Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Definitionen: Arbeit, Erwerbsarbeit, Erwerbslosigkeit. 6
2.1 Herkunft des Wortes Arbeit. 6
2.2 Kurze Reise durch die Zeit: Arbeit im Spiegel der Geschichte. 6
2.2.1 Arbeit in der Antike. 7
2.2.2 Das Arbeitsverständnis im Mittelalter. 7
2.2.3 Reformation und Aufklärung prägen den Beruf. 9
2.2.4 Industrialisierung und die Erfindung des „Normalarbeitsverhältnisses“ 10
2.3 Begriffsbestimmung: Arbeit und Erwerbsarbeit. 12
2.4 Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit. 15
3. Bewertungskriterien: Probleme von Erwerbslosen und Erwerbstätigen. 16
3.1 Problemlagen langfristig Erwerbsloser. 18
3.1.1 Finanzielle Probleme. 18
3.1.2 Psychosoziale Probleme. 19
3.2 Die Soll-Seite von Erwerbsarbeit. 23
3.3 Zusammenfassung. 23
4. Die Zukunft der Arbeit - Modelle zum Umgang mit der Erwerbskrise. 25
4.1 Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft. 25
4.1.1 Problemanalyse. 25
4.1.1.1 Neue Technologien. 26
4.1.1.1.1 Landwirtschaft. 26
4.1.1.1.2 Industrie. 28
4.1.1.1.3 Dienstleistungssektor. 28
4.1.1.2 Die Logik des Marktes. 29
4.1.1.3 Wissensarbeiter und Dienstleister. 31
4.1.1.4 Gefahren der Neuen Wirtschaft. 32
4.1.2 Lösungsvorschläge. 33
4.1.2.1 Arbeitszeitverkürzung. 33
4.1.2.2 Ausbau des Dritten Sektors. 34
4.1.2.2.1 Weltbild Dritter Sektor 35
4.1.2.2.2 Steuererleichterungen und Sozialeinkommen. 36
4.1.3 Bewertung. 37
4.2 Orio Giarini, Patrick M. Liedtke: Wie wir arbeiten werden. 39
4.2.1 Problemanalyse. 39
4.2.1.1 Wandel des Wertes der Arbeit. 40
4.2.1.2 Der Lebenszyklus. 44
4.2.2 Lösungsvorschläge: die neue Vollbeschäftigung. 44
4.2.2.1 Der neue Lebenszyklus. 45
4.2.2.2 Mehrschichtenmodell. 46
4.2.2.2.1 Erste Schicht: Staatlich garantierte Grundbeschäftigung. 47
4.2.2.2.2 Zweite Schicht: Der freie Arbeitsmarkt. 48
4.2.2.2.3 Dritte Schicht: produktive nichtmonetisierte Arbeit. 49
4.2.3 Bewertung. 49
4.3 New Work - Frithjof BERGMANN. 51
4.3.1 Problemanalyse. 51
4.3.2 Lösungsvorschlag: New Work - Neue Arbeit. 54
4.3.2.1 Erwerbsarbeit 55
4.3.2.2 High Tech Self Providing und Smart Consumption. 55
4.3.3 Bewertung. 59
5. Soziale Arbeit mit Erwerbslosen - Wie wollen wir leben? 62
5.1 Bildungsarbeit und Workshops. 63
5.2 Politische Arbeit und Vernetzung. 63
6. Fazit. 64
7. Literatur- und Quellenverzeichnis 66
1. Einleitung
„Die Zukunft der Arbeit - Wie werden oder wie wollen wir arbeiten?“.Wenn ich mein Thema Freunden vorstelle, sind die meisten zunächst erstaunt: „Was für ein großes Thema“, „und was willst du da schreiben?“ Einige sagten auch „Oh, hochaktuell!“ und viele fanden das Thema interessant und begannen damit, mit mir darüber zu diskutieren. Die Frage danach, wie die Zukunft der Arbeit ausse hen kann, scheint für viele ein aktuelles und interessantes, vielleicht auch not wendiges Thema in unserer Gesellschaft zu sein. Die Gründe dafür scheinen in der steigenden Erwerbslosenquote, der verbreiteten Unsicherheit oder auch in der zunehmenden Härte auf dem Arbeitsmarkt zu liegen.
Das Thema Arbeit und Erwerbslosigkeit ist seit den 80er Jahren des letzten Jahr hunderts ein „Dauerbrenner“. Kaum ein Wahlkampf ist seither vergangen, ohne dass die Formeln der „Schaffung von Arbeitsplätzen“ oder dem „Abbau von Arbeitslosigkeit“ Gebetsmühlenartig bemüht wurden. 1 Die Erwerbslosenquote hingegen steigt seitdem bis auf geringfügige Abweichungen permanent an. Die Brisanz der Frage nach der Zukunft der Arbeit hängt unmittelbar mit der ge stiegenen Erwerbslosigkeit zusammen. Mit der Agenda 2010 beantwortet die Bundesregierung ihrerseits diese Frage. Sie stellt die Weichen für eine veränderte Arbeitswelt in Deutschland: Die Vermittlung von Arbeit durch Zeit arbeitsunternehmen, Herabsetzung der Kriterien für „zumutbare“ und von Erwerbslosen anzunehmende Arbeit und die gesetzlich manifestierte Forderung nach „höherer Flexibilität“ von Arbeitnehmern sind Beispiele, wie sich die Re gierung die Zukunft der Arbeit für heute Erwerbslose vorstellt. 2
Dagegen steht die Frage „Wie wollen wir arbeiten?“ Sie impliziert selbstbestimm tes Denken und Handeln und fordert eigene Ideen zur Lebensgestaltung. Um den
1 Beispiele aus dem Bundestagswahlkampf 2002: „Arbeit gerecht verteilen“ (SPD); „Der vier Millionen Kanzler“ (CDU in Anspielung auf G. Schröder und 4 Millionen Erwerbslose); „Brüder durch Sonne zur Arbeit“ (Bündnis 90/Die Grünen - Arb eitsplätze schaffen in der alternativen Energiewirtschaft), vgl. WAHLSPLITTER, Information, Verfügbar unter: http://www.wahlsplitter.de/information5.html Stand: 15.7.03; 2 vgl. REGIERUNG ONLINE, Maßnahmen der Agenda 2010 im Überblick, Verfügbar unter: http://www.bundesregierung.de/ThemenAZ/Agenda2010,9913/Agenda2010im Ueberblick.htm, Stand: 15.7.03;
Horizont für diese Frage zu öffnen, werde ich exemplarisch drei - sehr unterschiedliche - Alternativmodelle zur Zukunft der Arbeit vorstellen:
Jeremy RIFKIN schlägt in seinem Buch „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ Erwerbslosen eine Arbeit im „dritten Sektor“ zu bieten. Durch eine Art Sozialein kommen sowie Steuererleichterungen soll allen Menschen eine sinnvolle Arbeit mit ausreichender Bezahlung geboten werden. 3
Patrick M. LIEDTKE und Orio GIARINI vertreten ein „DreiSchichtModell“. In einer ersten Schicht soll jedem Menschen eine garantierte Mindestarbeit geboten werden, die in der zweiten Schicht durch Arbeit auf einem unregulierten freien Arbeitsmarkt erweitert oder ersetzt werden kann. Die dritte Schicht der Arbeit soll aus unbezahlter Eigenleistung bestehen, etwa Hausarbeit oder auch Selbst bedieung in Restaurants. 4
Frithjof BERGMANN schließlich hat ein Modell namens ‚New Work‘ entworfen. Erwerbslose und Erwerbstätige sollen die Chance bekommen neben einer Erwerbstätigkeit etwas „wirklich wichtiges“ zu tun. Moderne Technik soll den Menschen helfen, Einkommensverluste durch ‚ HighTechSelfProviding‘ einer neuen Art Selbstversorgung auszugleichen.
Diese Modelle werde ich anhand der Problemlagen von Erwerbslosen und Erwerbstätigen bewerten. Die Frage „Wie wollen wir arbeiten?“ dient mir hierbei nur als Aufhänger, denn ich kann wohl kaum eine allgemein gültige Antwort darauf finden.
Am Anfang meiner Diplomarbeitszeit stand die Frage, wie meine persönliche Zu kunft in der Erwerbsarbeit aussieht. Als Berufsanfänger steht für mich die Frage: „Wie will ich arbeiten?“. Mein ganz persönliches Anliegen war es, mich mit dieser Frage intensiv auseinander zu setzen. Auf der anderen Seite hat mich die Frage nach der Möglichkeiten der Sozialen Arbeit in der Erwerbslosenarbeit
3 RIFKIN, J., Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Campus Verlag / Frankfurt/Main; New York,1996;
4 GIARINI, O.,LIEDTKE, P. M.: Wie wir arbeiten werden - Bericht an den Club Of Rome, Hoffmann und Campe/Hamburg,1998;
motiviert. Am Ende dieser Arbeit werde ich eine eigene Idee vorstellen, wie Soziale Arbeit mit Erwerbslosen aussehen kann. Die Modelle haben mir dazu als Anregung gedient.
Meine Diplomarbeit ist in folgende aufeinander aufbauende Thematische Einhei ten gegliedert:
Im nächsten Kapitel werde ich die Begriffe Arbeit und Erwerbslosigkeit betrach ten. Mit einer kurzen „Reise durch die Zeit“ werde ich deutlich machen, wie das heutige Arbeitsverständnis im Laufe der Geschichte geformt wurde. An schließend daran werde ich aktuelle Definitionen zur Arbeit und Erwerbslosig keit betrachten und einen Begriff entwerfen, der für diese Diplomarbeit sinnvoll ist.
2. Definitionen: Arbeit, Erwerbsarbeit, Erwerbslosigkeit
Arbeit wird in den unterschiedlichen Zusammenhängen und Wissenschaften ver schieden definiert. Die sprachliche Herkunft des Wortes, sowie dessen Wandel im Laufe der Zeit werfen ein Licht darauf wie sich das Verständnis von Arbeit bis heute entwickelt hat. Anschließend an den geschichtlichen Teil werde ich aktu elle Begriffsbestimmungen vorstellen und die Definition darstellen, die für mich in dieser Arbeit grundlegend sein soll.
2.1 Herkunft des Wortes Arbeit.
Die Autoren des „Etymologischen Wörterbuch des Deutschen“ führen den Ur sprung des Wortes Arbeit auf das germanische Verb arbejo (sinngemäß: „bin verwaistes und daher aus Not zu harter Arbeit gezwungenes Kind“) zurück. Im Althochdeutschen bildete sich das Wort arbeiti für Mühsal, Plage, Anstrengung so wie Ertrag der Arbeit. Im Mittelhochdeutschen tritt die Bedeutung Mühsal; Not, die man leidet oder freiwillig übernimmt besonders in den Vordergrund. Unter dem Einfluss des aufsteigenden Bürgertums weitete sich der Begriff Arbeit auf „jede zweckgerichtete, zunächst körperliche, später auch geistige Tätigkeit des Menschen“ aus. 5 Auffällig ist, dass die negative Konnotation des Begriffs Arbeit in dieser Deutung entfällt. Wie es zu diesem Wandel kam zeige ich im nächsten Kapitel anhand eines Blicks auf die Geschichte.
2.2 Kurze Reise durch die Zeit: Arbeit im Spiegel der Geschichte
„Kaum ein Begriff ist im Laufe der Jahrhunderte aus so tiefen Nie
derungen zu so viel Glanz aufgestiegen, wie die Arbeit“ 6
Die folgenden Abschnitte zur Geschichte der Arbeit sollen verdeutlichen, wie sich Bewertung von Arbeit im Laufe der Geschichte veränderte. Beginnend von der Antike werde ich gesellschaftlichen Stellenwert und Wertschätzung von Arbeit bis zur Entstehung der modernen Arbeitsgesellschaft betrachten.
5 PFEIFER, W., u. a., Arbeit, in: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Akademie Verlag Berlin, Berlin, 1989, S. 70;
6 BRAIG, A., RENZ, U., Die Kunst weniger zu arbeiten, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S. 95;
Die Veränderungen, die der Begriff Arbeit im Laufe der Geschichte erfahren hat, können den Blick darauf richten, wie Arbeit in Zukunft definiert und bewertet werden kann. Die nächsten Abschnitte sollen zeigen, dass die heutige Bedeutung des Begriffs Arbeit keineswegs schon immer Gültigkeit hatte. Sie ist also nicht feststehend. Diese Sicht kann die Möglichkeit bieten, Arbeit neu zu werten und nach Alternativen jenseits bestehender Vorstellungen zu suchen.
2.2.1 Arbeit in der Antike
Im Hinblick auf die allgegenwärtige Sklavenarbeit und den großen Anteil von nicht oder unterprivilegierten Personen in der gewerblichen Produktion galt, so NIPPEL, in der Antike Erwerbsarbeit als des „freien Mannes unwürdig“. Sie sei mit der Unterwerfung unter einen fremden Willen verbunden. 7 Nach BRAIG u. a. wurde Lohnarbeit als freiwillige Sklavenarbeit geächtet. Das Ansehen des Lohn arbeiters stand deshalb noch unter dem des Sklaven, da dieser ja zur fremdbe stimmten Arbeit gezwungen wurde. 8 Erwerbstätigkeit mache nach XENOPHON unfähig zum Kriegsdienst und sie gewähre nicht die Muße, die für geistige Tätig keiten, die Pflege von Beziehungen und die Mitwirkung im Gemeinwesen er forderlich sei. 9 Lohnarbeiter wurden - im Gegensatz zu heute tendenziell aus der Gesellschaft ausgeschlossen. 10 BECK verweist darauf, dass dieser Arbeitsbe griff allerdings Sklavenarbeit sowie die Unterdrückung der Frau voraussetzte. Die „Freiheit der wenigen [baute] auf der Unfreiheit, ja dem Ausschluß vieler aus der Gesellschaft auf.“ 11
2.2.2 Das Arbeitsverständnis im Mittelalter
Nach OEXLE setzen sich im 11. Jahrhundert die Anfänge einer differenzierten arbeitsteiligen Gesellschaft durch. Die Gesellschaft bestand aus drei Ständen: den Klerikern (die beten), den Rittern (die kämpfen) und den Arbeitenden. Der Stand der Arbeitenden wurde zunächst durch die Arbeit der Bauern definiert, im
7 NIPPEL, W., Erwerbsarbeit in der Antike, in: KOCKA, J., OFFE, C. (Hrsg), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2000, S. 61; 8 BRAIG, A. RENZ., U., 2003, S. 98; 9 XENOPHON, zit. in: NIPPEL, W., 2000, S. 55 ff.; 10 NIPPEL, W., a. a. O.;
11 BECK, U., Schöne neue Arbeitswelt, Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York, 2000, S. 17;
Laufe der Entwicklung traten jedoch Kaufleute, Handwerker und schließlich Professoren hinzu. OEXLE weist darauf hin, dass es sich hier um eine funktionelle Teilung handelte, bei der Arbeit eben eine Funktion in der Gesell schaft darstellt und immer auch als Mühsal wahrgenommen wurde. 12 Die christ liche Tradition definierte Arbeit als „Fluch und Segen, Strafe und Göttlichen Auf trag zugleich“. 13 Das Leben auf der Erde wurde im frühen Mittelalter als Jammertal aufgefasst, in dem Arbeit einer Art gerechter Strafe für die Sünden der Menschen gleichkam. 14 Dieses Verständnis leitet sich aus der biblischen Ge schichte vom Rauswurf von Adam und Eva aus dem Paradies ab: „So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. / Unter Mühsal wirst du von ihm essen [...]. Im Schweiße Deines Angesichts / sollst du dein Brot essen.“ 15
Nach NIPPEL gewann in der spätmittelalterlichen Stadt Arbeit eine zentrale Be deutung. Im Gegensatz zur antiken Polis wurde „ehrbare Arbeit“ die Basis für Stadtbürgerrecht und Gesellschaftliche Teilhabe und mit Freiheit verknüpft. 16 Die Bildung von Gilden und Zünften oder von Vereinigungen der Handwerksge sellen scheinen Belege für die zunehmend positive Bewertung von Arbeit zu sein. 17 Arbeit gewinnt an gesellschaftlicher Relevanz. Sie tritt aus der Privatheit heraus und wird zur Grundlage der Etablierung gesellschaftlicher Vereini gungen.
2.2.3 Reformation und Aufklärung prägen den Beruf
Die protestantische Reformation schließlich legte die Grundlagen für den Arbeitsbegriff der Industriegesellschaft. Der Beruf als „göttliche Berufung“ wird identisch mit Pflichterfüllung und gottgefälligem Tun. Arbeit als Berufsarbeit bzw. Berufung verleiht ihr eine gewisse Sinnerfüllung und Identität. 18 Während
12 OEXLE, O.G., Arbeit, Armut, „Stand“ im Mittelalter, in: KOCKA, J., OFFE, C. (Hrsg), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 2000, S. 61; 13 KOCKA, J., Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit, in: BUNDESZENTRALE FÜR POLITISCHE BILDUNG (Hrsg), Aus Politik und Zeitgeschichte - Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 18.5.01, S. 8; 14 BRAIG, A. RENZ., U., 2003, S. 101;
15 GENESIS 3,1718, in: Die Bibel - Ei nheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart, 1980, S. 19;
16 KOCKA, J., Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit, S. 8; 17 OEXLE, O.G., 2000, S. 7374;
18 ZIMMERMANN, G. E., Arbeit, in: SCHÄFER, B. (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie, 4.
Martin Luther noch eine statische Berufsauffassung vertrat, die die ständische Position der einzelnen Gesellschaftsmitglieder rechtfertigte, vertraten die pu ritanischen Strömungen die Auffassung, dass materieller Erfolg ein Zeichen gött licher Erwählung sei. Berufsarbeit wurde als wichtigstes Mittel zur Erlangung das Gnadenstandes gesehen. Max Weber wertete diese Aufwertung der Berufs arbeit als eine der folgenschwersten Leistungen der Reformation hinsichtlich der Entstehung des Kapitalismus.
