Inhaltsverzeichnis
A Integration als Zankapfel im gesellschaftlichen Diskurs und in der Politik 3
B Theoretische Grundlagen und Definition der Begriffe 4
1. Die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“ 4
2. Der soziologische Begriff der Integration 5
C Möglichkeiten und Gefahren bei der Aufnahme von Fremden 7
1. Chancen 7
2. Gefahren 9
D Integration im modernen Nationalstaat 12
1. Ausgrenzung von Fremden in der Moderne 12
2. Geteilte Werte als Basis des Zusammenhalts? 13
- Die Frage nach der Leitkultur
E Die integrative Rolle der Europäischen Union. 16
1. Wahrung der Werte trotz Flüchtlingsstrom? 16
2. Anerkennung Europas als Einwanderungskontinent. 18
F Literaturverzeichnis i
A Integration als Zankapfel im gesellschaftlichen Diskurs und in der Politik
„Wenn ein deutsch-türkischer Comedian auf die Bühne gehen kann, ohne zu thematisieren,
Das Thema rund um erfolgreiche bzw. gescheiterte Integration in der BRD ist nicht erst seit den fragwürdigen Thesen Thilo Sarrazins in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ sowohl im politischen als auch im gesellschaftlichen Feld äußerst umstritten. Die Forderung, es solle ‚ohne Tabus‘ darüber gesprochen werden dürfen, sehen viele als Einladung an, recht unreflektiert ihre Meinung auszusprechen. Wenn Bundeskanzlerin Merkel sagt: „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!“ 1 oder auf der anderen Seite Bundespräsident Christian Wulff konstatiert, dass der Islam „inzwischen auch zu Deutschland“ 2 gehöre, fällt eine objektive Einordnung zunehmend schwer. Am heftigsten diskutiert wird dabei über die Integration von Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Was genau bezweckt der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit seiner Forderung, dass „Kinder aus türkischen Familien, die in Deutschland leben, […] zunächst ihre Muttersprache lernen [sollten] und dann Deutsch“? 3 Diese Arbeit soll dazu dienen, aufzuzeigen, mit welchen theoretischen Ansätzen sich die Soziologie mit dem Thema der Integration insbesondere in Bezug auf Migranten und ethnische Minderheiten auseinandergesetzt hat und dies weiterhin tut. Mit dem Verweis auf klassische Vertreter der Soziologie sollen die modernen wissenschaftlichen Integrationsdebatten erläutert werden. Dabei ist prioritär, dass zunächst die wichtigsten Begrifflichkeiten definiert werden. Es sollen zudem sowohl Chancen als auch mögliche Probleme bei der Aufnahme von Fremden in eine bestehende funktional differenzierte Gesellschaft aufgezeigt werden. Zum Schluss wird dabei vor allem auf den modernen
1 Spiegel Online (2010): Integrationsdebatte - „Multikulti ist eine erfolgreiche Realität“. Artikel vom 17.10.2010. Online verfügbar unter: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723589,00.html
(zuletzt geprüft am 31.03.2011).
2 Zitiert nach: Der Tagesspiegel (2010): Rede zur Einheitsfeier. Wulff: Islam gehört zu Deutschland. Artikel vom 03.10.2010. Online verfügbar unter: http://www.tagesspiegel.de/politik/wulff-islam-gehoert-zu-
deutschland/1948760.html (zuletzt geprüft am 31.03.2011).
3 Zitiert nach: Die Tageszeitung (2011): Erdogans Äußerungen zur Integration. Interesse am „Doppelpass Light“. Artikel vom 01.03.2011. Online verfügbar unter: http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/interesse-
am-doppelpass-light/ (zuletzt geprüft am 31.03.2011).
3
Nationalstaat (wie z.B. die Bundesrepublik Deutschland) und auf die Rolle der Europäischen Union als ein Primärziel aktueller Migrationsbewegungen eingegangen.
