beiseite, er suchte sich nicht außerhalb ihres Gebietes und Geltungsbereiches - im religiösen Gefühlsleben, nahe dem Pietismus oder dem dichterisch kreativen Schaffen, wie eben der Sturm und Drang, - ein eigenes, neues Tätigkeitsfeld, sondern griff den Gegner da an, wo er Wirklichkeit war, wo er zu Hause war, in der Philosophie, auf dem Schlachtfeld des Verstandes. Er drang in das Machtgefüge, das Stellungssystem des Rationalismus selbst ein; er kämpfte auf dem Boden des Gegners mit dessen Waffen und hierin gelang ihm als einzigem gegenüber der Aufklärung, was eigentlich der Sinn eines jeden Messens, eines jeden Kampfes ist: keinesfalls die Selbstbehauptung, sondern die Überwindung des Gegners. Auf ihrem Boden, mit ihren Waffen gelang ihm ihre wahrhafte Widerlegung.
Der Anlass der Revolution des Denkens war nach Kant selbst die erkenntnistheoretische Deutung des Kausalitätsproblems des englischen Philosoph David Hume. Diese wird kurz erläutert. Jeder Mensch hält es für selbstverständlich, dass jede Veränderung eine Ursache haben müsse, dass Veränderung also Wirkung einer Ursache sei. Ursache und Wirkung, Grund und Folge, diese Kausalität denken wir immer zusammen. Eben diese Selbstverständlichkeit des Kausalitätsverhältnisses ist für einen Erkenntnistheoretiker, für den, der nach den Grundlagen, Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Erkenntnis forscht, das Problem. Denn er will wissen, welche Herkunft die beiden Begriffe Ursache und Wirkung haben, mit welcher Rechtfertigung und in welchem Umfang wir sie gebrauchen dürfen. Jene Frage ist transzendental. Dieses Wort ist Kants eigene Charakterisierung seiner Philosophie. Folglich übersteigt also die Fragestellung des Erkenntnistheoretikers die Erfahrung, das Empirische, und zwar insofern sie sich auf sie richtet. Es bildet sich also ein Gegenbegriffspaar: transzendental und empirisch. Jene transzendentale Fragestellung übersteigt die Empirie in Bezug darauf nicht, als das sie sich von ihr abwendet, sich flüchtet in das Gebiet des Übersinnlichen, Transzendenten, von dem es nach Kant keine präzise, konkrete und schließlich verlässliche Erkenntnis gibt. Kants Denken bleibt auf die Erfahrung bezogen. Ein weiterer Gegenbegriff zu dem Transzendentalen ist daher das Transzendente, jenes, über die menschliche Erkenntnispotenzialität hinausgehende, das Grenzen überschreitende: das Jenseits. Kant schwebt in seiner Transzendentalphilosophie zwischen Diesseits und Jenseits, denn er glaubt nur so zu erkennen, welche Relevanz die menschliche Erkenntnis hat. Hume leitete den Kausalbegriff, welcher grundlegend für unser Erkennen, besonders das der Natur ist, ab aus einer sich wiederholenden Abfolge dessen, was passiert, was vorgeht und einer daraus resultierenden Gewohnheit, also bloß subjektiven Notwendigkeit, Vorstellungen zu verbinden. Mit anderen Worten: der Kausalbegriff stammt nach Hume von innen, aus der so titulierten Psyche - der so titulierten, weil die Psyche schon Produkt, ein Zusammenkommen von außen und innen, eine Synthesis von Objekt und Subjekt ist. Der Mensch beobachtet lediglich eine Abfolge in der Natur, er nimmt dieses oft wahr und bildet sich - präziser: bildet sich ihm - eine bestimmte Art der connexion von
einem und einem anderen heraus. Durch eine Gewöhnung an diese Art der connexion glaubt er letztlich, dass diese eine notwendige, die einzige, die einzig notwendige sei. Diesen Gewöhnungsprozess nennt Kant subjektive Notwendigkeit. Für Hume ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung ein psychologisch erklärbarer Weg des Betrachtens der Dinge, von dem wir jedoch niemals sagen können, ob ihm in den Dingen selbst etwas entspricht. Dies endet im Skeptizismus. Kant könnte es sich leicht machen, indem er auch der objektiven Notwendigkeit des Kausalitätsverhältnisses Gültigkeit widerfahren lassen hätte, beispielsweise in Bezug darauf, dass keine Veränderung bekannt war, die nicht ihre Ursache hatte, folglich nach menschlichem Ermessen, also alles nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung sich ereigne und folgendermaßen eine gedankliche Verknüpfung der Begriffe zur Gewohnheit wurde. Die psychologisch subjektive Erklärung würde durch den Beweis aus der Erfahrung, durch objektiv empirische Erklärung, ergänzt werden. Kant lässt diese naiv realistisch empirische Erklärung nicht zu. Er arbeitet heraus, dass Menschen als vernünftig denkende Wesen in Beziehung auf jegliche wirkliche und mögliche Gegenstände zwanghaft im Zusammenhang von Ursache und Wirkung denken, dass dieser Zusammenhang eine Form ist, welche der menschliche Verstand beim Erkennen mitbringt, eine reine, weil nicht sinnliche, von der Erfahrung unabhängige Form des Verstandes. Weil diese ausschließlich im Menschen liegt, nennt er sie subjektiv. In ihr liegt jedoch auch eine spezielle Objektivität, nicht, weil alles in der Welt dafür spricht, dass diese die richtige Form sei, sondern, weil alle Menschen zu aller Zeit in Bezug auf alle möglichen Gegenstände diese Form anwenden müssen.