NichtArbeit wird zunehmend negativ bewertet. 19 , was noch im heutigen Sprach gebrauch Spuren hinterlassen hat, etwa wenn wir von Arbeitsscheuen sprechen. DÜLMEN weist darauf hin, dass hier ordnungsstaatliche und reformatorische In teressen zusammen kamen:
„Die Aufforderung zu Arbeit und Fleiß [...] mündete jedoch [in] ein
düsteres Zwangsinteresse an der Unterdrückung unchristlichen
Verhaltens. Alle Menschen sollten zu strenger Arbeit verpflichtet sein, wenn sie Anrecht auf Nahrung und Lebenssicherung haben wollten.“
Dies führte schließlich zur Erfindung und Einführung von so genannten „Arbeitshäusern“. 20 Ich erkenne hier deutlich die frühe Entstehung eines Arbeits zwangs, der sich moralisch bis heute in unserer Gesellschaft gehalten hat und sich beispielsweise in der Kopplung des Bezuges von Sozialhilfe an
Aufl., Leske +Budrich, Opladen, 1995, S. 15;
19 ZIMMERMANN, G. E., a.a.O.;
20 DÜLMEN, R.: „Arbeit“ in der fühneuzeitlichen Gesellschaft, in: KOCKA, J., OFFE, C., 2000, S. 81;
gemeinnützige Tätigkeiten ausdrückt. 21
Die Aufklärung des 17./18. Jahrhunderts schließlich - so ZIMMERMANN löst den Berufsbegriff von seiner religiösen Verankerung. Die soziale Verpflichtung und gesellschaftliche Relevanz der Arbeit wurde allerdings beibehalten. 22 Nach KOCKA kam es zu einer „emphatischen Aufwertung der Arbeit als Quelle von Eigentum, Reichtum und Zivilität bzw. als Kern menschlicher Selbstverwirkli chung“. Spiel, Muße und Nichtstun wurden zum Gegenbegriff der Arbeit und moralisch negativ aufgeladen. 23
2.2.4 Industrialisierung und die Erfindung des
„Normalarbeitsverhältnisses“
Nach KOCKA gewann die Arbeit, besser: die Erwerbsarbeit, im Zeitalter der In dustrialisierung an sozialer, politischer sowie kultureller Bedeutung. Arbeit fand zunehmend in Manufakturen und Fabriken beziehungsweise in Büros und Verwaltungen statt. Es entstand der Arbeitsplatz als räumlich und zeitlich klar vom privaten Bereich abgetrennter Ort. Wo vor der Herausbildung der Indus triegesellschaft Arbeit, Familienleben und andere Tätigkeiten fließend inein ander übergingen entstand nun die Kultur von Erwerbsarbeit und Freizeit. Arbeit im Haus und für die Familie - vor allem von Frauen wahrgenommen wurde nach KOCKA zur „NichtArbeit“ degradiert. 24
MIEGEL weist darauf hin, dass zu Beginn des Industriezeitalters zunächst die Er ziehung zur Arbeit stand. Hierzu dienten das Schul und Bildungswesen, aber auch Arbeitsanstalten (beziehungsweise die erwähnten Arbeitshäuser), in denen Armen, Kriminellen, Vagabunden und anderen „Randgruppen“ der Gesellschaft das „Mühen und Plagen“ beigebracht werden sollte. 25
VOBRUBA datiert die Konstruktion von Arbeitslosigkeit in dieser Zeit. So sollten 21 vgl. REIN, H., Rechtliche Entwicklung erzwungener Arbeitseinsätze, in: FRANKFURTER ARBEITSLOSENZENTRUM - FALZ (Hrsg.), Arbeitsdienst - w ieder Salonfähig? Zwang zur Arbeit in Geschichte und Sozialstaat, Fachhochschulverlag, Frankfurt am Main, 1998, S. 15; 22 ZIMMERMANN, G.E., Beruf, in: SCHÄFER, B., 1995, S. 22; 23 KOCKA, J., 2001, S. 89; 24 KOCKA, J., a.a.O.;
25 MIEGEL, zit. in: FISCH, S., Arbeitslose, Erwerbslose oder AndersArbeitende, Edition Soziothek, Bern, 2001, S. 15;
in Großbritannien am Anfang des 20. Jahrhunderts Arbeitsvermittlungen und Arbeitslosenversicherung eingeführt werden, die sich gegen die Lebensweise von Gelegenheitsarbeitern richteten. 26 Das Arbeitsamt sollte
„für den Mann, der einmal in der Woche zu arbeiten wünscht und
den Rest der Woche im Bett liegt, diesen Wunsch unrealisierbar ma chen. Eine Lebensweise, bei der man nur hier und da einen Gelegen heitsjob annimmt, wird durch das Amt so gut wie unmöglich. Denn durch die Tätigkeit dieses Amtes wird dieser eine Tag, den der Ge
legenheitsarbeiter arbeiten will, ihm weggenommen und einem anderen Arbeiter gegeben, der schon vier Tage Arbeit in der Woche hat und ihm so ein anständiges Leben ermöglicht.“ 27
Diese Maßnahmen dienten der Disziplinierung der Arbeiter und zielten auf die Etablierung des „Normalarbeitsverhältinisses“. Das Normalarbeitsverhältnis war allerdings, wie KOCKA beschreibt, für die die meisten Menschen zu dieser Zeit überhaupt nicht erreichbar. „Die Verknüpfung von verschiedenen Erwerbstätig keiten [...] [blieb] für viele Erwerbstätige normal[...].“ Allerdings nahm die Arbeitsteilung zu und Berufsarbeit auf Lebenszeit wurde zunehmend zur Norm. Der Beruf wurde - v or allem für Männer - ei n wichtiges Identitätsmerkmal. 28
Der Begriff „Arbeitsgesellschaft“ macht auf die zentrale Stellung der Erwerbs arbeit in den Industriegesellschaften aufmerksam. Wie schon erwähnt, kommt der Erwerbsarbeit in diesen Gesellschaften soziale, kulturelle und politische Be deutung zu. KOCKA macht dies am Beispiel der größten sozialen Bewegung der Industriegesellschaft deutlich: der Arbeiterbewegung. Diese fußte auf Erwerbs arbeit als Basis. „Sie bewies die vergesellschaftende Kraft der Arbeit, die als so ziales Verhältnis Menschen verknüpfte und mobilisierte.“ 29 BERGER erwähnt, dass in der Arbeitsgesellschaft die Erwerbsarbeit die soziale und personale Identität formt. Berufliche Leistungen, sowie die Stellung im Beruf dienen als zentrale Bezugspunkte der Selbst und Fremdeinschätzung. 30
26 VOBRUBA, G., Alternativen zur Vollbeschäftigung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2000, S. 25;
27 BEVERIDGE, William, Der BeveridgePlan, zit. n. VOBRUBA, G., 2000, S. 26; 28 KOCKA, J., 2001, S. 810; 29 KOCKA, J., a.o.O.;
30 BERGER, Arbeits, Schicht und Klassengesellschaft, in: OTTO, H.U., THIERSCH,
Seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts sprechen wir schließlich von der Krise der Arbeitsgesellschaft. Laut BERGER ist der Anteil derjenigen, die einer kontinuierlichen Vollzeitbeschäftigung nachgehen, in Westdeutschland von rund 80% im Jahr 1970 auf circa 65% im Jahr 1995 gesunken. Das Normalarbeitsver hältnis verliert an Bedeutung und es beginnt sich eine „Vielfalt postindustrieller Lebensläufe“ herauszubilden. 31 Es könnte sein, dass durch die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt die Erwerbsarbeit und der Beruf seine zentrale Bedeutung hinsichtlich der Identitätsbildung und des gesellschaftlichen Status‘ verliert.
Wie schlägt sich diese wechselhafte Bewertung der Arbeit in unserem heutigen Sprachgebrauch nieder? Im folgenden Kapitel betrachte ich verschiedene Defini tionen und entwerfe eine Begriffsbestimmung, die für meine Diplomarbeit gelten soll.
2.3 Begriffsbestimmung: Arbeit und Erwerbsarbeit
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird das Wort Arbeit oft mit Erwerbstätigkeit gleichgesetzt, aber auch mit dem Ort an dem Erwerbsarbeit stattfindet: der Arbeitsstelle („Ich gehe zur Arbeit“, „Ich bin auf Arbeit“). Die Definitionen, die ich in diesem Kapitel exemplarisch darstelle, beschränken sich keineswegs auf diese verkürzte Alltagsdefinition. Im folgenden werde ich kurz darstellen, warum ein erweiterter Begriff nötig ist.
VAHLENS GROSSES WIRTSCHAFTSLEXIKON definiert Arbeit als Tätigkeit zur Bedürfnisbefriedigung und Überwindung der Knappheit. Sie ziele auf die Schaf fung ökonomischer Werte und die Sicherung der menschlichen Versorgung. Arbeit sei auf der einen Seite ein Produktionsfaktor im ökonomischen Produk tionssystem. Auf der anderen Seite hebt der Autor den wesentlichen Persönlichkeitsausdruck und wert hervor, den Arbeit repräsentiere. 32
Der Soziologe VOBRUBA diskutiert den Begriff der Arbeit anhand von Hannah
H.,Handbuch Sozialarbeit / Sozialpädagogik, Luchterhand, Neuwied, 2001, S. 73;
31 vgl. BERGER, a.a.O.;
32 J.K., Arbeit, in: DICHTL, E., ISSING, O., Vahlens Großes Wirtschaftslexikon, Bd. 1, Verlag C. H. Beck, München, 1994, S. 85;
Arendts Formel vom „Ende der Arbeitsgesellschaft“. In der Arbeitsgesellschaft sei Arbeit eine zentrale gesellschaftliche Normalität, die die soziale Integration der Gesellschaft sicherstelle. Sie prägt entscheidend die individuellen Lebensläufe und die wichtigen gesellschaftlichen Institutionen. Das der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgehe, könne verhängnisvoller nicht sein. Dagegen setzt VOBRUBA, dass der Arbeitsgesellschaft nicht die Arbeit, sondern eher die Erwerbsarbeit aus gehe. In seine Definition von Arbeit fließen auch andere Arbeitsformen ein, wie Hausarbeit oder Eigenarbeit. 33
Nach der MICROSOFT ENCARTA wird Arbeit als „die Aufwendung physischer, geistiger oder emotionaler Anstrengung für die Herstellung von Waren zum eigenen oder fremden Gebrauch sowie das Erbringen von Dienstleistungen“ de finiert. Auch die ENCARTA unterscheidet zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit. 34
Im Gegensatz zum alltäglichen Sprachgebrauch, in dem von Arbeit meist als Erwerbsarbeit gesprochen wird, nehmen die beschriebenen Definitionen auch unbezahlte Tätigkeiten in den Begriff auf. Mir scheint es wichtig zwischen Erwerbsarbeit und anderer Arbeit zu unterscheiden, um klar zu strukturieren, was jeweils gemeint ist, wenn ich von Arbeit spreche. GIARINI/LIEDTKE weisen darauf hin, dass in der postmodernen Dienstleistungsgesellschaft nichtbezahlte Eigenproduktion notwendigerweise in die Produktion von Gütern und Dienstleis tungen eingebunden sind. In Selbstbedienungsrestaurants etwa wird ein Teil der Arbeit von den KonsumentInnen selbst erbracht, 35 wenn auch oft - aber nicht immer - für preiswertere Produkte. Außerdem muss bei der Definition von Arbeit beachtet werden, dass sehr viel Arbeit unbezahlt geleistet wird, die theoretisch auch gegen Bezahlung auf dem regulären Arbeitsmarkt erfolgen könnte. Ein Beispiel wäre Hausarbeit oder die Pflege von kranken Angehörigen. Deshalb scheint mir eine differenziertere Definition von Nöten.
Erwerbsarbeit ist nach meiner Auffassung dann gegeben, wenn die eigene 33 VOBRUBA, G., 2000, S. 10;
34 MICROSOFT ENCARTA, Arbeit (Soziologie), Verfügbar unter http://encarta.msn.de/find/Concise.asp?z=1&pg=2&ti=721527616, 17.07.03; 35 GIARINI, O., LIEDTKE, P.M., 1998, S. 151;
Arbeitskraft gegen Geld oder andere Tauschmittel getauscht wird, also eingesetzt wird, um ein Einkommen zu erzielen. Nach JAHODA beziehen sich Erwerbs und Berufstätigkeit „auf die Arbeit unter vertraglichen Bedingungen, zu denen eine materielle Entlohnung gehört“. 36
Ich spreche in dieser Arbeit von Erwerbsarbeit auf der einen Seite und von Arbeit, die unbezahlte Eigenarbeit im weitesten Sinne sein kann. Beispielsweise Hausarbeit, Familienpflege, private Gartenpflege oder auch Selbstbedienung zähle ich hierzu. Allen Formen dieser Arbeit ist gemein, dass sie Zweck und Zielorientiert ist und darauf gerichtet ist, die individuelle oder soziale Lebensqualität zu erhöhen.
Eine Definition könnte sein: Arbeit ist zielgerichtete Tätigkeit zu einem Zweck. Sie unterscheidet sich in Erwerbsarbeit und „andere Arbeit“. Erwerbsarbeit meint den Tausch der eigenen Arbeitskraft gegen Geld und andere Tauschmittel. Die „andere Arbeit“ besteht folglich aus allen ziel und zweckorientierten Tätigkei ten, die in Eigenleistung ohne fremde Entlohnung erbracht werden.
Diese beiden Formen der Arbeit werden uns - in unterschiedlichen Ausprä gungen - auch in den Modellen zur Zukunft der Arbeit, die in Kapitel 4 be schrieben werden, begegnen.
2.4 Arbeitslosigkeit und Erwerbslosigkeit
Die Unterscheidung von Erwerbsarbeit und anderer Arbeit muss auf die Definiti on des Begriffs Erwerbslosigkeit, der verallgemeinernd oft als Arbeitslosigkeit (sicher im Sinne der Vorstellung der „Arbeitsgesellschaft“) gebraucht wird, zu rückwirken.
Wenn ich dem Begriff Arbeit sinngebend andere Formen jenseits des Geld erwerbs hinzufüge wird schnell einsehbar, dass Erwerbslose keinesfalls unbe dingt Arbeitslos sein müssen, in dem Sinne, ohne Arbeit zu sein. Erwerbslose er ziehende Eltern haben beispielsweise wahrscheinlich sehr viel Arbeit mit der 36 JAHODA, M., Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Arbeit und Arbeitslosigkeit im 20. Jahrhundert, Beltz, Weinheim, Psychologie Verlags Union, 1995, S 25;
Kindererziehung, dem Haushalt und anderen Dingen. Der im Sinne von Erwerbs losigkeit verwendete Begriff Arbeitslosigkeit impliziert die Abwertung von jegli cher Arbeit, keinen Tauschwert darstellt. Auch JAHODA beschreibt Erwerbslosig keit als Kontrast zur Erwerbstätigkeit, nicht zur Arbeit. 37
In dieser Arbeit verwende ich deshalb den Begriff Erwerbslosigkeit, anstelle von Arbeitslosigkeit. Wenn ich an einigen Stellen trotzdem von Arbeitslosigkeit spre che, geschieht dies im Sinne der korrekten Wiedergabe von Zitaten. Es sei darauf hingewiesen, dass an diesen Stellen dennoch Erwerbslosigkeit gemeint ist.
3. Bewertungskriterien: Probleme von Erwerbslosen und Erwerbstätigen
Die Modelle zum Umgang mit der Erwerbskrise möchte ich aus der Sicht von Erwerbslosen betrachten. Erwerbslosigkeit ist das offensichtliche und grund legende Problem, mit dem die nachindustrielle Gesellschaft sowie deren Mitglie der belastet werden. Die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ äußert sich in steigender Erwerbslosigkeit sowie in einer Verschärfung der Arbeitsbedingungen für einen großen Teil der ArbeiterInnen. 38 Ein Modell zur Zukunft der Arbeit kann deshalb wohl nur Zukunftsfähig sein, wenn es die persönlichen und gesellschaftlichen Folgen von Erwerbslosigkeit begrenzt und eine Alternative zur aktuellen Organi sation von Arbeit aufzeigt.
Ali WACKER weist in seiner Studie „Arbeitslosigkeit“ darauf hin, dass der Begriff Arbeitslosigkeit einerseits die relativ belastungsfreie Übergangsphase in erneute Erwerbsarbeit bezeichnet, andererseits allerdings auch „Lebenssituationen, die für die Betroffenen zur persönlichen Katastrophe werden“. 39 Diese Unterschei dung scheint für mich sinnvoll, da kurzfristig Erwerbslose in der Regel nicht denselben psychischen oder sozialen Belastungen ausgesetzt sind, wie langfristig Erwerbslose. Ich gehe davon aus, dass bei kurzfristig Erwerbslosen der psy chische Druck sowie persönliche oder soziale Probleme im Bezug auf die Erwerbslosigkeit keine besondere Rolle spielen, zumindest dann nicht, wenn eine neue Erwerbstätigkeit absehbar ist. Daher beziehe ich mich auf die Pro blemlagen von langfristig Erwerbslosen, im Verwaltungstechnischen und alltägli chen Sprachgebrauch genannt: Langzeitarbeitslose.
