, GRIN Verlag GmbH
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