B Theoretische Grundlagen und Definition der Begriffe
1. Die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“
Obwohl schon seit Jahrzehnten wissenschaftliche Debatten über Integration geführt werden, ist keine einheitliche Definition auszumachen. Zu erwähnen ist zunächst die Auseinandersetzung mit „dem Fremden“ an sich, den Simmel als den „der heute kommt und morgen bleibt“ 4 bezeichnet. Bedeutend ist vor allem Simmels Erkenntnis, dass uns der Fremde zu einem bestimmten Grad nah sein muss, um ihn überhaupt wahrnehmen zu können; er ist also „Element der Gruppe selbst“. 5 Für ihn ist der Fremde zu einem bestimmten Grad objektiv und besitzt eine gewisse Freiheit, da er in sich „Ferne und Nähe, Gleichgültigkeit und Engagiertheit“ 6 vereint. Insofern kann uns der Fremde auf bestimmten Ebenen nah sein, insofern wir Gleichheiten „sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns“ 7 ausmachen können. Wenn dies wiederum nicht der Fall ist, bleibt uns der Fremde fern. Als Glied der Gruppe selbst ist er „zugleich nah und fern“ 8 , wobei aber gerade das Nicht-Gemeinsame betont wird. Deswegen werden Fremde „eigentlich nicht als Individuen, sondern als die Fremden eines bestimmten Typus überhaupt empfunden“ 9 , was relativ einleuchtend ist, da auch heute Individuen häufig undifferenziert „den Türken“ oder „den Russen“ zugeordnet werden. Von Simmel ausgehend werden schon sowohl Chancen als auch Probleme erkennbar, die der Fremde für eine bestimmte bestehende Gesellschaft bedeuten kann. Angefangen bei den Möglichkeiten neuer ökonomischer und sozialer Beziehungen, bis hin zur Entstehung von Parallelgesellschaften bzw. Stigmatisierung oder gar Verfolgung der Fremden zur Wahrung der eigenen Tradition, sind viele Fälle denkbar bzw. in der sozialen Realität auszumachen.
4 Simmel, Georg (1908): Exkurs über den Fremden. In: Merz-Benz, Peter-Ulrich und Wagner, Gerhard (2002): Der Fremde als sozialer Typus. Konstanz. UTB. S. 47-53, hier: S.47
5 Ebd. S. 47
6 Ebd. S. 49
7 Ebd. S. 51
8 Ebd. S. 53
9 Ebd.
4
Möchte ein Fremder, der sich einer Gruppe nähert, von dieser dauerhaft akzeptiert oder zumindest geduldet werden, muss er sich zwangsläufig „integrieren“. Wie kann nun, theoretisch, gelingende Integration vor sich gehen?
2. Der soziologische Begriff der Integration
Schon Robert E. Park weist darauf hin, dass „Integration nur durch Sozialisation möglich [ist], also durch Übernahme der vorgefundenen kulturellen Muster“. 10 Voraussetzung sind also Selbstverständlichkeiten im Umgang mit den Ansässigen bzw. ihrer Werte und Kultur, die nur durch einen „kontinuierlichen [Lern- und Definitions-] Prozess“ 11 herausgebildet werden können. Dabei durchlebt der Fremde Schütz zufolge zunächst eine „Krisis“, da er sein bestehendes Kultur- und Zivilisationsmuster, das sogenannte „Denken-wie-üblich“ nicht mehr anwenden kann. Allerdings kann er bestenfalls die Gegenwart und die Zukunft der Gruppe, welcher er sich nähert, teilen - von den Erfahrungen ihrer Vergangenheit bleibt er ausgeschlossen. 12 Schütz bezeichnet ihn als „Mensch ohne Geschichte“. 13 Ihm fehlt noch das Orientierungsschema, um sich in der Aufnahmegesellschaft zu Recht zu finden und muss sich das nötige Wissen dazu erst selbst aneignen. Schütz verweist hier übrigens schon auf die Bedeutung der Sprache als erste Voraussetzung für Integration, die nicht nur passiv verstanden, sondern aktiv beherrscht werden sollte, um in der neuen Umgebung überhaupt an weiterführenden Kommunikationsprozessen teilhaben zu können. 14
Diese Angleichung des Neuankömmlings an die „in-group“ 15 ist ein kontinuierlicher Prozess, der idealerweise damit endet, dass „der Fremde kein Fremder mehr [ist].“ 16
Ausgehend von diesen Überlegungen soll die moderne Definition Essers als Grundlage der Integrationsproblematik in dieser Arbeit dienen, wobei diese von einer Integration der
10 Nach: Merz-Benz, Peter-Ulrich und Wagner, Gerhard (2002): Der Fremde als sozialer Typus. Zur Rekonstruktion eines soziologischen Diskurses. In: Merz-Benz, Peter-Ulrich und Wagner, Gerhard (2002): S. 9-
37, hier: S. 26
11 Ebd. S. 33
12 Vgl. Schütz, Alfred: Der Fremde. Ein sozialpsychologischer Versuch. In: Merz-Benz, Peter-Ulrich und Wagner, Gerhard (2002): S. 73-92