Im folgenden Kapitel werde ich typische Problemlagen Erwerbsloser beschreiben, wie sie vor allem in der Arbeitslosenforschung der 80er Jahre er kannt wurden. Da sich spätere Autoren auf ebendiese Forschung vor allem aus
38 Eine solche Verschärfung der Arbeitsbedingungen wird unter anderem durch die Rehabilitation der Arbeitnehmerüberlassung oder neue Zumutbarkeitsregelungen im Arbeitslosenrecht deutlich. (vgl. BUNDESREGIERUNG ONLINE, Das neue Arbeitsamt, Verfügbar unter: http://www.bundesregierung.de/artikel,482900/Dasneue Arbeitsamt.htm;)
39 WACKER, Ali, Arbeitslosigkeit - sozi ale und psychische Folgen, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 1983, S. 9;
dem Umfeld von WACKER und KIESELBACH beziehen, nehme auch ich diese Arbeiten als Grundlage. Es wäre anzunehmen, dass sich aufgrund der Verschär fung der allgemeinen Arbeitsmarktsituation einige der Ergebnisse heute anders darstellen. Gesellschaftliche Normen haben sich verändert und auch die persönli che Lebensplanung folgt oft nicht mehr dem Muster der 80er Jahre. Festgestellt hat diesen Wertewandel u. a. CANNON bei der so genannten Generation X:
„Indem die Generation X es ablehnt, sich durch eine Vollzeitstelle und
langfristig an eine Firma zu binden, definiert sie sich nicht mehr über ihren Arbeitsplatz. Ihre Vertreter haben einen persönlichen Entwurf, der mehr zählt als die Ziele der Organisation, für die sie arbeiten; und sie sind mehr durch die Sorge um ethische Werte oder soziale
Nützlichkeit motiviert als durch Arbeitsethik.“ 40
Es drängt sich der Verdacht auf, dass Erwerbslose bei einer Zahl von ca. 4,3 Millionen Betroffenen in Deutschland- davon ca 1,5 Millionen Langzeitarbeits lose 41 im Gegensatz zu den 80er Jahren gesellschaftlich eine höhere Akzep tanz erfahren. Demgegenüber stehen öffentliche Stigmatisierungen in der poli tischen Diskussion 42 , es bleibt jedoch zweifelhaft, in wie fern solche Debatten noch eine breite gesellschaftliche Akzeptanz finden.
Dennoch gibt es kaum aktuelle Ergebnisse in der Grundlagenforschung zur Erwerbslosigkeit. Ich sehe hier eine Lücke, die von der Wissenschaft wieder ge schlossen werden sollte, da Erwerbslosigkeit zunehmend ein Massenphänomen geworden ist. Um beispielsweise in der Erwerbslosenarbeit nicht populären Miss verständnissen des Problems Erwerbslosigkeit zu erliegen scheint es mir dringend nötig diese Zielgruppe Sozialer Arbeit erneut genauer unter die wissen schaftliche Lupe zu nehmen.
Aber auch Erwerbsarbeit bringt nicht nur positive Seiten mit sich. Es wäre daher
40 CANNON, D., Generation X and the New York Ethic, zit. n. GORZ, A., 2000, S. 87; 41 STATISTISCHES BUNDESAMT, Wiesbaden, 2003, zit. n. GENESISONLINE, verfügbar unter: www.genesis.destatis.de/genesis/online;
42 man denke an die sogenannten „Faulheitsdebatten“ in der öffentlichen und politischen Diskussion, vgl. OSCHMIANSKY, F., Faule Arbeitslose? Zur Debatte über Arbeitsunwilligkeit und Leistungsmißbrauch, in: Aus Politik und Zeitgeschichte - Be ilage zur Wochenzeitung Das Parlament, 3.2.2003, S. 10;
unvollständig, die Modelle zur Zukunft der Arbeit nur aus dem Blickwinkel der Probleme Erwerbsloser zu beleuchten. Vielmehr müssten die Lösungsvorschläge auch daran gemessen werden, ob sie eine Alternative zu derzeitigen Arbeitsver hältnissen bieten. Deshalb füge ich diesem Kapitel die ‚ SollSeite‘ der Kosten NutzenRechnung von Erwerbsarbeit hinzu.
3.1 Problemlagen langfristig Erwerbsloser
3.1.1 Finanzielle Probleme
Während in der Arbeitslosenforschung in den 30er Jahren des letzten Jahr hunderts vor allem finanzielle Probleme der Erwerbslosen ermittelt wurden, 43 scheinen nach ANDERSEN u. a. heute Probleme nichtmaterieller Art für Erwerbs lose im Vordergrund zu stehen. Er sieht den Grund dafür in der weitem umfang reicheren soziale Absicherung durch den Staat. 44 Gerade bei langfristig Erwerbs losen möchte ich dem allerdings mit Verweis darauf widersprechen, dass länge re Erwerbslosigkeit zwangsläufig den Einstieg in die Sozialhilfe bedeutet. 45 Der Arbeitslosenreport 1999 des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts Berlin Brandenburg unterstreicht dieses Problem: In einer Umfrage unter Unterbeschäf tigten, gemeint sind Erwerbslose, ABMBeschäftigte sowie Personen in Umschu lung, Fortbildung, Altersübergang oder Vorruhestand; gaben rund drei Viertel der befragten „finanzielle Schwierigkeiten“ an. Circa 26% der Befragten gaben
43 vgl. JAHODA u. a., Die Arbeitslosen von Marienthal, zit. n. WACKER, Ali, 1983, S. 40; 44 ANDERSEN, U., LANGE, T. Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland - Ursa chen, Folgen, Strategien, Klett, Stuttgart, 1980, S. 82;
45 Nach einem Jahr Bezug von Arbeitslosengeld geht es in Arbeitslosenhilfe über, die niedrigeres Einkommen garantiert und damit ein höheres Sozialhilferisiko in sich birgt. Vgl. DEUTSCHE BUNDESREGIERUNG (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland - Der erste Armuts und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Verfügbar unter:
http://www.bma.bund.de/de/sicherung/armutsbericht/ARBBericht01.pdf, Stand: 13.06.03, S. 91;
an, „sehr große“ finanzielle Schwierigkeiten zu haben. 46
3.1.2 Psychosoziale Probleme
Nach einer Untersuchung des IAB leiden die meisten Erwerbslosen an Langewei le. Sie scheinen nichts mit ihrer unfreiwilligen Freizeit anfangen zu können. Für 31% der Befragten ist Langeweile, Nichtstun und ‚Unausgelastet sein‘ die stärks te Belastung. Gerade für längerfristig Erwerbslose scheint die freie Zeit ein großes Problem zu sein: 60% der befragten langfristig Erwerbslosen kamen sich ‚manchmal richtig überflüssig vor‘. 47 Doch ich glaube, dass ‚Un ausgelastet sein‘ und sich ‚überflüssig vorkommen‘ tiefere Dimensionen als Langeweile hat. Dazu möchte ich auf die eher unterschwelligen psychosozialen Funktionen einer regelmäßigen Erwerbstätigkeit hinweisen: JAHODA beschreibt menschliche Be dürfnisse, die durch die „latenten Zwecke der Institution Arbeit“ befriedigt werden:
„ feste Zeitstrukturen
Ausweitung sozialer Erfahrungen, die weniger Emotional besetzt sind als Familienbeziehungen Teilnahme an kollektiven Zielsetzungen Zuweisung von Status und Identität“
Dies seien Erfahrungskategorien die sich die wenigsten Menschen selbst erfüllen können. 48 In der Arbeit suchen Menschen also nicht nur den notwendigen Geld erwerb, sondern eine Vielzahl von Erfahrungen und Befriedigungen unterschwel liger Bedürfnisse. So verweist WACKER auf eine Repräsentativbefragung aus den USA, in der 80% der Befragten erklärten, „sie würden weiterarbeiten, auch wenn
46 SFZSOZIALWISSENSCHAFTLICHES FORSCHUNGSZENTRUM BERLINBRANDENBURG E.V. / UNABHÄNGIGES MEINEUNGSFORSCHUNGSINSTITUT INFO GMBH, Arbeitslosenreport 1999 - Daten und Fakten zur sozialen Lage in den alten und neuen Bundesländern, Verlag am Turm, Berlin, 1999, S.99;
47 BRINKMANN, C., Psychosoziale und gesundheitliche Folgen der Arbeitslosigkeit - Er gebnisse einer repräsentativen Langzeituntersuchung des IAB, in: KIESELBACH, T., WACKER, A. (Hrsg.), Individuelle und gesellschaftliche Kosten der Massenarbeitslosigkeit -psychologische Theorie und Praxis, Belz, Weinheim/Basel, 1985, S. 189190; 48 JAHODA, zit. n. BRAUNS, H. D., RUPP, K. J. in Weiterbildung für arbeitslose Akademiker, in KIESELBACH, T., WACKER, A. Bewältigung von Arbeitslosigkeit im sozialen Kontext - Programme, Initiativen, Evaluationen, Deutscher Studien Verlag, Weinheim, 1995, S.184;
sie ohne Arbeit auskömmlich leben könnten.“ Auch auf eine ähnliche Fragestel lung in Deutschland gaben nur 34% der Befragten an, in diesem Falle nicht mehr arbeiten zu wollen. 49
„Die Vorstellung, nicht zu arbeiten, ist im Bewußtsein und in der
Erfahrung mit Ereignissen wie Krankheit, Invalidität, Arbeitslosigkeit oder Alter verknüpft, mit der Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Leben, mit sozialem Abstieg, Sinnlosigkeit oder Unausgefülltheit der individuellen Existenz und dem Verlust sozialer Reputation. Seine
Arbeitswilligkeit zu bekennen ist das Eintrittsbilett in die bürgerliche Gesellschaft.“ 50
Neuere Untersuchungen widersprechen diesen Ergebnissen zum Teil. So führt GORZ eine Umfrage unter 1634Jährigen Westeuropäern an: Demnach rangiert Arbeit auf der Liste der Wichtigsten Dinge im Leben der Befragten auf Rang 5 -weit hinter anderen Prioritäten wie Freunde zu haben, frei verfügbare Zeit zu haben, Gesundheit und Familie. 51 Trotzdem glaube ich, dass Arbeit noch immer einen eigenen hohen gesellschaftlichen Stellenwert hat, der sich nicht nur im Lohn ausdrückt. Die Betonung von Arbeit etwa in Wahlkämpfen weist darauf hin. Die ShellJugendstudie 2002 stellt heraus, dass die Mehrheit der jungen Menschen die Arbeitsmarktlage als dringendstes Problem ansieht. 52 Ich schließe mich hier der Argumentation von MORGENROTH an:
„[...] solange im Zentrum der gesellschaftlichen Organisation das
durch die Logik von Kapital und Markt bestimmte Verständnis von Erwerbsarbeit steht, solange soziale Anerkennung, Zugehörigkeit und
Reputation über Erwerbsarbeit vermittelt sind, solang Produktivität, Effektivität und damit erzielter materieller Status die wesentlichen Faktoren sind, an denen sich Erfolg und Einfluss eines Menschen messen lassen, solange muss Erwerbsarbeit die Schnittstelle bleiben,
49 Die Fragestellung der „SPIEGEL“Umfrage war: „Angenommen, Sie machen eine Erbschaft, so daß Sie davon recht gut leben könnten. Würden Sie dann aufhören zu arbeiten, oder würden Sie trotzdem weiterarbeiten?“ zit. n. WACKER, Ali, 1983, S. 8687; 50 WACKER, A., 1983, S. 87;
51 GORZ, A. , Arbeit zwischen Misere und Utopie, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2000, S. 90 52 14. SHELL JUGENDSTUDIE- Problemansticht und zukünftige gesellschaftliche Aufgabenfelder, Verfügbar unter: http://www.shell jugendstudie.de/he_10_problemsicht.htm, Stand: 27.04.03;
an der individuelle Beteiligungswünsche an die Gesellschaft und die angebotenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu sammentreffen.“ 53
Vielleicht wächst aber auch eine Generation heran, die mit der Erwerbslosigkeit der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts aufgewachsen ist und ihre Prioritäten im Leben anders setzt. Die Umformulierung von Rollenbildern (Mutter, Arbeitssuchend, Umschüler statt Erwerbslose/r) beispielsweise oder postindustrielles „Spaßverhalten“ könnten allerdings auch individuelle Gegen strategien gegen den sozialen Druck der steigenden Erwerbslosigkeit sein. 54
Die in Untersuchungen oft genannten psychosozialen Probleme spiegeln sowohl JAHODAs als auch WACKERS Thesen wider. So ist bei langfristig Erwerbslosen häufig ein niedriges Selbstwertgefühl feststellbar. Bei der Befragung im Rahmen einer Evaluation einer Reintegrationsmaßnahme für langfristig Erwerbslose gaben 48% der Befragten an, sich selbst Vorwürfe zu machen. 41% hatten das Gefühl, dass andere auf sie herab blicken. Die gesellschaftlichen Normen scheinen hier einen starken Einfluss auf das Selbstbild zu haben. JAHODA beschreibt diesen Zusammenhang wie folgt: „Logisch gesprochen steht es jedem Arbeitslosen frei, die psychologische Belastung durch eigene Initiative und gegen die machtvollen sozialen Normen zu verringern; psychologisch aber ist das für die Mehrzahl unmöglich.“ 55 Erwerbsarbeit scheint für viele Menschen der wichtigste Maßstab für Identität und sozialen Status zu sein.
Es erscheint in diesem Zusammenhang merkwürdig, dass sich Erwerbslose kaum auf die Suche nach anderen Möglichkeiten machen, den Verlust an Identität zum Beispiel durch ein Hobby, ehrenamtliche Tätigkeit oder Mitarbeit in einem Verein auszugleichen. 80% der Befragten in der Untersuchung von KIESELBACH u. a. hatten sich noch nie im Rahmen einer Organisation oder als Einzelperson ehrenamtlich betätigt. Nur 18% von ihnen gehörten einem Verein oder einer Organisation an. Obwohl 42% angaben, unter Langeweile zu leiden, suchen sie
53 MORGENROTH, C., Arbeitsidentität und Arbeitslosigkeit - ei n depressiver Zirkel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte - Bei lage zur Wochenzeitung Das Parlament, 3.2.2003, S. 18; 54 Dieser Frage nachzugehen wäre sicher interessant, würde jedoch leider das Thema meiner Arbeit überschreiten. 55 zit. n. WACKER, A., 1983, S. 32;
sich kaum Hobbys oder andere Tätigkeiten. 56 ROSTILA zitiert einen 45Jährigen ehemaligen Metallarbeiter:
„Wenn man einen Menschen aus dem normalen Arbeitsleben her
ausfallen läßt, dann bleibt man irgendwie dazwischen. Man gehört nicht zu denen da unten, noch zu den Arbeitenden. Man muß wie in einem leeren Raum bleiben, in dem man nichts tun und sich nicht selbst verwirklichen kann.“ 57
Über die Gründe, warum viele Erwerbslose die Möglichkeit einen privaten Aus gleich zur Arbeitslosigkeit nicht suchen, kann ich nur Vermutungen anstellen. Eventuell hat diese Gruppe von langfristig Erwerbslosen bereits so viel an Selbst vertrauen verloren, dass die Suche nach Hobbys, oder das Leben selbst als gänz lich Sinnlos erscheint - viele Erwerbslose leiden unter Depressionen. 58 Ein anderer Grund könnte sein, dass sie sich wartend auf neue Arbeit auf Arbeitsamt, Staat oder auf das Wirtschaftswachstum verlassen, um eine neue An stellung zu bekommen. In einer solchen Erwartungshaltung könnte es schwer fallen, eigene Initiative zu entwickeln und die Zeit der Erwerbslosigkeit positiv zu nutzen. Sicher könnte - ge rade bei langfristig Erwerbslosen die Sozialhilfe be ziehen - die finanzielle Situation eine Rolle spielen: Freizeitgestaltung in einer konsumgeprägten Kultur kostet Geld.
Die Belastung sozialer Beziehungen scheint ein weiteres wichtiges Problem Erwerbsloser zu sein. Einem großen Teil langfristig Erwerbsloser fehlt, nach einer Repräsentativbefragung, der Kontakt zu ehemaligen Kollegen. Erwerbs arbeit scheint also ein soziales Umfeld zu bieten, für welches nach dem Wegfall des Arbeitsplatzes zunächst nur schwer Ersatz geschaffen werden kann.
Unter der Fragestellung, woran langfristig Erwerbslose am meisten leiden scheinen mir folgende Belastungen am wichtigsten zu sein:
56 KIESELBACH, T., u. a., „Ich wäre ja sonst nie mehr an Arbeit rangekommen!“ Evaluation einer Reintegrationsmaßnahme für Langzeitarbeitslose, Deutscher Studien Verlag, Weinheim, 1998, S. 101103;
57 ROSTILA, I., Arbeitslosigkeit als Lebenslage im Lebensverlauf, in: KIESELBACH, T. WACKER, A., 1985;
58 vgl. FRESE, M., Zur Verlaufsstruktur der psychischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit, in KIESELBACH, T, WACKER, A., 1985, S. 235;
3.2 Die ‚ SollSeite‘ von Erwerbsarbeit
Ich gehe davon aus, dass Menschen in Erwerbsarbeit nicht nur Befriedigung und Sinnerfüllung finden. MORIN stellt eine „psychologische Bilanz der Arbeit“ auf. Auf der ‚ HabenSeite‘ finden sich einige der Punkte, deren Wegfall Erwerbslosen - wie im letzten Teil besprochen Probleme bereitet: finanzielle Belohnung, zwi schenmenschliche Beziehungen, Erfolgserlebnisse, Selbstbestätigung, Persönlich keitsentfaltung sowie Machtausübung. Die SollSeite umfasst Eigenschaften von Erwerbsarbeit, die als negativ empfunden werden: Monotonie, Mühe, Frustrati on infolge niedrigen Lohns und Abhängigkeit von Hierarchien. 59 SCHLOTH FELDT fügt im Bezug auf Untersuchungen Überanstrengung, Überforderung, wenig Anerkennung für Leistungen, stupide Arbeitsgänge, Sinnlosigkeit der Tä tigkeiten und mangelnde Entscheidungsspielräume hinzu. 60
3.3 Zusammenfassung
Meine Kriterien zur Bewertung der im nächsten Kapitel vorgestellten Modelle zur Zukunft der Arbeit sollen sich also auf die vorangegangenen Feststellungen beziehen. Auf der einen Seite müssen die Modelle die negativen Folgen von Erwerbslosigkeit möglichst eingrenzen. Auf der anderen Seite sollten neu er fundene Arbeitsverhältnisse so gestaltet sein, dass die negativen Seiten von Erwerbsarbeit ebenso möglichst gering gehalten werden.
59 MORIN,P., Einführung in die angewandte Organisationspsychologie, zit. n. WACKER, A., Psychologische Arbeitslosenforschung, in: KIESELBACH, T., WACKER, A., 1985, S.31; 60 er nimmt Bezug auf Untersuchungen v. JAHODA, HAYES/NUTMAN, DEPARTMENT OF HEALTH, EDUCATION AND WELFARE, zit. n. SCHLOTHFELD, S., Arbeit, Selbstachtung, Selbstverwirklichung, in: PRIDDAT, B.P., (Hrsg.), ArbeitsWelten, Forum für Dimensionen und Perspektiven zukünftiger Arbeit, Bd. 1, Marburg, 1996, S.3132;
4. Die Zukunft der Arbeit - Modelle zum Umgang mit der Erwerbskrise
Die steigende Erwerbslosigkeit in Europa und Weltweit verlangt nach neuen Ide en im Umgang damit. In diesem Abschnitt der Arbeit werde ich exemplarisch drei Zukunftsentwürfe zum Umgang mit der Erwerbskrise vorstellen und diese anhand der im letzten Kapitel herausgearbeiteten Probleme Erwerbsloser be werten.