Solche Denkformen gibt es mehrfach. Diese komponiert Kant zu einer Tafel von Urteilen, von Urformen, in die sich das Wirkliche teile und somit theoretisch beherrsche und entwickelt aus der Tafel der Urteile die Tafel der Kategorien, reiner Verstandesbegriffe. Jene sind nicht aus der Erfahrung erklärbar, sie gehen als angeborenes Eigentum des Geistes aller Erfahrung, nicht zeitlich, sondern dem Wesen nach, voraus. Diese sind a priori: von vorneherein - gegensätzlich zu dem, was später aus Erfahrungen hinzukommt, also a posteriori - im Nachhinein - ist und gibt ihnen, weil der Geist sie nicht von außen, passiv aufnimmt, sondern von innen her aktiv auf die Sinneswelt anwendet, Spontanität. In der Lehre der Spontanität der reinen Verstandesbegriffe legt Kant die eine Quelle jeder möglichen menschlichen Erkenntnis frei. Bei der Untersuchung der anderen, der sinnlichen Voraussetzung des Erkennens, ergab sich eine schier undenkbare Wendung nach innen. Kant stellt heraus, dass auch unsere Vorstellung von Raum und Zeit nicht aus der Erfahrung entnommen, sondern Formen, welche wir um Erfahrung überhaupt machen zu können, voraussetzen müssen. Raum und Zeit sind reine Formen der Sinnlichkeit, Raum der äußeren, Zeit der inneren Anschauung.
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Aus dieser Kraft, den apriorischen Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes, der Anschauung und des Begriffs, ziehen wir die - selbstverständlich nur menschliche, jedoch für alle Menschen verbindliche - Welt. Hierin liegt das Revolutionäre, denn: man nahm an, dass sich alle Erkenntnisse nach den Gegenständen richten müssen, jedoch ist es unmöglich a priori etwas durch Begriffe zu erschließen, was unsere Erkenntnis erweitert. Es muss also heißen: alle Gegenstände müssen sich nach der Erkenntnis richten. Die Kantische Transzendentalphilosophie bedeutet zu Recht eine kopernikanische Wende im Denken. Denn welch eine Aussicht ermöglicht eine Lehre, in der die Wahrheit nicht außerhalb des Bewusstseins in einer an sich seienden Wirklichkeit der Sinne bzw. des Geistes, vielmehr der Form nach im Bewusstsein liegt, der Inhalt jedoch erst von uns in der Auseinandersetzung mit dem so titulierten Wirklichen entsteht. Das hieße, der Verstand erfindet seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, bringt sie in die Natur ein, diktiert sie der Natur. Dies kommt einem Idealismus nahe, der aussagen würde, dass das Umgehen, das Denken über, das Philosophieren über die Natur eine kreativ schaffende Produktion sei, der Sturm und Drang nahen Karnevalisierung von Mensch und Gott - der vollendende Mensch.
Kant machte auch das höchste Wesen, den begriffsgegenständlich gedachten Gott, was die Aufklärung von dem göttlichen Wesen und Heiligen bevölkerten Himmel noch übrig ließ, um die Harmonie von Körper und Seele, Denken und Sein, um die Zweckmäßigkeit in der Welt zu erklären, zu einem unstimmigen Gott, denn war nicht dieser Gott nur noch Gott der Toten, der entfernt werden musste, um alles Lebendige in der Welt von seinem sinnlosen Druck zu lösen?
Freiheit von der materiellen Gebundenheit, Freiheit von der gegenständlich gegebenen Natur, Freiheit von einem gegenständlich gedachten Gott, dadurch Freiheit zu schaffenden gestaltendem Handeln in der Welt aus dem Inneren heraus, dies scheint Beginn und Abschluss Kants Lehre. Sucht man dieses in seinem Werk, man wird leider nicht fündig. Es werden zwar ähnliche Ansichten erarbeitet, jedoch nur, um als trügerische Hoffnung, als Blendwerk einer unverbindlichen Einbildungskraft entzaubert zu werden. Wenn und Aber, Bedenken und Einschränkung. Es herrscht Verzicht, Resignation. Es führt zu einer tragischen Färbung. Es stellt sich die Frage, ob seine Aufgabe nicht eine rein kritische war? Steht nicht automatisch, besonders bei Betrachtung der Erörterung der bis dahin gemachten unzulänglichen erkenntnistheoretischen Versuche, das Ablehnende im Vordergrund? Betrachtet er nicht selbst seine drei Hauptwerke, die drei Kritiken, nur als kritische Fundamente, als Vorbereitung auf den positiv produktiven Bau? Wollte er selbst Bauherr sein und scheiterte nur am Alter? Das Gesamtwerk Kant gibt darüber keine klare Auskunft.
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Arbeit zitieren:
Jacques Lantin, 2011, Die Kopernikanische Wende - Immanuel Kant, München, GRIN Verlag GmbH
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