13 Ebd. S. 80.
14 Vgl. Ebd. S. 82 ff
15 Vgl. Ebd. S. 91
16 Ebd. S. 92
5
modernen, komplexen, funktional differenzierten, demokratisch verfassten, offenen Gesellschaften ausgeht.
Für Esser „bedeutet [Integration] allgemein die Existenz von systematischen Beziehungen von Teilen zueinander und in Abgrenzung zu einer Umgebung, woraus diese Beziehungen auch immer bestehen.“ 17
Dabei sind allerdings zwei Perspektiven zu unterscheiden:
a) Die Sozialintegration, welche sich wiederum in zwei Unterarten gliedern lässt, nämlich in die individuelle (Inklusion einzelner Akteure in gesellschaftliche Bereiche und Institutionen sowie die daraus resultierenden Folgen für Sprache, Bildung, Einkommen, etc..) sowie in die kategoriale Sozialintegration, die Individuen mit ähnlichen Eigenschaften der Inklusion zu Kategorien der sozialen Ungleichheit zusammenfasst. 18
b) Die Systemintegration bezieht sich dagegen auf den Zusammenhalt ganzer sozialer Systeme, speziell auf „[…] abgegrenzte Gesellschaften“ 19 , wie wir sie in dieser Arbeit untersuchen möchten. Dabei spielt vor allem die funktionale Differenzierung der Unterteilung der Gesellschaft in „arbeitsteilig verbundene, unterschiedliche funktionale Sphären“ 20 wie bspw. Wirtschaft, Politik und Religion eine Rolle, ebenso wie die plurale Differenzierung als „ein Nebeneinander von im Grunde selbstständigen Einheiten von abgegrenzten Bevölkerungsteilen mit jeweils eigener institutioneller und funktionaler Vollständigkeit“ 21 , wobei es sich hierbei um ethnische Gruppen handeln kann (= „ethnische Differenzierung“). 22 Jedes der Teilsysteme verfolgt dabei das Ziel, seine Bedeutung im Gesamtzusammenhang zu optimieren. Folglich kann es zu Konflikten innerhalb und damit zur latenten „Spaltung der jeweiligen Gesellschaften“ 23 kommen.
17 Esser, Hartmut (2009): Wertekonsens und die Integration offener Gesellschaften. In: Deutsche Islam Konferenz (2009): Drei Jahre Deutsche Islam Konferenz (DIK). 2006-2009. Muslime in Deutschland - deutsche
Muslime. Berlin. Deutsche Islam Konferenz / Bundesministerium des Innern. S. 82-105, hier: S. 84
18 Vgl. Ebd.
19 Ebd. S. 90
20 Ebd. S. 91
21 Ebd.
22 Vgl. Ebd
23 Ebd.
6
Arbeit zitieren:
Sebastian Kuschel, 2011, Der Begriff der Integration aus soziologischer Perspektive, München, GRIN Verlag GmbH
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