4.1 Jeremy Rifkin: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft
In seinem Buch „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ prophezeit Jeremy RIF KIN eine stetig steigende Erwerbslosigkeit vor allem durch die Fortschritte der neuen Wirtschaft: Computertechnologie, Biotechnologie und Kommunikation. Er widerspricht der gängigen Theorie, dass der technische Fortschritt neue Arbeitsplätze nach sich zieht und zeigt auf, wie wenig die Nationalstaaten gegen diese Entwicklung unternehmen können. Für RIFKIN steht die Gesellschaft an einer Wegscheide:
„Die Dritte Industrielle Revolution [...] wird unsere Zivilisation
entweder befreien oder erschüttern. Ob sie uns im kommenden Jahr hundert ein schöneres Leben mit mehr Freizeit bescheren oder einen massiven Anstieg die Arbeitslosigkeit samt einer weltweiten Wirt schaftskrise nach sich ziehen wird, hängt weitgehend davon ab, wie die einzelnen Länder mit der wachsenden Produktivität umgehen werden.“
Wege aus der Erwerbskrise sieht RIFKIN in einem Mindesteinkommen für jeden und Arbeit im Dritten Sektor. 61
4.1.1 Problemanalyse
Nach RIFKINs Überzeugung befindet sich unsere Gesellschaft mitten in einem re volutionären Umbruch. Mit dem Siegeszug der neuen Technologien, wie digi taler Kommunikation, Computer oder Biotechnologie breche das Zeitalter der
61 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 1114;
‚Dritten Industriellen Revolution‘ an. Die Erfindung der Dampfmaschine leitete die Erste Industrielle Revolution ein. Anstrengende Tätigkeiten, die vormals allein durch Muskelkraft von Mensch und Tier erfolgten, wurden nun durch Ma schinen ersetzt. Die Zweite Industrielle Revolution bringt RIFKIN mit der wachsenden Bedeutung der Elektrizität in Verbindung. Die Beleuchtung durch elektrisches Licht machte die „Nacht zum Tag“ und den Menschen weiter un abhängig von seiner natürlichen Umwelt. Elektromotoren und elektrische Geräte ersetzten noch mehr vormals menschliche Arbeitskraft. Nach RIFKIN nahm die Dritte Industrielle Revolution nach dem zweiten Weltkrieg ihren Anfang: pro grammierbare Roboter und hochentwickelte Computer „dringen in die letzte Do mäne des Menschen ein - in das Reich des Verstandes.“ 62 Durch Computerge steuerte Produktionsanlagen könne die Industrie quasi ohne ArbeiterInnen aus kommen:
„Mitte des nächsten Jahrhunderts wird es keine Arbeiter und Arbeite
rinnen mehr geben, sie werden alle der Dritten Industriellen Revoluti on und dem unbarmherzigen technischen Fortschritt zum Opfer gefallen sein.“ 63
4.1.1.1 Neue Technologien
Wie eben beschrieben werden nach RIFKIN die neuen Technologien wie Compu ter und Biotechnologie, die Zukunft der Produktion an Gütern aber auch Dienst leistungen in allen Wirtschaftssektoren bestimmen. Dies führe dazu, dass die menschliche Arbeitskraft hier schlicht nicht mehr gebraucht werde. Ich werde in den nächsten Absätzen einige von RIFKINs Beispielen aus den verschiedenen Witschaftsbereichen skizzieren, die diese Entwicklung nachvollziehen.
4.1.1.1.1 Landwirtschaft
Nach RIFKIN nahm die Einführung von arbeitssparenden Technologien in der Landwirtschaft schon vor über hundert Jahren seinen Anfang. Zunächst ver drängte der Eisenpflug den Holzpflug, mechanische Mähmaschinen ersetzten Landarbeiter mit Sicheln und Sensen. Durch die Nutzung des ersten benzinbe
62 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 4748;
63 RIFKIN,. J.,1996, S. 107
triebenen Traktors wurden Zugtieren wie Pferd oder Maultier in der Landwirt schaft überflüssig. Parallel dazu wurden neue Pflanzensorten gezüchtet, die der maschinellen Ernte und Verarbeitung besser angepasst waren. Die Produktivität in der Landwirtschaft wuchs in den letzten hundert Jahren schneller als je zuvor: wo 1850 ein einzelner Farmer noch gerade vier Menschen mit Lebensmitteln versorgen konnte, seien es heute mehr als 78 Personen. 64
Computer und Robotertechnologie, sowie die Biotechnologien könnten in Zu kunft die Produktivität in der Landwirtschaft in noch größerem Ausmaß steigern und somit noch mehr menschliche Arbeitskraft aus diesem (traditionellen) Wirt schaftssektor verdrängen. RIFKIN nennt zum Beispiel ein computergestütztes Bewässerungssystem das mit Hilfe von Wetterdaten die optimale Bewässerung und Düngung der Felder berechnen kann. In Israel werde, so RIFKIN, an einem automatischen Melonenpflücker gearbeitet, der mit Hilfe von Kameras die Früch te identifiziert und mit speziellen Sensoren der Reifegrad überprüft. Am, vom Computer berechneten, Erntetag könnten die Melonen automatisch geerntet werden. Ca. 30.000 palästinensische Erntehelfer würden dann nicht mehr ge braucht werden. 65
Die Biotechnologie könnte die Landwirtschaft, beziehungsweise die Lebens mittelproduktion noch viel stärker verändern. So könne zum Beispiel ein gen technisch verändertes Hormon die Milchproduktion von Kühen um 10 bis 20% steigern. Aus Zellkulturen könnten Obst und Gemüse in Labors entwickelt und hergestellt werden.
„So wurde z. B. Orangen und Zitronenfruchtfleisch aus Gewebe
kulturen gezogen, und einige Beobachter meinen, daß schon bald Orangensaft im Labor hergestellt werden kann und die Plantagen in
der freien Natur überflüssig werden“
RIFKIN sieht die „Epoche des ‚ganzen Produkts‘“ in der Landwirtschaft an ihrem Ende. Die Gewebeproduktion werde die Preise für Lebensmittel auf den Welt märkten drücken. Das ließe Agrarwirtschaften, wie sie in der Dritten Welt be
64 RIFKIN,. J.,1996, S. 83;
65 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 8486
stehen, zusammenbrechen und die Arbeitslosigkeit in nicht gekannte Höhen steigen. 66
4.1.1.1.2 Industrie
Auch in der Industrie schreite die Automatisierung der Arbeit seit der Einführung des fordschen Fließbands rapide fort. Schon 1993 hoffte zum Beispiel der Auto mobilkonzern Mazda die Automatisierung bis zum Jahr 2000 auf 50% der Pro duktion zu steigern. Die Einführung von intelligenten Robotern könne den größ ten Teil der menschlichen Arbeitskraft überflüssig machen: Roboter arbeiten prä ziser und gleichmäßiger und verlieren weder Kraft von Konzentration. Durch die Einführung von computergestützten Design und Produktionsanlagen könne auch die Textilindustrie in den Industrienationen gegenüber Billiglohnländern konkurrenzfähig werden. RIFKIN sieht menschliche Arbeitskraft in nahezu allen Industriezweigen durch den Einsatz von Maschinen schwinden. Seine schlichte Erkenntnis ist, dass es in Zukunft keine ArbeiterInnen in der Industrie mehr ge ben wird. 67
4.1.1.1.3 Dienstleistungssektor
Bis vor kurzem, so RIFKIN, gingen viele Ökonomen davon aus, dass die von der Industrie freigesetzten Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor neue Arbeit finden würden. RIFKIN widerspricht dieser These. Auch die Dienstleistungsbranche habe erhebliches Potenzial, menschliche Arbeitskraft einzusparen. Moderne Kommunikationssysteme wie das Internet sparen Vertriebswege und damit Arbeitskräfte im Transport und Logistikwesen. ‚Voi ceMailSysteme‘, die Anrufe entgegennehmen und bearbeiten können, ersetzen zunehmend Telefonisten. In Banken sind wir die Benutzung der Personalsparenden Kassenautomaten schon gewohnt. Nach RIFKIN könnten die Maschinen sogar ManagementTätigkeiten übernehmen. Bewerbungen könnten beispielsweise mit Hilfe eines Computers bearbeitet werden:
„Ein System namens Resumix speichert über einen Scanner täglich
66 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 9296
67 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 98107
400 Bewerbungen in einer Datenbank, die nicht größer als ein kleiner Aktenschrank ist. Innerhalb von drei Sekunden ist die Bewerbung auf genommen, dann druckt Resumix den passenden Bestätigungsbrief an den Absender aus.“
Das System sei in der Praxis ebenso gut wie ein menschlicher Personalchef - nur eben schneller. RIFKIN ist überzeugt davon, dass durch die Informationstechno logien enorm viele Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich abgebaut werden. „Im gesamten Dienstleistungsbereich steigt die Produktivität an, während Arbeitsplätze abgebaut werden.“ 68
4.1.1.2 Die Logik des Marktes
RIFKIN kritisiert, dass sich Ökonomen und Politiker seit mehr als einem Jahr hundert von der Angebotstheorie leiten lassen:
„Neue Technologien steigern die Produktivität, senken die Kosten und
vergrößern das Angebot an billigen Waren. In der Folge wachsen die Kaufkraft und die Märkte und es werden neue Arbeitsplätze geschaf fen.“
Dies würde also bedeuten, dass „das Problem der Arbeitslosigkeit sich trotz technisch bedingter Entlassungen letztlich von selbst lösen wird“. RIFKIN argu mentiert hier mit Karl Marx, der schon im Kapital dieser These widersprochen hat: Durch den Einsatz von Maschinen schafften sich die Unternehmer eine „Reservearmee von Arbeitern, deren Löhne immer weiter gedrückt und die bald nicht mehr genug Kaufkraft hätten, um sich noch irgendwelche Produkte leisten zu können“. 69
Dass die Angebotstheorie keine Lösung für das Problem der Erwerbslosigkeit darstelle, habe sich nach RIFKIN bereits in den 20er Jahren bewiesen. RIFKIN beschreibt, wie durch die Einführung von Fließband und anderen technischen Neuerungen in dieser Zeit in den USA mehr als 2,5 Millionen Arbeitsplätze ver nichtet wurden. Die hohe Arbeitslosigkeit habe einen dramatischen Rückgang des Konsums nach sich gezogen. Mit einigem Aufwand seien die Bürger damals 68 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 108123; 69 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 2728;
zu Konsumenten erzogen worden, die durch Marketing und die Einführung des Konsumkredits zu modebewussten ‚S hoppern‘ wurden. Die Einkommenszu wächse konnten allerdings nicht mit der erhöhten Produktion mithalten. Die wachsende Zahl von Unterbeschäftigten und Arbeitslosen hatte nicht mehr genug Kaufkraft, um die hergestellten Güter abzunehmen.
Die Angebotstheorie hatte sich als falsch erwiesen und so suchte man schon damals nach Alternativen. So sei Kellog‘s das erste Unternehmen gewesen, dass die 30StundenWoche bei vollem Lohnausgleich eingeführt habe. Auch der Staat begann durch Investitionen im Baugewerbe oder in der Rüstung den Arbeitsmarkt anzukurbeln. Das Problem der Erwerbslosigkeit wurde also nicht durch einen deregulierten Markt gelöst, sondern auf Initiative des Staates und der Unternehmen. 70
RIFKIN ist der Überzeugung, dass heute weder der öffentliche Sektor noch die freie Wirtschaft die Krise der Erwerbsarbeit durch solche Maßnahmen lösen können. In den USA, in Europa und Japan genieße die Senkung der Staatsaus gaben im Moment höchste Priorität. Die Regierungen haben somit wenig Spiel raum, durch staatliche Investitionen Arbeitsplätze zu schaffen und klammern sich deshalb, so RIFKIN, „an die Vorstellung, daß technische Neuerungen, Pro duktionszuwächse und fallende Preise eine ausreichende Nachfrage und neue Arbeitsplätze mit sich bringen würden.“ Dieses Festhalten an der Angebotstheo rie habe gefährliche Auswirkungen:
„In einer Situation, in der der technische Fortschritt die Produktion
dramatisch anwachsen läßt, aber zugleich Millionen von Arbeit nehmern an den Rand drängt oder gar aus dem Wirtschaftskreislauf
ausschließt - was die Kaufkraft entscheidend schwächt , in einer sol chen Situation mutet die Angebotstheorie naiv, wenn nicht sogar dumm an.“ 71
4.1.1.3 Wissensarbeiter und Dienstleister
RIFKIN sieht die Gesellschaft in zwei neue Klassen zerfallen: Die Gewinner der 70 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 2939; 71 RIFKIN,. J.,1996, S. 43;
‚Dritten Industriellen Revolution‘ seien die Wissensarbeiter. Diese machten ge rade einmal zwanzig Prozent der Bevölkerung aus. Hierzu zählen jene Men schen, die mit Hilfe ihrer hochspezialisierten Kenntnisse die neue Informations wirtschaft steuern und lenken: RIFKIN zählt hierzu Wissenschaftler, Ingenieure, Softwareexperten, Biotechniker, PRSpezialisten, Juristen, Investmentbanker, Unternehmensberater, Finanz und Steuerexperten, Architekten, Planungsex perten, Marketingspezialisten, Filmproduzenten, Art Directoren, Autoren, Verleger, Lektoren und Journalisten.
Während - so RIFKIN die Wissensarbeiter immer wichtiger für die Wirtschaft werden, verlieren Arbeiter und Kapitalisten - die bestimmenden Gruppen des In dustriezeitalters - zunehmend an Bedeutung: RIFKIN macht dies am Beispiel der Chipherstellung deutlich: mehr als 85 % der Herstellungskosten werden für Entwicklung und Patente ausgegeben, die restlichen knapp 15 % fließen in Roh stoffpreis, Herstellungsanlage und Arbeitskräfte in der Produktion. Auf der Seite der Verlierer der Informationswirtschaft stehen niedere Dienstleister genauso wie der wachsende Anteil an Erwerbslosen und billigen Arbeitskräften. Diese Si tuation könne zu einem neuen Klassenkonflikt führen, denn die Schere zwischen Reich und Arm wird auch innerhalb der Industriegesellschaften zunehmend grö ßer. 72
4.1.1.4 Gefahren der Neuen Wirtschaft
RIFKIN macht auf die Gefahren der entstehenden Informationswirtschaft auf merksam:
„In allen entwickelten Volkswirtschaften setzen neue Technologien
und Managementmethoden die Arbeitnehmer in gefährlicher Weise
unter Druck oder nehmen ihnen ihren Job. Eine Reservearmee von Gelegenheitsbeschäftigten entsteht, die Kluft zwischen Wohlhabenden und den Habenichtsen vergrößert sich.“ 73
Er bringt den Anstieg der Kriminalität in einen direkten Zusammenhang mit der ansteigenden Armut. Wenn kein Sicherungssystem Erwerbslose mehr Auffangen 72 vgl. RIFKIN,. J.,1996, 137143; 73 RIFKIN,. J.,1996, S. 144;
könne, müssten diese zu Verbrechern werden. 74 Um das nötigste zahlen zu können, würden sie zu Kleinkriminellen, Schwarzarbeitern oder Drogenhänd lern. 75 Andere könnten sich mit Hilfe von Terrorismus oder GuerillaKriegen gegen die Zustände zur Wehr setzen. 76
Auch für den Aufschwung von nationalistischen, fremdenfeindlichen und neofa schistischen Gruppen und Parteien vor allem in Europa macht RIFKIN Erwerbslosigkeit und steigende Armut verantwortlich. Die Führer solcher Gruppen geben Ausländern oder Juden die Schuld an der Erwerbslosigkeit und beantworten so auf ihre Weise die sozialen Problemlagen. Dieser Argumentation - gekoppelt mit einer nationalistischen Globalisierungskritik können sich viele der Verlierer der Informationsökonomie nicht entziehen. RIFKIN nennt in diesem Zusammenhang die Wahlkampfgewinne der deutschen DVU, der italienischen Movimento Sociale Italiano oder auch der neofaschistischen Liberaldemokra tischen Partei Schirinowskis in Russland. 77
RIFKIN sieht unsere Zivilisation an einer Wegscheide:
„Der eine Weg führt in eine verheißungsvolle, utopische Welt, der
andere in eine unheilvolle Welt voller Gefahren. Zur Debatte steht un sere Vorstellung von Arbeit. Wie soll die Menschheit damit umgehen,
daß in Zukunft die meiste Arbeit nicht mehr von Menschen , sondern von Maschinen erledigt wird?“
4.1.2 Lösungsvorschläge
Jeremy RIFKIN schlägt zwei Strategien vor um die Erwerbskrise zu lindern und die Gesellschaften vor einem Kollaps zu bewahren: mit Hilfe von Arbeitszeitver kürzung und dem Ausbau des dritten Sektors. In den folgenden Abschnitten werde ich RIFKINs Vorschläge genauer beschreiben.
74 RIFKIN,. J.,1996, S. 156;
75 RIFKIN,. J.,1996, S. 180; 76 RIFKIN,. J.,1996, S. 160; 77 RIFKIN,. J.,1996, S. 158159;
4.1.2.1 Arbeitszeitverkürzung
RIFKIN greift die Forderung von Gewerkschaftern und Ökonomen auf, die Arbeitszeit weiter zu verkürzen. Er weist darauf hin, dass im Laufe der Geschich te der Industriegesellschaften unter dem Druck der Erwerbslosigkeit, die durch schnittliche Wochenarbeitszeit stetig gesenkt worden ist. Es hat also schon fast Tradition, die durch neue Maschinen erhöhte Produktivität auf die ArbeiterInnen teilweise umzuverteilen. 78
RIFKIN nennt hier vor allem Beispiele aus Europa. So habe das Unternehmen Hawlett Packard in Frankreich erfolgreich die VierTageWoche eingeführt. Im Austausch für weniger Arbeit habe die Arbeitnehmerschaft der Schichtarbeit zugestimmt. So konnte die Wochenarbeitszeit bei vollem Lohnausgleich um sechs Stunden verkürzt werden, während die Produktivität des Unternehmens dadurch zunahm, dass die Maschinen jetzt 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche laufen. 79
Mit Hilfe von Arbeitszeitverkürzung könne also die Produktivität noch gesteigert werden. Höhere Lohnkosten würden über die gestiegene Produktivität ausgegli chen. RIFKIN sieht hier ein Mittel, um Erwerbslosigkeit abzubauen. Auch die Kaufkraft der Bevölkerung könne dadurch stabilisiert werden.
Um faire Bedingungen für alle Wettbewerber auf dem Weltmarkt zu garantieren bedarf es nach RIFKIN multilateraler Vereinbarungen. RIFKIN zitiert den Öko nomen Michael Hammer, der sich eher skeptisch äußert: so könne man die Arbeitszeit nur kürzen,
„[...] wenn alle es tun. [...] Wenn wir den Beschäftigten für weniger
Arbeit das gleiche Geld zahlen, erhöhen sich die Kosten für unsere Produkte, und das können wir uns nur leisten, wenn alle anderen
dasselbe tun.“
RIFKIN nennt hier noch den Vorschlag von McCarty und McGaughey, die ein Zollsystem fordern, welches die Arbeitszeit und Lohnkosten in den jeweiligen 78 RIFKIN,. J.,1996, S. 166167; 79 RIFKIN,. J.,1996, S. 168169;
Ländern berücksichtigt. So könne ein Anreiz geschaffen werden, Arbeitszeiten zu verringern, um sich den Zugang zu bestimmten Märkten zu sichern. 80
4.1.2.2 Ausbau des Dritten Sektors
Unter dem Begriff ‚Driter Sektor‘ versteht RIFKIN jegliche gemeinnützige frei willige Tätigkeit. Er umfasst alle Bereiche, die weder vom Staat noch von der freien Wirtschaft abgedeckt werden. Da den Regierungen gerade im sozialen Be reich durch Sparzwänge zunehmend die Hände gebunden seien und es für die freie Wirtschaft oft nicht profitabel sei, sich in diesen Bereichen zu engagieren, bedürfe es dem Ausbau dieses Sektors. 81 Dazu gehört für ihn nicht nur soziale Arbeit, sondern auch Bildung, Gesundheitswesen, Wissenschaft oder Kunst und Religion. RIFKIN weist darauf hin, dass freiwillige Arbeit in den USA eine lange und wichtige Tradition hat. Er zitiert eine Untersuchung, der zufolge 51 Prozent der USBevölkerung ca. 4,2 Stunden in der Woche freiwilliger Arbeit nachgehen. Im Dritten Sektor seien mehr Menschen angestellt, als beispielsweise im Bauge werbe oder in der Elektroindustrie. RIFKIN plädiert dafür, den Dritten Sektor zur Grundlage eines neuen Gesellschaftsvertrags zu machen. 82
4.1.2.2.1 ‚Weltbild Dritter Sektor‘
Für RIFKIN sind gemeinnützige Tätigkeiten eine grundlegende Alternative zu traditionellen Arbeitsverhältnissen. Sie sind freiwillig und unabhängig und resultieren allein aus der sozialen Verantwortung anderen gegenüber. Sie bieten Sicherheit nicht durch finanzielle oder materielle Werte, sondern durch soziale Beziehungen und die Verbundenheit untereinander:
„Im privaten Sektor arbeitet man der Aussicht auf materiellen Ge
winn wegen und je mehr man konsumiert, desto sicherer fühlt man sich. Im Dritten Sektor arbeitet man, um anderen zu helfen. Si cherheit gewinnt man durch persönliche Beziehungen und durch das Gefühl der Verbundenheit mit der ganzen Welt.“
Im ‚W eltbild‘ Dritter Sektor sieht RIFKIN eine ernsthafte Konkurrenz zur Markt
80 RIFKIN,. J.,1996, S.174; 81 RIFKIN,. J.,1996, S. 177179; 82 RIFKIN,. J.,1996, S. 180182
wirtschaft, in der Konsumorientierung und Materialismus dominiere.
RIFKIN ist davon überzeugt, dass sich ein neues ‚Weltbild Dritter Sektor‘ langfris tig durchsetzen wird. In einer Welt, in der Maschinen die Arbeit übernehmen und die Menschen mehr freie Zeit haben, sei es nicht unwahrscheinlich, dass ein Ethos der Wiederherstellung von Gemeinschaft und der Rücksichtnahme auf die Umwelt entstünde.
RIFKIN plädiert für eine veränderte Politik, die den „aufgeklärten“ Weg von kürzeren Arbeitszeiten und fairer Entlohnung einschlägt. Dies führe zu einem ungekannten Ausmaß an freier Zeit,
„und wir können sie darauf verwenden, die Bande der Gemeinschaft
und unser demokratisches Erbe zu erneuern. Die Generationen nach uns könnten die engen Grenzen des Nationalismus überwinden und
sich als Angehörige einer Spezies begreifen, deren Mitglieder sich gegenseitig genauso verpflichtet wären wie allen anderen Lebewesen.“ 83
4.1.2.2.2 Steuererleichterungen und Sozialeinkommen
Auf der einen Seite wird es in Zukunft, so RIFKIN, Menschen geben, die durch Arbeitszeitverkürzung mehr Freizeit für ehrenamtliche Tätigkeiten zur Verfü gung haben. Auf der anderen Seite bilde sich aber eine immer größer werdende Zahl von Menschen heraus, die in der Wirtschaft keine bezahlte Arbeit mehr finden werden. RIFKIN sagt, der Staat stehe vor der Wahl entweder mehr Geld für Sicherheit und Justiz auszugeben, oder in den Dritten Sektor zu investieren.
Für diejenigen, die noch einer - verkürzten Tätigkeit auf dem ersten Arbeits markt nachgehen, schlägt RIFKIN Steuererleichterungen für freiwillige Arbeit vor. Für jede Arbeitsstunde, die im Dritten Sektor geleistet wird, könnte der Staat eine Steuerminderung gewähren. Er hätte so auch die Möglichkeit, die Ge meinnützige Arbeit nach wichtigen Prioritäten zu steuern - indem etwa Initia tiven vergünstigt werden, die den Zielen der Öffentlichkeit und Politik dienen.
83 vgl. RIFKIN,. J.,1996, S. 182.188
RIFKIN sieht in diesem ‚ Schatteneinkommen‘ die Möglichkeit, viele Menschen dazu zu ermuntern im Dritten Sektor tätig zu werden. Dem Einwand, Steuererleichterungen würden den karitativen, freiwilligen Charakter der Arbeit unterwandern, widerspricht er, indem er die steuerlich absetzbaren Spenden für gemeinnützige Vereine nennt. Die Steuerausfälle des Staates würden ausgegli chen, da dieser keine teuren Sozialprogramme mehr auflegen müsse:
„Durch die Förderung von freiwilligen Arbeiten direkt vor Ort würde
der Staat die Ausgaben für ganze Behörden sparen, die für die Verwaltung örtlicher Programme nötig wären. Außerdem würden ver besserte Lebensbedingungen für Millionen von Menschen auch auf die Wirtschaft in Form von mehr Beschäftigungsmöglichkeiten und ver
stärkter Kaufkraft zurückwirken, was wiederum das Steueraufkom men erhöhen würde.“
RIFKIN ist sich bewusst darüber, dass Steuererleichterungen zwar ein geeignetes Mittel ist, um Erwerbstätige zur Arbeit im Dritten Sektor zu bewegen. Für die Erwerbslosen, diejenigen also, die so gut wie keine Steuern zahlen, müssten die Staaten andere Formen des Einkommens finden. RIFKIN schlägt ein ‚Sozialein kommen‘ für Erwerbslose vor, die sich gemeinnützig betätigen. Dies würde Millionen Erwerbslosen die Möglichkeit geben, sich etwa in Nachbar schaftsorganisationen selbst zu helfen. Nach seinen Vorstellungen solle dieses Einkommen an eine Tätigkeit im Dritten Sektor gebunden sein. Es könne - wie in der freien Wirtschaft - je nach Qualifikation gestaffelt werden, da in den Frei willigenorganisationen auch Mitarbeiter für Führungs und Leitungsaufgaben ge braucht würden. Nach RIFKINs Überzeugung würde ein solches Einkommen ge koppelt mit gemeinnütziger Tätigkeit „zu einer Weiterentwicklung der Gemein wirtschaft beitragen und langfristig den Übergang zu einer gemeinschafts und dienstleistungsorientierten Gesellschaft erleichtern.“ 84
4.1.3 Bewertung
Durch Arbeitszeitverkürzung können sicher eine Vielzahl von Arbeitsplätzen erhalten werden. RIFKIN gibt auch wirtschaftliche Erfolgsbeispiele von ge
lungenen Projekten der Arbeitszeitverkürzung. Für die Erwerbstätigen gäbe es zu dem mehr freie Zeit. Arbeitnehmer hätten mehr Zeit für die Familie aber auch für vielfältige andere Beschäftigungen außerhalb der Erwerbsarbeit. Hobbys oder Engagement in Vereinen oder Organisationen könnten den Erwerbstätigen die Möglichkeit bieten, soziale Kontakte, Identität und Selbstvertrauen außerhalb einer Erwerbsarbeit zu finden. Ich sehe hier die Chance, Problemen die mit Erwerbslosigkeit entstehen, vorzubeugen. Tritt die Erwerbslosigkeit ein, könnten diese Menschen auf eine Vielzahl an Ressourcen außerhalb der Erwerbstätigkeit zurückgreifen und somit den Wegfall der immateriellen Funktion von Erwerbs arbeit ausgleichen.
Die Beschäftigung Erwerbsloser im „Dritten Sektor“ scheint diese Defizite auch auszugleichen. In einer sinnvollen gesellschaftlichen Tätigkeit könnten sie Selbstvertrauen gewinnen und soziale Kontakte herstellen. Sie fordert Kreativität und Eigeninitiative, bietet eine gesicherte gesellschaftliche Stellung und finanzi elle sowie soziale Unterstützung. Der Ausbau des Dritten Sektors kann außerdem positive Effekte auf das Gemeinwesen haben. Lokale Selbsthilfe kann gestärkt und soziale Netzwerke ausgebaut werden.
Im Prinzip hätte eine Beschäftigung, wie sie RIFKIN vorschlägt, den gleichen Charakter wie das „Normalarbeitsverhältnis“. Arbeitnehmer sollen neben der Erwerbstätigkeit eine Arbeit im dritten Sektor annehmen, und Erwerbslose dasselbe im Austausch gegen ein nach Qualifikation gestaffeltes Sozialeinkom men tun. Gerade bei Erwerbslosen geht hier der Charakter der Freiwilligkeit verloren, da der Erhalt eines Sozialeinkommens an die Tätigkeit im Dritten Sek tor gekoppelt wäre. Die Regierung hätte nach RIFKINs Vorschlag die Steuerung des Dritten Sektors in der Hand. Dies bedeutet, dass nicht die Betroffenen in einem Gemeinwesen, sondern der Staat über die Relevanz und Einrichtung von sozialen oder gesellschaftlichen Projekten bestimmen würde. Diesen Vorschlag sehe ich als kritikwürdig an, da die Tätigkeiten wieder fremdbestimmt wären und einen großen Teil der negativen Seiten von Erwerbsarbeit, wie sie im Kapi tel 3.2 beschrieben wurden, eingeschlossen werden. Den Ersatz für die alte Erwerbsarbeit in einer ähnlich strukturierten Arbeit im Dritten Sektor zu suchen,
bedeutet keine neue Idee von Erwerbsarbeit, sondern ein festhalten an traditionellen Vorstellungen. Erwerbslosigkeit und Armut könnten damit zwar bekämpft und das Gemeinwesen gestärkt werden, die Arbeitsbedingungen würden sich allerdings kaum ändern. Hierarchien - nach Qualifikation gestaffelt - werden in RIFKINs Modell genauso aufrecht erhalten, wie das Lohngefälle. Es käme hier auf die Höhe des Einkommens an, um Menschen zu motivieren, sich mit ihrer gesamten Persönlichkeit in die Tätigkeit im dritten Sektor einzu bringen. Eine unbefriedigend bezahlte Tätigkeit wird dadurch nicht unbedingt erträglicher, dass sie einen „guten Zweck“ erfüllt. Im Gegenteil wird dadurch das Einkommensgefälle und damit soziale Ungleichheit manifestiert.
Die Idee, Arbeit in den dritten Sektor zu verlagern, wenn auf den ersten und zweiten Arbeitsmarkt nicht mehr ausreichend Arbeit für alle vorhanden ist, werte ich prinzipiell positiv. Gerade dieser Bereich der Eigeninitiative, des Bürgerengagement und der sozialen Vernetzung muss in Zeiten ansteigender Erwerbslosigkeit und Armut gefördert werden, um die materielle und soziale Ausgrenzung einer breiten Schicht der Bevölkerung zu verhindern. Nach meiner Überzeugung sollte allerdings darauf geachtet werden, dass nicht dieselben Machtstrukturen der kapitalistischen Gesellschaft aufrecht erhalten werden. Die Entscheidung, welche Maßnahmen im dritten Sektor bedeutend sind, könnte auch demokratisch im Gemeinwesen getroffen, und nicht vom Staat gesteuert werden. Die Bezahlung der Tätigkeiten müsste auf einem angemessen hohen Ni veau sein, sonst wäre die Arbeit im dritten Sektor nur eine ‚moralisch bessere Alternative‘ zu einer Tätigkeit etwa im Niedriglohnbereich. Insgesamt bietet RIF KIN keine neue Erfindung an, sondern überträgt das ‚N ormalarbeitsverhältnis‘ auf Tätigkeiten im dritten Sektor.
4.2 Orio Giarini, Patrick M. Liedtke: Wie wir arbeiten werden
Die Autoren Orio GIARINI und Patrick M. LIEDTKE analysieren in ihrem Bericht an den Club Of Rome das drängende Problem der Erwerbslosigkeit aus einer eher liberalen Perspektive. Sie unternehmen den Versuch, die Gesellschaft auf Tendenzen zu untersuchen und daraus ihre Schlussfolgerungen für die Bekämp
fung von Erwerbslosigkeit zu ziehen. Ihre Vorschläge reichen von Telearbeit, fle xiblen Arbeitszeitregelungen, Mindesteinkommen bis hin zu einem konkreten Modell, ein neues Arbeitsleben mit einer neuen Vollbeschäftigung zu gestalten. In den nächsten Absätzen werde ich auf ihre Vorschläge genauer eingehen.
4.2.1 Problemanalyse
Für die Autoren ist Arbeit ein Teil der Persönlichkeit. Nach ihrer Idee arbeiten Menschen, um sich selbst innerhalb der Gesellschaft zu definieren. Ein Großer Teil der so genannten Freizeit werde mit freiwilliger Arbeit verbracht 85 . Daraus leite sich ihre „Philosophische Prämisse“ ab: „Wir sind vielmehr das, was wir pro duzieren, als das, was wir konsumieren.“ Durch das persönliche Werk definiere sich der Mensch. Er erhalte daraus Selbstachtung und Ansehen in der Gesell schaft. 86 Gemeint ist also, dass Arbeit oder TätigSein für den Menschen ein zentrales Gut im Leben darstellt, welches noch über der Freizeit, Erholung oder dem Müßiggang steht. Dies ist der Blickwinkel aus dem die Autoren das Thema betrachten.
4.2.1.1 Wandel des Wertes der Arbeit
Die Autoren geben einen kurzen geschichtlichen Abriss über den Wandel des Wertes der Arbeit seit bestehen der Agrargesellschaft. Dies ist wichtig, um die Lösungsmodelle von GIARINI/LIEDTKE zu verstehen.
In der Agrargesellschaft war die Wirtschaft vor allem von der Landwirtschaftli chen Produktion geprägt. Die Herstellung von ausreichenden Nahrungsmitteln war die wichtigste Funktion der Produzenten. Die Möglichkeit dagegen, einen Teil des Ertrages zu verkaufen, war eher begrenzt. Der größte Teil der Arbeit wurde in nicht durch Geld bezahlte Tätigkeiten erbracht. Die Anzahl der Men schen die in einer Art Erwerbsarbeit angestellt waren, war eine vernachlässigba re Größe. Sie wurden vorwiegend in Naturalien bezahlt. Geld war als Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen nahezu überflüssig.
85 GIARINI, O., LIEDTKE, P.M., 1998, S. 209;
86 GIARINI, O., LIEDTKE, P.M., 1998,. S. 210;
Durch die Industrielle Revolution wurde die landwirtschaftliche Produktion als wichtigster Wirtschaftssektor von der industriellen Fertigung abgelöst. Die hohe Spezialisierung als Folge von zunehmender Arbeitsteilung, brachte dem Geld als Tauschmittel einen Bedeutungsgewinn. Fabrikarbeiter, Facharbeiter und Ange stellte wurden fortan mit Geld in Form von Löhnen und Gehältern bezahlt. Erwerbsarbeit wurde zum „Standard für alle Tätigkeiten, die mit der Produktion von Gegenständen und Waren zu tun hatten“. Nichtbezahlte Tätigkeiten galten als „nicht produktiv“ und verloren somit an Ansehen. Ein nach Auffassung der Wirtschaftswissenschaft - realer Maßstab für die Wirtschaftsleistung eines Staa tes war das Bruttosozialprodukt. 87
Nach GIARINI und LIEDTKE stehen wir heute an der Schwelle zur Dienstleis tungsgesellschaft. Dienstleistungssysteme seien für moderne Volkswirtschaften weitaus wichtiger geworden, als das industrielle Produktionssystem. Dies zeige sich beispielsweise in Statistiken über Arbeitsplätze und Beschäftigung: in den meisten Industriestaaten betrage die Zahl der Beschäftigten im Dienstleistungs sektor bereits 70 bis 80 Prozent. 88 Man könnte schlussfolgern, dass Dienstleis tungen in der nachindustriellen Wirtschaft wiederum die industrielle Produktion als wichtigsten Wirtschaftssektor abgelöst haben. Doch stimme dies nicht ohne weiteres: Zwar haben Dienstleistungen im Gegensatz zur Industriegesellschaft einen höheren Stellenwert, sie können aber nicht ohne materielle Produkte erbracht werden, genauso wie kein Produkt ohne Dienstleistungen mehr genutzt werde. 89 Obwohl gerade in traditionellen Dienstleistungsbereichen, wie Banken oder Versicherungen zu vermuten sei, dass es hier durch technischen Fortschritt nicht zu einer Schaffung von neuen Arbeitsplätzen komme, 90 sehen die Autoren in Dienstleistungen eine „Schlüsselfunktion für Beschäftigung“, 91 allerdings nicht in dem Maße, dass sie wieder zu einer Vollbeschäftigung führe. 92
Die Dienstleistungsgesellschaft sei in ihrer Art, Wohlstand zu erzeugen nicht mit
87 vgl. GIARINI, O; LIEDTKE, P. M., 1998, S. 9395;
88 GIARINI, O.; LIEDTKE, P. M., 1998, S. 154; 89 GIARINI, O., LIEDTKE, P. M., 1998, a.a.O.; 90 GIARINI, O., LIEDTKE, P. M., 1998, S. 156; 91 GIARINI, O., LIEDTKE, P. M., 1998, S. 157; 92 GIARINI, O., LIEDTKE, P. M., 1998, S. 232;
der Industriegesellschaft vergleichbar. Dennoch stehen wir nach GIARINI und LIEDTKE „immer noch stark unter dieser anachronistischen Auffassung von Wohlstand“. 93 Gemeint ist die Messung von Wohlstand mit Hilfe des Bruttosozi alprodukts (BSP). Das Bruttosozialprodukt bezeichnet die Summe aller mit Geld bewerteten Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres von den stän digen Bewohnern eines Landes erstellt werden. Inzwischen hat zur Berechnung der Wirtschaftsleistung eines Landes das Bruttoinlandsprodukt das BSP abge löst. 94 Dieses misst aber genauso wie das BSP nur die bezahlte Tätigkeit und vernachlässigt dabei etwa Umweltschäden oder in Eigenarbeit erbrachte Leis tungen. Wir tragen immer noch das Erbe der Industriegesellschaft, in der pro duktive Tätigkeit und Beschäftigung mit der (bezahlten) Arbeitsstelle gleichge setzt ist. 95
Diese Situation führe uns in ein Paradoxon: ‚Das Paradoxon des Paradieses‘:
„Das Paradies ist ein Ort, wo die Technologie so weit fortgeschritten
ist, daß es möglich ist, alle materiellen Waren praktisch ohne jegliche
Kosten herzustellen. Der Haken an der Sache ist, daß in einer solchen Situation niemand bezahlt werden könnte, mit dem Ergebnis, daß unser Produkionsparadies eher wie eine gesellschaftliche Hölle - kein Geldeinkommen und hundert Prozent Arbeitslosigkeit - aussähe. Wir
haben uns inmitten dieses Paradoxons festgefahren.“ 96
Würde man den Wohlstand in diesem Paradies nach dem System der bezahlten Arbeit errechnen, kommt man auf eine Summe von Null. Tatsächlich gäbe es aber Produkte in einer reichlichen Fülle. Die Autoren plädieren dafür, alle drei Kategorien produktiver Tätigkeit, bezahlte Arbeit, Produktion in Eigenleistung sowie nichtbezahlte Arbeit, als wichtigen Bestandteil der Wirtschaft in einer Dienstleistungsgesellschaft zu betrachten. 97
Unser nachindustrielles Wirtschaftssystem sei auf Eigenproduktion und nichtbe
93 GIARINI, O.; LIEDTKE, P. M., 1998, S. 95;
94 MICROSOFT ENCARTA, 15.5.03, verfügbar unter: http://encarta.msn.de/find/Concise.asp?z=1&pg=2&ti=761572149; 95 GIARINI, O.; LIEDTKE, P. M., 1998, S. 96; 96 GIARINI, O., LIEDTKE, P.M., 1998, a.a.O.; 97 GIARINI; O., LIEDTKE, P.M., 1998, a.a.O.;
zahlte Arbeit angewiesen, um zu funktionieren. Ein Beispiel dafür liefern die Autoren im medizinischen Sektor:
„Wenn [...] die hohen Kosten der Krankenhausbehandlung gegen
wärtig dazu führen, daß man Patienten durch politische Maßnahmen dazu bringt, lieber zu Hause zu bleiben, ist offensichtlich daß hier das nichtmonetisierte System aufgerufen ist, uns vor einem verdeckten Maß an Ineffizienz des monetisierten Systems zu retten.“ 98
Die nicht bezahlte Pflege des Patienten zu Hause durch Familienangehörige oder Freunde - taucht aber weder in der nationalen Einkommensbilanz auf, noch wird sie durch unser geldbezogenes System ausreichend gewürdigt. GIA RINI und LIEDTKE werfen daher die Frage auf, ob wir den Begriff der produk tiven Tätigkeit noch immer nur auf das beschränken können, was zur „offiziellen monetisierten Ökonomie gehört“. Die Abgrenzung zu nicht bezahlten Tätigkei ten, die sozial und finanziell produktiv sind, erscheint zweifelhaft. 99
Die nachindustrielle Gesellschaft schaffe aber noch ganz andere Formen der nichtbezahlten Eigenarbeit. Ein immer größerer Teil der Produktion werde dem Konsumenten übertragen. Immer mehr ehemals bezahlte Arbeit, vor allem im Dienstleistungssektor (Banken, Einzelhandel, etc) wird in unbezahlte Eigenpro duktion umgewandelt. Anstelle von Bankangestellten zahlt ein Automat Geld von unseren Girokonten aus. Die nötigen Arbeitsschritte dazu, die Bedienung des Computers von der Identifizierung des wahren Kontobesitzers (Geheimzahl ein geben), bis hin zur Entnahme des Geldes aus dem Fach, erledigen wir unent geldlich. Im Supermarkt gibt es keinen Verkäufer, der uns die beste Ware aus dem Regalen heraussucht; wir haben uns inzwischen die Kompetenz ange eignet, die passenden Produkte selbst auszuwählen. Hier wurden bezahlte Arbeitsplätze abgeschafft und dem Verbraucher ein Teil der Arbeit „aufgebürdet“ - Der Verbraucher wird zum ‚Prosumenten ‘ (Konsument und Produzent). Er ist ohne Bezahlung in das Produktionssystem der Dienstleistungsgesellschaft einge bunden. 100 Im Gegensatz zur wirtschaftswissenschaftlichen Theorie der Indus
98 GIARINI, O., LIEDTKE, P.M., 1998, S. 143;
99 GIARINI, O., LIEDTKE, P.M., 1998, a.a.O.; 100GIARINI, O.,LIEDTKE, P.M., 1998, S. 151;
triegesellschaft, in der die Produktion von Gütern ausschließlich durch bezahlte Beschäftigung erfolgte, kommen in der Dienstleistungsgesellschaft die Eigenproduktion und nichtbezahlte Tätigkeiten notwendigerweise hinzu, 101 da die Bezahlung einzelner Tätigkeiten zunehmend ineffizienter werde. 102
4.2.1.2 Der Lebenszyklus
Die Autoren sehen einen Teil des Problems in unserer starren Gesellschaftsord nung. 103 Als Folge des höheren Lebensstandards und der Verbesserung von Gesundheitsdiensten und hygienischen Voraussetzungen habe sich die durch schnittliche Lebenserwartung seit 1960 in allen Ländern um siebzehn Jahre verlängert. Der Anteil der Menschen über dem 64. Lebensjahr steige in den nächsten Jahren in den Industrieländern von etwa 19% (1997) auf über 22% im Jahr 2005. 104 Die Gesellschaftsordnung sei dagegen immer noch so organisiert, als hätten wir die selbe Lebenserwartung wie im Jahr 1950: ein System von Aus bildung, Arbeit, Ruhestand als abgegrenzte Bereiche.
Da aber die moderne Dienstleistungsgesellschaft höhere Bildungsstandards er fordert und die längere Lebenszeit mehr Spielraum für ein Arbeitsleben lasse, sei dieses System überholt. Zudem entspreche es nicht den Wünschen des Einzel nen, der eine begleitende Weiterbildung während des Arbeitslebens vermisse und der häufig den Ruhestand als eine Art Schock erlebe. So sei es eine Reaktion auf die Mängel der „herkömmlichen Ordnung“, dass zum einen junge Menschen zugunsten einer längeren Bildungsphase erst spät in das Berufsleben einsteigen und zum anderen ältere Menschen früher in den Ruhestand eintreten. Auf diese Veränderungen müsse politisch reagiert werden. 105
4.2.2 Lösungsvorschläge: die neue Vollbeschäftigung
GIARINI und LIEDTKE betonen in ihrem Bericht an den Club Of Rome, dass sie keine neue Ideologie erfinden wollen. Sie nehmen lediglich vorhandene Tenden
101GIARINI, O.,LIEDTKE, P.M., 1998, S. 145;
102GIARINI, O.,LIEDTKE, P.M., 1998, S. 144; 103GIARINI, O.,LIEDTKE, P.M., 1998, S. 108; 104GIARINI, O.;LIEDTKE, P.M., 1998,. S. 100; 105vgl. GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 108110;
zen in der Gesellschaft wahr und versuchen sie zu neuen Handlungsvorschlägen für Politik und Gesellschaft zu verarbeiten. 106 Sie stellen fest, dass der Anteil an Erwerbsarbeit zurückgeht, jedoch die Zahl der produktiven Tätigkeiten insgesamt dagegen zugenommen hat. 107 Die Autoren möchten nicht die Regel arbeitszeit verkürzen, um das Erwerbslosenproblem in den Griff zu bekommen. Vielmehr könne eine Kombination aus Teilzeitarbeit und flexiblen Arbeitszeiten einen Weg in die Zukunft weisen. 108 Sie schlagen eine grundsätzlich neue Organisation unserer Gesellschaft vor, die sowohl den neuen Bedürfnissen der Wirtschaft (‚S pitzenqualifikation‘, lebenslanges Lernen), wie auch der Menschen (kein abrupter Ruhestand, Zeit für Ehrenamt oder Familienarbeit) entgegenkom me. Sie entwerfen ein Modell für einen ‚neuen Lebenszyklus‘ und kombinieren ihn mit einem ‚ Mehrschichtenmodell der Arbeit‘, welches zu einer neuen Art von Vollbeschäftigung führen soll. 109
4.2.2.1 Der neue Lebenszyklus
Die Autoren stellen ihre Vorstellung eines ‚neuen Lebenszyklusses‘ vor. Im Gegensatz zu unserem jetzigen System, dass in die klar voneinander abgetrenn ten Bereiche Bildung, Arbeit und Ruhestand geteilt ist, schlagen sie fließende Übergänge und lebenslange Weiterbildung vor. 110
Die Berufsausbildung solle auch im Studium durch eine Teilzeitarbeit ergänzt werden. Das gebe den StudentInnen und Auszubildenen zum einen praktische Erfahrungen in ihrem Beruf, zum anderen zum Teil finanzielle Sicherheiten. Eine so verbesserte Ausbildung sei auch für die gewachsenen Ansprüche des Arbeitsmarktes von Wichtigkeit. Zudem würde dadurch die Vernetzung von Aus bildungsstätte und Wirtschaft gefördert.
Die zweite Phase des Arbeitslebens solle Raum für persönliche Präferenzen lassen. Die Arbeitszeit soll flexibel, sowohl in Sachen Teilzeitarbeit, als auch über das Jahr verteilt, gestaltet werden können. Die Menschen könnten so die Arbeits 106GIARINI, O;LIEDTKE,P.M., ebd., a.a.O.; 107GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 211; 108GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 216; 109GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 236; 110GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 219221;
zeit ihren persönlichen Bedürfnissen anpassen.
„Erziehende Eltern, die mehr Zeit für ihre Familie haben wollen,
könnten sich für weniger Arbeitsstunden entscheiden, solange ihre Kinder noch klein sind, und die Stundenzahl erhöhen, sobald die Kinder größer werden und weniger stark auf sie angewiesen sind.“
Anstatt im Alter plötzlich von einer Vollzeitarbeit in den Ruhestand verabschie det zu werden, solle der Übergang durch Teilzeitarbeit je nach persönlichen Präferenzen und individuellem Leistungsniveau langsam abklingen. Zum einen würde dies - so die Autoren - die traditionelle Sozialversicherung entlasten, zum anderen würde der Arbeitgeber von der Erfahrung älterer Arbeitnehmer profi tieren, ohne dass diese aufgrund höherer Löhne nach vielen Dienstjahren zu teuer würden. 111
4.2.2.2 Mehrschichtenmodell
Aus den Veränderungen, die die Gesellschaft vollzieht entwickeln die Autoren ein ‚ Mehrschichtenmodell der Arbeit‘. Sie verknüpfen hier die drei Arten von Arbeit und Tätigkeit, die nach ihrer Überzeugung in der Dienstleistungsgesell schaft für die Schaffung von Wohlstand von Bedeutung sind: Erwerbsarbeit, Tä tigkeiten in Eigenleistung und gemeinnützige produktive Tätigkeit (Abbildung 1). GIARINI und LIEDTKE betonen hier nochmals, dass Tätigkeit der wichtigste Ausdruck der persönlichen Freiheit des Menschen sei. Jedem Menschen solle deshalb die Chance gegeben werden, „sich selbst zu produzieren“. 112 Auf die ein zelnen Schichten dieses Entwurfs möchte ich in den nächsten Absätzen einge hen.
111GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 223;
112GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 233234;
4.2.2.2.1 Erste Schicht: Staatlich garantierte Grundbeschäftigung
Nach dem Prinzip, Arbeit und nicht Arbeitslosigkeit zu finanzieren 113 , soll der Staat eingreifen um eine erste Schicht der Grundbeschäftigung anzubieten. Dies solle im Austausch für Staatliche Leistungen geschehen. 114 Diese Basiseinheit soll nach den Vorschlägen von GIARINI und LIEDTKE ca. dem Äquivalent von 20 Stunden pro Woche entsprechen und mit einem Mindestgehalt vergütet werden, „um absolute Armut zu vermeiden“. Sie könne aber nicht die persönlichen Wün sche des einzelnen berücksichtigen.
Dieses Modell biete gerade Jugendlichen, Frauen und älteren Menschen eine Möglichkeit der sozialen Integration. Jugendliche könnten eine praktische Tätig keit mit ihrer Ausbildung verbinden und damit ihre Bildung durch einen Theo riePraxisBezug aufwerten, erziehenden Eltern werde eine flexible Möglichkeit gegeben, Familienleben und Unterhaltssicherung zu kombinieren und ältere Menschen hätten die Chance einen gleitenden, sozial abgesicherten Ruhestand zu beginnen.
Alle öffentlichen Gelder, die bisher in Sozialhilfe, Arbeitslosengelder oder Ein kommensunterstützungen fließen, sollten nach Ansicht der Autoren die finanzi
113GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 239;
114GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 236;
elle Grundlage für diese erste Schicht der Arbeit bilden. 115 Die staatlich fi nanzierte Grundbeschäftigung bildet im Umkehrschluss somit die Voraussetzung für soziale Leistungen.
4.2.2.2.2 Zweite Schicht: Der freie Arbeitsmarkt
Die zweite Schicht der Arbeit soll ganz auf dem freien Markt der Erwerbsarbeit angesiedelt sein. So sehr die erste Schicht durch staatliche Eingriffe und Sub ventionen gesteuert wird, soll die zweite Schicht der ‚neuen Vollbeschäftigung‘ völlig davon ausgenommen sein. Hier regiert der freie Arbeitsmarkt. Hier sollen die Menschen auch die Arbeit nach ihren persönlichen Präferenzen und Qualifi kationen finden. Diese Erwerbsarbeit solle nach GIARINI und LIEDTKE der Arbeit in der ersten Schicht hinzugefügt werden, könne diese aber auch ganz ersetzen:
„Der einzelne kann frei entscheiden, ob und wieviel er auf dieser
Ebene arbeiten möchte. Das kann so wenig ausmachen wie eine zu sätzliche Stunde zur Basisschicht der Arbeit, zum Beispiel in der Form von bezahltem Privatunterricht, oder auch so viel wie 80 oder gar 100 Wochenstunden, in diesem Fall natürlich als Ersatz für die erste
Schicht, was der Arbeitslast von wirtschaftlich sehr aktiven Menschen entspräche.“
Jedes Geldeinkommen, was also über der absoluten Armutsgrenze liegen soll, sollen die Menschen in dieser Schicht Erwerbsarbeit verdienen können. Sie soll in Arbeitszeit und Einkommen flexibel und den Anforderungen der „betroffenen Menschen“ angepasst sein und somit das Modell der „herkömmlichen“ 40 StundenWoche mit tariflich festgelegten Löhnen und Gehältern ablösen. Die Autoren gehen davon aus, dass diese neu organisierte Form der Erwerbsarbeit immer mehr den Interessen der Erwerbstätigen entsprechen werde und die Pro duktivität aufgrund einer besseren Arbeitsmoral steige. 116
115vgl. GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 237241;
116vgl. GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 242244;
4.2.2.2.3 Dritte Schicht: produktive nichtmonetisierte Arbeit
Hierunter verstehen GIARINI und LIEDTKE alle Tätigkeiten, die zwar für die Gesellschaft, den einzelnen und die Wirtschaft von Bedeutung sind, jedoch nicht im herkömmlichen Sinn bezahlt werden. 117 Da es Grenzen für die Leistungsfähig keit der traditionellen Geldwirtschaft gebe, sind die Autoren der Überzeugung, dass nichtbezahlte Arbeit unbedingt in die Schaffung von Wohlstand mit einbe zogen werden müsse. Einerseits ist damit Arbeit gemeint, die zwar bezahlt werden könnte, bei der es aber aus verschiedenen Gründen nicht getan wird. Da zu zählt zum Beispiel die Kindererziehung, die entweder (im Sinne der industri ellen Geldwirtschaft) durch professionelle Betreuer gegen Entlohnung durchge führt werden kann. Sie könne aber genauso gut (und vielleicht sogar besser) von Eltern oder Verwandten übernommen werden und entzieht sich hier dem Sys tem der Geldwirtschaft. Ein vielleicht verbreiteteres Beispiel ist die Hausarbeit, die in der Regel von den Haushaltsmitgliedern geleistet wird. Die Möglichkeit, eine Haushaltshilfe anzustellen wird von den wenigsten in Anspruch genommen. Gemeinnützige, ehrenamtliche Arbeit gehört genauso dazu.
Auf der anderen Seite gehören zu dieser Rubrik die Tätigkeiten, die wir im Sinne von TOFFLER als ‚Prosumenten‘ übernehmen, also vor allem Selbstbedienung in Restaurants, Supermärkten oder Banken. 118
Diese dritte Schicht der Arbeit enthält also alle unbezahlten Tätigkeiten, die in Eigenleistung unbezahlt erfolgen, da sie entweder keinem Marktwert haben oder dieser sich nicht schätzen lasse. 119 Es geht ihnen darum, ehrenamtliche Tätigkeit, Familienarbeit aber auch Eigenarbeit im Sinne von Selbstbedienung in die Wohl standsrechnung zu integrieren.
4.2.3 Bewertung
Positiv zu bewerten ist, dass die Autoren dem Wunsch nach persönlicher Freiheit nachgehen. Ihr Entwurf zur Zukunft der Arbeit spricht nach meiner Auffassung
117GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 244;
118zit. n. GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 146152; 119GIARINI, O.;LIEDTKE, P. M., 1998, S. 245;
allerdings eine andere Sprache.
Sicher würde die Idee der Staatlich geförderten Arbeit zur Vollbeschäftigung führen. Jeder hätte die Chance, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen. Die erste Schicht der Arbeit - also „die Staatlich geförderte Mindestarbeit für alle“ scheint mir allerdings eher den Charakter von Zwangsarbeit zu haben. Der Staat solle Soziale Leistungen abschaffen, um die finanziellen Mittel zur Schaffung einer Mindestarbeit zu nutzen. GIARINI und LIEDTKE stehen dafür ein, das finanzielle Lebensminimum an der Armutsgrenze an diese Art der Arbeit zu koppeln. Dies würde für diejenigen, die keine Anstellung auf dem freien Arbeitsmarkt bekom men können, trotz Erwerbsarbeit ein Leben in der untersten sozialen Schicht be deuten. Zwar lasse sich der Lebensstandard über Eigenarbeit oder Eigenproduk tion relativ verbessern; ich sehe hier dennoch eine weitreichende Spaltung der Gesellschaft in arm und reich. Die Finanziellen Probleme der heute Erwerbslosen würden so sicher nicht ausgeglichen. Es erscheint mir zudem zweifelhaft, ob eine solche Form von Arbeit für den einzelnen Identitätsstiftend sein kann. Die freie Entscheidung, eine wirklich sinnvolle Arbeit zu finden entfällt in der „ersten Schicht“ des Entwurfs von GIARINI und LIEDTKE völlig. Die große Zahl der heu te Erwerbslosen würde sich in eine Staatliche Zwangsmaßnahme fügen oder den Bedingungen des Marktes anpassen müssen.
Es ist nicht absehbar, dass wirklich jeder die Chance hat, sein Einkommen durch Arbeit in der „zweiten Schicht“ aufzubessern, da der freie Arbeitsmarkt meines Erachtens nicht genug Potential für alle Menschen bietet.
Den Vorschlag, Nichtbezahlte Tätigkeiten, etwa im Haushalt, in der Kindererzie hung oder in einem Ehrenamt die nötige Anerkennung zu erweisen werte ich po sitiv. Allerdings beschreiben GIARINI/LIEDTKE nicht, wie diese Anerkennung aussehen soll. Sie in die Wohlstandsrechnung zu integrieren bedeutet für diejenigen, die diese Tätigkeiten ausführen ja keine Verbesserung der Lebensqualität oder des Ansehens solcher Tätigkeiten.
4.3 New Work - Frithjof BERGMANN
Der amerikanische Philosoph Frithjof BERGMANN bietet uns das Modell der ‚New Work' an. Ausgehend von der katastrophalen Arbeitsmarktsituation in Mi chigan, die in einer hohen Technisierung und Automatisierung in der USame rikanischen Automobilindustrie seine Wurzel zu haben scheint, entwickelte er mit Wissenschaftlern, Bevölkerung und Konzernen ein interessantes Konzept, 120 welches weltweiten Anklang, vor allem auch in Deutschland findet.
4.3.1 Problemanalyse
BERGMANN hat sich umfassend mit dem Begriff der Freiheit auseinander gesetzt. Er definiert mit Freiheit nicht die Wahl zu haben zwischen zwei oder mehr Alternativen, also zum Beispiel welches Auto man sich kauft oder welche politische Partei man wählt. Freiheit sei: „die Gelegenheit [zu] haben, etwas wirklich wichtiges zu tun“. Er fragt, wer in unserer Kultur tatsächlich die Möglichkeit habe, etwas von Bedeutung zu tun, und gibt die Antwort selbst: "Herzlich wenige". 121
Diesen Freiheitsbegriff überträgt BERGMANN auf die Arbeit 122 . Lohnarbeit ma che den Menschen unfrei und sei von Sklavenarbeit nicht sehr weit entfernt Der Kern der Erwerbsarbeit sei das „Sich Verkaufen“:
„Ich behandle mich wie ein Stück Ware. Ich stelle mich auf einen
Block wie ein Sklave und hoffe, daß irgendjemand mich kauft - für 40 Stunden in der Woche, für 5000 Mark im Monat. [...] Wenn das der Kern ist, muß ich mich - zumindest vom ersten Tag meiner Schulzeit an fragen, wie kann ich mich appetitlich machen?“ 123
Wenn dann jemand gekauft wurde, arbeitet er für andere. Er tut Dinge und verwendet darauf ungemein viel Zeit, Dinge, die nicht unbedingt seinen wahren Interessen entsprechen, also dem bergmannschen Kern der Freiheit. Gerade in 120BERGMANN, F., New Work das Konzept und seine Umsetzung in die Praxis, in: MÜHLHÄUSER INITIATIVE E.V., New Work Neue Arbeit Dokumentation, o.J.; 121BERGMANN, F., New Work das Konzept und seine Umsetzung in die Praxis, S. 72; 122BERGMANN, F., New Work das Konzept und seine Umsetzung in die Praxis, S. 73; 123KUNATH, H., Interview mit Frithjof Bergmann, 21.2.98, Verfügbar unter: http://www.nadir.org/nadir/initiativ/bs/texte/kassel1.htm, Stand: 26.4.03;
der Arbeit, also im Tätigsein müsse also dem Menschen die Möglichkeit gegeben werden, etwas wirklich (für einen persönlich) wichtiges zu tun, oder anders: In einer freien Welt muss jeder die Möglichkeit haben, etwas bedeutsames zu tun: "Freiheit ist doch nicht die Wahl zwischen 25 Sorten Zahnpasta! Freiheit ist die Möglichkeit, das zu tun, was man wirklich tun will. Wir haben verlernt zu träu men und sind abgestumpft in der Ödnis der Jobarbeit." 124
BERGMANN führt den Begriff des ‚JobSy stems‘ ein, also jenem System, dass uns Menschen so viel der Freiheit entzogen hat. 125 Er betont oft, dass diese Art zu arbeiten erst ca. 200 Jahre alt ist. Das JobSystem sei also nicht immer da ge wesen und komme jetzt an sein Ende. Dieses System kranke nicht nur an der steigenden Arbeitslosigkeit, sondern zum Beispiel auch daran, dass „die Leute,
124BERGMANN, F., zit. n.: GRÜNDLER, Elisabeth: Neue Arbeit Wer hätte nicht gern ein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit, Verfügbar unter:
http://www.news.jugendsozialarbeit.de/bis2000/171299neuearbeit.htm, Stand: 27.06.03;
125BERGMANN, F., Arbeitslosigkeit durch Automatisierung Neue Arbeitszeitmodelle, in: PRIDDAT, B., ArbeitsWelten - For um für Dimensionen und Perspektiven zukünftiger Arbeit, Band 1, Metropolis Verlag, Marburg, 1996, S. 143;
die noch Arbeiten, oft unter großem Druck arbeiten, zu viel arbeiten“. 126
Er vergleicht das ‚JobSystem‘ mit einem Zug, der auf einen Abgrund zurast. 127 Durch die fortschreitende Technisierung und Automatisierung von Arbeitspro zessen und den damit verbundenen Personalabbau werden immer mehr Men schen freigesetzt, arbeitslos gemacht, die doch eigentlich arbeiten wollen. Der Abstieg erheblicher Teile der Bevölkerung in die Erwerbslosigkeit führe in eine zunehmende Polarisierung von arm und reich. Es könnte nach seiner Ein schätzung zu vermehrten sozialen Verteilungskämpfen mit dem Mittel von Ter rorismus und Gewalt kommen. 128
Ein anderes Problem ist nach BERGMANN die immer höher werdende Qualifika tion, die für die wenigen Arbeitsplätze der Zukunft von Nöten ist. Bereits heute haben wir einen Arbeitskräftemangel in hochspezialisierten, qualifizierten Berei chen. BERGMANN geht davon aus, dass immer weniger Menschen den Ansprü chen des Arbeitsmarktes genügen können:
„Setzt sich nämlich die Entwicklung der Technologie und der Automa
tisierung mit unverminderter Geschwindigkeit fort, so werden die neuesten und anspruchsvollsten Arbeitsplätze aufgrund der Schnellig
keit der Fortschritte schlicht und einfach immer unterbesetzt bleiben.“ 129
Dies bedeute dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung im Qualifizierungswett bewerb nicht mithalten kann und somit „zu einem Leben mit Randständigkeiten, Aushilfs oder Teilzeitarbeiten verurteilt“ wird. 130 Diese These untermauert BERGMANN mit der Tatsache, dass in den Städten Amerikas ungefähr die Hälfte aller Oberschüler ihre Schulbildung ohne Abschluss abbrechen. 131 Wie können
126BERGMANN, F., New Work, in: BAYRISCHE HYPOVEREINSBANK AG,Kempfenhausener Gespräche II, Verfügbar unter:
http://www.gcn.de/Kempfenhausen/Zyklus2/downloads/bergmann.pdf, Stand: 23.06.03; 127BERGMANN, F., zit. n.: GRÜNDLER, Elisabeth: Neue Arbeit Wer hätte nicht gern ein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit;
128BERGMANN, F., New Work, in: BAYRISCHE HYPOVEREINSBANK AG,Kempfenhausener Gespräche II, Verfügbar unter:
http://www.gcn.de/Kempfenhausen/Zyklus2/downloads/bergmann.pdf, Stand: 23.06.03; 129BERGMANN, F., New Work das Konzept und seine Umsetzung in die Praxis, S. 7475; 130BERGMANN, F., a.a.O.; 131BERGMANN, F., a.a.O.;
diese Menschen noch Hoffnung auf eine ausreichend bezahlte Arbeit haben?
4.3.2 Lösungsvorschlag: New Work - Neue Arbeit
Das Ende des ‚JobSystems‘ ist nicht das Ende der Welt. BERGMANN verteufelt nicht die Gefahr der Arbeitslosigkeit durch Automatisierung, sondern sieht sie als Mittel zur Befreiung der Menschen. Er sucht hier Lösungsansätze, damit die Technik nicht zum Fluch sondern zum Segen für die Menschen wird.
Frithjof BERGMANN hat während seiner sehr praktischen Forschungstätigkeit ein neues Arbeits und Lebensmodell entwickelt. Er nennt es ‚New Work‘ zu deutsch: Neue Arbeit. Im ‚New Work‘M odell soll die reguläre Erwerbsarbeit auf ein Drittel gekürzt werden und durch ‚C alling‘Tä tigkeit („wirklich wirklich wollen“) und ‚High TechSelfProviding‘ ergän zt werden.
132NETZWERK NEUE ARBEIT, Was ist New Work?, Verfügbar unter:
http://www.newwork.net, 27.4.03;
Die Gründung von ‚Ze ntren für Neue Arbeit‘ soll im Gemeinwesen dazu bei tragen, Ideen zu entwickeln und diese selbst umzusetzen. 133 In den nächsten Ab schnitten möchte ich auf die einzelnen Bereiche näher eingehen.
4.3.2.1 Erwerbsarbeit
In BERGMANNS Vorschlag kommt Erwerbsarbeit als Teil der Unterhaltssi cherung vor. Für ihn bedeutet diese Form von Arbeit nicht Berufung oder Lebensinhalt, sondern stellt vielmehr eine Lebensnotwendigkeit dar, sie ist, wie es MAHLZAHN in einem Aufsatz beschreibt, „was sie traditionell ist: ein Mittel zum Zweck, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen“. Sie ist also der Kompro miss, dem BERGMANN eingeht zwischen der totalen Freiheit (das zu tun was einem wirklich wichtig ist) und der totalen Unfreiheit des ‚JobSystems‘. BERG MANN sieht es als Chance, dass diese Form der Arbeit nicht mehr im vollen Um fang zur Verfügung steht. Hier werden zeitliche Ressourcen frei, die für andere Dinge genutzt werden können. 134
4.3.2.2 High Tech Self Providing und Smart Consumption
Die zweite Säule der Versorgung in BERGMANNs Modell ist das ‚High Tech Self Providing‘. Dieser Begriff bezeichnet eine neue Art von Selbstversorgung. 135 Hier wird bewusst Wert auf High Tech, also höchstes technisches Know How gelegt. Nicht mühevolle, schwere Arbeit soll dem Menschen die Möglichkeit zur Selbst versorgung geben - nein: hoch entwickelte Technologie soll jeden befähigen „elegant und ohne große Anstrengung selber herzustellen“ was diese Möglichkei ten hergeben. 136 Er möchte eine Brücke schlagen zwischen dem Bauern der sich selbst versorgt und der HighTechWelt. 137
„Man müßte sich ein Warenhaus voller Werkzeuge und Computer
und allem was raffiniert, was modern ist, denken und inmitten einen 133vgl. NETZWERK NEUE ARBEIT, New Work - ein Zukunftsmodell, verfügbar unter: http://www.newwork.net/work1.html, 23.4.03; 134MAHLZAHN, Marion: Einfach anfangen; Verfügbar unter: http://home.snafu.de/mahlzahn/Autonomie/Anfangen.htm, 10.04.03; 135NETZWERK NEUE ARBEIT, Was ist High Tech Self Providing?; Verfügbar unter http://www.newwork.net/frm_washtsp.html?7, 23.05.03; 136KUNATH, H., Interview mit Frithjof Bergmann; 137BERGMANN, F. zit. n. MAHLZAHN, Marion: Einfach anfangen;
Menschen vorstellen, der mit all diesen Apparaten umzugehen ver steht, der all das benützt um mit dieser Vielfalt von Mitteln selbst das herzustellen, was er braucht.“ 138
Zugegeben diese Vorstellung klingt wie aus einem SciencefictionRoman, aber hier liegt auch die Stärke von Frithjof BERGMANNS Ideen: sie haben ein uto pisches - j a fantastisches Moment, zielen aber damit in die Zukunft - also in eine noch nicht erfundene Welt. Vielleicht sind sie aber auch gerade die Erfindung dieser Welt. BERGMANN überträgt diese Idee ganz pragmatisch in die Gegen wart, wenn er beispielsweise mit jungen Erwerbslosen in Vancouver unter Ein satz von modernsten Anbaumethoden Gemüse auf Häuserdächern und schad stoffverseuchten Hinterhöfen produziert 139 oder Obdachlosen in New York die Möglichkeit gibt durch die Nutzung von modernsten Fertigteilen aus Abfall und Füllmasse eigene Häuser im „LegoPrinzip“ 140 zu bauen. 141 Dabei geht also dar um, dass man in einem Teil der Versorgung unabhängig vom Markt wird und nicht mehr so wie heute voll auf Erwerbsarbeit angewiesen ist - mit BERG MANNS Worten „um weg zukommen von diesem SichSelber Verkaufen.“ 142 Dieser Teil der Eigenarbeit soll - so bequem und elegant wie möglich - den Verdienstausfall durch verkürzte Erwerbsarbeit ausgleichen. Ergänzt wird er durch ‚Smart Consumption‘ schlauen Konsum, um die Ausgaben zum Lebensun terhalt zu senken. 143
Auf der Website des Netzwerks Neue Arbeit 144 werden Erfindungen und Projekte zum High Tech Self Providing gesammelt. Unter anderem findet man dort eine sonnenlichtbetriebene Solarkühlbox, die in wärmeren Entwicklungsländern ohne
138BERGMANN, F., a.a.O.;
139NETZWERK NEUE ARBEIT, Bioblocks; Verfügbar unter: http://www.newwork.net/cgi bin/nwdbmsag.pl?db=projects&dbc=find
gHTML&dbt=form&iF=0&iA=0&sf=guid&sw=2002072618034121787469&guid=2002072 618034121787469&edit=&dbview=1;
140Der Dänische Spielzeughersteller LEGO gründete seinen Erfolg auf die Erfindung von zusammen steckbaren Spielzeugbausteinen, mit denen Kinder (und Erwachsene) alle möglichen Dinge bauen können. (vgl. http://www.lego.com/eng/info/values/vision.asp, Stand: 23.04.03);
141GRÜNDLER, Elisabeth: Neue Arbeit - Wer hätte nicht gern ein Mittel gegen die Arbeitslosigkeit?;
142KUNATH, H., Interview mit Frithjof Bergmann; 143NETZWERK NEUE ARBEIT, Was ist Neue Arbeit?, Verfügbar unter: http://www.newwork.net/download/press/was_ist_nw_lang.txt, 23.05.03; 144http://www.newwork.net
Stromverbrauch Speisen kühlen kann, oder die lizenzkostenlose freie OfficeSoft ware OpenOffice.org. 145 Die Datenbank ist zwar noch nicht besonders umfang reich, aber immerhin ein Anfang, der zur Vernetzung von Erfindern und Benutzern zur Verfügung steht.
4.3.2.3 ‚ Calling' : was Du wirklich, wirklich willst
Die dritte Säule ist die zentrale Botschaft in BERGMANNS Modell. Hier versucht er die Freiheit nach seiner Definition praktisch für jeden umsetzbar zu machen. Der Kern der Arbeit ist nach BERGMANN nicht, „daß ich für andere gern arbeite, sondern ich arbeite für mich. Ich tue etwas, an das ich glaube, oder tue etwas, das mir richtig erscheint oder das ich realisieren möchte.“ 146
Dies sei die Idee, das Wichtige an der ‚Neuen Arbeit‘. 147 Praktisch angefangen hat diese Idee in Flint, wo er der Belegschaft und dem Management von General Motors ein neues Arbeitsmodell vorstellte: Durch die anstehende Automa tisierung der Arbeitsprozesse bei General Motors bestand die Gefahr, dass ca. 50% der Belegschaft entlassen werden sollte. Sein Vorschlag war, dass alle Arbeiter ein halbes Jahr arbeiten und die andere Hälfte mit anderen Tätigkeiten ausfüllen, genauer gesagt mit dem, was sie eigentlich wollen, was für sie Bedeu tung hat . 148
BERGMANN geht davon aus, dass jeder Mensch eine Berufung hat. 149 Sie sei der Kern der Freiheit. 150 Diese verschüttete und durch die Erwerbsarbeit „verkrüppelte“ Berufung (‚calling‘) gelte es zu erforschen und umzusetzen. Er fragt die Menschen, was sie wirklich, wirklich wollen. Am Ende soll eine dritte
145Die Free Software Foundation und die Open Source - Bewegung aus denen u.a. diese Office Software hervorgeht, haben wiederum in den 80er Jahren ein ganz eigenes alternatives Produktions und Arbeitssystem entwickelt, welches selbst kommerziellen Unternehmen Konkurrenz macht: tausende Programmierer arbeiten weltweit in ihrer Freizeit durch das Internet vernetzt - an alternativen zu kommerziellen Computerprogrammen. Die Ergebnisse sind lizenzkostenfrei und dürfen von jedem benutzt, verändert und weitergegeben werden. (vgl. http://www.fsf.org, Stand: 23.05.03); 146KUNATH, H., Interview mit Frithjof Bergmann; 147KUNATH, H., Interview mit Frithjof Bergmann;
148BERGMANN, F., New Work das Konzept und seine Umsetzung in die Praxis, S. 76; 149BERGMANN, F., New Work das Konzept und seine Umsetzung in die Praxis, S. 76; 150KUNATH, H., Interview mit Frithjof Bergmann;
Säule an Einkommen stehen, die sich aus der ‚calling‘ Tätigkeit ergibt ‚pai d calling‘. 151
Es ging ihm von Anfang an darum, „es einem Menschen möglich zu machen, sich zu überlegen was er wirklich will“ und „zu erreichen, oder es irgendwie möglich zu machen, daß ihr oder ihm etwas dafür bezahlt werden kann.“ 152 Natürlich braucht es viel Zeit und Ruhe, und auch eine kreative Umgebung, um herauszu finden was man wirklich will. Dies könne zum Beispiel in den Zentren für Neue Arbeit geschehen. Es stellt sich nur die Frage nach der Finanzierung. In seiner vielleicht etwas provokanten Art antwortet BERGMANN darauf:
„[...] das Geld von den Leuten [den Unternehmern] nehmen - auf
ganz einfache Art und Weise, nämlich mit Gewalt oder mit Steuern, oder auf eine Art oder die andere. Es darf nicht zu einem Umfang an Beträgen kommen, die sich das Kapital jetzt aneignet ... die Differen
zen werden ja immer absurder und horrender. Die kann man nicht wieder dadurch ausgleichen, daß man sagt: ihr müßt Arbeiter bezah len. Die kann man nur wieder dadurch ausgleichen, daß man schlicht ihnen sagt: Schön, ihr verdient sehr gut und wir werden euch 80 - 90
Prozent davon wegsteuern und werden es dazu benutzen, Menschen zu erziehen, Menschen das Leben bequem zu machen, es Menschen möglich zu machen, andere Arbeit zu tun.“ 153
Den Unternehmern der HypoVereinsbank AG und anderen Firmen bei denen Entlassungen anstehen macht er freilich ganz andere Vorschläge: beispielsweise eine geschlossene Filiale zum ‚Zentrum für Neue Arbeit‘ zu machen. 154
Ein sehr konkreter Vorschlag zur Finanzierung der ‚Neuen Arbeit‘ ist der Wettbe werb um „New Work Stipendien“ für Erwerbslose: BERGMANN schlägt vor, Erwerbslose einzuladen sich an einem Wettbewerb um ein Stipendium zu betei
151BERGMANN, F., New Work, in: BAYRISCHE HYPOVEREINSBANK AG,Kempfenhausener Gespräche II; 152BERGMANN, F., 1996, S. 144; 153KUNATH, H., Interview mit Frithjof Bergmann;
154BERGMANN, F., New Work, in: BAYRISCHE HYPOVEREINSBANK AG,Kempfenhausener Gespräche II;
ligen. Dabei betont er, dass die Menschen ruhig auch mit einer Idee, einer „vagen, vorläufigen Möglichkeit“ eines Projektes bewerben sollten. In einem Zentrum für neue Arbeit könne geholfen werden, „diesem Küken von einem Ge danken aus der dicken Eierschale zu helfen“. 155
Eine andere Finanzierungsmöglichkeit fand er in einer Kirchgemeinde in Detroit. In einer Art NonProfit - Unternehmen werden Kleider genäht und Verkauft, Kosmetika verkauft und es wurde eine neue Art Batterie entwickelt, die umwelt freundlich und schnell aufladbar ist. Die Gewinne aus diesem Unternehmen werden in der Organisation für die Bezahlung des ‚ callings‘ benutzt. 156 Es gibt al so Finanzierungsmöglichkeiten, die jenseits von der Vision einer 80Prozentigen Besteuerung von Unternehmern, ‚ paid calling‘ schon jetzt möglich machen können.
4.3.3 Bewertung
Das Modell ‚New Work‘ hat eine utopische Komponente. Es scheint - im Gegen satz zu den anderen beiden Modellen, die ich in dieser Arbeit vorstelle, mehr einer Vision zu gleichen, als einem realistischen Lösungsvorschlag. Trotzdem sollte es nach meiner Überzeugung nicht einfach abgetan werden. Die Projekte, die Bergmann selbst angestoßen hat, befinden sich durchaus auf dem Boden der Realität. Das Modell bietet eher eine Perspektive, an der sich die Anhänger der ‚Neuen Arbeit‘ orientieren können. Es weist einen Weg in die Zukunft, die durch die Idee der ‚Neuen Arbeit‘ erfunden werden kann. Das Modell eröffnet einen Blickwinkel jenseits der Schranken des Marktes, der Politik oder Gesellschaft. Ich denke, dies ist auch der Grund, warum die ‚New Work‘ Idee eine gewisse Faszination ausstrahlt.
Mit der Verkürzung von Erwerbsarbeit auf ein Drittel reagiert Bergmann auf den Arbeitsplatzmangel. So könnte man Erwerbslosen durchaus wieder einen Platz in der Erwerbsarbeit bieten. Durch die kurze Zeit die mit Erwerbstätigkeit ver bracht wird, sind die Nachteiligen Wirkungen dieser Form der Arbeit zwar nicht
155BERGMANN, F, New Work Stipendien, Verfügbar unter:
http://www.werwigh.de/akd/seiten/arbeitbergmann.html, 23.05.03; 156BERGMANN, F., 1996, S. 152;
ausgeschaltet; Erwerbsarbeit nimmt aber einen geringeren Stellenwert im Leben ein und kann schon deshalb als „kleineres Übel“ betrachtet werden. Im Tausch dafür bietet das Modell mehr Zeit für ‚andere Arbeit‘.
In einer ‚CallingTä tigkeit‘ könnten Menschen das tun, was sie „wirklich wirklich wollen“. Sie hätten eine sinnvolle Arbeit, der sie selbstbestimmt nachgehen können. Diese Art der Arbeit kann das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen stärken und Identitätsstiftend wirken. Zentren für Neue Arbeit könnten als im Gemeinwesen verankerte Institutionen die SelbsthilfePotenziale der Bevölke rung aktivieren und zur sozialen Vernetzung beitragen.
Durch moderne Selbstversorgung (‚High Tech Self Providing‘) und schlauen Kon sum könnte der enge finanzielle Spielraum ausgeglichen werden. Geld würde als einzige Möglichkeit an Wohlstand zu gelangen eine geringere Rolle bekommen. Selbstversorgung ist direkte Selbsthilfe. Durch gemeinsame Arbeit oder Nutzung von vielleicht teuren Produktionsmitteln werden soziale Kontakte gefördert. Selbst hergestellte Produkte haben außerdem einen immateriellen Wert, der meines Erachtens nicht zu unterschätzen ist.
Bergmann skizziert sein Idealbild von neuen Arbeitsformen, die nicht nur Erwerbslosigkeit bekämpfen, sondern den Menschen auch Sinn und Freiheit bieten sollen. Die Ideen muten vielleicht naiv und weltfremd an; was ihnen allerdings Kraft verleiht ist, dass Bergmann im „hier und heute“ nach einer realisierbaren Umsetzung sucht. Er möchte weder die gesamte Gesellschaft so fort umkrempeln, noch den Kapitalismus abschaffen. Durch die Impulse und die unkonventionelle Sichtweise die er gibt, können Menschen allerdings aktiviert werden, neue Wege zu gehen und die Gesellschaft von innen zu verändern. Der Vorschlag bietet einen Ansatz, kreativ und unkonventionell mit Erwerbslosigkeit umzugehen, und nicht erst auf eine Lösung aus Politik und Wirtschaft zu warten.
5. Soziale Arbeit mit Erwerbslosen - W ie wollen wir leben?
In diesem Kapitel möchte ich einen Ausblick für die Soziale Arbeit mit Erwerbs losen entwickeln. Er orientiert sich an meinen Bewertungen der drei vorgestell ten Modelle. Was also kann die Soziale Arbeit mit den Erkenntnissen dieser Di plomarbeit anfangen?
Nach meiner Überzeugung soll Soziale Arbeit den Menschen zu einem selbst ständigen, freiheitlichen, selbstbestimmten Leben verhelfen. Ihr Ziel soll es sein, den einzelnen zu befähigen, sein Leben „selbst in die Hand zu nehmen“ und es ihm zu ermöglichen, eigene Lebensperspektiven zu entwickeln. In den nächsten Abschnitten werde ich meine Idee einer solchen Soziale Arbeit im Bezug auf Erwerbslosigkeit vorstellen.
Aus dieser Perspektive kann sich die Erwerbslosenarbeit nicht darauf beschrän ken, den gesellschaftlichen und persönlichen Schaden der durch Erwerbslosig keit entsteht zu behandeln, also etwa Beschäftigungsmaßnahmen für Erwerbs lose anzubieten. Aufgrund der Knappheit an Arbeitsplätzen im ersten Arbeits markt, darf die Soziale Arbeit nicht allein auf den Versuch fixiert sein, Erwerbs lose durch Training oder Weiterbildung in ein Normalarbeitsverhältnis zu in tegrieren. Eine solche Handlungsweise würde Erwerbslosen suggerieren, dass sie mit etwas Mühe eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt haben. Die Schuld an Erwerbslosigkeit wird damit individualisiert: Wer sich nicht „richtig“ bewerben kann, wer selbst nach der Trainingsmaßnahme keine Erwerbsarbeit findet - der wäre wohl immer noch zu unterqualifiziert, um auf dem Arbeitsmarkt eine Chance zu haben.
Eine freiheitlich ausgerichtete Soziale Arbeit kann nur ressourcenorientiert arbei ten. Praktisch stelle ich mir eine Mischung aus Workshop, Bildung, Netzwerk arbeit und politischem Engagement vor.
5.1 Bildungsarbeit und Workshops
Ein wichtiger Bestandteil meiner Vorstellung von Sozialer Arbeit mit Erwerbs
losen ist die Bildungsarbeit. Hier besteht die Möglichkeit, politische und gesell schaftliche Tendenzen zu diskutieren und eine eigene Meinung zu bilden. Es geht um eine kritische Auseinandersetzung mit politischen Maßnahmen etwa oder den wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Gegebenheiten. Für einen krea tiven Umgang mit Erwerbslosigkeit ist das Wissen um die gesellschaftliche Lage zentral, da es die Perspektive weg vom Individuum auf die Gesellschaft lenkt.
Ressourcenorientierte Workshops mit Erwerbslosen könnten Perspektiven eröff nen, die jenseits von gesellschaftlichen Normen, Staat oder Marktwirtschaft stehen. Die Frage von BERGMANN „Was wollt ihr wirklich, wirklich?“ scheint mir wichtig, um über die vorgeblichen Grenzen unserer Gesellschaft hinwegse hen zu können. In solchen Workshops könnten Erwerbslose einzeln oder ge meinsam ganz neue Ideen und Lebensentwürfe entwickeln und den Versuch un ternehmen, sie in die Tat umzusetzen. Im Rahmen dieser Bildungs und Work shopangebote können auch neue - auf die Ideen der Workshopteilnehmer zuge schnittene - Angebote entwickelt werden, etwa Computerkurse, Workshops zu rechtlichen Fragen der Selbständigkeit, etc. je nach Bedarf der Teilnehmer. Wahrscheinlich könnten dazu auch die Ressourcen aus der Gruppe genutzt werden, beispielsweise wenn ein erwerbsloser Jurist einen Vortrag zum Sozi alrecht anbietet. Dies würde das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit der Teilnehmer stützen.
5.2 Politische Arbeit und Vernetzung
Soziale Arbeit sollte die Erwerbslosen aktivieren und dabei unterstützen, sich für ihre Belange selbst einzusetzen. Dazu gehört auch die Unterstützung bei der Pla nung und Durchführung von politischen Aktionen - beispielsweise Demonstra tionen oder Unterschriftensammlungen. Nach meiner Überzeugung sollten Sozi alarbeiterInnen nicht „Einzelkämpfer für ihre Schützlinge“ sein, sondern eher ein wohlwollende Ratgeber, die Tipps und Tricks vermitteln und den Prozess der Entwicklung von Ideen begleiten. Die Vernetzung und Solidarisierung mit anderen Erwerbslosengruppen und gesellschaftlichen Institutionen ist von großer Bedeutung, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die
Ressourcen des Gemeinwesens zu nutzen. Zusätzlich kann sich eine sozialarbeiterische Lobby für die Belange der Erwerbslosen stark machen.
Für eine freiheitlich und selbstbestimmt orientierte Soziale Arbeit können diese Vorschläge praktische Ansätze sein. Die Fragestellung „Wie werden wir arbeiten?“ sollte vielmehr durch die Frage „Wie wollen wir arbeiten?“ oder besser „Wie wollen wir leben?“ ersetzt werden.
6. Fazit
Wie wollen oder wie werden wir arbeiten? Die drei Modelle, die ich in dieser Arbeit vorgestellt habe, bieten jeweils grundverschiedene Ansätze, wie Arbeit in einer nachindustriellen Gesellschaft organisiert werden kann. Ihnen allen ist ge mein, dass sie - au sgehend von der These, dass Erwerbsarbeit nicht mehr für alle in dem Maße der Vollbeschäftigung zur Verfügung steht ein neues Verständnis von Arbeit und eine neue Beziehung zur Erwerbsarbeit fordern. Das Arbeitsver ständnis der Industriegesellschaft - so die einhellige Meinung - hat heute ausge dient. An ihre Stelle muss etwas anderes treten. Arbeit und Erwerbsarbeit haben in unserer Gesellschaft und im Leben der einzelnen Menschen einen zentralen Stellenwert. Die Frage danach, wie die Zukunft der Arbeit aussehen soll, ist da her eng damit verknüpft, wie wir in Zukunft leben werden.
Allein BERGMANN fragt dabei die Menschen, was sie eigentlich wollen. Dies scheint mir ein Weg zu sein, der den Betroffenen selbst die Möglichkeit gibt, zu entscheiden, wie sie in Zukunft arbeiten und leben wollen. Der bergmannsche Ansatz gibt den Menschen die Entscheidung über ihr Leben in die Hand. Die So ziale Arbeit könnte sich hier Anregungen finden , um eine freiheitliche, auf die Bedürfnisse der Menschen selbst gerichtete Erwerbslosenarbeit zu entwerfen. Meine im letzten Kapitel vorgestellte Idee einer Sozialen Arbeit mit Erwerbslosenarbeit stellt einen Ansatz dar, der in diese Richtung geht. Wenn Erwerbslose und Erwerbstätige sich nicht selbst für die Gestaltung ihrer Zukunft einsetzen, werden andere darüber entscheiden, wie ihr Leben aussehen wird. Die Soziale Arbeit könnte die nötigen Kompetenzen dafür vermitteln und
Unterstützung bieten. Sie könnte dabei helfen, alternative Strukturen jenseits der Erwerbsarbeitsgesellschaft aufzubauen. Tauschringe, Selbsthilfeinitiativen oder Freiräume zur Erprobung neuer Lebensweisen wären konkrete Ansätze dafür.
Ich plädiere für eine Soziale Arbeit, die sich aktiv für die Bedürfnisse der betrof fenen Menschen einsetzt und die Menschen aktiviert, sich selbst dafür einzu setzen. Die Zukunft (nicht nur der Arbeit) kann von uns mitgestaltet werden. „Eine andere Welt ist möglich.“ 157
157„Eine andere Welt ist möglich“ ist der Slogan der Bewegung Attac, die sich weltweit für Alternativen zur neoliberalen Globalisierung einsetzt. (vgl. ATTAC, Attac wer wir sind und was wir wollen, Verfügbar unter: http://www.attac.de/material/selbst.php, 18.07.03;
7. Literatur und Quellenverzeichnis
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Michael Ebert, 2003, Die Zukunft der Arbeit - Wie werden bzw. wie wollen wir arbeiten?, München, GRIN Verlag GmbH
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